{"id":215302,"date":"2025-06-24T10:37:14","date_gmt":"2025-06-24T10:37:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/215302\/"},"modified":"2025-06-24T10:37:14","modified_gmt":"2025-06-24T10:37:14","slug":"nachbarschaftliches-engagement-kiezkasse-in-berlin-adlershof-den-gemeinsinn-wiederentdecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/215302\/","title":{"rendered":"Nachbarschaftliches Engagement \u2013 Kiezkasse in Berlin-Adlershof: Den Gemeinsinn (wieder)entdecken"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img307506\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/307506.jpeg\" alt=\"Damals Winterbergreihe, heute Husstra\u00dfe: die geschichtstr\u00e4chtige Genossenschaftssiedlung auf einer Ansichtskarte von 1938\"\/><\/p>\n<p>Damals Winterbergreihe, heute Husstra\u00dfe: die geschichtstr\u00e4chtige Genossenschaftssiedlung auf einer Ansichtskarte von 1938<\/p>\n<p>Foto: Foto: Archiv<\/p>\n<p>\u00bbIch will damit auch den L\u00fcgen und Verdrehungen etwas entgegensetzen\u00ab, sagt Monika Becker. Vor ihr auf dem Tisch liegen einige Ordner einer Chronik: \u00fcber das Leben und das gemeinschaftliche Engagement einer Hausgemeinschaft in einer Reihenhaussiedlung <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1191628.tram-depot-bvg-erhaelt-baurecht-fuer-neuen-betriebshof-in-adlershof.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1191628.tram-depot-bvg-erhaelt-baurecht-fuer-neuen-betriebshof-in-adlershof.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in Berlin-Adlershof<\/a>. In den 1970er und 1980er Jahren haben sie verschiedene Bewohner*innen erstellt. Becker will die Chronik digitalisieren, um sie der Nachwelt zeitgeistgem\u00e4\u00df zur Verf\u00fcgung stellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Leider hat Becker daf\u00fcr bisher gerade mal 625 Euro zusammen. Um die Chronik komplett digitalisieren zu lassen, braucht Becker etwa das Doppelte. Beckers Teilbetrag kommt <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1071423.gesicht-zeigen-mit-werner-seelenbinder.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1071423.gesicht-zeigen-mit-werner-seelenbinder.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aus einer der 20 sogenannten Kiezkassen<\/a>, die einmal j\u00e4hrlich vom Bezirksamt Treptow-K\u00f6penick in allen Regionen des Bezirks aufgef\u00fcllt werden. Die Kiezkassen gibt es seit 2013. In Adlershof k\u00f6nnen in diesem Jahr 5600 Euro an gemeinwohlorientierte Projekte verteilt werden \u2013 ein Drittel weniger als in den Vorjahren. Der Bezirk begr\u00fcndet das mit den Berlin weiten Haushaltsk\u00fcrzungen. Das Budget f\u00fcr ehrenamtliche Projekte im gesamten Bezirk Treptow-K\u00f6penick lag in diesem Jahr bei 75\u2009000 Euro.<\/p>\n<p>Laut der Projektbeschreibung werden Vorhaben finanziert, \u00bbdie den Zusammenhalt im Kiez f\u00f6rdern, Nachbarschaften st\u00e4rken oder das Wohnumfeld versch\u00f6nern, zum Beispiel Selbsthilfe- und Nachbarschaftsprojekte, Pflanzaktionen, Hoffeste, Nachbarschaftsfeste, Stra\u00dfenfeste, Vortragsveranstaltungen oder Material f\u00fcr B\u00fcrgerinformationen\u00ab. In Adlershof wurden in den vergangenen Jahren etwa Informationstafeln auf dem Friedhof, eine Initiative f\u00fcr mehr gr\u00fcnes Bewusstsein, die Korrektur falscher Daten an der Stele der Widerstandsk\u00e4mpfer Otto Nelte und Willi Gall oder das Projekt Freifunk, das frei zug\u00e4ngliches WLAN-Netz bereitstellt, mit einer F\u00f6rderung bedacht. In diesem Jahr wurde auf einer \u00f6ffentlichen Kiezversammlung am 21. Mai \u00fcber die f\u00fcr Adlershof angedachten Projekte diskutiert und die jeweilige F\u00f6rderh\u00f6he bestimmt.<\/p>\n<p>Die Chronik der Hausgemeinschaft, die Becker nun digitalisieren will, hat durchaus historische Relevanz. Denn die Reihenhaussiedlung in der heutigen Husstra\u00dfe war laut Becker die erste Genossenschaftssiedlung \u00fcberhaupt in Deutschland. Sie sei um die vorletzte Jahrhundertwende f\u00fcr die Arbeiter*innen des dortigen Kabelwerks sowie verschiedener Chemie- und Textilfabriken errichtet gebaut worden \u2013 ein Vorl\u00e4ufer der sogenannten Gagfah-Siedlungen. Das Akronym steht f\u00fcr \u00bbGemeinn\u00fctzige Aktien-Gesellschaft f\u00fcr Angestellten-Heimst\u00e4tten\u00ab. 1918 taten sich zahlreiche Angestellten-Verb\u00e4nde zusammen \u2013 die gr\u00f6\u00dften waren der \u00bbDeutschnationale Handlungsgehilfen-Verband\u00ab und der \u00bbDeutsche Werkmeister-Verband\u00ab \u2013, um einen eigenen Tr\u00e4ger f\u00fcr den Wohnungsbau zu gr\u00fcnden. Damit wollte man der damals grassierenden Wohnungsnot begegnen und auch den mehrst\u00f6ckigen anonymen Mietskasernen in der Innenstadt <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1180429.geschichte-der-wohnungspolitik-die-erfindung-des-gesunden-wohnens.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1180429.geschichte-der-wohnungspolitik-die-erfindung-des-gesunden-wohnens.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">etwas Ges\u00fcnderes entgegensetzen<\/a>.<\/p>\n<p>So entstanden lebenswerte und finanziell erschwingliche Wohnungen mit viel Gr\u00fcnanteil, laut Satzung sollte die Gagfah bei Vermietung und Wohnungsverkauf nicht dem Gelderwerb dienen, sondern gemeinn\u00fctzig arbeiten. Festgehalten wurde au\u00dferdem, dass Mietvertr\u00e4ge, Nutzungsvertr\u00e4ge und Vertr\u00e4ge \u00fcber die Ver\u00e4u\u00dferung von Eigenheimen immer nach dem Recht der Gemeinn\u00fctzigkeit und nicht im Sinne von Profitmaximierung abgeschlossen werden sollten.<\/p>\n<p>Zu DDR-Zeiten spielte dann Profitmaximierung bekanntlich gar keine Rolle mehr. Stattdessen ging es in der Arbeiter*innensiedlung nun um die Festigung guter Nachbarschaft zum Zwecke h\u00f6herer Ziele. So hei\u00dft es in der Chronik der Hausgemeinschaft der heutigen Husstra\u00dfe 111 bis 129 beispielsweise im Eintrag vom 26.1.1984: \u00bbIm 35. Jahr unserer Republik kann sicher jeder in unserer Hausgemeinschaft best\u00e4tigen, dass unser Weg gut und richtig und vor allem ein Weg des Friedens war und ist. Wir werden weiterhin dazu beitragen, dass sich jeder von uns in unserem Wohnkollektiv in guter Nachbarschaft und damit in unserem Staat wohlf\u00fchlt.\u00ab<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>\u00bbWir werden weiterhin dazu beitragen, dass sich jeder von uns in unserem Wohnkollektiv in guter Nachbarschaft und damit in unserem Staat wohlf\u00fchlt.\u00ab<\/p>\n<p>Adlershofer Hausgemeinschaft der Genossenschaftssiedlung 1984<\/p><\/blockquote>\n<p>Darauf folgen dann unter anderem Punkte wie \u00bbOrdnung \u2013 Sauberkeit \u2013 Sicherheit\u00ab, wo es um die Sauberhaltung der Gehwege und M\u00fcllpl\u00e4tze oder die Einhaltung der Parkordnung im Wohngebiet geht. An anderer Stelle wird aber zum Beispiel auch ein Ausflug der Hausgemeinschaft zu den Wisenten im Naturschutzgebiet Damerower Werder dokumentiert.<\/p>\n<p>Es ist das \u2013 wenn auch spie\u00dfig und kleinb\u00fcrgerlich anmutende \u2013 Gegenmodell zur immer mehr um sich greifenden Vereinzelung der heutigen Zeit, inklusive ihrer schwerwiegenden Folgen wie Isolations- und Vereinsamungserfahrungen. Einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge f\u00fchlen sich im Deutschland des Jahres 2025 mittlerweile auch immer mehr junge Menschen einsam. \u00bbWer sich als junger Mensch in Deutschland einsam f\u00fchlt, ist unzufriedener mit der Demokratie und glaubt kaum daran, dass es lohnend ist, sich f\u00fcr die Gesellschaft zu engagieren\u00ab, schreiben die Autor*innen. Neben dem fehlenden Engagement drohe eine wachsende Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr politische Entfremdung und Radikalisierung unter den 16- bis 30-J\u00e4hrigen, hei\u00dft es dort weiter.<\/p>\n<p>Monika Becker verfolgt mit der Digitalisierung der Chronik das Ziel, \u00bbdass man die DDR als Land und die Menschen, die dort gelebt haben, nicht vergisst\u00ab. Dass die Lebensleistung von Millionen Menschen bis heute von der BRD nicht anerkannt werde, so Becker, ist f\u00fcr sie auch einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr den extremen Zulauf, den die AfD im Osten habe. Sie wolle damit die rechtsextreme Gesinnung dieser Partei \u00fcberhaupt nicht relativieren, doch alle anderen \u2013 bis auf Die Linke \u2013 h\u00e4tten ihrer Meinung nach die Menschen im Osten seit 35 Jahren schlicht komplett vernachl\u00e4ssigt und \u00fcbergangen.<\/p>\n<p>Ein weniger politisches, daf\u00fcr aktuelleres Projekt, welches ebenfalls mit Mitteln aus der Kiezkasse unterst\u00fctzt wird, ist das Adlershofer Herbstfest. Nach einer Pause von f\u00fcnf Jahren zwischen 2019 und 2023, als das Herbstfest wegen der jahrelangen Sanierung des Kulturzentrums Alte Schule in der D\u00f6rpfeldstra\u00dfe 54 ausfallen musste, findet es nach 2024 auch dieses Jahr wieder statt. \u00bbEs geht uns darum, ein Fest zu veranstalten, auf dem sich die Adlershoferinnen und Adlershofer begegnen k\u00f6nnen\u00ab, sagt Susanne Barthelmes. Sie ist Sprecherin des Adlershofer Festkomitees, einer Gruppe ehrenamtlich engagierter Menschen aus dem Ortsteil, die das Herbstfest mit Unterst\u00fctzung des Heimatvereins K\u00f6penick organisiert. \u00bbDie durchweg positive Resonanz zum Herbstfest 2024 hat uns motiviert, die alte Tradition weiter fortzuf\u00fchren\u00ab, so Barthelmes weiter. Zudem sei die diesj\u00e4hrige 25. Ausgabe des Adlershofer Herbstfest ein besonderes Jubil\u00e4um.<\/p>\n<p>Muckefuck: morgens, ungefiltert, links<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/307580.png\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>nd.Muckefuck ist unser Newsletter f\u00fcr Berlin am Morgen. Wir gehen wach durch die Stadt, sind vor Ort bei Entscheidungen zu Stadtpolitik \u2013 aber immer auch bei den Menschen, die diese betreffen. Muckefuck ist eine Kaffeel\u00e4nge Berlin \u2013 ungefiltert und links. Jetzt <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/muckefuck\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">anmelden<\/a> und immer wissen, worum gestritten werden muss.<\/p>\n<p>Laut Festkomitee soll am 27. September das Gel\u00e4nde und Geb\u00e4ude des Kulturzentrums Alte Schule in einen lebendigen Treffpunkt f\u00fcr Kinder und Erwachsene verwandelt werden. Von 11 bis 19 Uhr soll es dann vor dem Kulturzentrum unter anderem eine Jongliershow und Livemusik geben. Die Polizei Berlin wird mit einem Infostand zum Thema Sicherheit informieren. Solche Tische wird es auch vom Naturschutzbund Deutschland, dem Technologiepark Adlershof und weiteren Vereinen und B\u00fcrgerinitiativen geben. Die Einnahmen eines parallel dazu laufenden Flohmarkts sollen an die Berliner Tafel gespendet werden.<\/p>\n<p>Zeitgleich soll es auf dem Au\u00dfengel\u00e4nde der nahen Verkl\u00e4rungskirche in der Arndtstra\u00dfe ein Kinderfest geben, das Susanne Barthelmes und Muna Ali \u2013 ebenfalls Mitglied des Festkomitees \u2013 in eigener ehrenamtlicher Initiative veranstalten. Die Kinder k\u00f6nnen sich dort dann unter anderem auf H\u00fcpfburgen, in einem Schminkbereich, beim Torwandschie\u00dfen, an einem Eiswagen, einer Reparaturstation f\u00fcr Kinderfahrr\u00e4der und bei bei verschiedenen weiteren Spielangeboten austoben.<\/p>\n<p>In der Kiezkassenversammlung haben die Adlershofer B\u00fcrger*innen entschieden, das Herbstfest und das Kinderfest mit bis zu 2400 Euro finanziell zu unterst\u00fctzen. Dar\u00fcber hinaus beruht die Finanzierung auf Spenden aus dem Kiez. Man kann das Herbstfest noch mit Spenden unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Spendenkonto: Heimatverein K\u00f6penick e.V., IBAN: DE 94 1209 6597 0005 62 0000, BIC: GENODEF1S10, Verwendungszweck: Adlershofer Festkomitee<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Damals Winterbergreihe, heute Husstra\u00dfe: die geschichtstr\u00e4chtige Genossenschaftssiedlung auf einer Ansichtskarte von 1938 Foto: Foto: Archiv \u00bbIch will damit&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":215303,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,1081,30,5917,1463],"class_list":{"0":"post-215302","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-digitalisierung","11":"tag-germany","12":"tag-treptow-koepenick","13":"tag-wohnen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114737908686445036","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/215302","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=215302"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/215302\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/215303"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=215302"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=215302"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=215302"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}