{"id":208691,"date":"2025-06-21T20:45:11","date_gmt":"2025-06-21T20:45:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/208691\/"},"modified":"2025-06-21T20:45:11","modified_gmt":"2025-06-21T20:45:11","slug":"was-sein-buch-uns-heute-ueber-glueck-und-widerstand-lehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/208691\/","title":{"rendered":"Was sein Buch uns heute \u00fcber Gl\u00fcck und Widerstand lehrt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"headline__lead\">Nat\u00fcrlich f\u00fchlt es sich komisch an, im Sommer 2025 halbnackt auf der Pritsche einer Z\u00fcrcher Badeanstalt liegend dieses alte Buch zu lesen. Aber unsere Autorin hat es angesichts der aktuellen Weltlage viel \u00fcber Gl\u00fcck und Widerstand gelehrt.<\/p>\n<p>  <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" alt=\"\u00c4hnliche Fragen, heute wie damals: Wie konnte es nur so weit kommen? Auf dem Bild: Ein Hitlerjunge arbeitet 1939 als Schaffner in einem Bus in Bayreuth.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"3209\" height=\"2282\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/2e9e4d9d-dbd9-4a1a-8550-820b4a75639e.jpeg\" loading=\"eager\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    \u00c4hnliche Fragen, heute wie damals: Wie konnte es nur so weit kommen? Auf dem Bild: Ein Hitlerjunge arbeitet 1939 als Schaffner in einem Bus in Bayreuth. <\/p>\n<p>AKG-Images<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev62\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text\">Als allererstes verliess die Liebe das Land. Teddy sp\u00fcrte schon 1930, dass es f\u00fcr sie in diesem Deutschland keine Zukunft mehr gebe. \u00abWir f\u00fchlten um uns herum das \u2039braune Deutsch\u203a entstehen\u00bb, schrieb Sebastian Haffner \u00fcber diese Zeit. Es verdr\u00e4ngte zuerst die Empfindsamen, die Ahnungsvollen, die Freiheitsliebenden. \u00abSie war vielleicht die erste Emigrantin\u00bb, und Teddy kam nie mehr zur\u00fcck. Sie ging nach Paris und blieb f\u00fcr immer Haffners unerreichte Liebe.<\/p>\n<p> Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen <\/p>\n<p>\n        NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.\n      <\/p>\n<p>Bitte passen Sie die Einstellungen an.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev63\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Jetzt, sechsundzwanzig Jahre nach seinem Tod, ist ein Buch dieser aufgekratzten, eifers\u00fcchtigen Liebesgeschichte inmitten der Pariser Boh\u00e8me erschienen. Haffner, der damals noch seinen echten Namen Raimund Pretzel trug, hatte den Roman mit nur 24 Jahren nach einem Besuch in der Stadt niedergeschrieben und sp\u00e4ter in einer Schublade versteckt. Es ist eine sch\u00f6ne, atemlose Liebesgeschichte, die leider nicht ohne den zeittypischen Blick auf Frauen auskommt, die mit ihren \u00abH\u00e4lschen\u00bb und \u00abPull\u00f6verchen\u00bb entz\u00fccken, denen man aber im \u00dcbrigen viel zu erkl\u00e4ren weiss.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev64\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Vor allem aber ruft \u00abAbschied\u00bb zu einer beklemmend g\u00fcnstigen Zeit die Arbeit des wahrscheinlich hellsichtigsten Epochendeuters Deutschlands in Erinnerung, den man heute noch gelesen haben muss. Gerade heute, wenn einem an Demokratien etwas liegt.<\/p>\n<p>Warum hat niemand was unternommen?<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev66\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Sebastian Haffner wusste schon im Jahr 1939 alles, was nachher in Deutschland niemand mehr gewusst haben wollte. Sein Buch \u00abGeschichte eines Deutschen\u00bb war so vorausschauend, dass Historiker den Zeitpunkt seiner Niederschrift anzweifelten, doch sie wurden rasch widerlegt. Haffner sagte bereits 1940 den Selbstmord Hitlers voraus, er wusste, wer die Nationalsozialisten waren, bevor alle ihre Taten bekannt wurden, und er erkl\u00e4rte auch, was den Deutschen fehlte; die F\u00e4higkeit zum pers\u00f6nlichen Gl\u00fcck.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Seiner Zeit voraus: Historiker und Autor Sebastian Haffner, 1972.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"3306\" height=\"3522\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Seiner Zeit voraus: Historiker und Autor Sebastian Haffner, 1972. <\/p>\n<p>Imago<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev80\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">\u00abGeschichte eines Deutschen\u00bb ist die Geschichte eines jungen Mannes, dem der Boden unter den F\u00fcssen wegzurieseln scheint. Sebastian Haffner spiegelt darin seine eigene Biografie an den Geschehnissen in Deutschland zwischen dem Ersten Weltkrieg 1914 und der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933 und ber\u00fchrt dabei jene Fragen, die seither jede Generation von neuem durchfahren: Wie konnte es so weit kommen? Warum hat niemand etwas unternommen? Und: Was h\u00e4tte ich getan?<\/p>\n<blockquote data-team-quote=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev81\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"quote\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent quote nzzinteraction\"><p>\u00abSebastian Haffner wusste schon im Jahr 1939 alles, was nachher in Deutschland niemand mehr gewusst haben wollte.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev82\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Dies ist der Grund, warum uns Haffners Aufzeichnungen heute noch elektrisieren. Er praktizierte das autobiografische Erz\u00e4hlen, Jahrzehnte bevor wir Annie Ernaux, Karl Ove Knausg\u00e5rd, Rachel Cusk oder Mely Kiyak daf\u00fcr mit Preisen \u00fcbersch\u00fctteten. Es ist eine Art von Literatur, die so tief ins pers\u00f6nliche Erleben vordringt, dass sie auf universelle Wahrheiten \u00fcber das Menschsein st\u00f6sst. Wir werden Haffner, und Haffner sind wir.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev83\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Wir werden zum kleinen Raimund, der eifrig Heeresberichte liest und kein spannenderes Spiel kennt als den Krieg der Nationen. Wir verstehen, warum ausgerechnet diese Generation sp\u00e4ter den zweiten grossen Krieg anzettelte, und wir sp\u00fcren, wie sich der deutsche Sommer 1932 anf\u00fchlte, der letzte sch\u00f6ne Sommer Deutschlands, der gepr\u00e4gt war von einer sonderbaren Atmosph\u00e4re: \u00abGel\u00e4hmtes Warten auf das Unentrinnbare, dem man doch bis zum letzten Augenblick zu entrinnen hofft.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev84\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Nat\u00fcrlich f\u00fchlt es sich komisch an, im Sommer 2025 halbnackt auf der Pritsche einer Z\u00fcrcher Badeanstalt zu liegen und alte B\u00fccher mit historischen Abbildungen oder Haffners phantastische Verbrecherstudie namens \u00abAnmerkungen zu Hitler\u00bb zu lesen, aber dann wiederum auch nicht. Weil man eine \u00e4hnliche L\u00e4hmung in den USA zu erkennen meint. Weil sich angesichts der Nachrichtenlage auch hier ein Gef\u00fchl der Unentrinnbarkeit verbreitet.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev85\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">1933 begann Haffner dann eben das Leben wegzurieseln. Die Nazis kamen. Er verlor seine Liebe, seine Freunde und seine berufliche Zukunft. Die einen Freunde verlor er, weil sie j\u00fcdisch waren und emigrieren mussten \u2013 die anderen, weil sie Nazis wurden. Seinen Beruf verlor der junge Justizreferendar, weil die Nazis das Recht abschafften. Ungl\u00e4ubig verfolgte er, wie das jahrhundertealte Kammergericht innert Stunden kollabierte, wie SA-Leute alte j\u00fcdische Richter aus der Bibliothek verjagten und gestandene Rechtsgelehrte pl\u00f6tzlich den dilettantischen Rechtsauslegungen junger Nazi-Schn\u00f6sel lauschten.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev86\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Erst verschwanden die B\u00fccher aus den Regalen und dann die Menschen, die sie geschrieben hatten. Der Rundfunkansager landete im Konzentrationslager, man durfte seinen Namen nicht einmal mehr nennen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler, die einen durch das Leben begleitet hatten, wurden Volksverr\u00e4terinnen. Der humoristische Pressezeichner sprang in SA-Haft aus dem Fenster, der Kabarett-Conf\u00e9rencier ging auch. Die Zeitungen wurden eingestellt oder klangen pl\u00f6tzlich fremd.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev90\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Und Haffner? Haffner war ein gew\u00f6hnlicher junger Mann, hochgebildet zwar, aber weder besonders gutaussehend noch besonders mutig oder politisch organisiert. Er mochte Struktur und Ruhe und Freundlichkeit und politisch stand er je nach Umfeld eher links oder eher rechts. Doch \u00abwas die Nazis betraf, so entschied meine Nase ganz eindeutig\u00bb, schreibt er. \u00abDa das Ganze so roch, wie es roch.\u00bb<\/p>\n<p>Die Pflicht zum pers\u00f6nlichen Gl\u00fcck<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev92\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Haffner beschreibt drei Reaktionen der verbleibenden Deutschen: Die Ersten, bevorzugt die \u00c4lteren, fl\u00fcchteten in die Illusion der \u00dcberlegenheit. Das waren die, die sp\u00e4ter kapitulierten. Die Zweiten verbitterten und zelebrierten die \u00abperverse Wollust der Selbstaufgabe\u00bb. Und die Dritten kapselten sich ab. Sie versuchten, sich nicht vom Hass korrumpieren zu lassen und die Nazis zu ignorieren. Das war Haffner.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev93\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Um zum Examen zugelassen zu werden, besuchte er sogar eine \u00abweltanschauliche Schulung\u00bb. Er beschreibt, wie da \u00abjeder zur Gestapo des anderen\u00bb wurde, wie bereits \u00abjeder kollektive Widerstand unm\u00f6glich und individueller Widerstand nur noch eine Form des Selbstmordes\u00bb war. \u00abBesser ich trug jetzt Armbinde, so blieb ich frei und konnte sp\u00e4ter meine Freiheit richtig benutzen.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev94\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Haffner sp\u00fcrte, dass in diesem Lager \u00abeine Art des Gl\u00fccks\u00bb bl\u00fchte. Das Gl\u00fcck der Kameradschaft, der man jegliche Selbstverantwortung abgeben kann. Damit hatten die Nazis die Deutschen verf\u00fchrt. Und hier wuchs Haffners Erkenntnis, dass die Gemeinschaft auch f\u00fcr fremde Zwecke missbraucht werden kann und dass letztlich jeder Mensch die Pflicht hat zum pers\u00f6nlichen Gl\u00fcck.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iu9krev95\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Was wir \u00fcber Widerstand lernen k\u00f6nnen, ist, dass die allermeisten Menschen darin versagen werden. Aber dass man sich wenigstens bem\u00fchen muss, zu wissen, was man wissen kann. Haffner wurde Exilant. Als 1938 auch seine Frau pl\u00f6tzlich als j\u00fcdisch galt, war es vorbei mit der Abkapselung. Sie wanderten nach England aus, wo er ein anerkannter Publizist und Deutschland-Erkl\u00e4rer wurde. Er wehrte sich am Schreibtisch, mit seiner eigenen Geschichte \u2013 ein Held eigentlich, nur dass er die Geschichte nicht sofort publizierte. Sondern dass sein Sohn sie postum zum Bestseller machte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nat\u00fcrlich f\u00fchlt es sich komisch an, im Sommer 2025 halbnackt auf der Pritsche einer Z\u00fcrcher Badeanstalt liegend dieses&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":208692,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-208691","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114723312474006924","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/208691","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=208691"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/208691\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/208692"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=208691"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=208691"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=208691"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}