{"id":220652,"date":"2025-06-26T11:04:13","date_gmt":"2025-06-26T11:04:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/220652\/"},"modified":"2025-06-26T11:04:13","modified_gmt":"2025-06-26T11:04:13","slug":"eine-spielwiese-von-anregungen-und-inspirationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/220652\/","title":{"rendered":"Eine Spielwiese von Anregungen und Inspirationen"},"content":{"rendered":"<p>Hanns-Josef Ortheil bietet in seinem Buch \u201eNach allen Regeln der Kunst\u201c gewinnbringende Einblicke in seine jahrzehntelange Unterrichtserfahrung im Kreativen Schreiben<br \/>\nVon <a href=\"https:\/\/literaturkritik.de\/public\/mitarbeiterinfo.php?rez_id=5333\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Michael Fassel<\/a><a href=\"https:\/\/literaturkritik.de\/rss\/ma\/5333\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" height=\"16\" border=\"0\" alt=\"RSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Fassel\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/rss.gif\" style=\"vertical-align:bottom;margin-left:5px;\"\/><\/a><br \/>\n <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"vgw-img\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/cb8cf5d34bd54bcea38bcb7f9488c8e2.gif\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><br \/>\n<a class=\"icon\" href=\"#biblio\">Besprochene B\u00fccher \/ Literaturhinweise<\/a><\/p>\n<p class=\"rez\">Wie l\u00e4sst sich Kreatives Schreiben erlernen? Wie gelingt eine erfolgreiche Vermittlung von Kreativem Schreiben? Welche Bedeutung hat das Reisen f\u00fcr das eigene Schreiben? Wie gestaltet man literarische R\u00e4ume, wie entwirft man Figuren? Wie formuliere ich eine Romanidee aus? Solche und viele weitere Fragen diskutiert und reflektiert Hanns-Josef Ortheil in seinem Buch Nach allen Regeln der Kunst. Schreiben lernen und lehren. Darin blickt er auf 30 Jahre Lehrerfahrung sowie auf die eigenen Schreibprozesse zur\u00fcck, indem der \u00a0Autor u.a. erhellende Einsichten in seinen facettenreichen Lehralltag bietet. Dar\u00fcber hinaus bildet das Buch ein breites Spektrum verschiedener Inspirationen und Impulse ab, die sich Schreibende aneignen und im Arbeitsprozess produktiv umsetzen k\u00f6nnen. Ortheil legt kein didaktisches Regel- oder Lehrwerk vor, sondern f\u00fchrt in einem einladenden Erz\u00e4hlton aus, welche unkonventionellen Mittel und Materialien einen Schreibprozess in Gang bringen und halten k\u00f6nnen. Lediglich eine Regel gilt es zu beherzigen: den eigenen, selbst aufgestellten Regeln zu folgen. Gleichwohl soll dieses Credo nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass Schreiben mit Flei\u00df verbunden ist und trainiert werden sollte.&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Das Schreiben m\u00f6chte Ortheil n\u00e4mlich nicht als beil\u00e4ufiges Hobby verstanden wissen; vielmehr handelt es sich um einen kreativen Prozess, der Vorarbeit, Recherche und das \u00dcberarbeiten eigener Texte umfasst. Wie genau schlie\u00dflich die Arbeitsschritte aussehen, h\u00e4ngt von der Profilierung des eigenen Schreibtyps ab. Bestenfalls sollte das Schreiben gar trainiert resp. ritualisiert werden, indem man zum Beispiel fr\u00fchmorgendliches Schreiben pflegt. Nichtsdestoweniger weist Nach allen Regeln der Kunst keinen normativen Charakter auf, wie man ihn in dem einen oder anderen Schreibratgeber findet. Ortheil pflegt einen deskriptiven Stil, um die Spielwiese m\u00f6glicher Schreibimpulse und -\u00fcbungen auszusch\u00f6pfen. Er greift dabei nicht nur auf seine eigenen Erfahrungen zur\u00fcck, sondern stellt Arbeitsweisen und Materialien anderer Schriftsteller:innen vor und umrei\u00dft die Denk- und Schreibwerkst\u00e4tten bedeutender Autor:innen. So nutzt beispielsweise Herta M\u00fcller Ausschnitte aus Zeitungen, die sie zur Bildung neuer S\u00e4tze anregt.&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Ortheil skizziert \u00fcberdies in gebotener K\u00fcrze Einblicke in die Kulturgeschichte des Schreibens, greift gro\u00dfe Denker wie Aristoteles, Plinius oder Theophrast auf, um zu zeigen, wie stark sie unser heutiges Verst\u00e4ndnis vom Schreiben beeinflusst haben und immer noch beeinflussen. Insbesondere im ersten Viertel des Buches wirft Ortheil schlaglichtartig einen Blick auf Ikonen des Schreibens, indem er Schreibszenen aus exemplarisch ausgew\u00e4hlten Gem\u00e4lden oder Skulpturen pr\u00e4sentiert. Doch auch wichtige Stimmen der Gegenwart, wie z.B. Thomas Mann oder der f\u00fcr das Schreiben einflussreiche Roland Barthes, werden aufgegriffen, um sie f\u00fcr \u00dcberlegungen \u00fcber m\u00f6gliche Arbeitsprozesse fruchtbar zu machen.&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Ortheil stellt verschiedene Arbeitsmethoden vor, die f\u00fcr das eigene Schreiben ergiebig sind. Jeder Schreibtyp muss sein eigenes Profil ausbilden, herumexperimentieren auch mit unkonventionellen Methoden, den Blick \u00fcber den k\u00fcnstlerischen Tellerrand zulassen. Nicht umsonst verweist Ortheil u.a. auf Film, Fotografie und Musik, die das eigene Schreiben befl\u00fcgeln k\u00f6nnen. So l\u00e4dt der Autor gelegentlich zu praktisch umsetzbaren Stil- und Schreib\u00fcbungen ein, etwa wenn es um das Finden von Synonymen geht, um einen einfachen Beispielsatz umzuformulieren: \u201eMit Hilfe von Synonymen k\u00f6nnen wir im Kopf blitzschnell m\u00f6glichst viele Varianten durchspielen und die jeweils angemessene, passende Schreibweise orten.\u201c&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Besonders erfrischend sind die kurzen Kapitel, in denen er spannende und kritische Fragen seiner Studierenden aufgreift und beantwortet, indem er pers\u00f6nliche Einblicke in seine eigenen Arbeitsweisen offenbart und sich so \u00fcber die Schulter blicken l\u00e4sst. Ortheil betont die Wichtigkeit intensiver Gespr\u00e4che \u00fcber den eigenen Stil, \u00fcber selbst verfasste Texte und die Reflexion der Arbeitsweisen, wie sie auch sp\u00e4testens in Verlagslektoraten gef\u00fchrt werden. Dies spiegelt sich auch in der Hildesheimer Lehre: \u201eEs ging nie nur darum, das Schreiben zu lehren, sondern immer auch darum, es genauer zu verstehen und die entstehenden kreativen Prozesse zu beleuchten und zu beschreiben.\u201c KI hat bis zum Abschluss des Buches offenbar keine nennenswerte Rolle in Ortheils Lehre gespielt. Erst am Ende seines Buches verweist der Autor auf KI-Modelle, die im Rahmen eines \u201egro\u00dfen Forschungsprojekts\u201c angegangen werden, das danach fragt, wie die KI zuk\u00fcnftig Prozesse des Schreibens mitgestalten k\u00f6nne.&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Ortheil legt dar, dass die Lehre des Kreativen Schreibens \u00fcberdies nicht ausschlie\u00dflich im Seminarraum stattfindet, sondern auch auf Exkursionen u.a. nach Paris, Venedig, K\u00f6ln oder in den Westerwald. Daran ankn\u00fcpfend befasst sich Ortheil mit der Bedeutung des Reisens f\u00fcr das Schreiben. Je nachdem, wie Reisende den Fokus setzen, k\u00f6nnen sich aus Reisen etwa Abenteuergeschichten oder Bildungsreisen speisen, was wiederum die von Ortheil diskutierte Frage einschlie\u00dft, inwiefern sich Schreibende in den Raum einschreiben, wie sie einen Raum literarisch in Szene setzen, wie und welche Figuren sich diesen Raum aneignen. Allein das Stellen blo\u00dfer Fragen kann schon als Schreibimpuls betrachtet werden.&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Anhand der gegens\u00e4tzlichen Arbeitsweisen zweier bedeutender Schriftsteller erl\u00e4utert Ortheil, wie aus Recherchen, Anregungen und gesammelten Materialien ein Roman entstehen kann, indem er die Werkstattprozesse von Franz Kafka und Heinrich B\u00f6ll gegen\u00fcberstellt. Dank des Forschungszweigs der Critique g\u00e9n\u00e9tique gibt es die M\u00f6glichkeit, handschriftliche Planungsarbeiten verstorbener Autoren zu erkunden. W\u00e4hrend Kafka recht unvorbereitet mit dem Schreiben seines Romans Der Proce\u00df angesichts zahlreicher Streichungen und \u00dcberarbeitungen nur stockend vorankam und das Projekt nicht abschloss, plante B\u00f6ll en d\u00e9tail jedes Kapitel eines Romans u.a. mit Grafiken und farbigen Schemata. Kafka musste sich trotz seiner Korrekturen auf der ersten Seite seines handschriftlichen Manuskripts schlussendlich sein Scheitern eingestehen. Angesichts des offenbar sonst sehr gut lektorierten Buches f\u00e4llt jedoch das Manko ins Auge, dass Kafka am \u201e30. November 2014\u201c (anstatt 1914) einen Tagebucheintrag vorgenommen hat.&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Insgesamt legt Ortheil ein in jeder Hinsicht gewinnbringendes Buch vor. 30 Jahre geballte Lehrerfahrung im Kreativen Schreiben und Literarischen Schreiben, die eigene Schreiberfahrung und das stupende Wissen zur Schreibkulturgeschichte machen die Lekt\u00fcre zu einem ebenso unterhaltsamen wie auch erkenntnisreichen Erlebnis. Die zahlreichen \u00dcbungen resp. anregenden Arbeitsmethoden sind f\u00fcr die eigene Schreibarbeit praktisch anwend- und umsetzbar, wenn man den Regeln der Kunst im besten Sinne vertraut. Vor diesem Hintergrund sollte Ortheils Buch nicht als simpler Ratgeber f\u00fcr kreatives Schreiben gelesen werden. Wer das Buch nur unter diesem Aspekt liest, verkennt seinen eigentlichen Wert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/literaturkritik.de\/..\/gegenwartskulturen.php\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universit\u00e4t Duisburg-Essen<\/a><\/p>\n<p><a name=\"biblio\"\/><\/p>\n<tr>\n<td height=\"1\" bgcolor=\"#FF9900\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/spacer.gif\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\"\/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td height=\"1\" bgcolor=\"#FF9900\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/spacer.gif\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\"\/><\/td>\n<\/tr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hanns-Josef Ortheil bietet in seinem Buch \u201eNach allen Regeln der Kunst\u201c gewinnbringende Einblicke in seine jahrzehntelange Unterrichtserfahrung im&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":220653,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-220652","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114749339364236289","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/220652","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=220652"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/220652\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/220653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=220652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=220652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=220652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}