{"id":209645,"date":"2025-06-22T05:57:09","date_gmt":"2025-06-22T05:57:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/209645\/"},"modified":"2025-06-22T05:57:09","modified_gmt":"2025-06-22T05:57:09","slug":"sie-sollen-einfach-leben-duerfen-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/209645\/","title":{"rendered":"\u00bbSie sollen einfach leben d\u00fcrfen\u00ab \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Fadi Khorshid steht auf den Stra\u00dfen von Damaskus, es ist Februar 2025. Zehn Jahre vorher floh er aus der syrischen Hauptstadt, musste seine Familie zur\u00fccklassen. Besuchen konnte er sie wegen des B\u00fcrgerkriegs nicht. Erst mit dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad letzten Dezember w\u00e4chst die Hoffnung auf ein endg\u00fcltiges Ende des Konflikts. Und Khorshid kann seine Familie endlich wieder besuchen. Doch jetzt, wo er an dem Ort ist, der so lange unerreichbar war, \u00fcberwiegt f\u00fcr Khorshid der Schock: \u00bbDie Leute dort sind sehr arm. Sie haben kaum Wasser. Der Strom kommt mal f\u00fcr zwei Stunden am Tag, dann aber wieder f\u00fcr drei Tage nicht\u00ab, erz\u00e4hlt er. \u00bbIch war traurig und entt\u00e4uscht.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDer Sturz Assads hat uns alle v\u00f6llig \u00fcberrascht\u00ab, erinnert sich Khorshid an den 8. Dezember 2024, als er im Mai den kreuzer in Leipzig zum Gespr\u00e4ch trifft. \u00bbIn den Jahren zuvor waren wir entt\u00e4uscht und hoffnungslos. Die Situation hatte uns sehr belastet.\u00ab 2015 floh er aufgrund des B\u00fcrgerkriegs nach Deutschland. Vielen Syrerinnen und Syrer sei es an dem Tag \u00e4hnlich gegangen, wisse er aus Erz\u00e4hlungen von Bekannten. <\/p>\n<p>Zwischen Zweifel und Zuversicht<\/p>\n<p>Doch das war im Dezember. Seitdem ist viel passiert: Ahmed al-Scharaa, ehemaliger Anf\u00fchrer der islamistischen Miliz Hai\u02beat Tahrir asch-Scham (HTS), ist nun Pr\u00e4sident und hat eine \u00dcbergangsregierung gegr\u00fcndet. Die anf\u00e4ngliche Freude ist bei vielen verflogen. \u00bbDamals hatte ich noch gro\u00dfe Hoffnung auf eine Zukunft in Syrien. Doch ein paar Wochen sp\u00e4ter wurde das alles zerst\u00f6rt\u00ab, erz\u00e4hlt Sarah Hamdan (Name von der Redaktion ge\u00e4ndert) dem kreuzer. Aus Angst um ihre Familie in Syrien m\u00f6chte sie lieber anonym bleiben. Im M\u00e4rz ver\u00fcbten dschihadistische Gruppen Massaker an Alawiten, einer schiitischen Minderheit in Syrien. Die Islamisten t\u00f6teten Hunderte Menschen. Hamdan, selbst Alawitin, habe viele Freundinnen und Freunde verloren. \u00bbDas weckt schmerzhafte Erinnerungen an die syrische Revolution von 2011, in der so viele Menschen ihr Leben verloren haben. Alles wiederholt sich, nur noch schlimmer.\u00ab<\/p>\n<p>Anders als Hamdan hat Khorshid noch Vertrauen in die neue Regierung. Sie versuche wirklich, etwas zu schaffen, sagt er: \u00bbJeder darf sich Sorgen machen, aber ich finde, es ist noch zu fr\u00fch. Wir sind alle Syrer \u2013 wenn euch Unrecht geschieht, stehen wir zu euch.\u00ab Ola Aljari, die vor elf Jahren mit ihrem Mann nach Deutschland kam, warnt hingegen, dass der Konflikt weitergehe, wenn die Regierung jetzt den Minderheitenschutz nicht angehe. Doch f\u00fcr sie ist klar: \u00bbWir haben angefangen, in die richtige Richtung zu gehen. Die Syrer geben sich nicht mit weniger als Demokratie zufrieden.\u00ab<\/p>\n<p>Sehnsucht nach Normalit\u00e4t<\/p>\n<p>Bis dahin bleibt allerdings viel zu tun. Sicherheit sei nun die oberste Priorit\u00e4t, sagt Khorshid. Nach 14 Jahren Blutvergie\u00dfen w\u00fcnschten sich die Leute einfach ein Ende, betont auch Hamdan. Als ein wichtiger Schritt dorthin k\u00f6nnte gelten, dass die neue Regierung zuk\u00fcnftig Minderheiten besser repr\u00e4sentieren will, etwa durch die Ernennung einer christlichen Frau zur Ministerin. Doch Ola Aljari findet, das sei \u00bbnur eine Show f\u00fcr den Westen\u00ab. Auch Hamdan h\u00e4lt das nur f\u00fcr ein \u00bbsch\u00f6nes Bild\u00ab. F\u00fcr Khorshid steht zun\u00e4chst die R\u00fcckkehr zu Stabilit\u00e4t und Normalit\u00e4t im Vordergrund \u2013 als Voraussetzung daf\u00fcr, dass Rechte von Minderheiten und Frauen k\u00fcnftig wirksam gesch\u00fctzt werden k\u00f6nnen. \u00bbMeine Mutter will ein normales Leben, gutes Essen, ein warmes Zuhause. Was bringt es, jetzt \u00fcber diese Rechte zu sprechen?\u00ab<\/p>\n<p>Internationaler Druck<\/p>\n<p>Im Moment sind Grundbed\u00fcrfnisse wie Wasser, Lebensmittel und ein Dach \u00fcber dem Kopf in Syrien gerade alles andere als selbstverst\u00e4ndlich, berichten auch Aljari und Hamdan. Das liege auch an den Sanktionen westlicher Staaten gegen das alte Regime, sagt Khorshid. Sie tr\u00e4fen jedoch vor allem die Bev\u00f6lkerung und erschwerten das t\u00e4gliche Leben der Menschen. Umso unverst\u00e4ndlicher, dass die Sanktionen mit der neuen Regierung weiterhin aufrechterhalten werden, findet er. \u00bbSo fehlt das Geld f\u00fcr den Wiederaufbau, es steht alles still\u00ab, sagt auch Aljari. Dass die deutsche Regierung so schnell nach dem Sturz Assads von R\u00fcckf\u00fchrungen sprach, l\u00f6ste daher bei vielen Syrerinnen und Syrern Unverst\u00e4ndnis und Angst aus. \u00bbEs ist weder m\u00f6glich noch logisch, jetzt Menschen zur\u00fcckzuschicken. Syrien ist zerst\u00f6rt\u00ab, sagt Aljari. \u00bbWenn sich die Lage verbessert, dann k\u00f6nnen wir die Leute daf\u00fcr begeistern, zur\u00fcckzukehren. Aber jetzt ist das nicht m\u00f6glich\u00ab, findet auch Khorshid.<\/p>\n<p>In Leipzig zu Hause<\/p>\n<p>Doch statt zur\u00fcckzukehren, m\u00f6chten viele sich lieber in ihrer neuen Heimat Leipzig einbringen. \u00bbIch liebe die Stadt und will f\u00fcr immer hier bleiben\u00ab, sagt Khorshid: \u00bbIch will etwas zur\u00fcckgeben, sowohl meiner deutschen als auch der syrischen Community. Denn wir leben jetzt in Deutschland, es ist auch unser Land.\u00ab<\/p>\n<p>Doch dass das Ankommen in Leipzig nicht einfach ist, zeigt Hamdans Geschichte. Sie kam bereits vor 2011 mit ihrem Mann nach Deutschland. Eigentlich wollten sie nur ein paar Jahre bleiben. Doch der B\u00fcrgerkrieg \u00e4nderte alles. \u00bbDie st\u00e4ndige Angst um unsere Familien in Syrien war kaum auszuhalten\u00ab, erinnert sie sich. \u00bbUnd gleichzeitig ging das Leben hier weiter. Irgendwann wurde mir klar, dass ich durch das andauernde Warten mein echtes Leben verpasse.\u00ab Heute bezeichnet sie Leipzig als ihr Zuhause, arbeitet im sozialen Bereich und studiert. Doch seit dem Massaker im M\u00e4rz ist die Angst um ihre Verwandten in Syrien zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auch Aljari hat hier ein neues Zuhause gefunden. Die Stadt gefiel ihr wegen der Gr\u00f6\u00dfe, dem Gr\u00fcn und den vielen jungen Leuten. Zun\u00e4chst arbeitete sie hier als Journalistin. Nach der Geburt ihrer Kinder machte sie sich im Online-Marketing selbstst\u00e4ndig: \u00bbIch hoffe, dass wir in den n\u00e4chsten Jahren Leipzig nicht verlassen werden. Wenn wir im Urlaub sind, vermissen wir die Stadt.\u00ab <\/p>\n<p>B\u00fcrokratische H\u00fcrden und Unsicherheit<\/p>\n<p>2023 lebten in Leipzig rund 14000 syrische Migrantinnen und Migranten. F\u00fcr Khorshid Grund genug, 2025 f\u00fcr den Leipziger Migrantinnen- und Migrantenbeirat (LMB) zu kandidieren \u2013 mit Erfolg. \u00bbViele f\u00fchlen sich hier wohl, aber eben nicht alle\u00ab, sagt er. Erst seit seiner Einb\u00fcrgerung k\u00f6nne er die Stadt richtig genie\u00dfen. Bis dahin dauerte es, trotz erf\u00fcllter Voraussetzungen, drei Jahre. Im LMB will er sich nun f\u00fcr eine zug\u00e4nglichere Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde einsetzen. Denn die st\u00e4ndige Unsicherheit \u00fcber die eigene Bleibeperspektive sei f\u00fcr viele psychisch belastend. <\/p>\n<p>Auch Aljari kennt die deutsche B\u00fcrokratie. Oft w\u00fcrden Dokumente aus Syrien eingefordert, die unm\u00f6glich zu beschaffen seien. So bleibe ein in Leipzig geborenes Kind auch mal jahrelang ohne Geburtsurkunde. \u00bbJeden Tag wachen wir auf und m\u00fcssen Papierkram erledigen.\u00ab Und unter der neuen Regierung und ihrer versch\u00e4rften Einwanderungspolitik werde die Situation nicht einfacher \u2013 im Gegenteil. Besonders Friedrich Merz\u2018 Vorschlag von Anfang des Jahres, man k\u00f6nne Straft\u00e4tern mit Doppelpass die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft entziehen, beunruhigt Aljari: \u00bbNiemand ist mehr sicher. Selbst Menschen, die in Deutschland geboren wurden oder eine Staatsb\u00fcrgerschaft haben. Wir f\u00fchlen uns wie B\u00fcrger zweiter Klasse\u00ab, berichtet Aljari. Und Khorshid sorgt sich, dass nun Aufenthaltsgenehmigungen pausiert werden k\u00f6nnten. Mit Blick auf erst k\u00fcrzlich angekommene Syrerinnen und Syrier fragt er sich: \u00bbWie sollen Menschen sich integrieren, wenn sie nicht wissen, ob sie bleiben d\u00fcrfen?\u00ab <\/p>\n<p>Was kann die Stadt tun? Der LMB sei bereits ein wichtiger Schritt, um die syrische Community besser ins politische Leben zu integrieren, sagt Hamdan. Sie und Aljari w\u00fcnschen sich zudem mehr Sprachkurse, besonders f\u00fcr \u00e4ltere Menschen und junge M\u00fctter. Laut Hamdan spielt auch das Ehrenamt eine zentrale Rolle: Es helfe beim Kn\u00fcpfen von Kontakten und er\u00f6ffne berufliche Perspektiven. So auch bei Khorshid, der sich nach seiner Ankunft in Leipzig 2017 bei mehreren Vereinen engagierte und jetzt bei der Johanniter-Unfall-Hilfe ist. Nun plant er eine Weiterbildung, um seine bisherigen Erfahrungen im sozialen Bereich auch auf dem Papier vorweisen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Ans Weggehen denken die drei kaum. Und unabh\u00e4ngig davon, ob jemand bleiben oder gehen m\u00f6chte, w\u00fcnscht Hamdan sich Sicherheit und Akzeptanz f\u00fcr alle Syrerinnen und Syrer: \u00bbSie sollen einfach leben d\u00fcrfen.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Fadi Khorshid steht auf den Stra\u00dfen von Damaskus, es ist Februar 2025. 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