{"id":217744,"date":"2025-06-25T08:45:13","date_gmt":"2025-06-25T08:45:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/217744\/"},"modified":"2025-06-25T08:45:13","modified_gmt":"2025-06-25T08:45:13","slug":"nicht-locker-lassen-denn-die-gegenwart-hat-niemals-frei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/217744\/","title":{"rendered":"Nicht locker lassen, denn die Gegenwart hat niemals frei\u00a0"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eAlles nicht so schlimm\u201c, rufen die Amseln, als ich zwei Meter Thujahecke einseitig fast auf den Stock schneide, \u201ees hat vermutlich einen Sinn; er wird schon wissen, was er tut\u201c. Das m\u00f6chte ich aus dem emp\u00f6rten Gezeter im Garten gerne heraush\u00f6ren, als ich die Schere beiseitelege, um erstmal wieder Nachrichten zu schauen: Wie stehts im Nahen Osten; wer ist am Zug? Und wo ist die Ukraine hin, wo Gaza, der Sudan? Viel weiter unten, im Ranking abgest\u00fcrzt. Wie schnell wir doch Kriege vergessen, wenn ein neuer brennt. In der Grundschule nebenan beginnt eine Feuer\u00fcbung; vor dem penetranten Alarm fliehen sogar die V\u00f6gel, doch nicht mehr in den Thuja wie sonst. Ob mir ihre Kinder verzeihen, n\u00e4chstes Jahr? Die \u201eVerhei\u00dfung des Sieges\u201c traf ins Leere; Trump gratuliert der Welt zur Zeit des Friedens, und schon st\u00fcrzt der Goldkurs ab. Habe ich heute schon Petitionen unterzeichnet? Es sind so viele; gibt\u2019s denn daf\u00fcr keine App?<\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\"> Im Erdreich unter der Hecke finde ich beim Graben einen Porzellanpfeifenkopf und eine Tellerscherbe mit der Aufschrift \u201eWeihnachten 1888\u201c, Kulturm\u00fcll einer alten Aufsch\u00fcttung. Authentisch ist an Preu\u00dfens \u00e4ltester Bahntrasse westlich der Steinbeck nichts mehr, alles umgew\u00e4lzt und aufgesch\u00fcttet, kompostiert aus Leben und Kunst vergangener Gegenwart: Aus jenem Scherbenjahr stammt die \u00e4lteste bekannte Tonaufnahme, und Bertha Benz fuhr heimlich mit dem Automobil ihres Mannes erstmals au\u00dferhalb einer Stadt \u00fcber Land. In Paris baute man den Eiffelturm und Fontane ver\u00f6ffentlichte den Roman \u201eIrrungen, Wirrungen\u201c, ohne zu ahnen, wie gut der hier in die Kolumne passt. Was man von uns wohl eines Tages finden wird? Noch nie haben wir effektiver daran gearbeitet, dass es niemanden mehr geben wird, der unter der Kruste aus Mikroplastik nach uns suchen kann.<\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\"> Auch wenn die Tage bald schon wieder k\u00fcrzer werden, kommen jetzt die Wochen, in denen wir wenig voneinander wissen wollen. Selten war die Ferienreife eine bessere Ausrede: in die innere Tiefsee tauchen, jegliche Neugier abklemmen, \u201eAlles nicht so schlimm\u201c schreien. Worte mit allzu vielen Buchstaben (\u201cOberb\u00fcrgermeisterkandidatinnen\u201c) nur zulassen, wenn sie uns selbst dienen (\u201cLichtschutzfaktortabelle\u201c). Kurz vorher noch ein paar solidarische Anstrengungen unternehmen: Den Offenen Brief der Freien Kultur Wuppertals unterzeichnen und sich \u00fcber die drohende Schlie\u00dfung des Caf\u00e9 Swane emp\u00f6ren. Und dann endlich Ruhe? Ganz sicher nicht!<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Abgesehen davon, dass die allermeisten Menschen unseres Planeten per se keinerlei Sommerl\u00f6cher und Urlaube kennen, sind diese Tage nicht zum Herumliegen gedacht. Das R\u00e4derwerk der Weltenuhr dreht sich unabl\u00e4ssig und jede vermeintliche Ersch\u00f6pfung angesichts behaupteter Hundstage kann nur die faulste aller Ausreden sein. Ob Ausgrabung oder Neuerfindung, Rettung angegriffener Kulturorte oder das Vorspuren zukunftsf\u00e4higer stadtpolitischer Diskurse: jetzt \u2013 also wie immer, nur halt etwas w\u00e4rmer \u2013 ist die Zeit, zu handeln. Damit auch im n\u00e4chsten Jahr junge, unerwartete und unberechenbare Kunst und Kultur gegen die \u00dcbermacht aus Kommerz, Wohlgef\u00e4lligkeit und Besitzstandswahrung antreten kann. Gelingen kann das nie, und doch ist es unentbehrlich, denn im Gef\u00fcge multipler Krisen, Kriege und mentaler wie handfester Erdrutsche ist jedes Bestehen auf Gewohntes ein Schalten in den R\u00fcckw\u00e4rtsgang. Die Scherbe auf den Gartentisch erz\u00e4hlt von den Versprechungen des Jahres 1888; sie w\u00e4hrten nur einen Wimpernschlag und alles kam anders. Noch wissen wir nicht, welche Scherben einst von 2025 erz\u00e4hlen werden. Doch es ist an uns, ob sie jemand findet oder nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eAlles nicht so schlimm\u201c, rufen die Amseln, als ich zwei Meter Thujahecke einseitig fast auf den Stock schneide,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":217745,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1840],"tags":[69853,69852,3364,29,33077,30,11352,80,69854,37573,2075,1209,15455,591,4418],"class_list":{"0":"post-217744","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-wuppertal","8":"tag-69853","9":"tag-ausrede","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-gegenwart","13":"tag-germany","14":"tag-kriege","15":"tag-kultur","16":"tag-kulturmuell","17":"tag-kulturorte","18":"tag-kunst","19":"tag-nordrhein-westfalen","20":"tag-schlimm","21":"tag-wissen","22":"tag-wuppertal"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114743130536909701","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/217744","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=217744"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/217744\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/217745"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=217744"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=217744"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=217744"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}