{"id":207949,"date":"2025-06-21T13:57:12","date_gmt":"2025-06-21T13:57:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/207949\/"},"modified":"2025-06-21T13:57:12","modified_gmt":"2025-06-21T13:57:12","slug":"spektakulaere-ausstellung-wie-starfotograf-wolfgang-tillmans-nach-remscheid-zurueckkehrte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/207949\/","title":{"rendered":"Spektakul\u00e4re Ausstellung: Wie Starfotograf Wolfgang Tillmans nach Remscheid zur\u00fcckkehrte"},"content":{"rendered":"<p>Fast 40 Jahre, nachdem der Fotograf Wolfgang Tillmans seine Heimatstadt verlassen hat, zeigt er dort die Bilder seines Lebens. Die erlauben auch einen Blick auf die alte und tief sozial-demokratische Bundesrepublik, die zunehmend vom Verschwinden bedroht ist.\u00a0<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Remscheid, eine gr\u00fcndlich heruntergerockte Industriestadt im Bergischen Land, galt bislang nicht als Nabel der Kunstwelt. In diesem Jahr k\u00f6nnte sich das \u00e4ndern. Der 114.000 Einwohner-Stadt ist eine Art Wunder widerfahren. Einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsk\u00fcnstler, der Fotograf <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/tillmans.co.uk\/\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/tillmans.co.uk\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Wolfgang Tillmans<\/a>, wurde zuf\u00e4llig 1968 dort geboren.<\/p>\n<p>Nun hat er in seiner Heimatstadt eine spektakul\u00e4re Ausstellung seiner Bilder kuratiert, die gerade durch ihre verdeckten und offenen biografischen Referenzen einen neuen Blick auf 40 Jahre seines Werkes erm\u00f6glicht.\u00a0<\/p>\n<p>Tillmans bespielt sonst ganz andere B\u00fchnen. Die Tempel der modernen Kunst. Das Museum of Modern Art in New York \u00fcberlie\u00df dem Turner-Preis-Tr\u00e4ger des Jahres 2000 vor zwei Jahren eine ganze Etage f\u00fcr eine Retrospektive, im Juli ist er der letzte K\u00fcnstler, dem das Centre Pompidou in Paris eine eigene Ausstellung widmet, bevor der Bau f\u00fcr eine mehrj\u00e4hrige Renovierung geschlossen wird.<\/p>\n<p>In Remscheid ist man nun auf die hervorragende Idee gekommen, Tillmans das <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.haus-cleff.de\/\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.haus-cleff.de\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Haus Cleff<\/a> zu \u00fcberlassen, eine ortstypisch vollst\u00e4ndig in Schiefer eingedeckte Patriziervilla aus dem 18. Jahrhundert, die das Herzst\u00fcck des \u201eDeutschen Werkzeugmuseums\u201c bildet. Der Wohlstand der Stadt wuchs mit dem Aufbl\u00fchen der Werkzeugindustrie im 19. Jahrhundert. Deren Niedergang im sp\u00e4ten 20. Jahrhundert war Menetekel. Das Haus selbst, einst Sitz einer stolzen Kaufmannsfamilie, war von einem seltsamen Ungeziefer namens Totenuhrk\u00e4fer befallen, der so hei\u00dft, weil er mit seiner Nagerei im Geb\u00e4lk ein Klopfger\u00e4usch produziert, das nach altem Aberglauben den Tod eines Bewohners ank\u00fcndigen soll.<\/p>\n<p>Bald zehn Millionen Euro hat die Stadt investiert, um das Haus von Grund auf zu sanieren und zu neuem Leben zu erwecken. Das ist auf beeindruckende Weise gelungen. Das Haus erstrahlt innen in erdigen Rosa-, Blau- und Gr\u00fcn-T\u00f6nen, die mit Eichendielen der Wohnr\u00e4ume, den Delfter Fliesen und den Steinb\u00f6den der ehemaligen K\u00fcchen kontrastieren. Kurz w\u00e4hnt man sich in Goethes Wohnhaus in Weimar, bis die Sprossenfenster der auf einem H\u00fcgel gelegenen Barock-Villa den Blick freigeben auf das Regenschiefergrau des Bergischen Landes.<\/p>\n<p>Wolfgang Tillmans hat den Renovierungsprozess eng begleitet, das Haus w\u00e4hrend der Sanierungsarbeiten immer wieder besucht, dort mehrfach \u00fcbernachtet, sich mit Materialien, Lichtverh\u00e4ltnissen und Aura des Ortes intensiv befasst. Dabei herausgekommen ist eine ungemein suggestive H\u00e4ngung, die aus dem Geb\u00e4ude und dem Tillmans\u2019schen Bildern eine Art Gesamtkunstwerk macht. Der K\u00fcnstler ankert hier sein Werk biografisch in der provinziellen Heimat und \u00f6ffnet von dort aus den Blick durch die Sprossenfenster \u00fcber die bergischen W\u00e4lder hinweg hinaus in eine hyperbeschleunigte, globale Wirtschaftswelt mit all ihren Verwerfungen.<\/p>\n<p>Was man in dieser Ausstellung dabei \u00fcber Tillmans erf\u00e4hrt, ist, dass er weit mehr ist, als der Archivar der Club-, Pop- und Queer-Kultur, als der er in den Neunzigerjahren bekannt wurde, oder der sensible Beobachter von Formen, Materialien und Strukturen, als der er sich sp\u00e4ter entpuppte, sondern ein eminent politischer, konsequent auf Emanzipation zielender K\u00fcnstler. Das Grundmotiv dieser Kunst ist eine beinahe altmodische Art von Respekt, vor Materialien und der Natur wie vor den Menschen.<\/p>\n<p>Gleich der erste Raum im Erdgeschoss der Ausstellung \u00fcberf\u00e4llt den Besucher mit mehreren Schl\u00fcsselwerken seines \u0152uvres: \u201eLutz and Alex Sitting in the Trees\u201c \u2013 eins jener Bilder, mit denen Tillmans in den Neunzigern bekannt wurde als Chronist des scheinbar hedonistischen Lebensgef\u00fchls jener Zeit.<\/p>\n<p>Zugleich ist es Dokument einer ungew\u00f6hnlichen Jugendfreundschaft, die sich zu einer lebensl\u00e4nglichen K\u00fcnstlerfreundschaft entwickelte. Denn in dem Baum sitzen halbnackt der Modemacher Lutz H\u00fclle und die Installationsk\u00fcnstlerin Alexandra Bircken, die Tillmans als Sch\u00fcler auf dem Remscheider Leibniz-Gymnasium kennenlernte. Gleich daneben h\u00e4ngt Tillmans\u2019 Mutter, in der famosen \u201eDomestic Scene\u201c aus dem Jahr 1992, im Feinrippunterhemd unter einer Trockenhaube, w\u00e4hrend sie am Schreibtisch des familieneigenen Werkzeughandels die Buchhaltung erledigt. Dar\u00fcber h\u00e4ngen die Ahnen in \u00d6l. Die Szene ist h\u00e4uslich vertraut und gespenstisch befremdlich zugleich. Tillmans legt hier ein dialektisches Funktionsprinzip seiner Arbeiten offen, das darin besteht, Vertrautes fremd und Unbekanntes kaum bedrohlich wirken zu lassen.<\/p>\n<p>Der Raum zeigt ein weiteres grobk\u00f6rniges Schwarz-Wei\u00df-Bild aus dem Jahr 1992: Z\u00fcge, die damals noch D-Z\u00fcge waren, am Bahnhof Remscheid-G\u00fcldenwerth. In der N\u00e4he dieses Bahnhofs wuchs Tillmans auf. Von hier aus brach er gewisserma\u00dfen in die Welt des globalen Pop auf, deren Leitstern in den Neunzigerjahren das Model Kate Moss wurde. Tillmans\u2019 mittlerweile ikonisches Portr\u00e4t von ihr h\u00e4ngt da recht l\u00e4ssig in einer Raumecke, als handele es sich um ein weiteres Familienmitglied. \u00a0<\/p>\n<p>Eine seltsame Zahlenfolge, handschriftlich auf Papier geskribbelt, scheint zun\u00e4chst nicht recht in das Ensemble zu passen: \u201e1967.68.69 \u2013 1937.38.39 \u2013 1997.98.99\u201c steht dort. Mit den Jahreszahlen in den Dreier- und Drei\u00dfigerschritten betreibt Tillmans ein wenig private Zahlenmystik, ruft die Erfahrungsr\u00e4ume von Generationen auf. Dass er selbst 1968, ganze 23 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, geboren wurde, der Abstand zum eigenen Geburtsjahr jedoch inzwischen deutlich gr\u00f6\u00dfer ist und rasant weiter w\u00e4chst, treibt ihn um. Das alles verschlingende Monster Zeit ist ein kaum verstecktes Leitmotiv der Ausstellung.<\/p>\n<p>Tillmans bespielt hier drei Etagen mit 24 R\u00e4umen und 120 Wandfl\u00e4chen, auf denen er den Betrachter durch seine Welt f\u00fchrt. Dabei leuchten immer wieder pr\u00e4gende Orte und Momente seiner Jugend auf, die st\u00e4dtische Schule, auf die er ging, die Leseecke der Stadtbibliothek, die Sternwarte, in der er als nerdiger Teenager beobachten lernte. Der Copyshop im Einkaufscenter, auf dem er seine ersten Kopierkunstversuche unternahm. Die in die Jahre gekommenen \u00f6ffentlichen Kunstwerke, in der Stadt verstreut und meist \u00fcbersehen. Tillmans\u2019 Blick auf seinen Herkunftsort ist dabei kein verkl\u00e4rend nostalgischer. Er zeigt eine Infrastruktur der alten, unternehmerischen und zugleich tief sozial-demokratischen Bundesrepublik, die zunehmend vom Verschwinden bedroht ist. Deren selbstverst\u00e4ndlich gro\u00dfz\u00fcgiges Bildungsangebot ihm aber einst erlaubte, der K\u00fcnstler zu werden, der er heute ist.<\/p>\n<p>Auch seine Bilder aus f\u00fcnf der verbliebenen metallverarbeitenden Betriebe der Stadt atmen diesen Geist der Bedrohtheit und Verg\u00e4nglichkeit. Wie lange es diese Unternehmen und ihre Jobs noch geben wird, wei\u00df niemand. Mit den Portr\u00e4ts ihrer Mitarbeiter erfindet Tillmans sich als eine Art August Sander des 21. Jahrhunderts noch einmal neu.<\/p>\n<p>Wie die Zukunft zu werden droht, sieht man in der oberen Etage auf Bildern von Datenspeichern im Silicon Valley, Paketlieferunf\u00e4llen in China oder einem diesigen Werktag in Delhi. Ein Grundschullehrer im kaputtregierten Port-au-Prince bewahrt W\u00fcrde in Krawatte. Ein Bild weiter sitzt der harmlos bubihaft wirkende, Mangosaft schl\u00fcrfende OpenAI-CEO Sam Altman. Gleich daneben beantwortet Tillmans mit einem abfotografierten Flipchart die Frage, ob OpenAI sich um ethische Fragen schert: Nein, tut es nicht.<\/p>\n<p>Und doch ist nicht alles d\u00fcster in Wolfgang Tillmans\u2019 Welt. Ein unscheinbares Bild vom \u201e2. Christopher Street Day in Remscheid\u201c aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Emanzipationsbewegungen gelegentlich ihre Zeit brauchen, um in der Provinz anzukommen. Aber sie kommen an. Tillmans\u2019 Blick auf die Menschheit ist ein zutiefst humanistischer. Und letztlich ein optimistischer.<\/p>\n<p>Im Dachgeschoss des Hauses Cleff zeigt Tillmans ein Video, das er Ende der Achtziger mit dem Vorl\u00e4ufer einer Dashcam im Benz seines Vaters aufgenommen und sp\u00e4ter vertont hat. Eine halbe Stunde lang kann man da zu Technobeats \u00fcber Remscheider Hauptverkehrsachsen cruisen. Es ist eine jugendliche Ausbruchsphantasie, die wie die meisten jugendlichen Fluchtversuche nirgendwohin f\u00fchrt. Wolfgang Tillmans indes ist dieser Ausbruch und Aufbruch gelungen. Fast vierzig Jahre sp\u00e4ter kehrt er als gro\u00dfer K\u00fcnstler zur\u00fcck. Wenn die Stadt eine kluge Entscheidung treffen m\u00f6chte, sollte sie Tillmans bitten, seine Ausstellung im Haus Cleff dauerhaft h\u00e4ngenzulassen. Besser wird es f\u00fcr Remscheid nicht mehr kommen.<\/p>\n<p>Wolfgang Tillmans, \u201eAusstellung in Remscheid\u201c, Museum Haus Cleff, noch bis zum 4. Januar 2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Fast 40 Jahre, nachdem der Fotograf Wolfgang Tillmans seine Heimatstadt verlassen hat, zeigt er dort die Bilder seines&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":207950,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,2704,29,214,67417,30,1794,21537,67418,215,3552],"class_list":{"0":"post-207949","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-ausstellungen","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-fotografie-ks","13":"tag-germany","14":"tag-kunst-und-design","15":"tag-remscheid","16":"tag-tillmans","17":"tag-unterhaltung","18":"tag-wolfgang"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114721708122813965","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/207949","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=207949"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/207949\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/207950"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=207949"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=207949"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=207949"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}