{"id":225260,"date":"2025-06-28T05:50:10","date_gmt":"2025-06-28T05:50:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/225260\/"},"modified":"2025-06-28T05:50:10","modified_gmt":"2025-06-28T05:50:10","slug":"hohe-dunkelziffer-was-sich-fuer-gewalt-betroffene-aendern-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/225260\/","title":{"rendered":"Hohe Dunkelziffer: Was sich f\u00fcr Gewalt-Betroffene \u00e4ndern muss"},"content":{"rendered":"<p>Gewalt sollte fr\u00fchzeitig als strukturelles, gesamtgesellschaftliches Problem und nicht als individuelles Problem der jeweils von Gewalt betroffenen Person thematisiert werden, betont die Polizei Bremen.<\/p>\n<p>Bild: dpa | Jonas Walzberg<\/p>\n<p class=\"article-intro\">Viele F\u00e4lle von Gewalt bleiben ohne Anzeige \u2013 warum Gewalt keine Privatsache ist und was hilft, damit Betroffene es leichter haben, Anzeige zu erstatten. <\/p>\n<p>Die Dunkelziffer bei sexualisierten Gewalttaten, bei Gewalt in Partnerschaften und der Familie ist weiterhin hoch. Das Problem dabei: Niemand wei\u00df, wie hoch genau. Ein Beispiel: Nach dem ersten periodischen Sicherheitsbericht im Land Bremen aus dem Jahr 2024 wird bei Sexualdelikten nur in 2,5 Prozent der F\u00e4lle Anzeige erstattet. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig. <\/p>\n<p>Was hemmt Betroffene, eine Tat anzuzeigen, und wie l\u00e4sst sich das \u00e4ndern?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Angst davor, was in einem Verfahren passiert, wozu man dann verpflichtet ist und auch davor, dass einem nicht geglaubt wird \u2013 das hat Saskia Etzold, Leiterin der Bremer Gewaltschutzambulanz, bei vielen Betroffenen wahrgenommen. &#8222;Je sichtbarer das Thema Gewalt ist und je klarer man das Unrecht benennt, es nicht verharmlost, nicht zum Beispiel als &#8218;Familiendrama&#8216; deklariert, desto eher verstehen Betroffene, dass sie nicht allein sind&#8220;, sagt Etzold. Das trage dazu bei, dass sich mehr Menschen trauten, Gewalt auch zu melden. <\/p>\n<p>&#8222;Die Hemmschwelle f\u00fcr Betroffene, Einrichtungen und Anlaufstellen aufzusuchen, um sich Hilfe zu holen, kann mitunter riesig sein&#8220;, ist der Eindruck bei der Polizei Bremen. Pressesprecher Bastian Demann verweist in einer schriftlichen Antwort auf Anfrage von buten un binnen neben b\u00fcrokratischen Hindernissen auch auf sprachliche Barrieren. Fazit der Polizei: Eine gute Aufkl\u00e4rung \u00fcber die eigenen Rechte und \u00fcber Beratungs- und Hilfsangebote kann es leichter machen, die Hemmschwelle senken. Viele Einrichtungen b\u00f6ten zum Beispiel telefonische Beratungen oder Beratungen per E-Mail oder Chat in verschiedenen Sprachen, anonym und vertraulich an.<\/p>\n<p>Kinder sollten lernen, eigene Grenzen einzufordern<\/p>\n<p>Dass es wichtig und vern\u00fcnftig ist, sich Hilfe zu holen, solle schon im Kindergarten und sp\u00e4ter in der Schule zum Thema werden, schreibt Silke Ladewig-Makosch auf unsere Anfrage. Kinder sollten lernen und ermutigt werden, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und einzufordern. Die Fachreferentin f\u00fcr Gewalt gegen Frauen und M\u00e4dchen bei der Bremischen Zentralstelle f\u00fcr die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) verweist hier auch auf die Vorbildfunktion beispielsweise von Popstarts, mit denen sich Jugendliche stark identifizieren: &#8222;Wenn zum Beispiel Prominente wie Billie Eilish oder Lady Gaga offen \u00fcber Gewalterfahrungen sprechen, hat das enormen Einfluss auf M\u00e4dchen und junge Frauen und zeigt ihnen, dass ein solches Erlebnis kein Stigma ist.&#8220; <\/p>\n<p>Was l\u00e4sst sich aus langen Wartelisten bei Beratungsstellen ableiten?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Bei der ZGF hat man eine steigende Nachfrage bei den Beratungsstellen zum Thema Gewalt festgestellt. Nach eigenen Angaben gibt es bei der Beratungsstelle &#8222;Neue Wege&#8220; eine lange Warteliste, auch bei Notruf Bremen, die sich auf Beratung bei sexualisierter Gewalt spezialisiert hat, ist ein Gespr\u00e4ch auf Anfrage unserer Redaktion nicht m\u00f6glich \u2013 keine Kapazit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Sehr enge Zeitspannen herrschen bei der Gewaltschutzambulanz, weil deren Aufgabe ist, Verletzungen zu dokumentieren. Bis zu 72 Stunden nach der Tat ist das m\u00f6glich. In bis zu einem Drittel der F\u00e4lle ben\u00f6tigen Betroffene auch eine weitergehende medizinische Versorgung zum Beispiel wegen Knochenbr\u00fcchen oder einem geplatzten Trommelfell, sagt Leiterin Etzold. &#8222;Wenn Betroffene zu uns kommen, haben sie manchmal noch gar nicht bemerkt, wie schwer sie verletzt sind.&#8220; <\/p>\n<p>Tabus werden immer mehr aufgebrochen<\/p>\n<p>Ladewig-Makosch geht davon aus, dass Tabus aufgebrochen werden, weil das Thema vermehrt in Politik und Medien zur Sprache komme. &#8222;Wir gehen deshalb davon aus, dass sich mehr von Gewalt betroffene Menschen trauen, die Taten zu melden oder sich Hilfe zu suchen. Dies ist aber nur eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die steigenden Fallzahlen. Wir m\u00fcssen auch davon ausgehen, dass die Gewalt gegen Frauen zunimmt&#8220;, schreibt Ladewig-Makosch auf Anfrage von buten un binnen.<\/p>\n<p>Wie viele Menschen werden in der Gewaltschutzambulanz beraten?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Die Gewaltschutzambulanz in Bremen gibt es erst seit April 2024. Im Jahr 2024 haben sich nach eigenen Angaben 150 Betroffene an die Stelle gewandt. Im laufenden Jahr 2025 sind es bereits 153 Betroffene (Stand: 20. Juni 2025). Die Betroffenen sind \u00fcberwiegend weibliche Erwachsene, zwischen April 2024 und Ende M\u00e4rz 2025 waren unter den Hilfesuchenden 13 Prozent m\u00e4nnlich. Von den Beratenen waren ebenfalls 13 Prozent im gleichen Zeitraum Kinder und Jugendliche.<\/p>\n<p>Was braucht es dazu, dass mehr Taten ins Hellfeld gelangen, neben Einrichtungen und Anlaufstellen?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Betroffene br\u00e4uchten insbesondere eine gute Aufkl\u00e4rung \u00fcber ihre Rechte und \u00fcber den Ablauf eines Strafverfahrens, hei\u00dft es bei der Polizei Bremen. Das sei unverzichtbar, damit sich mehr Menschen trauten, eine Gewalttat zur Anzeige zu bringen. &#8222;Oft ist es n\u00e4mlich nicht nur Angst oder Scham, die Menschen davon abh\u00e4lt, eine Strafanzeige zu erstatten, sondern auch Unwissenheit dar\u00fcber, was nach einer Strafanzeige auf sie zukommt, welche Rechte sie haben und welche Schutzma\u00dfnahmen getroffen werden k\u00f6nnen&#8220;, schreibt Polizeipressesprecher Bastian Demann auf Anfrage von buten un binnen. <\/p>\n<p>Viele Betroffene erlebten das Strafverfahren als Kontrollverlust. Dabei gebe es eine Reihe von Rechten, die Selbstbestimmung und Schutz erm\u00f6glichten. &#8222;Toll w\u00e4re ein Begleitservice f\u00fcr Betroffene, jemand, der mit zu Beh\u00f6rden, zum Jobcenter oder zur Rechtsantragsstelle geht&#8220;, sagt  Etzold.<\/p>\n<p>\u00c4rzte, Hebammen, Lehrer und Sporttrainerinnen erste Anlaufstellen<\/p>\n<p>Beratungsstellen m\u00fcssen f\u00fcr alle Betroffenen erreichbar sein und sich auch gezielt an Gruppen von Menschen richten, f\u00fcr die der Zugang schwieriger sein kann, schreibt Ladewig-Makosch. Au\u00dferdem sieht sie Personen wie \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, Hebammen, Lehrerinnen oder Sporttrainerinnen als wichtige erste Anlaufstellen. Damit sie das Thema ansprechen k\u00f6nnten, m\u00fcssten sie entsprechendes Wissen an die Hand bekommen. <\/p>\n<p>Aber neben diesen konkreten Ma\u00dfnahmen brauche es auch einen gesellschaftlichen Wandel. &#8222;Es muss selbstverst\u00e4ndlich werden, dass von Gewalt betroffene Personen dar\u00fcber offen sprechen k\u00f6nnen ohne ein Victim-Blaming, also eine Schuldumkehr, f\u00fcrchten zu m\u00fcssen&#8220;, so Ladewig-Makosch. <\/p>\n<p>Was kann dazu beitragen, dass sich der gesellschaftliche Blick auf Menschen, die Opfer von Gewalt werden, wandelt?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">&#8222;Gewalt sollte fr\u00fchzeitig als strukturelles, gesamtgesellschaftliches Problem und nicht als individuelles Problem der jeweils von Gewalt betroffenen Person thematisiert werden&#8220;, schreibt Polizeisprecher Demann. Jede und jeder k\u00f6nne von Gewalt betroffen werden, unabh\u00e4ngig von Geschlecht, Herkunft, Alter oder Religion. Dem schlie\u00dft sich auch die Fachreferentin bei der ZGF an. Sie erg\u00e4nzt: &#8222;Es gilt aber auch: nicht alle Menschen, die Gewalt erlebt haben, zerbrechen daran. Deshalb ist der Begriff &#8218;Opfer&#8216; problematisch, da er die Betroffenen reduziert und nicht in ihrer Gesamtheit achtet.&#8220; <\/p>\n<p>Auch Saskia Etzold von der Gewaltschutzambulanz betont: &#8222;Die Muster: &#8218;Du bist schuld, du reizt mich, du bringst mich dazu, so etwas zu tun&#8216; von T\u00e4terseite stimmen nicht. Die Schuld f\u00fcr die Gewalt liegt nicht beim Opfer. Als erwachsener Mensch muss ich in der Lage sein, auszudiskutieren, wenn mir etwas nicht gef\u00e4llt.&#8220;<\/p>\n<p class=\"article-legal-agencies\"><strong>Quelle<\/strong>:<br \/>\nbuten un binnen.\n<\/p>\n<p class=\"article-legal-broadcast-reference\"><strong>Dieses Thema im Programm:<\/strong><br \/>\nbuten un binnen, 15. Juni 2025, 19:30 Uhr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gewalt sollte fr\u00fchzeitig als strukturelles, gesamtgesellschaftliches Problem und nicht als individuelles Problem der jeweils von Gewalt betroffenen Person&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":225261,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1824],"tags":[2420,3364,29,30,1000,17164,11283,71628,71629],"class_list":{"0":"post-225260","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-bremen","8":"tag-bremen","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-gewalt","13":"tag-gewalt-gegen-frauen","14":"tag-gewaltschutzambulanz","15":"tag-polizei-bremen","16":"tag-zgf-bremen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114759429246839967","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/225260","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=225260"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/225260\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/225261"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=225260"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=225260"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=225260"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}