{"id":223922,"date":"2025-06-27T17:25:16","date_gmt":"2025-06-27T17:25:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/223922\/"},"modified":"2025-06-27T17:25:16","modified_gmt":"2025-06-27T17:25:16","slug":"desertion-in-russland-und-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/223922\/","title":{"rendered":"Desertion in Russland und der Ukraine"},"content":{"rendered":"<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Zwei Soldaten der 110. Territorialverteidigungsbrigade befinden sich in einem Sch\u00fctzengraben in der Region Saporischschja im S\u00fcdosten der Ukraine. Sie tragen Tarnuniformen, Helme und Schutzwesten. \" alt=\"Zwei Soldaten der 110. Territorialverteidigungsbrigade befinden sich in einem Sch\u00fctzengraben in der Region Saporischschja im S\u00fcdosten der Ukraine. Sie tragen Tarnuniformen, Helme und Schutzwesten. \" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/ukraine-krieg-schuetzengraben-100-1920x1080.jpg\" \/><\/p>\n<p>                  Soldaten der 110. Territorialverteidigungsbrigade bei einer Gefechts\u00fcbung im Sch\u00fctzengraben in der Region Saporischschja \u2013 w\u00e4hrend andere an der Front ausharren, w\u00e4chst die Zahl derer, die den Dienst verweigern oder desertieren. (picture alliance \/ Photoshot \/ Dmytro Smolienko \/ Avalon)<\/p>\n<p>Wer den Kriegsdienst verweigert, tut das auf unterschiedliche Weise: Manche fliehen, noch bevor sie eingezogen werden. Andere verweigern aus Gewissensgr\u00fcnden den Dienst mit der Waffe oder desertieren mitten im Einsatz, also aus der Armee. Das hat oft schwerwiegende Folgen: Auch in Deutschland drohen bei Fahnenflucht bis zu f\u00fcnf Jahre Haft. Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine h\u00e4ufen sich F\u00e4lle von Desertion \u2013 auf beiden Seiten. Warum verweigern Menschen den Milit\u00e4rdienst? Wie reagieren Staaten? Und welche Folgen hat die Desertion?<\/p>\n<p>Deserteure und Wehrdienstverweigerer entziehen sich staatlicher Kontrolle, verweigern das T\u00f6ten und riskieren daf\u00fcr oft harte Strafen. Ihre Motive sind vielf\u00e4ltig: Angst vor dem eigenen Tod, der Widerwille zu t\u00f6ten, politische oder religi\u00f6se \u00dcberzeugungen \u2013 oder einfach der Wunsch, zu \u00fcberleben. Schon in fr\u00fcheren Kriegen verweigerten Menschen den Kriegsdienst, etwa in den napoleonischen Feldz\u00fcgen, den beiden Weltkriegen, im Vietnam- oder Irakkrieg. <\/p>\n<p>Auch im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigt sich: Desertion hat viele Gesichter. Wie in fr\u00fcheren Kriegen geht es oft um pers\u00f6nliche \u00dcberzeugungen und um den Schutz des eigenen Lebens. Das wichtigste Motiv, so Rudi Friedrich von der Organisation Connection e.V., die Kriegsdienstverweigerer und Deserteure unterst\u00fctzt: Viele wollen nicht gegen Verwandte oder Freunde k\u00e4mpfen. &#8222;Es gibt ganz viele Verbindungen zwischen der Ukraine und Russland. Famili\u00e4re Verbindungen, freundschaftliche Verbindungen. Die haben zum Teil in den anderen L\u00e4ndern studiert&#8220;, so Friedrich. Trotzdem zwingt die Wehrpflicht Menschen in beiden L\u00e4ndern an die Front.<\/p>\n<p>Wegen des russischen Angriffs verbietet der ukrainische Staat M\u00e4nnern zwischen 18 und 60 Jahren, das Land zu verlassen. Ab 18 m\u00fcssen sie einen Grundwehrdienst ableisten; in den Kriegseinsatz m\u00fcssen Soldaten aber erst ab 25. Viele versuchen dennoch, sich dem Kriegsdienst zu entziehen, oft noch vor der Einberufung. In Russland ist die Lage \u00e4hnlich: Seit Kriegsbeginn sind mehr als 150.000 M\u00e4nner\u00a0im wehrpflichtigen Alter geflohen. Wer flieht, bevor er eingezogen wird, begeht Milit\u00e4rdienstentzug. Wer bereits im Dienst ist und sich absetzt, begeht Desertion.<\/p>\n<p>                <strong>Deserteure auf russischer und auf ukrainischer Seite<\/strong><\/p>\n<p>Auf russischer Seite k\u00e4mpfen vor allem Vertragssoldaten. Seit Herbst 2022 gelten ihre Vertr\u00e4ge laut einem Erlass von Pr\u00e4sident Putin bis zum Ende der sogenannten \u201eSpezialoperation\u201c, also des Krieges \u2013 ein legales Ausscheiden ist also nicht mehr m\u00f6glich. Laut Recherchen des Exilmediums iStories haben rund 50.000 russische Soldaten seit Kriegsbeginn ihre Truppe unerlaubt verlassen. Die Dunkelziffer d\u00fcrfte deutlich h\u00f6her liegen.<\/p>\n<p>Auf der ukrainischen Seite ist die Lage etwas transparenter, da die Ukraine auf westliche Hilfe angewiesen ist und deshalb auch bei heiklen Themen wie Desertion offener mit Zahlen umgehen muss: \u00dcber 100.000 Verfahren sind demnach wegen Desertion anh\u00e4ngig. <\/p>\n<p>Viele ukrainische M\u00e4nner versuchen, sich dem Kriegsdienst zu entziehen, etwa durch illegale Grenz\u00fcbertritte, gef\u00e4lschte Ausnahmegenehmigungen, Bestechung von Grenzbeamten oder in dem sie untertauchen. Wie gro\u00df die Dimension inzwischen ist, zeigt ein konkreter Vorfall aus 2024. Zahlreiche Soldaten desertierten w\u00e4hrend ihrer Ausbildung in der 155. Brigade in Frankreich. Sp\u00e4ter verlie\u00dfen weitere 1.700 Soldaten derselben Brigade ihre Einheiten, noch bevor sie an der Front zum Einsatz kamen. <\/p>\n<p>                Russische Soldaten versuchen oft w\u00e4hrend eines Lazarettaufenthalts zu desertieren, dort ist es leichter, sich abzusetzen. Denn auch viele Verwundete werden wieder an die Front geschickt. So berichtete etwa das <a title=\"Link auf: Exilmedium Meduza\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/meduza.io\/en\/feature\/2025\/05\/08\/people-simply-didn-t-know-how-else-to-save-themselves\" class=\"click-tracking-paragraph\" data-tracking=\"{&quot;name&quot;:&quot;Link in Beitrag&quot;,&quot;chapter1&quot;:&quot;https:\/\/meduza.io\/en\/feature\/2025\/05\/08\/people-simply-didn-t-know-how-else-to-save-themselves&quot;,&quot;chapter2&quot;:&quot;Exilmedium Meduza&quot;,&quot;chapter3&quot;:&quot;Deserteure im Ukrainekrieg - Flucht vor dem T\u00f6ten&quot;,&quot;level2&quot;:1}\" rel=\"noopener\">Exilmedium Meduza<\/a> von einem russischen Vertragssoldaten, der im Gebiet Donezk an der linken Hand verletzt wurde. Obwohl er verwundet war, sollte er wieder an die Front geschickt werden, mit der Begr\u00fcndung, seine rechte Hand funktioniere ja noch. Gemeinsam mit einem Kameraden verletzten sie sich daraufhin gegenseitig an den Beinen, indem sie eine Mischung aus Pulver und rostigen N\u00e4geln in die Wunden einbrachten. Sie behaupteten, von einer ukrainischen Drohne getroffen worden zu sein, doch das medizinische Personal glaubte ihnen nicht.<br \/>\n                Selbstverletzung, Atteste, Bestechung<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gestanden sie die Selbstverletzung. Um sich dennoch der Front zu entziehen, zahlten sie jeweils 3.500 Euro Bestechungsgeld, erst auf dem Weg ins Krankenhaus, sp\u00e4ter nochmals. Insgesamt kostete Nikolai die Flucht aus dem Milit\u00e4rdienst laut Meduza rund 12.500 Euro.<\/p>\n<p>Meduza beschreibt ein weit verbreitetes Korruptionssystem: \u00c4rzte manipulieren Verletzungen oder stellen falsche Atteste aus, gegen Tausende Euro. Laut Ilja Schumanow von Transparency International Russland existiert ein regelrechter Markt: F\u00fcr bis zu 30.000 Euro lassen sich Soldaten sogar aus der Kaserne herausholen. Mit zunehmender Strafverfolgung steigen die Preise weiter.<\/p>\n<p>Sowohl Russland als auch die Ukraine verfolgen Desertion und Kriegsdienstverweigerung strafrechtlich, mit zum Teil drastischen Mitteln. In Russland werden Deserteure entweder gleich an die Front zur\u00fcckgeschickt oder sie werden angeklagt und bestraft. Laut Medienberichten gab es allein im ersten Quartal 2025 mehr als 150 Urteile gegen Deserteure, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Es gibt lange Haftstrafen und bislang keine Freispr\u00fcche.<\/p>\n<p>Auch die Ukraine geht hart gegen Deserteure und Kriegsdienstverweigerer vor. Wer sich illegal ins Ausland absetzt, macht sich laut Gesetz strafbar. Der Leiter der Personalabteilung des Landstreitkr\u00e4ftekommandos der ukrainischen Streitkr\u00e4fte, Roman Gurbach, erkl\u00e4rt: \u201eWenn sich herausstellt, dass sie sich illegal ins Ausland begeben haben, dann haben sie sich ihrer Milit\u00e4rdienstpflicht entzogen. Nach der geltenden Gesetzgebung werden sie strafrechtlich verfolgt.\u201c Sie werden zu hohen Haftstrafen verurteilt. <\/p>\n<p>V\u00f6lkerrechtlich gilt das Recht auf Kriegsdienstverweigerung als Menschenrecht. Doch in der Praxis wird es h\u00e4ufig ignoriert oder eingeschr\u00e4nkt. In Russland existiert zwar formal ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung, allerdings nur f\u00fcr M\u00e4nner, die noch nicht eingezogen wurden. Laut Rudi Friedrich von Connection e.V. ist es auch \u201eformal so eingeschr\u00e4nkt, dass nicht wirklich viele das wahrnehmen k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n<p>In der Ukraine wurde das Recht auf Kriegsdienstverweigerung mit Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 vollst\u00e4ndig ausgesetzt. Friedrich kritisiert: \u201eDie Ukraine h\u00e4lt sich nicht an das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung.\u201c<\/p>\n<p>Rund 200.000 ukrainische M\u00e4nner im wehrf\u00e4higen Alter leben derzeit in Deutschland, \u00fcber 600.000 in der EU. Ob ihre Kriegsdienstverweigerung ein Asylgrund ist, bleibt umstritten. Manche betrachten sie als legitimen Schutzgrund, andere fordern Ausweisung, zum Beispiel bei Flucht mit gef\u00e4lschten Papieren oder Bestechung. Russische Verweigerer haben derzeit kaum Chancen auf Asyl, weil sie meist vor einer Einberufung fliehen und dies nicht nachweisen k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n<p>Mehrere Organisationen europaweit, darunter auch Connection e.V. fordern Asyl f\u00fcr Deserteure und alle Menschen, die sich dem Kriegsdienst verweigern. \u201eDer Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte (EGMR) hat klargestellt, dass Kriegsdienstverweigerer*innen unter bestimmten Bedingungen Schutz verdienen, insbesondere wenn ihnen Verfolgung oder unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Strafen drohen\u201c, schreibt etwa Pro Asyl. <\/p>\n<p>Desertion hat direkte milit\u00e4rische Folgen, vor allem, wenn viele Soldaten fehlen. Die ukrainische Nationalgarde spricht inzwischen von \u00fcber einer Million russischer Verluste: Tote, Verwundete oder Gefangene. Diese hohen Zahlen setzen die russische Armee unter Druck und verst\u00e4rken offenbar die Bereitschaft zur Desertion.<\/p>\n<p>                Doch auch f\u00fcr die Ukraine ist Desertion ein schwerwiegendes Problem. Aufgrund der kleineren Bev\u00f6lkerung wirkt sich jede Flucht deutlich st\u00e4rker auf die Verteidigungsf\u00e4higkeit des Landes aus. Laut einem Bericht zur Desertion in Russland und der Ukraine der Organisation <a title=\"Link auf: Front Intelligence Insight stellt Desertion\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/frontelligence.substack.com\/p\/desertions-and-loss-ratios-trends\" class=\"click-tracking-paragraph\" data-tracking=\"{&quot;name&quot;:&quot;Link in Beitrag&quot;,&quot;chapter1&quot;:&quot;https:\/\/frontelligence.substack.com\/p\/desertions-and-loss-ratios-trends&quot;,&quot;chapter2&quot;:&quot;Front Intelligence Insight stellt Desertion&quot;,&quot;chapter3&quot;:&quot;Deserteure im Ukrainekrieg - Flucht vor dem T\u00f6ten&quot;,&quot;level2&quot;:1}\" rel=\"noopener\">Front Intelligence Insight stellt Desertion<\/a> langfristig ein noch gr\u00f6\u00dferes Problem f\u00fcr die Ukraine als f\u00fcr Russland dar. Die Zahlen zeigen aber auch, dass Russland unter einem deutlichen Schwund an Personal leidet, die Vorstellung unersch\u00f6pflicher Reserven ist laut Experten falsch. Auf beiden Seiten w\u00fcrden die steigenden Desertionszahlen als Zeichen milit\u00e4rischer Ersch\u00f6pfung und mangelnder Aussicht auf entscheidende Durchbr\u00fcche deuten. <\/p>\n<p>\u00dcber das Milit\u00e4rische hinaus wirft Desertion auch grunds\u00e4tzliche politische und ethische Fragen auf: Wenn sich viele Menschen auf ihr Recht zur Verweigerung berufen, steht auch die Verteidigungsf\u00e4higkeit eines Landes infrage: Ein Dilemma zwischen individueller Freiheit und kollektiver Sicherheit.<\/p>\n<p>ema<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Soldaten der 110. 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