{"id":207299,"date":"2025-06-21T07:57:11","date_gmt":"2025-06-21T07:57:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/207299\/"},"modified":"2025-06-21T07:57:11","modified_gmt":"2025-06-21T07:57:11","slug":"musik-fuer-die-lebenden-in-der-oper-bonn-begeistert-als-groteske-dystopie-das-opernmagazin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/207299\/","title":{"rendered":"\u201eMusik f\u00fcr die Lebenden\u201c in der Oper Bonn begeistert als groteske Dystopie \u2013 DAS OPERNMAGAZIN"},"content":{"rendered":"<p>\t\t<a href=\"https:\/\/opernmagazin.de\/musik-fuer-die-lebenden-in-der-oper-bonn-begeistert-als-groteske-dystopie\/hp2musikfuerdielebenden330\/\" rel=\"attachment wp-att-30715 noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-30715\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/hp2musikfuerdielebenden330-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\"  \/><\/a>Theater Bonn\/MUSIK F\u00dcR DIE LEBENDEN\/Foto: \u00a9 Bettina St\u00f6\u00df<\/p>\n<p><strong>Die Detonation einer Bombe in einem Theater auf der Opernb\u00fchne, dass an das Theater in Mariupol (Ukraine) erinnert, bildet den Auftakt. Sie stellt die Schrecken des Krieges, die man sonst nur in den Fernsehnachrichten sieht, eindrucksvoll dar. Der wundervolle Kinder- und Jugendchor der Bonner Oper ist Tr\u00e4ger zahlreicher Szenen in \u201eMusik f\u00fcr die Lebenden\u201c, der einzigen Oper des georgischen Komponisten Gija Kantscheli, die er zusammen mit dem Librettisten Robert Sturua erarbeitete und 1984 in Tiflis erstmalig auff\u00fchrte. Die \u00e4u\u00dferst bildstarke Inszenierung des russischen Regisseurs Maxim Didenko, die am 15. Juni 2025 Premiere hatte, hat eine ungeheure Aktualit\u00e4t. Es endet mit der R\u00fcckeroberung des Theaters durch die Natur, ist also tats\u00e4chlich eine Endzeitvision. (Rezension der Vorstellung v. 18. Juni 2025)<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Der Komponist nennt es \u201eOper in zwei Akten\u00a0und einem Intermezzo LIEBE UND PFLICHT\u201c, aber das Werk hat, anders als eine Oper oder ein Oratorium, keine eigentliche Handlung, sondern ist eine Abfolge von einzelnen Szenen, in denen Aspekte des Krieges mit den Mitteln einer Revue beleuchtet werden. F\u00fcr mich ist es ein \u00c4quivalent der \u201eSch\u00f6pfung\u201c von Haydn, die Szenen aus der Genesis zitiert und reflektiert, nur handelt es sich hier um eine Vision des Endes der Menschheit durch Krieg.<\/p>\n<p>Mehrere Detonation von Bomben in einem Theater mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen sind der aufr\u00fcttelnde Start eines Bilderbogens, in dem gezeigt wird, dass Musik und Tanz auch unter solchen Bedingungen Trost und Ablenkung bieten. Kantscheli l\u00e4sst nichts aus. Zwar ist die Sprache zerst\u00f6rt, der Gesang der reinen Kinderstimmen mit an Kirchenmusik erinnernden Ch\u00f6ren erhebt sich aus dem Nichts. Die Operntruppe singt mit dem Opernchor als Publikum, bis alle erschossen auf dem Boden liegen, dazu gibt es auf der Theaterb\u00fchne noch getanzte Revueszenen mit s\u00fc\u00dfen Bunnies und einem b\u00f6sen Krokodil.<\/p>\n<p>Die Dystopie endet damit, dass die Zivilisation in einer finalen Katastrophe vernichtet ist, und sich die Natur in Form von wuchernden Pflanzen im Gem\u00e4uer des zerst\u00f6rten Theaters ausbreitet. Blindenf\u00fchrer und Kinderchor singen: \u201eAm Anfang war der Gesang, und der Gesang war g\u00f6ttlich. Und Gott war, und Gott war der Gesang.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/opernmagazin.de\/musik-fuer-die-lebenden-in-der-oper-bonn-begeistert-als-groteske-dystopie\/hp2musikfuerdielebenden309\/\" rel=\"attachment wp-att-30716 noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-30716\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/hp2musikfuerdielebenden309-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\"  \/><\/a>Theater Bonn\/MUSIK F\u00dcR DIE LEBENDEN\/Foto: \u00a9 Bettina St\u00f6\u00df<\/p>\n<p>Der russische Regisseur <strong>Maxim Didenko<\/strong> macht aus dem Libretto von <strong>Robert Sturua<\/strong> mit Videoeffekten von <strong>Oleg Mikhailov<\/strong> im Einheitsb\u00fchnenbild von <strong>Galya Solodovnikova<\/strong>, die auch die aufw\u00e4ndigen Kost\u00fcme entworfen hat, ein Pl\u00e4doyer gegen den Krieg, der von den Herrschern von Nationalstaaten ausgeht (in der Oper \u201eLiebe und Pflicht\u201c besiegt Italien den Feind Frankreich), die Soldaten mit Zwang zur Teilnahme verpflichtet und die Bev\u00f6lkerung in Lebensgefahr bringt. Dass wir heute wieder Krieg in Europa haben w\u00fcrden, konnte Kantscheli nicht ahnen.<\/p>\n<p>Gyula Kantscheli hatte bis 1982 Sinfonien geschrieben und Theatermusik f\u00fcr das Svhota-Rustaweli-Theater in Tiflis gemacht. In seiner Oper mit dem georgischen Titel \u201eDA ARS MUSIKA\u201c (Und es werde Musik) spielen der Kinder- und Jugendchor, \u00fcberhaupt Chors\u00e4tze, eine gro\u00dfe Rolle. Die Sprache tritt dagegen zur\u00fcck, die Worte sind eher laut- und klangmalerisch aus verschiedenen Sprachen \u2013 georgisch, sumerisch, franz\u00f6sisch, im zweiten Akt auch italienisch \u2013 zusammengesetzt. Es ist eine Allegorie \u00fcber die Kraft der Musik, die sich selbst nach apokalyptischen Ereignissen Bahn bricht. Die besonders rein und ungek\u00fcnstelt wirkenden Kinderstimmen bringen eine besonders elementare, anr\u00fchrende Klangfarbe in die Musik.<\/p>\n<p>Das <strong>Beethoven Orchester<\/strong> unter der Leitung von\u00a0<strong>Daniel Johannes Mayr<\/strong>\u00a0zeigte auch hier wieder seine Vielseitigkeit, denn von der Persiflage einer gro\u00dfen Oper bis hin zu popul\u00e4ren Kl\u00e4ngen \u00e0 la Glenn Miller und einem Streichtrio auf der B\u00fchne sind vielf\u00e4ltige Stilrichtungen vertreten. Besonders hervorzuheben sind die anspruchsvollen Chors\u00e4tze f\u00fcr den Opernchor und vor allem f\u00fcr den Kinder- und Jugendchor der Oper Bonn unter der Leitung von <strong>Ekaterina Klewitz<\/strong>, der eine ganz eigene Klangfarbe hat. Besonders beeindruckend waren als Blindenf\u00fchrer <strong>Val\u00e9rie Ironside<\/strong> mit der Reinheit eines Knabensoprans und <strong>Cl\u00e9lia Oemus<\/strong>, die das Chanson \u201eTo Be or not to Be\u201c als naiv-kokettes Rendezvous mit dem Tod vortrug, als Solistinnen aus dem Jugendchor.<\/p>\n<p><strong>Ralf Rachbauer<\/strong> war mit seinem flexiblen Tenor als der blinde alte Mann, der neue Hoffnung in die zerst\u00f6rte Welt bringt, fast die ganze Zeit auf der B\u00fchne und k\u00f6nnte als Erz\u00e4hler oder als Lehrer der Kinder aufgefasst werden. <strong>Katerina von Bennigsen<\/strong>, die Primadonna der Operntruppe, <strong>Giorgos Kanaris<\/strong>, Heldenbariton und gro\u00dfer Feldherr, sp\u00e4ter dann auch Schnulzens\u00e4nger, <strong>Tae Wan Yun<\/strong> Spinto-Tenor, <strong>Tianji Lin<\/strong> Charaktertenor und <strong>Ava Gesell<\/strong>, die zweite Sopranistin, entlarvten zusammen mit dem Chor der das Opernpublikum auf der B\u00fchne darstellte, die Hohlheit des nationalen Pathos in ihrer Opernparodie. Die groteske Vorstellung wurde bis zum Tod aller Beteiligten durch Erschie\u00dfen fortgesetzt. Nicht zu vergessen sind die zehn T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer, aus denen <strong>Marion Greiner<\/strong> als die Frau mit Peitsche und als Rekrutierungsoffizierin herausragte, die zahlreiche Szenen pantomimisch darstellten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/opernmagazin.de\/musik-fuer-die-lebenden-in-der-oper-bonn-begeistert-als-groteske-dystopie\/hp2musikfuerdielebenden54\/\" rel=\"attachment wp-att-30717 noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-30717\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/hp2musikfuerdielebenden54-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\"  \/><\/a>Theater Bonn\/MUSIK F\u00dcR DIE LEBENDEN\/Foto: \u00a9 Bettina St\u00f6\u00df<\/p>\n<p>Kantschelis Werk ist eine Parabel, die mit ihren Ch\u00f6ren und ihren Kindersoli einem Mysterienspiel in acht Szenen, f\u00fcnf im ersten und drei im zweiten Akt, gleicht. Es \u00e4hnelt im Aufbau am ehesten Haydns \u201eSch\u00f6pfung\u201c. Die Regie von Maxim Didenko macht daraus ein Lehrst\u00fcck gegen den Krieg: Kinder werden get\u00f6tet, Jugendliche zwangsweise rekrutiert, Menschen betrauern Gefallene, werden mit Waffen bedroht, Traumatisierte f\u00fchren im Lazarett einen makabren Totentanz auf, dazwischen das Intermezzo im Stil einer italienischen Oper, in dem Frankreich und Italien ihre Nationen hochleben lassen. Die Herrschenden berufen sich auf jeweils andere Nationalstaaten als Feindbilder, hinterher sind alle im Kampf umgekommen.<\/p>\n<p>Warum wurde \u201eMusik f\u00fcr die Lebenden\u201c seit 1999 nicht mehr gespielt? Ich denke, man hat nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Reichs 1989 tats\u00e4chlich geglaubt, man habe das Thema Krieg in Europa ein f\u00fcr alle Male erledigt. Man wollte das Thema verdr\u00e4ngen, und die verst\u00f6renden Bilder aus den Medien von den Kriegen in der Ukraine und in Pal\u00e4stina nicht auch noch auf der Opernb\u00fchne sehen. Ich gebe zu, dass ich selbst anfangs nicht besonders motiviert war, mich auf dieses Werk einzulassen. Ich bin jedoch froh, dass ich es dennoch getan habe, denn ich habe eine absolute Glanzleistung des Bonner Kinder- und Jugendchors gesehen. Zum Gl\u00fcck ist \u201eMusik f\u00fcr die Lebenden\u201c au\u00dferordentlich bildstark inszeniert und \u00fcberfordert in seiner durchgehenden abwechslungsreichen Tonalit\u00e4t mit georgischem Einschlag keinen Besucher. Es ist ein suggestives Pl\u00e4doyer gegen den Krieg, das zus\u00e4tzlich noch die Macht der Musik beschw\u00f6rt. Auff\u00fchrungsdauer ist rund zwei Stunden einschlie\u00dflich einer Pause.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer \/ Red. DAS OPERNMAGAZIN<\/strong><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.theater-bonn.de\/de\/programm\/musik-fur-die-lebenden\/221270\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Theater Bonn \/ St\u00fcckeseite<\/a><\/li>\n<li>Titelfoto: Theater Bonn\/MUSIK F\u00dcR DIE LEBENDEN\/Kinder- und Jugendchor, Aya Sone, Ralf Rachbauer, Sofiia Kirdan\/Foto: \u00a9 Bettina St\u00f6\u00df<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\n\t\u00c4hnliche Beitr\u00e4ge<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Theater Bonn\/MUSIK F\u00dcR DIE LEBENDEN\/Foto: \u00a9 Bettina St\u00f6\u00df Die Detonation einer Bombe in einem Theater auf der Opernb\u00fchne,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":207300,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1842],"tags":[67286,1741,67287,3364,29,67288,67289,30,67290,67291,67292,67293,1209,67294,38592,67295,38593,38595],"class_list":{"0":"post-207299","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-bonn","8":"tag-beethoven-orchester","9":"tag-bonn","10":"tag-daniel-johannes-mayr","11":"tag-de","12":"tag-deutschland","13":"tag-ekaterina-klewitz","14":"tag-galya-solodovnikova","15":"tag-germany","16":"tag-gija-kantscheli","17":"tag-kinder-und-jugendchor-der-bonner-oper","18":"tag-maxim-didenko","19":"tag-musik-fuer-die-lebenden","20":"tag-nordrhein-westfalen","21":"tag-oleg-mikhailov","22":"tag-oper-bonn","23":"tag-ralf-rachbauer","24":"tag-theater-bonn","25":"tag-ursula-hartlapp-lindemeyer-das-opernmagazin"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114720292491104874","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/207299","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=207299"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/207299\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/207300"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=207299"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=207299"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=207299"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}