{"id":215619,"date":"2025-06-24T13:26:11","date_gmt":"2025-06-24T13:26:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/215619\/"},"modified":"2025-06-24T13:26:11","modified_gmt":"2025-06-24T13:26:11","slug":"stell-dir-vor-du-wirst-millionaerin-und-machst-alles-so-wie-bisher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/215619\/","title":{"rendered":"Stell dir vor du wirst Million\u00e4r:in und machst alles so wie bisher"},"content":{"rendered":"<p class=\"teaser\"><strong>Einer arbeitet am Friedhof, einer geht den ganzen Tag klettern, ein dritter lebt mit der Familie in einem Haus und spielt mit seinen Kindern. Was sie gemeinsam haben: Alle sind mit Kryptow\u00e4hrung reich geworden. Anders als die Kryptoguys online haben sie aber fast so weitergelebt wie davor. Diese Menschen hat der Juan S. Guse f\u00fcr sein Buch \u201eTausendmal so viel Geld wie jetzt\u201c gesucht und gefunden.<\/strong><\/p>\n<p>Von <a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/tags\/dianakoehler\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Diana K\u00f6hler<\/a><\/p>\n<p>Malte, Basti und Arne sind keine besonders krasse Typen, die an der Wallstreet arbeiten und mit Aktenkoffern von Termin zu Termin laufen. Nein, sie hatten einfach nur zur richtigen Zeit ein bisschen Geld auf der Seite und sich in das Kryptozeug eingelesen. Solche Leute zu finden war gar nicht so einfach.<\/p>\n<p>\u201eAber jedes Mal, wenn es hie\u00df, ich sei in eine Villa eingeladen, wollte ich da nicht hin und stattdessen lieber weiter nach Sleepern suchen, die ja auch viel schwieriger zu finden sind, also die sich nach ihrem Klassensprung keinen Brabus gekauft haben und keinen Bruch mit ihrem Habitus suchen, sondern eher ein Weiter-so, nur halt ohne Angst vor Altersarmut.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/tausendmalgeld_cover.6029993.jpg\" alt=\"Tausendmal so viel Geld wie jetzt\" title=\"\u00a9 S. Fischer Verlag\" width=\"800\" height=\"1306\"\/><\/p>\n<p class=\"credit\">S. Fischer Verlag<\/p>\n<p><strong>\u201eTausendmal so viel Geld wie jetzt\u201c von Juan S. Guse<\/strong> ist im S. Fischer Verlag erschienen.<\/p>\n<p>Im Buch stellt Juan S. Guse die falsche Punk-Attit\u00fcde der Krypto-Szene in Frage, gleichzeitig aber schafft er es, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Motivation so mancher Krypro-Guys zu wecken: Die Frustration mit dem Status-Quo, dem Zustand der Welt des ungleichen Wohlstands.<\/p>\n<p>\u201eEin wiederkehrendes Narrativ: Der Finanzkapitalismus und die politischen Systeme drum herum sind im Arsch. Sie brauchen Heilung. So ein Reden kann man schon mal leicht verwechseln mit \u201apUnK\u2018, mit Gegenkultur, mit Kaputtmachen von dem, was einen Kaputtmacht, mit Power to the kleinen Mann.\u201c<\/p>\n<p>Krypto ist Heilsversprechen, Ausstieg aus dem Daily-Lohnarbeits-Grind, f\u00fcr ganz wenige. Die Krypto-Guys w\u00fcrden sagen: F\u00fcr die, die sich am besten auskennen, die nicht gez\u00f6gert haben, nicht mitgeschwommen sind, mit dem Strom. Klar wird aber, es sind vor allem die, die verdammt viel Gl\u00fcck hatten. Und irgendwie bekommt man beim Lesen selbst pl\u00f6tzlich Bock zu investieren. Ja genau, auch f\u00fcr mich kann das funktionieren! Man l\u00e4sst sich reinziehen in diesen Wahnsinn. In dieses Versprechen, dass alles m\u00f6glich ist. Wie geil w\u00e4re es, einfach nur mehr Hobbys nachzugehen, arbeiten auf was man Bock hat, auch wenn\u2019s nicht viel Geld bringt, die ganzen Passion-Projects verfolgen. Urlaub machen. Nice Wohnung. Ein sozialistischer Traum. Und Krypto ist die Antwort des Kapitalismus darauf. Auch der Autor Juan S. Guse ist angefixt von der Idee:<\/p>\n<p>\u201eAber da drau\u00dfen ist immer die Wirklichkeit, und man handelt nie au\u00dferhalb von ihr, kann kein Leben f\u00fchren, nicht arbeiten, nicht konsumieren, nicht schreiben \u201alike nobody is watching\u2018 da sind immer die Stadtwerke, die eigenen Eltern und die der anderen, die Stromleitungen in den W\u00e4nden, die Gelegenheiten und Rechnungen, die Anreize und \u00c4ngste. Und da drau\u00dfen bellt immer ein Hund.\u201c<\/p>\n<p>Aber die ganze Krypto-Community erscheint auch wie eine Sekte, eine Gl\u00fccksspielsekte. Kommuniziert wird nur mit Insidersprache, gegenseitig hyped man sich auf, f\u00fcr Zweifel ist wenig Platz. Die M\u00e4nner, die Guse trifft, kommen nie ganz los von der Kryptowelt, sie brauchen immer ihren n\u00e4chsten Investitions-Kick. Sind sie gl\u00fccklich? Das wird nicht ganz klar.<\/p>\n<p>Wie viel Fantastik steckt in Guses Geschichte? Manche Szenen sind so absurd, dass man wirklich ein bisschen ungl\u00e4ubig zur\u00fcckbleibt. Zum Beispiel als Juan mit einem Kryptomillion\u00e4r irgendwo im Wald klettern geht und sich zuf\u00e4llig ein dramatischer Autounfall in der N\u00e4he ereignet. Von dem bekommt er aber nichts mit, sondern trifft nur verwirrte oder weinende M\u00e4nner im Wald. (Vielleicht ist das auch ein bisschen eine Allegorie auf das ganze Krypto-Gesch\u00e4ft? Vielleicht stehen die verwirrten, weinenden M\u00e4nner f\u00fcr die Verlierer, die, die viel Geld im Krypto-Boom verloren haben? Aber vielleicht geht das jetzt auch zu weit. Naja.)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/juanguse.6029994.jpg\" alt=\"Juan S. Guse\" title=\"\u00a9 Hans-Peter Wiechers\" width=\"800\" height=\"719\"\/><\/p>\n<p class=\"credit\">Hans-Peter Wiechers<\/p>\n<p class=\"caption\">Juan S. Guse<\/p>\n<p>Oder eine andere Situation, in der Guse auf einer riesigen Krypto-Messe ist, aus Versehen sein Fenster im Hotelzimmer offenl\u00e4sst und pl\u00f6tzlich ein Schwarm gr\u00fcner Papageien im Zimmer auftaucht:<\/p>\n<p>\u201eIch versteckt mich unter der Bettdecke in der Hoffnung sie w\u00fcrden verschwinden, aber es wurden nur mehr, also sprang ich irgendwann auf und br\u00fcllte sie an, um sie zu verscheuchen, doch statt nach drau\u00dfen zu fl\u00fcchten, flogen sie ins Zimmer hinein, wo sie panisch um meinen Unterhosenk\u00f6rper flatterten.\u201c<\/p>\n<p>Aber das ist der Stil von Juan S. Guse: Eine soziologisch-ethnografische Herangehensweise, immer am Absurden vorbeischrammend, mit der Sprache derer, die viel im Internet abh\u00e4ngen. Internet-Slang but make it literature, sozusagen. Als studierter Soziologe versorgt Guse die Lesenden dann auch immer wieder mit Schmankerln wie diesen:<\/p>\n<p>\u201eIhren Klassensprung leugnen sie dabei nicht, wohl aber beharren sie auf einer habituellen Erdung, die aus ihrem vorherigen Dasein entspringe. I\u2019m still, I\u2019m still Jenny from the block\u201c<\/p>\n<p>Ist das Buch eine Reportage? Ein langer Essay? Ein Roman? So sicher kann man da nicht sein. Ist aber auch egal. Weil wie das Krypto-Gesch\u00e4ft mit Realit\u00e4ten, im doppelten Sinne, spielt, so macht das auch Guse in seiner Geschichte. Und das sagt \u00fcber die Welt, die er hier erforscht schon viel aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Einer arbeitet am Friedhof, einer geht den ganzen Tag klettern, ein dritter lebt mit der Familie in einem&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":215620,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-215619","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114738573093804377","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/215619","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=215619"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/215619\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/215620"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=215619"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=215619"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=215619"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}