{"id":223754,"date":"2025-06-27T15:50:09","date_gmt":"2025-06-27T15:50:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/223754\/"},"modified":"2025-06-27T15:50:09","modified_gmt":"2025-06-27T15:50:09","slug":"gnadenloser-ueberlebenskampf-in-ettlingen-puccinis-la-boheme-bei-den-schlossfestspielen-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/223754\/","title":{"rendered":"Gnadenloser \u00dcberlebenskampf in Ettlingen: Puccinis \u201eLa Boh\u00e8me\u201c bei den Schlossfestspielen &#8211; Kultur"},"content":{"rendered":"<p>Endzeitstimmung vor der barocken Schlossfassade. Solvejg Bauers Inszenierung verlegt Puccinis \u201eLa Boh\u00e8me\u201c in ein zerst\u00f6rtes Paris der Zukunft, die Metall-Reste des Eiffelturms pr\u00e4gen die Spielfl\u00e4che (B\u00fchne Christian Held), die Bohemi\u00e9ns erinnern an das Personal eines Mad-Max-Filmes (Kost\u00fcme Gesa Gr\u00f6ning), der Rest der Bev\u00f6lkerung vegetiert in Bunkern, erscheint nur zur grotesken Weihnachtsfeier auf der Oberfl\u00e4che, vom Glanz des \u201eCaf\u00e9 Momus\u201c und seinem bunten Treiben, das bei sonstigen Auff\u00fchrungen gerne mit viel Augenfutter versehen wird, findet sich hier keine Spur.<\/p>\n<p>Ettlingens regief\u00fchrende Intendantin Solvejg Bauer pr\u00e4sentiert eine dunkle Sicht auf das Leben der Bohemi\u00e9ns und besonders auf das Sterben von Mimi. Armut und Hunger sind hier nicht pittoresk, sondern pr\u00e4gen den \u00dcberlebenskampf. Der Dichter Rudolfo, der bis zu Mimis Tod versucht, seine poetischen Einf\u00e4lle festzuhalten, der Maler Marcello, der Musiker Schaunard und der Philosoph Colline ringen in diesem Endzeit-Ambiente um jeden Gl\u00fccksmoment.<\/p>\n<p>Ein Pluspunkt dieser Open-Air-Auff\u00fchrung ist das junge, spiel- und ausdrucksfreudige Ensemble, das so manchen zeitgeistigen Gag wie die Selfie-Sucht vergessen l\u00e4sst. Promiskuit\u00e4t ist unter diesen Extrembedingungen ebenso wie ein Verschwimmen der sexuellen Orientierung verst\u00e4ndlich, Mimi liebt nicht nur Rodolfo, sondern n\u00e4hert sich handgreiflich auch seinem Freund Marcello, Musettas Leben-Liebeslust scheint keine Grenzen zu kennen, auch die M\u00e4nner untereinander f\u00fchlen sich k\u00f6rperlich voneinander angezogen.<\/p>\n<p>Das Korsett gesellschaftlicher Konventionen wird in Bauers temporeich-packender Inszenierung m\u00fchelos \u00fcber Bord geworfen. Benjamin Parks Rodolfo kann mit einem recht h\u00f6hensicheren Tenor mit einigem Puccini-Schmelz punkten, auch wenn vieles noch pauschal-undifferenziert klingt. Felicitas Wredes Sopran fehlt in der H\u00f6he noch das Strahlende f\u00fcr die Mimi, was aber durch ihre Ausdruckskraft und Intensit\u00e4t mehr als ausgeglichen wird. Von Beginn an ist sie vom nahenden Tod gezeichnet, dem sie sich mit aller Kraft entgegenstemmt. Nicht nur stimmliche Beweglichkeit zeichnet Megan Henrys Musetta aus, deren Koloraturen funkeln, eine der \u00fcberzeugendsten im Ensemble der Schlossfestspiele. Ihren Liebhaber Marcello versieht Alessio Fortune mit kraftvollem Bariton und gestalterischer Finesse. Mit schlankem Bass singt David Rother seine \u201eMantel\u201c-Arie, Thomas B\u00fcscher ist ein mehr als rollendeckender Schaunard.<\/p>\n<p>Dass aus dem Orchestergraben eine skelettiert klingende Puccini-Partitur ert\u00f6nt, ist weder dem beachtlich musizierenden Kammerorchester der Schlossfestspiele noch seinem aufmerksamen Dirigenten Johannes Bettac anzulasten, sondern der reduzierten Fassung. Viele Details sind hier zwar plastisch zu erleben, doch fehlt immer wieder die f\u00fcr Puccini so entscheidende klangliche Opulenz, die von einer Kammerorchesterbesetzung nicht zu leisten ist. Der von Bernhard Bagger vorbereitete B\u00fcrgerchor \u2013 ebenso \u00fcberzeugend der Kinderchor \u2013 hat sich zu einem wichtigen Bestandteil der Schlossfestspiele entwickelt. Zudem darf er als Einlage das Chanson \u201eSous les Ciel de Paris\u201c beisteuern.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Auff\u00fchrungen am 13. und 17. Juli. www.schlossfestspiele-ettlingen.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Endzeitstimmung vor der barocken Schlossfassade. 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