{"id":207068,"date":"2025-06-21T05:46:15","date_gmt":"2025-06-21T05:46:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/207068\/"},"modified":"2025-06-21T05:46:15","modified_gmt":"2025-06-21T05:46:15","slug":"besser-koennen-sie-in-einem-vereinsheim-kaum-essen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/207068\/","title":{"rendered":"Besser k\u00f6nnen Sie in einem Vereinsheim kaum essen"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Eigentlich will ich nicht schreiben, sondern laut schreien: Nichts wie hin! Alles stehen und liegen lassen! Sofort! Am besten aufs Rad schwingen und auf zu Bollenpiepe im tiefsten Pankow! Diese alte Vereinsgastst\u00e4tte inmitten einer Kleingartenkolonie ist der Geheimtipp schlechthin.<\/p>\n<p>Ach Quatsch, was schreib ich da. Das reicht nicht. Es ist der Ort, der mir den Glauben an eine sehr deutsche Institution zur\u00fcckgibt: an das Vereinslokal \u2013 als sozialer Schmelztiegel, aber auch als Genussort. Nie h\u00e4tte ich gedacht, dass man als Foodie hier im kulinarischen Himmel schweben kann.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Dabei liegt es so nah. Denn viele Vereinsgastst\u00e4tten sind im Gr\u00fcnen. Diese hier in der Laupenpieperkolonie \u201eEinigkeit\u201c in Rosenthal, die 14.000 Quadratmeter z\u00e4hlt. Viel Platz, um Bohnenkraut, Schmorgurken und Lauchzwiebeln anzubauen\u00a0\u2013 berlinerisch Bollenpiepen \u2013, woher sich der Name des Restaurants ableitet.<\/p>\n<p>Braune Bockwurst-Tristesse<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Eigentlich m\u00fcsste man denken, die Kleing\u00e4rtner in solchen Kolonien wissen, was gute Qualit\u00e4t und gesundes Essen sei, weil sie es selbst anbauen. Stattdessen herrscht in solchen Vereinslokalen \u00fcberwiegend eine braune Bockwurst-Tristesse.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Ich habe mal recherchiert: Berlin ist laut Bundesverband der Kleingartenvereine Deutschlands mit rund 66.000 G\u00e4rten die Kleingartenhochburg schlechthin. Entsprechend gro\u00df d\u00fcrfte auch die Zahl der Vereinslokale sein, die neben dem Klassiker Bockwurst noch strammen Max und einen Eintopf zwischen ihren von Jahrzehnten rauchverf\u00e4rbten, get\u00e4felten W\u00e4nden anbieten.<\/p>\n<p><img alt=\"Zur Gastst\u00e4tte Bollenpiepe: Hierhin f\u00e4hrt man am besten mit dem Rad.\" loading=\"lazy\" width=\"3543\" height=\"4724\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/46c17347-b827-4cd4-ac0b-e2bb7d63a004.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Zur Gastst\u00e4tte Bollenpiepe: Hierhin f\u00e4hrt man am besten mit dem Rad.Anne Sch\u00f6nharting\/Ostkreutz<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Bollenpiepe, vor einem Jahr er\u00f6ffnet, hat dieses Image \u00fcberpinselt: Alles, was braun war, ist jetzt wei\u00df gestrichen. Das Lokal wurde mit einem gem\u00fctlichen Bollerofen, etwas Stoff und Holz an den W\u00e4nden komplett umgekrempelt. Nach Gelsenkirchener Barock sehen maximal noch die gedrechselten Vereinstische und St\u00fchle aus, aber auch sie bekamen einen neuen, t\u00fcrkisen Kunstlederbezug.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Noch mehr aufger\u00e4umt wurde auf der Speisekarte: Bis auf ein paar Fleisch-Extras konfrontiert diese Vereinsgastst\u00e4tte ihre G\u00e4ste mit veganen Tellern wie einem Bete-Salat mit Reis, Apfel und Meerrettich, einem Risotto mit frischen Erbsen und Serviettenkn\u00f6del mit Waldpilzen. Das Erstaunliche? Die G\u00e4ste, die sonst vielleicht ihr Recht auf Currywurst einfordern w\u00fcrden, scheinen sehr gl\u00fccklich damit. Zumindest sehen sie bei meinem Besuch so aus. Auch ist das Vereinslokal selbst an einem regnerischen Sp\u00e4tnachmittag unter der Woche gut besucht, obwohl es wirklich weit weg ist von der n\u00e4chsten Wohngegend.<\/p>\n<p><img alt=\"Infobox image\" loading=\"lazy\" width=\"172\" height=\"188\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;max-width:100%;height:auto\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/1750484774_209_7f27fbf4-ef1c-4c10-8044-7689871b2d49.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Stephanie Steinkopf<\/p>\n<p>Unsere Kritikerin<\/p>\n<p>Gro\u00df geworden ist Tina H\u00fcttl in Bayern und mit den perfekten Dampfnudeln ihrer Oma. Essen ist schon immer ihr Lebensthema gewesen. Die Familie diskutierte beim Fr\u00fchst\u00fcck bereits das Mittagessen. Seit 2010 erkundet sie als Gastrokritikerin f\u00fcr ihre Kolumne in der Berliner Zeitung das kulinarische Berlin, seit 2018 ist sie Mitglied in der Jury \u201eBerliner Meisterk\u00f6che\u201c. Neben ihrer Gastrokritik ist sie auch als Autorin, Radioreporterin, Podcasterin und Trainerin an Journalistenschulen aktiv.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Qualit\u00e4t spricht sich eben rum. Im Bollenpiepe kocht nicht irgendeiner. Betreiber und K\u00fcchenchef ist Marcus K\u00fcmmel, ein Mann, den eine Vision umtrieb: Noch vor ein paar Jahren leitete K\u00fcmmel gemeinsam mit Niklas Mirinioui die K\u00fcche im veganen Fine-Dining- Restaurant Kopps in Mitte, wo ich \u00f6fter essen war. Dort perfektionierte K\u00fcmmel verschiedenste Prozesse, um aus Gem\u00fcse die unglaublichsten Aromen und Texturen rauszuholen, wie ich best\u00e4tigen kann. Aus \u00fcber 50 verschiedenen Gem\u00fcsesorten erwuchsen v\u00f6llig neue Geschmackserlebnisse.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Marcus K\u00fcmmel wollte aber nicht nur f\u00fcr eine Minderheit kochen, die sich Fine Dining leisten kann. Er lebt mit Familie und zwei Kindern in Pankow, vor \u00fcber einem Jahr entdeckte er diese verlassene Vereinsgastst\u00e4tte in der Siedlergemeinschaft und bewarb sich als P\u00e4chter. Seine Vision, im Nirgendwo ein vern\u00fcnftiges, gem\u00fcsebasiertes Restaurant aufzumachen, das sich jedermann leisten kann, hat er mit dem Bollenpiepe verwirklicht.<\/p>\n<p><img alt=\"\u00dcppig belegt: In der Gastst\u00e4tte wird ein hausgemachtes Focaccia mit Aioli serviert.\" loading=\"lazy\" width=\"4724\" height=\"3149\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/921c740f-491a-44ab-a758-c5eecefb0bf0.jpeg\"\/><\/p>\n<p>\u00dcppig belegt: In der Gastst\u00e4tte wird ein hausgemachtes Focaccia mit Aioli serviert.Anne Sch\u00f6nharting\/Ostkreutz<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Vorspeisen kosten um die acht Euro, Hauptgerichte zwischen 12 und 16 Euro. Damit die Preise zivil bleiben, hat der K\u00fcchenchef den Arbeitsaufwand pro Gericht reduziert. K\u00fcmmel gleicht es mit Wissen, Technik und guter Vorbereitung aus. Wer sich ein bisschen auskennt, wei\u00df: Vegan kochen ohne wie hier auf Seitan, Tofu, Beyond Meat und \u00e4hnliche Ersatzprodukte zur\u00fcckzugreifen, ist extrem arbeitsintensiv. Der tiefe Umamigeschmack bei Gem\u00fcse wird h\u00e4ufig erst durch Aufspaltung der Proteine mittels Fermentieren und anderen Zerlegungsprozessen herausgekitzelt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Auch hier gibt es stets etwas Eingelegtes am Teller. Die meisten essen Knoblauchbrot, es scheint das Signature: Hausgemachtes Foccaccia und Aioli als Basis, die mit Wildkr\u00e4utern und Sprossen, s\u00fc\u00df-sauer gebeizten roten Zwiebeln und Tomaten wie ein Gem\u00e4lde dekoriert ist.<\/p>\n<p>Die Gartenqualit\u00e4t schmecken<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Auch bei meiner Vorspeise, zarten Mai-R\u00fcbchen, ist es die harmonische F\u00fclle aus verschiedensten knackigen Saaten, frischen Kr\u00e4utern und eingelegtem Gem\u00fcse, die \u00fcberzeugt. Die erdig-bitteren, gut gesalzenen Mai-R\u00fcbchen sind kurz blanchiert, geviertelt und noch knackig. <\/p>\n<p>In ihrer Mitte liegt geschredderter Salat mit poppender Senfsaat, hinzu kommen marinierte Zwiebelschnitzen, Radieschen und golden best\u00e4ubte Sonnenblumenkerne. Darunter verbirgt sich jedoch eine zweite, s\u00fc\u00dflichere Geschmacksebene aus gebr\u00f6seltem Pumpernickel und einem cremigen Frischk\u00e4se, zum dem sich Akzente eines Aprikosenmuses mischen. Was f\u00fcr ein Prachtgericht!<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">In der Hocherntephase k\u00e4me manchmal kistenweise Gem\u00fcse an, erz\u00e4hlte Marcus K\u00fcmmel einem Fernsehteam, dem das Bollenpiepe einen Beitrag wert war. Er tausche es dann gegen fertiges Essen. Ich meine, diese Gartenqualit\u00e4t ist zu schmecken.<\/p>\n<p><img alt=\"Heute im Angebot: Gelegentlich wechseln die Gerichte.\" loading=\"lazy\" width=\"3543\" height=\"4724\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/fbd11801-8de0-40f6-acc9-15fe972fce36.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Heute im Angebot: Gelegentlich wechseln die Gerichte.Anne Sch\u00f6nharting\/Ostkreutz<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Nicht weniger begeistert bin ich vom gr\u00fcnen Erbsen-Risotto, das auf einem hellblauen Teller serviert wird. Hier kommt kein pampiges oder zu festes Reisgericht, in dem sich ein paar Erbsen finden. Es verh\u00e4lt sich andersrum: Die gestampften, s\u00e4migen Erbsen \u00fcbernehmen geschmacklich die Hauptrolle. Darin mischen sich etwas nussiger Reis und karamellierte Karotten; Zuckerschoten, Minze und Kr\u00e4uter \u00fcbernehmen ein erfrischendes Finish obenauf. Einfach l\u00f6ffeln und ohne Angst genie\u00dfen, weil es im Gegensatz zu Fine Dining genug davon am Teller gibt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Trotzdem steckt hinter jeder einzelnen Zutat ein Gedanke, und Marcus K\u00fcmmel nutzt verschiedenste Zubereitungstechniken. Deutlich ist das auch bei der Roten Bete zu schmecken. Die ist im Ganzen gebacken und lauwarm geviertelt, einmal mit Kartoffelstampf pr\u00e4sentiert und einmal mit zwei knusprig frittierten Kartoffelriegeln. Dazu gesellen sich eine leichte Meerrettichso\u00dfe mit Dill\u00f6l sowie Birnenschnitzen, Wildkr\u00e4uter und gehobelter Kren.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Wer unbedingt ein St\u00fcck konfierten Zander, eine Boulette, H\u00e4hnchenschnitzel oder auch eine geschmorte Lammkeule dazu will, kann diese extra bestellen. Diese Konzession hat Marcus K\u00fcmmel an die Laubenpieper gemacht, die anfangs skeptisch waren. Ich garantiere jedoch: Es fehlt rein gar nichts.<\/p>\n<p><strong>Vorspeisen<\/strong> 7,50-8,50 Euro, Hauptspeisen 12,50-16,50 Euro, Fleischbeilagen 8,50-13 Euro, Eis und Dessert 2,50-8,50 Euro<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\"><strong>Restaurant Bollenpiepe.<\/strong> Kr\u00e4uterplatz 3, 13158 Berlin, Mi-Do 17.30-21 Uhr, Fr bis 22 Uhr, Sa 12-14.30 Uhr und 15.30-22 Uhr, So bis 20 Uhr, Tel.: 030 88928183, <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/stil-individualitaet\/mailto:info@bollenpiepe.de\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">info@bollenpiepe.de<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.bollenpiepe.de\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.bollenpiepe.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eigentlich will ich nicht schreiben, sondern laut schreien: Nichts wie hin! Alles stehen und liegen lassen! Sofort! 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