{"id":209239,"date":"2025-06-22T02:02:13","date_gmt":"2025-06-22T02:02:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/209239\/"},"modified":"2025-06-22T02:02:13","modified_gmt":"2025-06-22T02:02:13","slug":"muenchen-vor-dem-vergessen-bewahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/209239\/","title":{"rendered":"M\u00fcnchen: Vor dem Vergessen bewahren"},"content":{"rendered":"<p>Bereits seit der Antike bildet die literarische Gattung der Biografie eine M\u00f6glichkeit, um historische Ereignisse anhand des Lebens einer Person anschaulich darzustellen. Aus den Bestsellerregalen in den Buchhandlungen sind Biografien nicht wegzudenken, und auch im Kino war das Biopic von Anfang an fester Programmbestandteil. In der modernen Geschichtswissenschaft hingegen wurde die Biografie auch kritisch betrachtet \u2013 ein Trend, der sich in den vergangenen Jahrzehnten offenbar ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Welche Auswirkungen dieser sogenannte \u00bbbiographical turn\u00ab auf die Entstehung j\u00fcdischer Biografien hat, diskutierten in der Rotunde des M\u00fcnchner Stadtarchivs Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde M\u00fcnchen und Oberbayern, und Anton L\u00f6ffelmeier vom Stadtarchiv M\u00fcnchen mit den Historikern Philipp Lenhard, Maximilian Strnad, Bj\u00f6rn Siegel und Andrea Sinn. Der Jubil\u00e4umsband der wissenschaftlichen Zeitschrift f\u00fcr J\u00fcdische Studien \u00bbPaRDeS\u00ab \u2013 von Siegel und Sinn herausgegeben \u2013 stellt die j\u00fcdische Biografieforschung im 21. Jahrhundert ins Zentrum der Untersuchungen.<\/p>\n<p>Podiumsdiskussion \u00bbErinnerung \u2013 Ged\u00e4chtnis \u2013 Kultur\u00ab<\/p>\n<p>Er bildete den Anlass f\u00fcr die Podiumsdiskussion \u00bbErinnerung \u2013 Ged\u00e4chtnis \u2013 Kultur\u00ab, die Andrea Sinn moderierte. Ein Thema von besonders aktueller Bedeutung, wie sich auch im J\u00fcdischen Museum M\u00fcnchen zeigte. Dort diskutierte am selben Abend Rachel Salamander mit Studierenden \u00fcber die Frage: \u00bbWor\u00fcber reden wir, wenn wir von Erinnerungskultur reden?\u00ab<\/p>\n<p>Daniel Baumann, Leiter des Stadtarchivs, begr\u00fc\u00dfte die G\u00e4ste, darunter auch Nachfahren von Holocaust-\u00dcberlebenden. Dazu pr\u00e4sentierte er das aktuelle Projekt des \u00bbDigitalen Lesesaals f\u00fcr das Stadtarchiv\u00ab und betonte den Wert der Digitalisierung von Archivalien, warnte aber zugleich vor dem Missbrauch leicht verf\u00fcgbarer digitaler Daten. In ihrer Einf\u00fchrung betonte Andrea Sinn den derzeitigen Einfluss biografischer Forschung auf die Geschichtswissenschaft. Diese Forschung w\u00fcrde sich von fr\u00fcheren Mahnungen vor der \u00bbbiografischen Illusion\u00ab absetzen.<\/p>\n<p>Ellen Presser reflektierte in ihrer Einf\u00fchrung zur Diskussion \u00fcber die Rolle der Biografie f\u00fcr j\u00fcdische Familien nach dem Zweiten Weltkrieg. Besonders pr\u00e4gend sei dabei die Erfahrung der L\u00fccken innerhalb der eigenen Familiengeschichte. Zwei Wege st\u00fcnden als Reaktion auf diese Erfahrung offen, so Presser: die vollst\u00e4ndige Verdr\u00e4ngung oder die bewusste Auseinandersetzung. \u00bbNoch vor 20 oder 30 Jahren hatten die Zeitzeugen keine Chance, geh\u00f6rt zu werden\u00ab, merkte sie an. <\/p>\n<p>Biografien sind ohne wissenschaftliche Unterst\u00fctzung nicht zu bew\u00e4ltigen<\/p>\n<p>Die biografische Arbeit heute konterkariere den Versuch der Nationalsozialisten, das Ged\u00e4chtnis der j\u00fcdischen Menschen auszul\u00f6schen. Zugleich seien Biografien ohne wissenschaftliche Unterst\u00fctzung nicht zu bew\u00e4ltigen: \u00bbMan l\u00e4uft den letzten Splittern hinterher und versucht, sie aufzusammeln.\u00ab Auch Philipp Lenhard betonte diesen \u00bbethischen Unterton\u00ab, der bei seiner Arbeit am M\u00fcnchner Lehrstuhl f\u00fcr J\u00fcdische Geschichte und Kultur im Umgang mit den Studierenden ebenfalls mitschwinge. <\/p>\n<p>Es gelte, \u00bbdie Menschen vor dem Vergessen zu bewahren\u00ab. Die Biografie m\u00fcsse dabei einen Mittelweg bilden zwischen zu starker Individualisierung und einer Generalisierung des einzelnen Lebensweges. Personen m\u00fcssten als handelnde Individuen begreifbar bleiben.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wie nahe kommt man einer Person? Und wie schwer ist es, wieder Distanz zu ihr zu finden?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dass zum Schreiben einer Biografie Mut geh\u00f6re, betonte Anton L\u00f6ffelmeier, der auf die schwierige Balance des Forschenden hinwies: \u00bbWie nahe kommt man einer Person? Und wie schwer ist es, wieder Distanz zu ihr zu finden?\u00ab Aus diesem Verh\u00e4ltnis m\u00fcsse ein verantwortungsvoller Umgang mit den Quellen entstehen, unterstrich auch Bj\u00f6rn Siegel. Denn letztendlich gelte es, darin waren sich alle einig, das w\u00fcrdige Andenken an einen oder mehrere Menschen vor dem Abgleiten ins blo\u00dfe Zurschaustellen zu bewahren.<\/p>\n<p>Digitalisierung von Quellen<\/p>\n<p>Mit der Digitalisierung von Quellen kam ein weiterer wichtiger Aspekt zur Sprache. Dieser Prozess sei nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, allerdings erg\u00e4ben sich durch den allgemeinen Zugang zu ehemals privaten Quellen neben rechtlichen Problemen auch ethische Konsequenzen. Maximilian Strnad mahnte deshalb zur Sensibilit\u00e4t, unterstrich aber zugleich, dass die Chancen der Digitalisierung die negativen Aspekte bei Weitem \u00fcberw\u00f6gen. Noch l\u00e4ngst nicht absehbar sei dagegen, so Philipp Lenhard, welche Rolle dabei die K\u00fcnstliche Intelligenz im Kontext der Erinnerungskultur spielen und was daraus potenziell folgen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ellen Presser kam abschlie\u00dfend auf einen Augenblick der Zeitgeschichte zur\u00fcck: Der 7. Oktober 2023 m\u00fcsse als ein dramatischer Einschnitt in den Biografien von heute lebenden j\u00fcdischen Menschen aufgefasst werden, wie sie mit Nachdruck hervorhob. \u00bbEs handelt sich bei diesem Ereignis durch und durch um eine Retraumatisierung.\u00ab Eine wissenschaftliche Aufarbeitung sei dabei gar nicht m\u00f6glich gewesen und fehle insoweit noch v\u00f6llig. In diesem Sinne k\u00e4me der Geschichtswissenschaft k\u00fcnftig die Rolle einer Schl\u00fcsselwissenschaft zu, res\u00fcmierte Bj\u00f6rn Siegel. Auch die spezifisch j\u00fcdische Biografik erhalte in Zukunft eine neue und ver\u00e4nderte Funktion, die es zu beachten gelte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bereits seit der Antike bildet die literarische Gattung der Biografie eine M\u00f6glichkeit, um historische Ereignisse anhand des Lebens&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":209240,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1827],"tags":[772,573,574,29,30,411,570,576,572,80,1268,14,16,575,571],"class_list":{"0":"post-209239","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenchen","8":"tag-bayern","9":"tag-berichte","10":"tag-blogs","11":"tag-deutschland","12":"tag-germany","13":"tag-israel","14":"tag-juedische-allgemeine","15":"tag-juedisches-leben","16":"tag-kommentare","17":"tag-kultur","18":"tag-muenchen","19":"tag-nachrichten","20":"tag-politik","21":"tag-religion","22":"tag-wochenzeitung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114724558828075446","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/209239","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=209239"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/209239\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/209240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=209239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=209239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=209239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}