{"id":226124,"date":"2025-06-28T13:36:32","date_gmt":"2025-06-28T13:36:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/226124\/"},"modified":"2025-06-28T13:36:32","modified_gmt":"2025-06-28T13:36:32","slug":"gruener-stahl-grossbritanniens-neue-industriestrategie-wirtschaft-und-oekologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/226124\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcner Stahl: Gro\u00dfbritanniens neue Industriestrategie \u2013 Wirtschaft und \u00d6kologie"},"content":{"rendered":"<p>Das Vereinigte K\u00f6nigreich steht am Anfang einer sehr spannenden \u00c4ra. \u00dcber 150\u00a0Jahre, nachdem das Land die industrielle Revolution mit dem Aufkommen der Kohle in Gang gesetzt hatte, wird 2024 das letzte Kohlekraftwerk stillgelegt. Nach jahrzehntelangem Anstieg der Kohlenutzung ist diese pl\u00f6tzlich rapide zur\u00fcckgegangen, da CO2-Steuern und erneuerbare Energien diese schmutzige Energiequelle \u2013 wahrscheinlich f\u00fcr immer \u2013 aus dem System gedr\u00e4ngt haben.<\/p>\n<p>Das ist zwar ein Grund zum Feiern, aber das Land muss auch auf die unangenehme Geschichte zur\u00fcckblicken, wie fr\u00fchere Regierungen mit den Hunderttausenden von Arbeitern umgingen, die die britische Kohleindustrie aufrechterhielten. Die ber\u00fcchtigten Streiks der Bergleute unter der Thatcher-Regierung vor 40\u00a0Jahren haben in den ehemaligen Bergbaugemeinden tiefe Narben hinterlassen, die bis heute sp\u00fcrbar sind. Ein Musterbeispiel f\u00fcr einen sehr schlecht organisierten Wandel, der die wirtschaftlichen Ansichten einer ganzen Generation pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Land auf Kurs zu einem Netto-Null-\u00dcbergang ist, taucht das Erbe aus der Vergangenheit wieder auf. Im Fokus steht vor allem das Stahlwerk in der walisischen Stadt Port Talbot. Dort wird \u00fcber die Zukunft der britischen Stahlherstellung entschieden. Die Zukunft dieses Stahlwerks, das sich im Besitz des indischen Mischkonzerns TATA befindet, ist ein Vorbote f\u00fcr Gro\u00dfbritanniens neuen Versuch einer industriellen Strategie. Gegen einen gro\u00dfz\u00fcgigen Zuschuss in H\u00f6he von 500\u00a0Millionen Pfund (knapp 600\u00a0Millionen Euro) der gerade abgew\u00e4hlten konservativen Regierung hat sich das Unternehmen verpflichtet, die Stahlproduktion umzustellen: von der Produktion von Eisenerz mittels Kokskohle auf die Herstellung von Stahl aus Metallschrott in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lichtbogenofen\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Lichtbogen\u00f6fen<\/a>.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu einem gewaltigen Stellenabbau: Fast 3 000 der insgesamt 8 000 Besch\u00e4ftigten werden dieses Jahr ihren Arbeitsplatz verlieren, zuk\u00fcnftig werden m\u00f6glicherweise noch weitere Stellen abgebaut werden. TATA behauptet, dass der Betrieb der riesigen Hoch\u00f6fen t\u00e4glich einen Verlust von einer Million Pfund bedeutet. Zudem wolle das Unternehmen den \u00dcbergang Gro\u00dfbritanniens zu \u201eNetto-Null\u201c unterst\u00fctzen. Verst\u00e4ndlicherweise setzen die Gewerkschaften sich zur Wehr und schlagen eigene, von den Arbeitskr\u00e4ften selbst geleitete Pl\u00e4ne f\u00fcr den \u00dcbergang vor. Die gerade mit einem Erdrutschsieg gew\u00e4hlte Labour-Regierung findet sich nun mitten in diesen Auseinandersetzungen wieder. Sie hat versprochen, sofort neue Verhandlungen mit TATA aufzunehmen, um die Stellen in Port Talbot zu sichern, ohne den \u00dcbergang zu gef\u00e4hrden. Sollte ihr das gelingen, w\u00fcrde sie damit einen enorm wichtigen Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr andere Wirtschaftssektoren schaffen, auf die in den n\u00e4chsten Jahren ebenfalls erhebliche Umbr\u00fcche zukommen.<\/p>\n<p>Die Situation stellt den neuen Wirtschaftsminister Jonathan Reynolds, der f\u00fcr diese Verhandlungen zust\u00e4ndig ist, vor drei interessante Herausforderungen. Zum einen muss er sein Wahlversprechen umsetzen, die Arbeiterschaft zu sch\u00fctzen und mittels weiterer staatlicher Zusch\u00fcsse in H\u00f6he von 2,5 Milliarden Pfund eine \u201eJob-Garantie\u201c zu erwirken. Zweitens muss er aber auch daf\u00fcr sorgen, dass das Unternehmen wettbewerbsf\u00e4hig bleibt und drittens darf er den Netto-Null-\u00dcbergang nicht in Gefahr bringen. Diese drei Herausforderungen sind miteinander verkn\u00fcpft. Es bestehen berechtigte Bedenken, dass der Erhalt der Herstellung von Prim\u00e4rstahl durch \u00f6ffentliche Zusch\u00fcsse nur eine Industrie k\u00fcnstlich st\u00fctze, die im Vergleich zu den Industrien in Schweden, Spanien und den USA nicht wettbewerbsf\u00e4hig sei. Gleichzeitig l\u00e4uft der Vorschlag der Gewerkschaft, der einen Ausbau der Hochofenanlagen vorsieht, m\u00f6glicherweise der Dringlichkeit des \u00dcbergangs zum Klimaschutz zuwider.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Die Binnennachfrage nach Stahl wird in Gro\u00dfbritannien innerhalb dieses Jahrzehnts um ein Viertel des heutigen Bedarfs steigen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Hier erfordert die Quadratur des Kreises eine klare industrielle Strategie, mit der die Wettbewerbsvorteile Gro\u00dfbritanniens ausgesch\u00f6pft werden und langfristig ein Markt f\u00fcr gr\u00fcnen Stahl gesichert wird. Die Binnennachfrage nach Stahl wird in Gro\u00dfbritannien <a href=\"https:\/\/green-alliance.org.uk\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/A-brighter-future-for-UK-steel.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">innerhalb dieses Jahrzehnts<\/a> um ein Viertel des heutigen Bedarfs steigen. Das ist in erster Linie auf den Bedarf an neuen Infrastrukturen f\u00fcr erneuerbare Energien zur\u00fcckzuf\u00fchren. Um diesen Bedarf wettbewerbsf\u00e4hig decken zu k\u00f6nnen, ist eine \u00e4hnliche Unterst\u00fctzung erforderlich, wie sie in anderen L\u00e4ndern f\u00fcr die Stahlproduktion geleistet wird, beispielsweise in den USA durch das Gesetz zur Reduzierung der Inflation, den\u00a0Inflation Reduction Act. Manch einer argumentiert, dass eine Verstaatlichung der Stahlindustrie es dem Land effektiver erm\u00f6glichen w\u00fcrde, eine Industriestrategie zu entwickeln, die unabh\u00e4ngig von den Entscheidungen privatwirtschaftlicher Unternehmen ist. Aber auch das ist keine kostenlose Alternative und die selbst auferlegten haushaltspolitischen Zw\u00e4nge der Labour-Partei machen dieses Szenario derzeit wenig attraktiv.<\/p>\n<p>Zur L\u00f6sung der wirtschaftlichen Probleme m\u00fcssen die politischen Ma\u00dfnahmen eine gemeinsame Hebelwirkung entfalten. Ein robuster Mechanismus zur Anpassung der Kohlenstoffgrenzen, der die Verlagerung von CO2-Emissionen verhindert; Kapitalsubventionen oder Steuergutschriften, um Anreize f\u00fcr private Investitionen in neue Infrastruktur zu schaffen; langfristige Vertr\u00e4ge \u00fcber saubere Energien f\u00fcr billigen Strom und Abnahmevertr\u00e4ge mit \u00f6ffentlichen und privaten Kunden, mit denen Kapitalkosten reduziert werden k\u00f6nnen. Hebel dieser Art auf Nachfrage- und Angebotsseite werden von entscheidender Bedeutung f\u00fcr die Umgestaltung der britischen Stahlindustrie sein. In den USA und in der EU wurden bereits Ma\u00dfnahmen dieser Art eingef\u00fchrt, um noch vor 2030 eine Welle von Projekten zur Herstellung gr\u00fcnen Stahls in Gang zu setzen. Das k\u00f6nnte Gro\u00dfbritannien m\u00f6glicherweise vom Markt dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Wenn Gro\u00dfbritannien einen Wettbewerbsvorteil hat, dann <a href=\"https:\/\/www.mpiuk.com\/downloads\/industry-papers\/SI-Series-Paper-05-Decarbonisation-of-the-Steel-Industry-in-the-UK.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">ist es die Tatsache, dass das Land sehr viel Metallschrott erzeugt<\/a> und die jetzigen Standorte bereits \u00fcber die zus\u00e4tzliche Infrastruktur wie Netzanbindungen verf\u00fcgen. Lichtbogen\u00f6fen zur Herstellung von Eisenschwamm mit Wasserstoff ist die Zukunft des gr\u00fcnen Stahls \u2013 und Gro\u00dfbritannien ist gut aufgestellt, diese Gelegenheit zu nutzen. Der internationale Thinktank Energy Transitions Commission sch\u00e4tzt, dass ein staatlicher Zuschuss von 30\u00a0Prozent f\u00fcr ein neues Projekt mit Wasserstoff, Eisenschwamm und Lichtbogen\u00f6fen zusammen mit einem Kohlenstoffpreis von 100\u00a0Pfund pro Tonne und einer Pr\u00e4mie f\u00fcr die Abnahme <a href=\"https:\/\/www.energy-transitions.org\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Unlocking-the-First-Wave-of-Breakthrough-Steel-Investments-International-Opportunities-April-2023.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">die Herstellung von gr\u00fcnem Stahl in Gro\u00dfbritannien sehr wirtschaftlich machen k\u00f6nnte.<\/a> Entscheidend wird auch sein, sicherzustellen, dass die industriellen Abnehmer von den billigen erneuerbaren Energien profitieren, da der Strombedarf rapide ansteigen und sich verf\u00fcnffachen k\u00f6nnte, wenn alle Hochh\u00f6fen in Lichtbogen\u00f6fen umgewandelt werden. Allerdings sind die Energiepreise in Gro\u00dfbritannien betr\u00e4chtlich h\u00f6her \u2013 im Durchschnitt zeitweise\u00a0<a href=\"https:\/\/www.uksteel.org\/electricity2023\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">bis zu 80 Prozent teurer als in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern<\/a>\u00a0\u2013, was die Kosten f\u00fcr die Stahlproduktion nat\u00fcrlich in die H\u00f6he treibt.<\/p>\n<p>Es ist unwahrscheinlich, dass dieser \u00dcbergang in einer solchen Geschwindigkeit erfolgt, dass alle heutigen Arbeitspl\u00e4tze erhalten werden k\u00f6nnen. Aber genau so, wie sich die Stahlindustrie entwickelt, m\u00fcssen sich auch die Arbeitskr\u00e4fte entwickeln. Ein Bericht des Fachbereichs Wirtschaft der Universit\u00e4t Leeds macht deutlich, dass die Arbeiterschaft in der Industrie dem gr\u00fcnen \u00dcbergang optimistisch entgegensieht <a href=\"https:\/\/business.leeds.ac.uk\/downloads\/download\/281\/decarbonising_the_foundation_industries_and_the_implications_for_workers_and_skills_in_the_uk\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">und ihn als eine Gelegenheit f\u00fcr Arbeitsplatzsicherheit und industrielle Wettbewerbsf\u00e4higkeit begreift<\/a>. Entscheidend dabei ist jedoch die Umschulung und Weiterqualifizierung der Arbeitskr\u00e4fte, damit sie mit den neuen Technologien umgehen und sich an neue Rollen anpassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Versprechen der neuen Labour-Regierung, die britische Stahlindustrie zu erhalten und auszubauen, ist begr\u00fc\u00dfenswert. Aber es wird weit mehr als staatliche Investitionen erfordern, wenn die Branche langfristig nachhaltig und wettbewerbsf\u00e4hig sein soll.<\/p>\n<p>Aus dem Englischen von Ina Goertz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Vereinigte K\u00f6nigreich steht am Anfang einer sehr spannenden \u00c4ra. \u00dcber 150\u00a0Jahre, nachdem das Land die industrielle Revolution&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":226125,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3976],"tags":[331,332,71800,551,66573,13,71801,1548,20162,14,15,71802,12,6382,3992,3993,3994,3995,3996,3997],"class_list":{"0":"post-226124","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-vereinigtes-koenigreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-britische-stahlindustrie","11":"tag-grossbritannien","12":"tag-gruener-stahl","13":"tag-headlines","14":"tag-hochoefen","15":"tag-klimaschutz","16":"tag-labour","17":"tag-nachrichten","18":"tag-news","19":"tag-port-talbot","20":"tag-schlagzeilen","21":"tag-starmer","22":"tag-uk","23":"tag-united-kingdom","24":"tag-united-kingdom-of-great-britain-and-northern-ireland","25":"tag-vereinigtes-koenigreich","26":"tag-vereinigtes-koenigreich-grossbritannien-und-nordirland","27":"tag-vereinigtes-koenigreich-von-grossbritannien-und-nordirland"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/226124","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=226124"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/226124\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/226125"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=226124"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=226124"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=226124"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}