{"id":225967,"date":"2025-06-28T12:15:35","date_gmt":"2025-06-28T12:15:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/225967\/"},"modified":"2025-06-28T12:15:35","modified_gmt":"2025-06-28T12:15:35","slug":"ki-in-die-venen-der-nation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/225967\/","title":{"rendered":"\u201eKI in die Venen der Nation\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die britische Labour-Regierung wirft sich mit aller Wucht hinter sogenannte K\u00fcnstliche Intelligenz (KI). Ein heute vorgestellter <a href=\"https:\/\/www.gov.uk\/government\/news\/prime-minister-sets-out-blueprint-to-turbocharge-ai\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">KI-Aktionsplan<\/a> soll eine \u201eDekade der nationalen Erneuerung\u201c befeuern und KI-Anwendungen in m\u00f6glichst vielen gesellschaftlichen Bereichen ausrollen. Die Regierung erhofft sich davon Zuw\u00e4chse bei Produktivit\u00e4t, Wirtschaftsleistung und beim Lebensstandard.<\/p>\n<p>Glaubt man der Ank\u00fcndigung, sind von der Technik wahre Wunder zu erwarten. Sie habe das Potenzial, Bauvorhaben zu beschleunigen, Lehrer:innen l\u00e4stige Administrationsarbeit abzunehmen oder Schlagl\u00f6cher auf Stra\u00dfen automatisch zu erkennen, hei\u00dft es im Aktionsplan.<\/p>\n<p>Schon heute w\u00fcrde KI-Technik etwa im notorisch \u00fcberlasteten Gesundheitswesen helfen, sagt die Regierung \u2013 und will dies deutlich ausweiten. Wie der <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/politics\/2025\/jan\/12\/mainlined-into-uks-veins-labour-announces-huge-public-rollout-of-ai\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Guardian berichtet<\/a>, sollen anonymisierte Daten britischer B\u00fcrger:innen, Gesundheitsdaten inklusive, die KI-Modelle f\u00fcttern. Missbrauch sollen \u201estarke Ma\u00dfnahmen zum Schutz der Privatsph\u00e4re\u201c verhindern, verspricht die Regierung.<\/p>\n<p>\u201eTransformierte \u00f6ffentliche Dienste\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnser Plan wird Gro\u00dfbritannien zum Weltmarktf\u00fchrer machen\u201c, sagt Premierminister Keir Starmer. Umgesetzt werden soll das in enger Kooperation mit der KI-Industrie: Diese brauche \u201eeine Regierung auf ihrer Seite, die nicht tatenlos zusieht und Chancen verstreichen l\u00e4sst\u201c, so Starmer. Der Aktionsplan werde der Industrie die Grundlage geben, um den \u201ePlan f\u00fcr den Wandel\u201c ankurbeln. \u201eDas bedeutet mehr Arbeitspl\u00e4tze und Investitionen in Gro\u00dfbritannien, mehr Geld in den Taschen der Menschen und transformierte \u00f6ffentliche Dienste.\u201c<\/p>\n<p>Der Plan, der \u201eKI in die Venen der Nation\u201c spritzen soll, besteht aus drei S\u00e4ulen. Zun\u00e4chst sollen sogenannte KI-Wachstumszonen eingerichtet werden. Dort sollen m\u00f6glichst schnell Rechenzentren mit bevorzugter Anbindung ans Stromnetz gebaut werden. Die erste dieser Zonen soll in Culham, Oxfordshire, entstehen, wo zugleich zu Atomkraft geforscht wird. Bis zum Jahr 2030 soll so die verf\u00fcgbare Rechenleistung f\u00fcr KI-Anwendungen um das 20-fache ansteigen, so die Zielvorgabe.<\/p>\n<p>Mit der zweiten S\u00e4ule will die Regierung die Akzeptanz der Technik im \u00f6ffentlichen und privaten Sektor vorantreiben. Im Technologieministerium (DSIT) soll ein neues Digitalzentrum nach neuen Ideen suchen, diese im \u00f6ffentlichen Sektor pilotieren und sie dann so weit wie m\u00f6glich skalieren. Jedes Ministerium soll die Adoption von KI-Technik zur Hauptpriorit\u00e4t machen, so Premier Starmer.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich soll ein neues Team daf\u00fcr sorgen, dass sich das Vereinigte K\u00f6nigreich im KI-Bereich nicht nur an die Spitze setzt, sondern dort auch bleibt. Das soll die derzeitige Dominanz US-amerikanischer und chinesischer Unternehmen brechen. \u201eDieses Team wird die Macht des Staates nutzen, um Gro\u00dfbritannien zum besten Standort f\u00fcr Unternehmen zu machen. Dazu k\u00f6nnte geh\u00f6ren, den Unternehmen Zugang zu Daten und Energie zu garantieren\u201c, verhei\u00dft der Aktionsplan.<\/p>\n<p>KI-Industrie begr\u00fc\u00dft den Plan<\/p>\n<p>Entsprechend begeistert zeigt sich die Industrie. Die KI-Ambitionen der Regierung seien \u201egenau das, was n\u00f6tig ist, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, \u00f6ffentliche Dienste umzugestalten und neue Chancen f\u00fcr alle zu schaffen\u201c, zitiert der Aktionsplan etwa den britischen Microsoft-Chef Darren Hardman. Das Unternehmen setze sich mit vollem Einsatz daf\u00fcr ein, \u201edass diese Vision Wirklichkeit wird\u201c. \u00c4hnlich lobende Worte kommen von anderen KI-Unternehmen wie Darktrace, Anthropic oder OpenAI.<\/p>\n<p>Die Entfesselung des KI-Sektors und die starke Einbindung der Industrie steht in bemerkenswertem Kontrast zu fr\u00fcheren Positionen der Labour-Partei. Im Jahr 2023 hatte die damals oppositionelle Partei noch auf <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/politics\/live\/2023\/nov\/02\/ai-summit-covid-inquiry-elon-musk-rishi-sunak-keir-starmer-uk-politics-latest-updates-live?page=with:block-6543635e8f08af73b5ca6af8#block-6543635e8f08af73b5ca6af8\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">starke Regulierung vor allem hochriskanter KI-Anwendungen<\/a> gedr\u00e4ngt. Zugleich droht die fortschreitende Privatisierung und Automatisierung des \u00f6ffentlichen Sektors, das ohnehin angeschlagene Vertrauen der B\u00fcrger:innen in den Staat weiter zu besch\u00e4digen.<\/p>\n<p>Starmer sieht dies indes umgekehrt und weist in einem <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/4d448059-5a3f-405c-9343-84cf7e5b90c0\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gastbeitrag f\u00fcr die Financial Times<\/a> auf die erhofften Zeitgewinne hin: \u201eDas ist die wunderbare Ironie der KI im \u00f6ffentlichen Sektor. Sie bietet die M\u00f6glichkeit, Dienstleistungen menschlicher zu gestalten\u201c, schreibt der politisch nominell Mitte-Links stehende Premier. Nur wenige Tage nach der Wahl im Juli 2024 habe er den Wagniskapitalgeber Matt Clifford beauftragt, einen Plan zu entwickeln, um das \u201eunbegrenzte Potenzial\u201c von KI zu heben. Der heute pr\u00e4sentierte Aktionsplan sei das Ergebnis der Bem\u00fchungen und werde \u201eein goldenes Zeitalter der Reform des \u00f6ffentlichen Dienstes einl\u00e4uten\u201c.<\/p>\n<p>Gef\u00e4hrliche Technik in Kinderschuhen<\/p>\n<p>Ohne Zweifel kann Machine Learning, welches oft <a href=\"https:\/\/ai.engineering.columbia.edu\/ai-vs-machine-learning\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">hinter dem vielversprechenden Begriff der sogenannten K\u00fcnstlichen Intelligenz<\/a> steckt, in manchen Bereichen helfen, etwa beim <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/digital\/2024-05\/alphafold-google-kuenstliche-intelligenz-molekuele-dna\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Falten von Proteinen<\/a>. Das Gefahrenpotenzial der Technik steigt jedoch dramatisch an, sobald Menschen unmittelbar von automatisiert gef\u00e4llten Entscheidungen betroffen sind.<\/p>\n<p>So erinnert die Juristin Susie Alegre gegen\u00fcber dem Guardian an den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Royal-Mail-Horizon-Skandal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">britischen Post-Office-Skandal<\/a>, bei dem eine fehlerhafte Finanzsoftware hunderten Menschen f\u00e4lschlicherweise Korruption unterstellte \u2013 und Gerichte die von der Software in die Welt gesetzte Erz\u00e4hlung kritiklos \u00fcbernahmen und rund 900 Menschen verurteilten. Neben zerst\u00f6rten Existenzen hinterlie\u00df der Skandal auch eine Milliarde Pfund an Entsch\u00e4digungszahlungen f\u00fcr Betroffene.<\/p>\n<p>Zudem tendieren KI-Algorithmen dazu, vorhandene <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2020\/eine-neue-aera\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Muster sowie Vorurteile zu replizieren<\/a> und etwa rassistische Diskriminierung fortzuschreiben. Das hat beispielsweise in den <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2021\/kindergeldaffaere-niederlande-zahlen-millionenstrafe-wegen-datendiskriminierung\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Niederlanden zur Kindergeldaff\u00e4re<\/a> gef\u00fchrt, bei der von zehntausenden Eltern aufgrund ihrer Nationalit\u00e4t f\u00e4lschlicherweise R\u00fcckzahlungen des Kindergeldes gefordert wurden.<\/p>\n<p>Ob KI-Tools die hochgesteckten Erwartungen des gegenw\u00e4rtigen Hypes rund um Chatbots erf\u00fcllen k\u00f6nnen, bleibt vorerst offen \u2013 auch auf wirtschaftlicher Ebene. Alexander Clarkson vom King\u2019s College in London <a href=\"https:\/\/bsky.app\/profile\/aphclarkson.bsky.social\/post\/3lfmpwun5322v\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">weist auf Bluesky<\/a> etwa auf die \u201egef\u00e4hrlichen Marktblasen und unrealistischen kurzfristigen Wachstums- und Rentabilit\u00e4tswetten\u201c des Sektors hin. Polemischer formuliert das die <a href=\"https:\/\/bsky.app\/profile\/carolecadwalla.bsky.social\/post\/3lfliw5vov22c\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Journalistin Carole Cadwalladr<\/a>: Starmer habe einen tech-utopischen KI-Plan angek\u00fcndigt, der sich lese, als sei er von ChatGPT geschrieben worden. \u201eSchockierend naive und verzweifelte \u00dcbernahme der britischen Regierung durch Unternehmensinteressen\u201c, res\u00fcmiert Cadwalladr.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/e5cdf634a1ba4f09a2e2423184d10d92.gif\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die britische Labour-Regierung wirft sich mit aller Wucht hinter sogenannte K\u00fcnstliche Intelligenz (KI). 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