{"id":202897,"date":"2025-06-19T15:11:10","date_gmt":"2025-06-19T15:11:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/202897\/"},"modified":"2025-06-19T15:11:10","modified_gmt":"2025-06-19T15:11:10","slug":"kehrt-der-staat-zurueck-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/202897\/","title":{"rendered":"Kehrt der Staat zur\u00fcck? \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Der private Wasserversorger Thames Water ist seit Jahren in wachsenden Schwierigkeiten, vor allem wegen eklatanter Misswirtschaft. Die Lage spitzt sich derzeit zu, eine Verstaatlichung wird immer wahrscheinlicher \u2013 und sie k\u00f6nnte gar nicht so teuer werden. <\/p>\n<p>Gro\u00dfbritanniens gr\u00f6\u00dfter Wasserbetrieb, Thames Water, wankt auf den Abgrund zu. Anteilseigner und Gl\u00e4ubiger ringen fiebrig um einen Rettungsplan, nachdem sich der Private-Equity-Fonds <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/kkr?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" infrastruktur=\"\" in=\"\" gro=\"\" kehrt=\"\" der=\"\" staat=\"\" zur=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">KKR<\/a> letzte Woche vom Kauf des Unternehmens zur\u00fcckgezogen hat. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Thames Water verstaatlicht werden k\u00f6nne \u2013 tempor\u00e4r oder dauerhaft \u2013, w\u00e4chst t\u00e4glich.\u00a0<\/p>\n<p>Die Privatfirma, die in London und umliegenden Gebieten rund 16 Millionen Menschen mit Wasser versorgt und die Kl\u00e4ranlagen betreibt, k\u00e4mpft seit vielen Jahren mit wachsenden Problemen. Im Kern geht es um eklatante Misswirtschaft auf Kosten der Kunden und der Umwelt.\u00a0<\/p>\n<p>Folgen der Privatisierung<\/p>\n<p>Ein R\u00fcckblick: Das englische Wassersystem wurde 1989 privatisiert, und die einzelnen Firmen erhielten Monopole in bestimmten Gebieten. In den folgenden Jahrzehnten luden sie sich Milliarden Pfund an Schulden auf, zahlten dicke Dividenden \u2013 aber vernachl\u00e4ssigten die Infrastruktur. Thames Water ist ein besonders eklatanter Fall. Unter der Eigent\u00fcmerschaft des australischen Anlagefonds Macquarie von 2006 bis 2017 zahlte das Unternehmen 2,8 Mrd. Pfund an Dividenden aus, so eine \u201e<a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/guardian?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" infrastruktur=\"\" in=\"\" gro=\"\" kehrt=\"\" der=\"\" staat=\"\" zur=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Guardian<\/a>\u201c-Analyse. <\/p>\n<p>Die Schulden verdreifachten sich in dieser Zeit auf 10,8 Mrd. Pfund. In die Aufrechterhaltung der Infrastruktur wurde aber viel zu wenig Geld gesteckt \u2013 mit absehbaren Folgen: Die Leitungen wurden l\u00f6chrig, sodass immer mehr Wasser versickerte, und wegen mangelnder Investitionen in Kl\u00e4ranlagen pumpte das Unternehmen immer mehr Dreckwasser in Fl\u00fcsse und Seen. Als Sarah Bentley 2020 den Vorsitz von Thames Water \u00fcbernahm, sagte sie, das Unternehmen sei \u201edurch eine Kombination aus schlechten Managemententscheidungen, aggressiver Kostensenkung und Jahrzehnten der Unterinvestition ausgeh\u00f6hlt worden\u201c. <\/p>\n<p>Seither rutschte Thames Water immer tiefer in die Bredouille. Wegen der steigenden Zinss\u00e4tze sind die Schulden in den vergangenen drei Jahren zunehmend untragbar geworden. Derzeit bel\u00e4uft sich der Schuldenberg auf fast 20 Mrd. Pfund. Unterdessen pumpt das Unternehmen weiterhin tonnenweise Abwasser in die Natur. Ende Mai wurde es von der Regulierungsbeh\u00f6rde Ofwat zu einer Rekordbu\u00dfe von fast 123 Mio. Pfund verdonnert, der Gro\u00dfteil wegen Umweltverschmutzung. Mehrere Dutzend weitere Ermittlungen gegen Thames Water sind am Laufen. Ungeachtet solcher Verst\u00f6\u00dfe verlangt Thames Water mehr Geld von seinen Kunden: Im April setzte das Unternehmen den Wasserpreis um 31 Prozent herauf.\u00a0<\/p>\n<p>Unterdessen versucht das Unternehmen, das n\u00f6tige Kleingeld aufzutreiben, um die Insolvenz abzuwenden. Zuletzt hoffte man auf KKR: Zwei Monate lang nahm der US-amerikanische Investmentfonds das Unternehmen unter die Lupe, die Eigent\u00fcmer erwarteten, dass er Thames Water kaufen werde. Aber letzte Woche sagte KKR: No thanks. Der Fonds f\u00fcrchtet sich offenbar vor politischer Einmischung, zudem sei die Situation zu komplex, wie die \u201e<a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/financial-times?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" infrastruktur=\"\" in=\"\" gro=\"\" kehrt=\"\" der=\"\" staat=\"\" zur=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Financial Times<\/a>\u201c berichtet. So sind die derzeitigen Gl\u00e4ubiger in die Bresche gesprungen. Sie haben am Dienstag eine Finanzspritze von f\u00fcnf Mrd. Pfund sowie einen gr\u00f6\u00dferen Schuldenschnitt vorgeschlagen. Im Gegenzug haben sie aber eine eher dreiste Forderung gestellt: Thames Water m\u00fcsse vor strafrechtlicher Verfolgung wegen Umweltverschmutzung immun sein. Ein Industrie-Insider sagte gegen\u00fcber dem \u201eGuardian\u201c, es sei nicht weniger als ein \u201eErpresserbrief\u201c.<\/p>\n<p>Staat als Insolvenzverwalter<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit, dass Thames Water kollabiert und notfallm\u00e4\u00dfig verstaatlicht werden muss, wird laut Analysten immer wahrscheinlicher. Der Fachbegriff lautet Special Administration Regime. Es ist eine Art Insolvenzverwaltung, bei der der Staat vorerst die Kontrolle \u00fcber den Betrieb des Unternehmens \u00fcbernimmt; Thames Water k\u00f6nnte neu strukturiert und an einen neuen Eigner verkauft werden \u2013 oder das Unternehmen k\u00f6nnte dauerhaft in staatliche H\u00e4nde genommen werden. Dagegen str\u00e4ubt sich die Regierung jedoch. \u201eEine Verstaatlichung ist nicht die Antwort\u201c, sagte Umweltminister Steve Reed letzte Woche. <\/p>\n<p>Der Regierung geht es vor allem um die Kosten. Sie sagt, es w\u00fcrde ann\u00e4hernd 100 Mrd. Pfund kosten, wenn alle zehn englischen Wasserbetriebe wieder verstaatlicht w\u00fcrden. Die Zahl stammt jedoch aus einer Kalkulation, die von vielen Fachleuten angezweifelt wird. Dieter Helm, Professor an der <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/universitaet-oxford?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" infrastruktur=\"\" in=\"\" gro=\"\" kehrt=\"\" der=\"\" staat=\"\" zur=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Universit\u00e4t Oxford<\/a> und f\u00fchrender Experte f\u00fcr die \u00d6konomie der Infrastruktur, bezeichnet die Analyse als \u201e\u00f6konomischen Analphabetismus\u201c. Auch die Ratingagentur Moody\u2019s geht von deutlich weniger aus, sie sch\u00e4tzt die Kosten auf 14,5 Mrd. Pfund. <\/p>\n<p>Vergangene Woche publizierte der Thinktank Common Wealth eine Studie, die von noch geringeren Kosten ausgeht: mehr oder weniger gar nichts. Die Regierung m\u00fcsse den tats\u00e4chlichen Wert der Unternehmen kalkulieren, schreibt Ewan McGaughey, Rechtsprofessor am King\u2019s College London, der die Studie verfasste. Das hei\u00dft zum Beispiel, dass die bereits bezahlten Renditen f\u00fcr die Aktion\u00e4re vom Marktwert abgezogen werden m\u00fcssen; auch m\u00fcssen die \u00fcber die Jahre verursachten Umweltsch\u00e4den miteinberechnet werden. Weder die Aktion\u00e4re noch die Gl\u00e4ubiger m\u00fcssen vom Staat kompensiert werden, so McGaughey. Entsprechend k\u00f6nnte die Regierung ein Unternehmen wie Thames Water praktisch gratis \u00fcbernehmen.\u00a0Eine Verstaatlichung des gesamten englischen Wassersystems w\u00fcrde bei der Bev\u00f6lkerung auf \u00fcberw\u00e4ltigende Zustimmung sto\u00dfen. Laut einer Umfrage im vergangenen Sommer w\u00fcrden 82 Prozent der Bev\u00f6lkerung eine staatliche Wasserversorgung begr\u00fc\u00dfen.\u00a0<\/p>\n<p>    Lesen Sie mehr zu diesen Themen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der private Wasserversorger Thames Water ist seit Jahren in wachsenden Schwierigkeiten, vor allem wegen eklatanter Misswirtschaft. 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