{"id":210688,"date":"2025-06-22T15:47:26","date_gmt":"2025-06-22T15:47:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/210688\/"},"modified":"2025-06-22T15:47:26","modified_gmt":"2025-06-22T15:47:26","slug":"georgi-gospodinovs-roman-der-gaertner-und-der-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/210688\/","title":{"rendered":"Georgi Gospodinovs Roman &#8222;Der G\u00e4rtner und der Tod&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>In &#8222;Der G\u00e4rtner und der Tod&#8220; treiben Liebe, Empathie und Z\u00e4rtlichkeit die sch\u00f6nsten Bl\u00fcten und bilden ein \u00fcppiges Dickicht, in der aus dem gleichen N\u00e4hrboden die unterschiedlichsten Gew\u00e4chse entstehen. &#8222;Der G\u00e4rtner und der Tod&#8220;, am Kranken- und Sterbebett des Vaters begonnen und zur G\u00e4nze mit der Hand geschrieben, w\u00e4hrend (zumindest im \u00fcbertragenen Sinn) die andere Hand jene des langsam die Welt verlassenden Vaters hielt, ist wie ein Gegenentwurf zu Franz Kafkas &#8222;Brief an den Vater&#8220;. &#8222;Die gesamte Weltliteratur &#8211; die bulgarische macht da keine Ausnahme &#8211; besingt die Mutter und schreibt kafkaesk bittere Briefe an den Vater&#8220;, schreibt Gospodinov in dem autofiktionalen Roman.<\/p>\n<p>Der Roman &#8222;Zeitzuflucht&#8220;, 2020 in Bulgarien erschienen, 2022 auf Deutsch \u00fcbersetzt und 2023 f\u00fcr seine englische \u00dcbersetzung mit dem International-Booker-Preis ausgezeichnet, war der bisher gr\u00f6\u00dfte Erfolg des 1968 geborenen Autors. Schauplatz war eine &#8222;Klinik f\u00fcr die Vergangenheit&#8220; f\u00fcr Alzheimer-Kranke, in der jedes Stockwerk im Dekor einem bestimmten Jahrzehnt nachempfunden ist. Schon damals war einer der Patienten seinem Vater nachempfunden, der bereits 17 Jahre zuvor mit einer vernichtenden Krebsdiagnose konfrontiert war. Dieses &#8222;erste Sterben&#8220; des Vaters findet nun auch Eingang in die 91 kurze Kapitel umfassende Auseinandersetzung mit Leben und Tod, mit Mensch und Natur. Die Pflege des riesigen Gem\u00fcse-, Obst- und Blumengartens sei damals eine lebensrettende Aufgabe f\u00fcr seinen Vater gewesen, glaubt Gospodinov. Bis der Krebs zur\u00fcckkam.<\/p>\n<p>&#8222;Diesem Buch l\u00e4sst sich nicht leicht ein Genre zuordnen, es muss es selbst erfinden. So wie man dem Tod kein Genre zuordnen kann. Auch nicht dem Leben. Und dem Garten? Vielleicht ist er selbst ein Genre oder vereint alle \u00fcbrigen in sich. Ein elegischer Roman, ein Memoirenroman oder ein Gartenroman. Der Botanik der Schwermut ist das egal&#8220;, schreibt Gospodinov, der nach dem Tod des Vaters ein akribisch gef\u00fchrtes Tagebuch von dessen t\u00e4glichen Pflanz- und Erntearbeiten findet, mit dem hinterlassenen Garten schon aufgrund seiner Lebensumst\u00e4nde aber weniger anzufangen wei\u00df als sein Bruder. Der bringt dem Vater 40 Tage lang in der Fr\u00fch den Kaffee und eine Morgenzigarette ans Grab. Eine der vielen Stellen, die auch das Herz des Lesers ergreifen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich wei\u00df nicht, ob das Schreiben dieses Buches meine Sicht auf meinen Vater ver\u00e4ndert hat. Aber ich wei\u00df mit Sicherheit, dass es die Perspektive vieler Leser:innen zu ihren V\u00e4tern ver\u00e4ndert hat&#8220;, erz\u00e4hlt Gospodinov in einem vom Verlag verbreiteten Interview. &#8222;Ich bekomme st\u00e4ndig Briefe von Leuten, die sagen, dass sie, nachdem sie die letzte Seite zu Ende gelesen hatten, sofort ihre V\u00e4ter angerufen haben.&#8220;<\/p>\n<p>Das kann man ihnen nicht verdenken, denn das Bild, das er von seinem Vater zeichnet, ist voller Liebe, aber ohne Kitsch. Im realen Sozialismus seien die V\u00e4ter kaum pr\u00e4sent gewesen, denn die h\u00e4tten in der Regel in der Fabrik gearbeitet. Manche von ihnen auch in der &#8222;Ohrfeigenfabrik&#8220;, erz\u00e4hlt er in einer der vielen Anekdoten, in der ihn seine eigene Tochter fragt, was eigentlich Ohrfeigen seien. Der eigene Vater habe kaum je gez\u00fcchtigt, sein strenger Blick habe gen\u00fcgt, die Kinder zum Schweigen zu bringen, schreibt Gospodinov, baut aber auch zahlreiche kleine Geschichten ein, die den Mutterwitz und den Humor des Vaters belegen.<\/p>\n<p>Am meisten aber beeindruckt &#8222;Der G\u00e4rtner und der Tod&#8220; mit dem Wechsel der Rollen, mit der selbstverst\u00e4ndlichen Annahme der neuen Aufgabe durch den Sohn, der sich in einer Rettungsaktion in der Nachtapotheke Erwachsenen-Windeln besorgen muss und in die Rolle des ungelernten Palliativpflegers hineinw\u00e4chst, w\u00e4hrend Vater und Sohn bewusst wird, dass der Kranke das Bett in der Wohnung des Sohnes im vierten Stock eines Hauses wohl nie mehr lebend verlassen wird.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist wichtig, ihre Hand zu halten, w\u00e4hrend sie sterben, sage ich zu einem Freund, der ebenfalls seinen Vater verloren hat. Wichtig ist, dass wir sie danach loslassen, antwortet er nach kurzem Schweigen.&#8220;<\/p>\n<p>(Von Wolfgang Huber-Lang\/APA)<\/p>\n<p>(S E R V I C E &#8211; Georgi Gospodinov: &#8222;Der G\u00e4rtner und der Tod&#8220;. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Aufbau Verlag, 240 S., 24,70 Euro)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In &#8222;Der G\u00e4rtner und der Tod&#8220; treiben Liebe, Empathie und Z\u00e4rtlichkeit die sch\u00f6nsten Bl\u00fcten und bilden ein \u00fcppiges&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":210689,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[68037,3101,1784,1785,29,214,663,30,1229,68035,27171,1433,215,68036,6296],"class_list":{"0":"post-210688","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-978-3-351-04261-5","9":"tag-belletristik","10":"tag-books","11":"tag-buecher","12":"tag-deutschland","13":"tag-entertainment","14":"tag-europa","15":"tag-germany","16":"tag-kritik","17":"tag-kultur-oesterreich","18":"tag-mittel","19":"tag-oesterreich","20":"tag-unterhaltung","21":"tag-verstehen-give-me-perspective","22":"tag-wien"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114727802966570117","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/210688","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=210688"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/210688\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/210689"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=210688"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=210688"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=210688"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}