{"id":212210,"date":"2025-06-23T06:21:10","date_gmt":"2025-06-23T06:21:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/212210\/"},"modified":"2025-06-23T06:21:10","modified_gmt":"2025-06-23T06:21:10","slug":"poetikvorlesungen-sind-ein-hoellengenre-aktuelles-aus-der-goethe-universitaet-frankfurt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/212210\/","title":{"rendered":"\u201ePoetikvorlesungen sind ein H\u00f6llengenre\u201c | Aktuelles aus der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt"},"content":{"rendered":"<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/beitragsbild_Poetikvorlesungen_650x450px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-84474\" style=\"width:582px;height:auto\"  \/>Judith Schalansky  <\/p>\n<p>Judith Schalansky \u00fcbernimmt im Sommersemester die Frankfurter Poetikdozentur. Im Gespr\u00e4ch mit dem UniReport spricht sie unter anderem \u00fcber Sammeln als Art der Weltaneignung, \u00fcber den Verlust der Dinge und den Trost der Kultur und \u00fcber Bio- und Bibliodiversit\u00e4t.\u00a0<\/p>\n<p><strong>UniReport: Frau Schalansky, gibt es Orte,an denen Sie bevorzugt Ihre Texte schreiben? Wie m\u00fcssen diese Orte beschaffen sein?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Judith Schalansky<\/strong>: Es ist kein Geheimnis, dass ich in der Berliner Staatsbibliothek schreibe, in dem Bau von Hans Scharoun an der Potsdamer Stra\u00dfe, der aus guten Gr\u00fcnden ,Leselandschaft\u2018 genannt wird. Dort kann man ziemlich konzentriert allein vor sich hin werkeln und ist doch unter Menschen. Ich ben\u00f6tige zum Schreiben aber nicht nur die Ruhe, sondern auch den B\u00fccherfundus. Die Bibliothek ist mein nat\u00fcrliches Habitat. Ohnehin verstehe ich mein Schreiben als Forschen.<\/p>\n<p><strong>In vielen Ihrer Arbeiten verbinden sich wissenschaftliche Recherche, poetische Sprache und gestalterische Pr\u00e4zision. Welche Rolle spielt dabei f\u00fcr Sie das Sammeln \u2013 von Stoffen, Themen, Bildern? Ist das eine Methode, eine Haltung oder gar eine Form von Weltaneignung? Wie \u00e4ndert das Schreiben \u00fcber die Welt die eigene Wahrnehmung der Welt?<\/strong><\/p>\n<p>Mich fasziniert immer wieder, wie sich ein Gegenstand mit zunehmender Durchdringung ver\u00e4ndert und mit ihr jene Fragen, die man sich urspr\u00fcnglich gestellt hat. Es ist wie mit den Mandelbrot\u2019schen Fraktalen, die auch beim weiter voranschreitenden Hineinzoomen immer neue, komplexere Muster und Strukturen offenbaren. Es ist endlos. Das Sammeln wiederum ist oft der Ausgangspunkt, die Voraussetzung f\u00fcr eine Weltaneignung\u00a0\u2013 und offenbar eine anthropologische Konstante: Man findet irgendetwas und schleppt es in seinen Bau. Erst sp\u00e4ter wei\u00df man, was davon wirklich gebraucht wird, zitiert, exzerpiert, paraphrasiert, rezipiert. Die Kunst ist nat\u00fcrlich, irgendwann alles Gelesene zu vergessen, um einen Tonfall zu finden, eine Haltung, einen Zugang \u2013 und den eigenen Text zu schreiben. Ein gro\u00dfer, metamorphotischer Kreislauf, w\u00e4hrend dem aus Sekund\u00e4r- wieder Prim\u00e4rliteratur wird.<\/p>\n<p><strong>Ihr Buch \u00bbVerzeichnis einiger Verluste\u00ab (2018) l\u00e4sst sich als Text verstehen, der da ansetzt, wo mal etwas gewesen ist \u2013 also im Grunde mit den Hinweisen, Zeichen und Beweisen f\u00fcr den Verlust eines Dings innerhalb der Welt. Sie schaffen es damit, durch Erinnerung an das Verlorengegangene eine Form der Anwesenheit des Abwesenden herzustellen. In welchem Verh\u00e4ltnis zueinander steht Stofflichkeit\/Materialit\u00e4t zum Verlorengegangenen in Ihren Texten? Ist das Verschwinden f\u00fcr Sie eher Bedrohung oder \u00e4sthetische Chance?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist beides und miteinander verbunden. Der drohende oder der erlittene Verlust schafft die Dringlichkeit, sich mit einem Sachverhalt auseinanderzusetzen, sei es der Tod eines Angeh\u00f6rigen oder die Tatsache, dass Gr\u00f6nlands Eisdecke schmilzt. Ich pers\u00f6nlich bin \u00fcberzeugt, dass Verlusterfahrungen am Beginn menschlicher Kulturbet\u00e4tigung stehen, schmerzhafte Erlebnisse, die geb\u00e4ndigt oder beschw\u00f6rt und k\u00fcnstlerisch bearbeitet geh\u00f6rten. Irgendwann haben unsere Vorfahren damit begonnen, die toten Artgenossen nicht mehr der Witterung und den anderen Tieren zu \u00fcberlassen, sondern sie zu verscharren oder gar zu vergraben und sie damit aus dem Nahrungskreislauf entfernt. Etwas wird mit Bedeutung aufgeladen, das magische Denken beginnt. Jede gelungene Trauerfeier schafft diesen transzendenten Moment, in dem die verstorbene Person gleichzeitig anwesend und abwesend ist. Nicht selten spielen Dichtung und Musik dabei eine entscheidende Rolle. Trost ist ohne Kultur nicht zu haben.<\/p>\n<p><strong>Sie sind in der DDR aufgewachsen, waren bei der Wende aber erst 9 Jahre alt. Woran erinnern Sie sich, spielt das Verschwinden einer DDR-Alltagswirklichkeit und die Erinnerung daran eine Rolle f\u00fcr ihr dichterisches Schaffen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnere mich an sehr vieles und habe dar\u00fcber immer wieder geschrieben. Es ist \u2013 und bleibt \u2013 das Land meiner Kindheit. Noch entscheidender als diese Erfahrung in einem anderen System sind wohl die Momente des Aufbruchs und die Jahre des Umbruchs, die darauf folgten \u2013 und die mich wom\u00f6glich sensibel f\u00fcr das utopische Denken gemacht haben. Es k\u00f6nnte alles anders sein, ist ein so furchterregender wie bet\u00f6render Satz.<\/p>\n<p><strong>Sie haben zweimal den ersten Preis der Stiftung Buchkunst in der Kategorie \u00bbSch\u00f6nstes Buch des Jahres\u00ab gewonnen (\u00bbAtlas der abgelegenen Inseln\u00ab, 2009, und \u00bbDer Hals der Giraffe\u00ab, 2012). In welchem Verh\u00e4ltnis steht f\u00fcr Sie die Gestaltung der B\u00fccher mit dem Text, sind Text und seine Repr\u00e4sentation als Buch \u00fcberhaupt voneinander trennbar?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich nicht. Zuerst war ich Gestalterin und bleibe das auch als Schriftstellerin. Ich denke halt in B\u00fcchern \u2013 und bin befremdet, wenn andere so tun, als g\u00e4be es so etwas wie einen ,reinen Text\u2018.<\/p>\n<p><strong>Seit 2013 geben Sie die Reihe \u201eNaturkunden\u201c bei Matthes &amp; Seitz Berlin heraus, die sich durch bibliophile Gestaltung und eine vielf\u00e4ltige Themenwahl auszeichnet \u2013 von Wespen \u00fcber Austern bis hin zu Tannen. Was reizt Sie an dieser Verbindung von Naturbetrachtung, literarischer Form und Gestaltung? Und wie w\u00e4hlen Sie die Themen und Autor*innen f\u00fcr die Reihe aus?<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee war, zwei Bereiche miteinander zu kreuzen, die beide mit Vielfalt und Sch\u00f6nheit zu tun haben: Die Natur und die Buchkultur. Denn Sch\u00f6nheit ist das beste Argument, was wir haben, wenn es darum geht, Bio- und Bibliodiversit\u00e4t zu erhalten und zu f\u00f6rdern. Beides hat viel mit Sinnlichkeit zu tun. Am Anfang haben wir gezielt Autor*innen angesprochen, von denen wir ahnten, dass sie beispielsweise mit einem bestimmten Tier etwas anfangen k\u00f6nnen. Es m\u00fcssen gar nicht Expert*innen sein. Wer sich f\u00fcr ein Tier oder eine Pflanze begeistern kann und dieser Faszination nachsp\u00fcren will und schreiben kann, ist berufen genug.<\/p>\n<p><strong>Haben einzelne (Frankfurter) Poetikvorlesungen aus den vergangenen Jahren\/Jahrzehnten bei Ihnen besondere Resonanz gefunden \u2013 sei es durch \u00e4sthetische Verfahren, inhaltliche N\u00e4he, Irritation oder Inspiration?<\/strong><\/p>\n<p>Ich werde den Teufel tun, Ihnen das zu verraten. Vielleicht merkt man es, vielleicht auch nicht.<\/p>\n<p><strong>Ihr Vorlesungstitel weckt nat\u00fcrlich bereits Neugier \u2013 k\u00f6nnen Sie uns schon etwas mehr \u00fcber die Vorlesungen verraten? Vielleicht, welche zentralen Fragen oder Denkbewegungen f\u00fcr Sie im Mittelpunkt der Vorlesungen stehen? Oder genauer nachgefragt: Handelt es sich bei den \u201aStoffen\u2018 (Marmor, Quecksilber, Nebel) im Titel Ihrer Poetikvorlesung um drei Aggregatzust\u00e4nde des Schreibens \u2013 oder lassen sie sich auch als drei Modi des Lesens verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Es geht mir darum, den Bedingungen nachzusp\u00fcren, nicht nur meines Schreibens, sondern auch unseres Lebens auf diesem Planeten, das ganze gro\u00dfe Weltverh\u00e4ltnis, und welche Rolle die Kunst, die Poesie, die Literatur bei diesem gewaltigen und oft auch gewaltt\u00e4tigen Unterfangen spielt. Dazu geh\u00f6rt unbedingt die stoffliche Natur der Dinge. Marmor, Quecksilber und Nebel sind nat\u00fcrlich metaphorisch stark aufgeladen, aber auch drei Dinge, die auf der ganz materiellen Ebene viel \u00fcber den Zustand der Welt verraten. Poetikvorlesungen sind ein H\u00f6llengenre, ein Trip ins Eingemachte, und die Urmutter dieses Formats bespielen zu d\u00fcrfen, bietet immerhin eine schwei\u00dftreibende Abwechslung zu den \u00fcblichen Abiturpr\u00fcfungstr\u00e4umen. Sie merken schon: Ich freue mich unb\u00e4ndig darauf!<\/p>\n<p class=\"has-text-align-right\">Fragen: Anna Yeliz Schentke und Dirk Frank<\/p>\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\">Unter dem Titel <strong>Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist<\/strong> wird Judith Schalansky an drei Dienstagabenden \u2013 am 1., 8. und 15. Juli 2025, jeweils ab 18 Uhr \u2013 die traditionsreichen Frankfurter Poetikvorlesungen halten. Am 2. Juli 2025 wird es eine Lesung im Frankfurter Literaturhaus geben. Begleitet wird die Poetikvorlesung von der Ausstellung Wechselstoffe (1. bis 16. Juli) von Michael Kolod, Jan Schmidt und Vroni Schwegler in der Dante 9 und dem wissenschaftlichen Workshop \u201eNaturkunden zwischen Literatur und Wissenschaft\u201c (15. Juli), organisiert von Prof. Roland Borgards. <a href=\"https:\/\/www.uni-frankfurt.de\/45662348\/Frankfurter_Poetikvorlesungen_im_Sommersemester_2022\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Weitere Informationen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Judith Schalansky Judith Schalansky \u00fcbernimmt im Sommersemester die Frankfurter Poetikdozentur. 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