{"id":199473,"date":"2025-06-18T07:47:10","date_gmt":"2025-06-18T07:47:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/199473\/"},"modified":"2025-06-18T07:47:10","modified_gmt":"2025-06-18T07:47:10","slug":"rezension-morgan-talty-sein-name-ist-donner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/199473\/","title":{"rendered":"Rezension: Morgan Talty &#8211; &#8222;Sein Name ist Donner&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Morgan Taltys Blick auf das Penobscot-Reservat nahe der Grenze zu Kanada hat das Zeug zur sozialen Dystopie. Auf zwei Zeitebenen erz\u00e4hlt sein Protagonist David von seinem Leben als Jugendlicher und als junger Mann. David zieht \u2013 so wie der Autor Morgan Talty \u2013 als Kind gemeinsam mit seiner Mutter ins Reservat, ohne seinen spiels\u00fcchtigen Vater und seine \u00e4ltere Schwester.<\/p>\n<p>Der Umzug steht unter keinem guten Stern. Unter dem Stelzenhaus, das David mit seiner Mutter bezieht, findet er ein Schraubglas, in dem sich Haare, Z\u00e4hne und Mais befinden. Offenbar will jemand den Neuank\u00f6mmlingen im Insel-Reservat auf dem Penobscot-River mittels eines alten Fluchs der Goog\u2019ook-Geister indigener Spiritualit\u00e4t Schaden zuf\u00fcgen.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Ich gab mir zwar M\u00fche, keine Angst zu haben, aber ich hatte doch welche, und als ich Mom davon erz\u00e4hlte, sagte die, die ganze Insel sei verhext, dass unser Volk sie \u00fcber Jahre, Jahre und Jahre als Friedhof benutzt habe, dass sie noch sp\u00e4tabends Goog\u2019ooks an die W\u00e4nde klopfen h\u00f6rte. Sie meinte, ich solle mich nicht f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>              Vom \u201eHalbtagsmedizinmann zum Ganztagstrinker&#8220;<\/p>\n<p>Auch als der Medizinmann Frick das Haus mit Kr\u00e4utern ausr\u00e4uchert und an der Seite der Mutter die Rolle als Mann im Haus einnimmt, schwelt die bedrohliche Atmosph\u00e4re weiterhin \u00fcber der Szenerie \u2013 vor allem als Frick vom \u201eHalbtagsmedizinmann zum Ganztagstrinker\u201c wird, wie David lakonisch bemerkt.<\/p>\n<p>Im Reservats-Alltag sind Drogen- und Tablettensucht, Alkoholismus und psychische Erkrankungen allgegenw\u00e4rtig. Auch Davids Mutter k\u00e4mpft mit Abh\u00e4ngigkeiten und depressiven Sch\u00fcben, sie hat wie die meisten Bewohner kein geregeltes Berufsleben. Bereits im Alter von 14 Jahren dreht sich Davids Leben um Zigaretten und Bier, um Unterhaltsstreitigkeiten mit dem Vater, um seine demente Gro\u00dfmutter und seine psychisch erkrankte Schwester.<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen Orientierung und Perspektiven f\u00fcr das eigene Leben zu entwickeln, scheint f\u00fcr den jugendlichen Ich-Erz\u00e4hler kaum m\u00f6glich. Auch die kulturelle Verwurzelung im Penobscot-Stamm, dessen Anh\u00e4nger sich selbst als Skeejins bezeichnen, ist f\u00fcr David und seine Freunde Tyson und \u201eJP\u201c nur einen Witz wert.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\"> \u201aSchaut euch das an, Skeejins.\u2018 JP deutete auf sein Sandwich. \u201aDas hier ist ein echtes indianisches Sandwich. Da h\u00e4tten wir gutes dickes Wei\u00dfbrot, eine d\u00fcnne Schicht Mayo, einen Klecks Ketchup, ein bisschen geriebenen Cheddar und drei Scheiben Fleischwurst.\u2018 Er biss ab. \u201aUnd warum wird es dadurch indianisch?\u2018, sagte ich. JP sah von mir zu seinem Sandwich. \u201aWeil ich es esse, darum. Stell keine Idiotenfragen, David.\u2018 Tyson und ich lachten.<\/p>\n<p>David erz\u00e4hlt stets in n\u00fcchternem, zuweilen spr\u00f6dem Ton, so als schaue er sich selbst als Au\u00dfenstehender zu. Die Unbek\u00fcmmertheit \u00fcber seinen chronischen Geldmangel und seine suchtkranke Familie oder sp\u00e4ter \u00fcber den Verlust von Job, Freundin und gemeinsamer Wohnung wirkt wie eine Schutzreaktion auf seine Lebenswirklichkeit. Als David und sein Freund Tyson bei einem Ausflug in die Stadt au\u00dferhalb des Reservats als \u201everdammte Roth\u00e4ute\u201c beschimpft werden, setzen sich die Jugendlichen mit Steinw\u00fcrfen zur Wehr.<\/p>\n<p>Der Zwischenfall wird zum Fanal eines Lebens am Rande einer Gesellschaft, in der Wei\u00dfe und Indigene sich mit Skepsis oder offener Ablehnung begegnen. <\/p>\n<p>              Lachen als eine Eruption des Lebenswillens<\/p>\n<p>David erlebt die Wirklichkeit als eine Abfolge von Szenen und Begebenheiten, die es zu bew\u00e4ltigen gilt. F\u00fcr ihn gibt es immer nur das Jetzt. Trotz aller Schwere, die auf seinem Leben im Reservat lastet, scheint manchmal dennoch ein Hoffnungsschimmer auf. Etwa, wenn seine demente Gro\u00dfmutter ihn g\u00fctig l\u00e4chelnd als \u201eden, der nichts aus sich macht\u201c bezeichnet. Im Gespr\u00e4ch mit einer Pflegerin versp\u00fcrt David seine tiefe Zuneigung.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Sie sagte blo\u00df, dass meine Gro\u00dfmutter heute schon viel gelacht habe, und als ich das h\u00f6rte, empfand ich etwas, was ich schon lange nicht mehr so empfunden hatte. Es war vielleicht nicht Gl\u00fcck, aber was, das dem sehr nahekam.<\/p>\n<p>Das Lachen wirkt bei Morgan Talty wie eine Eruption des Lebenswillens in einem Alltag, in dem doch sehr wenig Platz bleibt f\u00fcr Hoffnung. Erst als junger Mann ohne Aufgabe, ohne Halt und ohne Ziel jenseits der Selbstbet\u00e4ubung, entwickelt David langsam ein Bewusstsein daf\u00fcr, dass im Leben auch z\u00e4hlt, woher man kommt und wohin man gehen will. Zuweilen scheint in diesem Entwicklungsprozess sogar ein geradezu vers\u00f6hnlicher Blick auf das omnipr\u00e4sente Elend durch, der Wille, es mit den Lebensumst\u00e4nden indigener Amerikaner aufzunehmen, mit Diskriminierung, Identit\u00e4tsverlust und sozialpsychologischer Misere.<\/p>\n<p>              <strong>Kein Selbstmitleid, zuweilen aber feine Ironie<\/strong><\/p>\n<p>Als Davids Mutter zum zw\u00f6lften Mal in drei Monaten in eine Notfallklinik eingewiesen wird, schaut ihr Sohn erstmals genauer hin.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">In den wei\u00dfen Klamotten sieht sie indigener aus, indianischer (das Wort indianisch hasst sie). Aber nichts l\u00e4sst sie noch jung wirken. Sie ist indigen, und sie hat ein Trauma. Ich vielleicht auch \u2013 ich bin n\u00e4mlich derjenige, der alles hautnah mitbekommen hat \u2013 , aber sie denkt, sie sei schlimmer betroffen. Das sagt sie zwar nicht so, aber sie denkt es. Kann sein, dass sie recht hat. Vielleicht sind \u00e4ltere Indigene einfach st\u00e4rker traumatisiert als j\u00fcngere.<\/p>\n<p>Erst im titelgebenden Kapitel \u201eSein Name ist Donner\u201c ganz am Ende des Buches wird deutlich, inwiefern die Traumatisierung dieser Familie nicht allein mit ihrer ethnischen Herkunft zusammenh\u00e4ngt. In Morgan Taltys Roman, der im amerikanischen Original als Sammlung von Short Storys erschien, verdichten sich die achronologisch erz\u00e4hlten Episoden erst St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zu einer koh\u00e4renten Geschichte. Sie erz\u00e4hlt ohne Urteil und ohne Selbstmitleid, zuweilen aber mit feiner Ironie von den emotionalen und sozialen Abgr\u00fcnden im Leben der native americans, von den Folgen der Ausl\u00f6schung von Kulturen und Traditionen, vom Wechselspiel zwischen Diskriminierung und Selbstaufgabe.<\/p>\n<p>Morgan Talty selbst beweist mit seiner mehrfach preisgekr\u00f6nten Prosa, dass zuweilen auch die Literatur einen Ausweg aus diesem Kreislauf bieten kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Morgan Taltys Blick auf das Penobscot-Reservat nahe der Grenze zu Kanada hat das Zeug zur sozialen Dystopie. 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