{"id":209362,"date":"2025-06-22T03:12:13","date_gmt":"2025-06-22T03:12:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/209362\/"},"modified":"2025-06-22T03:12:13","modified_gmt":"2025-06-22T03:12:13","slug":"wie-das-alte-aegypten-die-leipziger-seit-400-jahren-in-seinen-bann-zog-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/209362\/","title":{"rendered":"Wie das Alte \u00c4gypten die Leipziger seit 400 Jahren in seinen Bann zog \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Das Alte \u00c4gypten hat die Europ\u00e4er schon immer fasziniert. Nicht nur mit seinen gewaltigen Pyramiden. Auch mit seiner unvorstellbar langen Geschichte. Aber auch mit seiner beeindruckenden Religion. Das ist bei griechischen Autoren schon nachzulesen, die jahrhundertelang im Grunde die einzigen Quellen waren, aus denen sich die Mitteleurop\u00e4er \u00fcber das sagenhafte Land am Nil informieren konnten. Reisen dorthin waren bis in die Fr\u00fche Neuzeit selten und gef\u00e4hrlich. Aber mit den Forschungsreisen im 15. und 16. Jahrhundert wuchs auch die Neugier. Auch in Leipzig.<\/p>\n<p>Dass sich die<a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/leipzig-bildet\/2024\/11\/spuren-des-alten-agypten-an-der-pleisse-leipziger-historikerin-buchprojekt-vermachtnis-freundin-609568\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Literaturwissenschaftlerin und Historikerin Katrin L\u00f6ffler<\/a> mit der Geschichte der Rezeption des Alten \u00c4gyptens in Leipzig zu besch\u00e4ftigen begann, hat mit der 2022 verstorbenen Leipziger \u00c4gyptologin Elke Blumenthal zu tun, die sich auch nach ihrer Emeritierung mit diesem ganz speziellen Forschungsgegenstand auseinandersetzte, das Buch aber selbst nicht mehr schreiben konnte und das Thema Katrin L\u00f6ffler zu treuen H\u00e4nden gab.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0021b1513229402aa2b4e7bbf66f51b3.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/06\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/06\/1\"\/><\/p>\n<p>Ein Thema, das f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht Forschungsgegenstand ist. Und das betrifft nicht nur die \u00c4gyptologie. Das betrifft auch andere Studienf\u00e4cher. Obwohl der Forschungsgegenstand viel dar\u00fcber verr\u00e4t, wie wir selbst mit der Kultur anderer V\u00f6lker umgehen, wie uns diese Kulturen faszinieren und wir damit eigene Sehns\u00fcchte, Erwartungen und Vorstellungen verbinden.<\/p>\n<p>In Leipzig kommt noch hinzu: Als Buchstadt war Leipzig immer auch ein besonderer Ort, \u00fcber den die neuesten Erkenntnisse und Berichte \u00fcber \u00c4gypten liefen. Hier ver\u00f6ffentlichten Reisende, Forscher und Historiker ihre B\u00fccher. Hier waren aber auch die Verlage, die in der Lage waren, nicht nur hochwertige Drucke mit den Ansichten der \u00e4gyptischen Altert\u00fcmer zu ver\u00f6ffentlichen, sondern auch die ersten B\u00fccher mit \u00e4gyptischen Schriftzeichen, nachdem diese endlich entziffert werden konnten.<\/p>\n<p>\u00c4gypten im Stadtbild entdecken<\/p>\n<p>Und so war es folgerichtig, dass an der Universit\u00e4t Leipzig auch einer der ersten \u00e4gyptologischen Lehrst\u00fchle entstand und sich hier mehrere Lehrstuhlinhaber als f\u00fchrende Forscher auf ihrem Gebiet profilierten.<\/p>\n<p>Die dann auch selbst zu Forschungsreisen nach \u00c4gypten aufbrachen und jene Funde mitbrachten, die heute den Bestand des \u00c4gyptischen Museums der Universit\u00e4t ausmachen. Und nat\u00fcrlich blieb es dabei nicht. Denn die Faszination des Alten \u00c4gyptens strahlte auch in die Stadt aus. Und wer seine Augen \u00f6ffnet, sieht diese Zeugnisse einer \u00c4gypten-Rezeption, zu deren Erkundung Katrin L\u00f6ffler regelrecht auf eine \u00c4gypten-Tour einl\u00e4dt. Eine Tour, die dabei hilft, die Augen zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Denn so wie es keineswegs selbstverst\u00e4ndlich ist, dass auf Leipziger Friedh\u00f6fen und in Parks kleine Pyramiden stehen, die die uralte \u00e4gyptische Begr\u00e4bniskultur zitieren, ist es auch nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass selbst an markanter Stelle Obelisken stehen. Scheinbar reine Stilelemente, die sich die K\u00fcnstler f\u00fcr ihre Entw\u00fcrfe angeeignet haben. Die markantesten sind das Eisenbahndenkmal an der Goethestra\u00dfe und der Obelisk am Mendebrunnen auf dem Augustusplatz.<\/p>\n<p>Aber selbst an Eisenbahn\u00fcberf\u00fchrungen sieht man Obelisken als Stilelemente. Zeichen daf\u00fcr, wie stark die \u00e4gyptische Kultur gerade im 19. Jahrhundert rezipiert wurde. Wohl nicht nur in Leipzig. Aber f\u00fcr andere St\u00e4dte fehlt eine so umfassende Ausarbeitung, wie sie Katrin L\u00f6ffler hier ausgehend von den Forschungen Elke Blumenthals vorgelegt hat. Und nat\u00fcrlich erw\u00e4gt sie auch die Frage, was hinter dieser zeitweise sehr umfassenden Rezeption stehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wobei es auf der Hand liegt, dass hier mehrere Faktoren zusammenkamen \u2013 von den v\u00f6llig neuen M\u00f6glichkeiten eines Tourismus, der sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte, bis hin zur \u2013 kolonialistisch gepr\u00e4gten \u2013 Sicht auf die Welt. Beide verst\u00e4rkt durch Ver\u00f6ffentlichungen, welche die \u00c4gypten-Faszination auch beim weniger betuchten Publikum entfachte. Wobei einer der ber\u00fchmtesten Leipziger Forscher, Georg Ebers, mit seinen \u00c4gypten-Romanen eine nicht ganz unwichtige Rolle spielte. Auch das beleuchtet Katrin L\u00f6ffler.<\/p>\n<p>Forschung und Legenden<\/p>\n<p>Genauso wie die 200-j\u00e4hrige Geschichte der \u00c4gyptologie an der Universit\u00e4t Leipzig \u2013 neben Georg Ebers gepr\u00e4gt durch Wissenschaftler wie den fr\u00fch verstorbenen Friedrich August Wilhelm Spohn, dessen Grab zwar nicht erhalten ist. Aber als Teil seiner einst sehr markanten Grabanlage auf dem Alten Johannisfriedhof hat sich die \u00e4gyptisch nachempfundene S\u00e4ule erhalten, die man auf dem Alten Johannisfriedhof auch heute noch sehen kann.<\/p>\n<p>Mit Gustav Seyffarth wird einer seiner Nachfolger ins Bild gesetzt, der bei seinen Forschungen eher ein ungl\u00fcckliches H\u00e4ndchen hatte. Aber mit Georg Ebers und Georg Steindorff erreichte die Leipziger \u00c4gyptologie Spitzenniveau. <a href=\"https:\/\/www.gkr.uni-leipzig.de\/aegyptisches-museum\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das \u00c4gyptische Museum<\/a>, das heute den Namen des von den Nazis vertriebenen Professors tr\u00e4gt, ist ohne Steindorff nicht denkbar.<\/p>\n<p>Aber L\u00f6ffler streift auch ein Kapitel, das f\u00fcr Liebhaber von spannungsgeladener Literatur gar nicht so fremd ist: die Welt der Freimaurer, die auch in Leipzig \u2013 und zwar nicht nur im Logennamen \u2013 \u00e4gyptische Symbole und Legenden aufnahmen. Nur dass ihre Welt mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Zerst\u00f6rungen genauso zu Staub der Zeit wurde, wie die der \u00e4gyptischen Reiche. Mit deutlich weniger Zeugnissen ihrer Existenz, auch wenn man diese an Leipziger Obelisken und sogar bei genauerem Hinsehen am V\u00f6lkerschlachtdenkmal entdecken kann.<\/p>\n<p>Was Katrin L\u00f6ffler hier also vorlegt, ist eine recht umfassende Geschichte davon, wie Leipziger in den vergangenen rund 400 Jahren \u00e4gyptische Kunst und Geschichte aufnahmen und verstanden. Dass sie da manches auch falsch verstanden, weil anfangs \u2013 wie man das kennt \u2013 alte \u00dcberlieferungen und fantasiereiche Thesen dominierten \u2013 geh\u00f6rt mit zur Geschichte.<\/p>\n<p>Davon erz\u00e4hlt auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grosses_vollst%C3%A4ndiges_Universal-Lexicon_Aller_Wissenschafften_und_K%C3%BCnste\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der \u201eZedler\u201c<\/a>, das wohl ma\u00dfgebende Lexikon der deutschen Aufkl\u00e4rung. Aufkl\u00e4rung bedeutete eben auf fast allen Wissensgebieten oft gerade erst den Anfang, mit alten M\u00e4rchen und Vorstellungen aufzur\u00e4umen. Was aber nicht bedeutete, dass die Zeitgenossen mit dem vor allem in B\u00fcchern verbreiteten Wissen nichts anfangen konnten. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>\u00c4gypten auf der B\u00fchne<\/p>\n<p>Sie lie\u00dfen sich regelrecht faszinieren, wie die Innenraumgestaltung der Nikolaikirche durch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Carl_Friedrich_Dauthe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Johann Carl Friedrich Dauthe<\/a> zeigt, in der er griechische und \u00e4gyptische S\u00e4ulenformen mit filigran aufsprie\u00dfenden Palmbl\u00e4ttern verband. Und die Palme spielt nicht nur in der Bibel eine zentrale Rolle, sondern neben anderen Pflanzen aus dem Nildelta auch in der \u00e4gyptischen Kunst. Dass die so gestalteten S\u00e4ulen auch geradezu zum Symbol der Friedlichen Revolution geworden sind, wird nat\u00fcrlich auch erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Es lohnt sich also, mit Katrin L\u00f6ffler auf die Spurensuche zu gehen und die \u00fcberdauernden Relikte einer einst sehr umfassenden \u00c4gypten-Rezeption zu suchen. Eine Rezeption, die gerade im 19. Jahrhundert selbstverst\u00e4ndlich war \u2013 nicht nur in Leipzig. Davon erz\u00e4hlen neben B\u00fcchern auch Dramen und Opern, wie die bis heute mit begeistertem Publikum immer wieder gespielte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aida_(Oper)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Oper \u201eAida\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>Aber selbst Mozarts \u201eZauberfl\u00f6te\u201c spielt mit \u00e4gyptischen Motiven. Und die Frage steht durchaus, wie heftig die (Wieder-)Entdeckung \u00c4gyptens auf Kunst, Kultur und Reiselust in Deutschland wirkte. Erst recht, als im fr\u00fchen 20. Jahrhundert Foto und Film die gro\u00dfen Entdeckungsgeschichten begleiteten und die Leipziger, die es sich leisten konnten, dazu animierten, selbst ins legend\u00e4re Giza zu fahren, um Pyramiden und Sphinx zu bewundern.<\/p>\n<p>Neugier und Aneignung<\/p>\n<p>Und es ist gut m\u00f6glich, dass die Faszination bis heute nicht nachgelassen hat. Auch wenn Architekten eher auf Verzierungen mit Obelisken, Sphingen und Pylonen verzichten. Im Grunde erz\u00e4hlt L\u00f6fflers Buch ja von dieser anhaltenden Faszination, nur dass der Blick sich jetzt auf die durchaus beeindruckende Rezeptionsgeschichte des Ph\u00e4nomens \u00c4gypten in Leipzig richtet. Eine Geschichte, die auch von Neugier, Reiselust und gewaltigem Wissensdurst erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Es ist ja nicht nur das Geheimnisvolle, das neugierig macht auf die Geschichte der \u00e4gyptischen Reiche und Dynastien, sondern auch ihr verbl\u00fcffender Reichtum, der selbst heute noch wahrnehmbar ist, obwohl die \u00e4gyptischen Sch\u00e4tze Jahrtausende der Pl\u00fcnderung erlebten und eines gedankenlosen wie fahrl\u00e4ssigen Umgangs mit diesen Sch\u00e4tzen aus dem W\u00fcstensand. Deren Weg in europ\u00e4ische Sammlungen sogar zeitweilig der einzige war, sie vor dem Verschwinden in finsteren Kan\u00e4len zu retten.<\/p>\n<p>Elke Blumenthal war es \u00fcbrigens auch, die wesentlich dazu beitrug, den Lehrstuhl f\u00fcr \u00c4gyptologie an der Universit\u00e4t Leipzig zu retten. Und das \u00c4gyptische Museum ist bis heute der Ort, an dem auch die Leipziger die Faszination dieser Jahrtausende alten Kultur entdecken k\u00f6nnen. Das Buch l\u00e4dt auch dazu ein und macht so nebenbei deutlich, wie sehr unsere eigene Kultur auch in diesem speziellen Fall durch die Kultur eines scheinbar fremden und fernen Landes bereichert wurde.<\/p>\n<p>Und viele Elemente dieser Rezeption so nahtlos in die eigene Kultur \u00fcbernommen wurden, dass der Betrachter oft gar nicht mehr sieht, dass hier tats\u00e4chlich \u00e4gyptische Stilelemente \u00fcbernommen wurden. Manchmal einfach der \u00c4sthetik wegen.<\/p>\n<p>Aber oft genug auch bewusst, weil damit auch eine Botschaft oder ein Bekenntnis verbunden war, entschl\u00fcsselbar oft erst, wenn man \u00fcberhaupt erst bemerkt, dass der Schl\u00fcssel in der \u00e4gyptischen Geschichte liegt.<\/p>\n<p><strong>Katrin L\u00f6ffler <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783957972125@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201ePyramiden an der Plei\u00dfe\u201c<\/a><\/strong> Lehmstedt Verlag, Leipzig 2025, 48 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Alte \u00c4gypten hat die Europ\u00e4er schon immer fasziniert. Nicht nur mit seinen gewaltigen Pyramiden. 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