{"id":215023,"date":"2025-06-24T08:03:10","date_gmt":"2025-06-24T08:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/215023\/"},"modified":"2025-06-24T08:03:10","modified_gmt":"2025-06-24T08:03:10","slug":"kein-zurueck-das-neue-buch-von-stephen-king-hat-ein-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/215023\/","title":{"rendered":"\u201eKein Zur\u00fcck\u201c: Das neue Buch von Stephen King hat ein Problem"},"content":{"rendered":"<p>Er schrieb dieses Buch unter Schmerzen und hadert selbst mit dem Ergebnis: Doch \u201eKein Zur\u00fcck\u201c, der neue Roman von Stephen King, leidet nicht allein an seinem blo\u00df zweckdienlichen Stil. Das gr\u00f6\u00dfere Problem sind seine Frauen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ist <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/stephen-king\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/stephen-king\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stephen King<\/a> Feminist? In seinem neuen Roman \u201eKein Zur\u00fcck\u201c geht es eigentlich nur um Frauen. Die Detektivin, die den Fall aufkl\u00e4rt, ist Holly Gibney \u2013 King-Leser kennen die grundsympathische Frau mit der Zwangsst\u00f6rung und dem tief eingewurzelten Minderwertigkeitskomplex schon aus fr\u00fcheren Krimis. In diesem Buch l\u00e4sst sie sich als Personensch\u00fctzerin von Kate McKay zweckentfremden, einem weiblichen Medienstar, der durch Amerikas St\u00e4dte tingelt und \u00fcberall Massen von begeisterten Anh\u00e4ngerinnen in Fu\u00dfballstadien lockt. Allerdings gibt es auch christliche Fundamentalisten, f\u00fcr die Kate McKay eine D\u00e4monin ist, eine satanische Verf\u00fchrerin.<\/p>\n<p>\u201eKein Zur\u00fcck\u201c spielt ungef\u00e4hr in der Gegenwart. Der Supreme Court hat das Abtreibungsrecht gekippt (das in den Vereinigten Staaten, anders als in Deutschland, nie von der Legislative in Gesetzesform gegossen wurde); ohne diesen zeitgeschichtlichen Hintergrund ist Kings Roman kaum verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Eigentlich handelt Kings Roman aber gar nicht von Frauenrechten, sondern vom Fanatismus. Die beiden B\u00f6sewichter, um die es in diesem Buch geht, sind beide von ihrer Mission erf\u00fcllt: Der eine will Gottes Willen \u2013 das hei\u00dft, den Willen der irren christlichen Sekte, der er angeh\u00f6rt \u2013 vollstrecken und Kate McKay t\u00f6ten. Der andere hat Schuldgef\u00fchle und ungel\u00f6ste Vaterprobleme und wird deshalb zum irren Serienm\u00f6rder. (Da wir es hier mit einem Thriller zu tun haben, keiner klassischen Detektivgeschichte, in der dem Ungeheuer erst auf der letzten Seite die Maske vom Gesicht gezogen wird, kann man das ausplaudern, ohne jemandem die Spannung zu rauben.)<\/p>\n<p>Sagen wir es klar heraus: Die beiden b\u00f6sen M\u00e4nner, die Stephen King uns in diesem Buch pr\u00e4sentiert, sind W\u00fcrstchen, alle beide. Leider bedeutet das nicht, dass ihr Amoklauf keine Opfer fordern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Kate, Corrie, Barbara und \u201eSista Bessy\u201c<\/p>\n<p>Also: ein feministisches Buch? Ganz so einfach ist es nicht. Auf seiner tiefsten Ebene handelt Stephen Kings Thriller n\u00e4mlich von dem, was man auf Englisch \u201ementorship\u201c nennt, im konkreten Fall: von \u00e4lteren Frauen, die sich um j\u00fcngere Frauen k\u00fcmmern. Und hier wird es interessant. Stephen King stellt in \u201eKein Zur\u00fcck\u201c n\u00e4mlich zwei solcher Frauenpaare einander gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite steht die schon erw\u00e4hnte Kate McKay, die eine junge Studentin namens Corrie unter ihre Fittiche nimmt und zu ihrer pers\u00f6nlichen Assistentin macht. Auf der anderen Seite steht Betty Brady, eine in die Jahre gekommene, aber immer noch stimmgewaltige schwarze Souls\u00e4ngerin, die sich auf der B\u00fchne \u201eSista Bessy\u201c nennt. Sie adoptiert quasi eine junge schwarze Poetin namens Barbara, die zwar wundersch\u00f6ne Gedichte schreibt, mit ihren Gedichtb\u00e4nden aber nat\u00fcrlich keinerlei kommerziellen Erfolg hat.<\/p>\n<p>Der Kontrast, den King schildert, ist plakativ: Die schwarze Souls\u00e4ngerin benimmt sich halb schwesterlich, halb m\u00fctterlich, sie liebt ihren jungen Sch\u00fctzling ehrlichen Herzens. Die wei\u00dfe Feministin dagegen erweist sich als rechtes Biest. Sie nutzt die arme Corrie f\u00fcrchterlich aus. Andere Menschen taxiert sie nur danach, ob sie ihr n\u00fctzlich sein k\u00f6nnen; im Kern ist diese Feministin genauso fanatisch wie die Leute, die ihr nach dem Leben trachten.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen hier zwei skeptische Augenbrauen l\u00fcften und fragen: Ist die Schilderung des schwarzen Frauenpaares nicht recht nah am Ethnokitsch? (Naturgem\u00e4\u00df hat \u201eSista Bessie\u201c einen enormen Hintern und spricht mit S\u00fcdstaatenakzent.) Und entspricht andererseits die kalt-fanatische Feministin nicht recht genau dem Abziehbild, das m\u00e4nnliche Chauvinisten schon immer von erfolgreichen Frauen angefertigt haben?<\/p>\n<p>Eine Rube-Goldberg-Maschine<\/p>\n<p>Gemacht ist das Ganze h\u00f6chst professionell: Stephen King hat eine hochkomplizierte Rube-Goldberg-Maschine aufgebaut, gleich zwei B\u00e4lle kommen ins Rollen, hier dreht sich ein Wimpel, dort hebt sich eine Schiene in die Waagrechte, Sch\u00fcsse knallen, Leichen sinken ins Gras, Holly Gibney hat Eingebungen und verschickt sie per SMS, die zwei Kugeln rollen schneller und schneller und unweigerlich aufeinander zu. Nein, man langweilt sich beim Lesen nie. Am Ende steht eine gro\u00dfartig inszenierte, h\u00f6chst befriedigende Apokalypse, wo doch dieses Wort, wie bibelkundige Christen wissen, nicht Weltuntergang bedeutet, sondern Enth\u00fcllung, Offenbarwerden des Unsichtbaren in einer finalen Katastrophe.<\/p>\n<p>Man langweilt sich beim Lesen nicht, aber etwas fehlt. Stephen King war nie ein gro\u00dfartiger Stilist, aber ihm gelangen \u2013 etwa in seinem <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article168705132\/Das-steckt-hinter-dem-unheimlichen-Erfolg-von-Es.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article168705132\/Das-steckt-hinter-dem-unheimlichen-Erfolg-von-Es.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Horror-Roman \u201eEs\u201c<\/a>, der immer noch das beste Buch \u00fcber amerikanische Kindheit in den Sechzigerjahren ist \u2013 gelegentlich Prosapassagen von gro\u00dfer Sch\u00f6nheit. Davon findet man in diesem Thriller nichts. Die S\u00e4tze des Autors, die Bernhard Kleinschmidt in ein passables Deutsch \u00fcbertragen hat, dienen dazu, die Handlung voranzutreiben; dies tun sie mit hoher Effizienz. Die Rube-Goldberg-Maschine klackert, knallt, vibriert. Aber einen \u00e4sthetischen Mehrwert gibt es nicht. Die k\u00fcnftige Verfilmung dieses Romans wird ihm nichts wegnehmen, eher k\u00f6nnte es dem Regisseur gelingen, den zweidimensionalen bunten Schemen eine psychologische Tiefe zu verleihen, die sie im Buch gar nicht haben.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es einen Grund. Stephen King schrieb \u201eKein Zur\u00fcck\u201c, wie er im Nachwort verr\u00e4t, im Herbst 2023, als er an der H\u00fcfte operiert wurde; es gab mehrere Fassungen, und mit dem Produkt seiner unter Schmerzen erbrachten Bem\u00fchungen ist er selber nicht ganz zufrieden. Seine Fangemeinde wird es trotzdem goutieren. Alle anderen sollten warten, bis aus dem Kopfkino echtes Kino wird.<\/p>\n<p>Stephen King: \u201eKein Zur\u00fcck\u201c. Aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt. Heyne, 640 S., 28 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Er schrieb dieses Buch unter Schmerzen und hadert selbst mit dem Ergebnis: Doch \u201eKein Zur\u00fcck\u201c, der neue Roman&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":203418,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[4133,1784,1785,29,214,30,18087,1800,66394,215],"class_list":{"0":"post-215023","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-belletristik-international","9":"tag-books","10":"tag-buecher","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-germany","14":"tag-king","15":"tag-romane","16":"tag-stephen-schriftsteller","17":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114737303163022746","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/215023","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=215023"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/215023\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/203418"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=215023"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=215023"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=215023"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}