{"id":227512,"date":"2025-06-29T02:36:09","date_gmt":"2025-06-29T02:36:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/227512\/"},"modified":"2025-06-29T02:36:09","modified_gmt":"2025-06-29T02:36:09","slug":"die-sehnsucht-nach-dem-leben-das-fortgeht-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/227512\/","title":{"rendered":"Die Sehnsucht nach dem Leben, das fortgeht \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p class=\"bc-article-intro__text u-hyphens\">Der Bulgare Georgi Gospodinov z\u00e4hlt zu den gro\u00dfen europ\u00e4ischen Schriftstellern. Sein j\u00fcngster Roman \u201eDer G\u00e4rtner und der Tod\u201c beweist das einmal mehr<\/p>\n<p>        Ein Buch \u00fcber die Zurichtungen im Sozialismus, jugendliche Rebellion und die Kraft des G\u00e4rtnerns<\/p>\n<p>Foto: Lukasz Wierzbowski\/Connected Archives<\/p>\n<p>Das Wort Melanchomiker existiert nicht, dabei tr\u00e4fe es auf etliche Dichter zu. Etwa auf Ernst Jandl. Er schrieb 1954 ein Gedicht, das mit dem Titel sommerlied die Erwartung weckt, man habe es mit einem Naturgedicht zu tun, das auf die Sch\u00f6nheit und Heiterkeit dieser Jahreszeit abhebt.<\/p>\n<p>Mein Vater war G\u00e4rtner. Jetzt ist er ein Garten<\/p>\n<p>Doch Jandl, Komiker und Melancholiker zugleich, biegt in diesem Gedicht ganz anders und unerwartet ab: \u201ewir sind die menschen auf den wiesen \/ bald sind wir menschen unter den wiesen \/ und werden wiesen, und werden wald \/ das wird ein heiterer landaufenthalt.\u201c Mag die Sonne auch noch so hell scheinen \u2013 die Sense des Todes m\u00e4ht unerbittlich, sie verschont niemanden, niemals, zu keiner Zeit.<\/p>\n<p>Was hat Georgi Gospodinovs Der G\u00e4<\/p>\n<p>\n     hat Georgi Gospodinovs Der G\u00e4rtner und der Tod mit Jandls Versen zu tun? Ganz sicher mehr als nur das Wissen um das Werden und Vergehen eines Menschen. Und auch wenn der Vater des Erz\u00e4hlers nicht im Sommer, sondern im Winter stirbt, bedenkt Gospodinovs Roman wie Jandls Gedicht den Kreislauf von Werden und Vergehen. \u201eMein Vater war G\u00e4rtner. Jetzt ist er ein Garten\u201c, lautet sein erster lakonischer Satz, der die Idyllik durchkreuzt, die mit dem Bild des Gartens als Sinnbild des Paradieses \u00fcblicherweise einhergeht.Und doch wendet sich der Erz\u00e4hler dieses Romans, der, das sei hier gleich gesagt, zu den sch\u00f6nsten z\u00e4hlt, den die Rezensentin seit langem gelesen hat, gleich wieder gegen eine Todesobsession, wie man sie aus Jandls Gedicht herauslesen kann. Das Buch, das dem Leben und Sterben seines Vaters gewidmet ist, will ausdr\u00fccklich keines \u00fcber den Tod sein, sondern eines \u00fcber die \u201eSehnsucht nach dem Leben, das fortgeht\u201c, und der Erz\u00e4hler pr\u00e4zisiert diese Sehnsucht: \u201eSehnsucht nach einer mit Honig gef\u00fcllten Wabe, aber auch nach den leeren Zellen dieser Wabe, nach ihnen sogar noch st\u00e4rker. Sehnsucht nach dieser Wabe, an die sich auch die Wachskerzen erinnern, w\u00e4hrend sie in unseren H\u00e4nden abbrennen.\u201cDieser Satz, wie der ganze Roman eindringlich \u00fcbersetzt aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann, zeigt, dass Gospodinov \u2013 wie Jandl \u2013 ein wirklich herausragendes dichterisches Verm\u00f6gen sein eigen nennt, dass er \u00fcber eine ber\u00fcckende Imaginationsgabe verf\u00fcgt, aus der nicht selten der Witz hervorblinkt: \u201eOb die Blumen nicht in Wahrheit heimliche Periskope der Toten sind, die unter ihnen liegen und die Welt durch ihre St\u00e4ngel beobachten?\u201c Einem Erz\u00e4hler, der solche Vergleiche anstellt, will man gerne jedes Wort glauben, immer mehr Worte h\u00f6ren.\u201eDer G\u00e4rtner und der Tod&#8220; : \u00fcber die rettende Kraft des Erz\u00e4hlensWovon Der G\u00e4rtner und der Tod erz\u00e4hlt, ist dabei nicht leicht zu fassen, auch wenn der Titel etwas anderes glauben macht. Vordergr\u00fcndig k\u00f6nnte man sagen, dass Georgi Gospodinovs Erz\u00e4hler die Lebensgeschichte seines Vaters, die mit einem langwierigen, schmerzhaften Sterben auf der biologischen Ebene ein Ende findet, aufgeschrieben hat: Der Vater, am Ende seines Lebens Bewohner eines bulgarischen Dorfs und passionierter G\u00e4rtner, reist zu Beginn des Romans nach Sofia, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen.Es ist Ende November und er steigt langsam die Stufen zur Wohnung des Sohnes hinauf. Noch ist er dazu in der Lage. Schon einmal hat er den Krebs \u00fcberlebt. Jetzt sind die Metastasen zur\u00fcck, Heilung ist ausgeschlossen. Es sind der Sohn und seine Familie, die den Vater bei sich aufnehmen und ihn bis zu seinem Tod begleiten, der nicht lange auf sich warten l\u00e4sst: \u201eHerr Doktor, werde ich darauf hoffen k\u00f6nnen, die Kinder an Weihnachten zu versammeln? Der Doktor z\u00f6gerte drei verr\u00e4terische Sekunden, bevor er sagte: Ja, zu Weihnachten, das geht.\u201cDer G\u00e4rtner und der Tod ist aber auch ein Buch \u00fcber die rettende Kraft des Erz\u00e4hlens. Es ist der Vater, dessen Blick f\u00fcr Menschen, f\u00fcr die Komik der Situation, f\u00fcr das, was im Leben wirklich z\u00e4hlt, ganz offensichtlich auf den Erz\u00e4hler \u00fcbergegangen sind. Der Vater, auch er ein Melanchomiker, kennt eine ganze Reihe \u201ekurzweiliger Geschichten\u201c, sie zu Geh\u00f6r zu bringen, ist ihm eine Lust. Erz\u00e4hlen ist lebensnotwendig, wie alle gro\u00dfen B\u00fccher \u00fcber den Anfang und das Ende von Geschichten, ob nun Joan Didions Wir erz\u00e4hlen uns Geschichten, um zu leben oder auch Vladimir Jank\u00e9l\u00e9vitchs Der Tod verdeutlicht das auch dieses Buch.Vom Ende des Sozialismus in Bulgarien, \u00fcber jugendliche RebellionEs ist zugleich ein Buch \u00fcber den Sozialismus, \u00fcber dessen Zurichtungen, \u00fcber Sanktionen und jugendliche Rebellion dagegen, \u00fcber die Kraft des G\u00e4rtnerns. \u201eWir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass die Gartenarbeit urspr\u00fcnglich gegen den Tod gerichtet ist\u201c, hei\u00dft es an einer Stelle, und tats\u00e4chlich rettet sich der Vater aus einer fr\u00fcheren Krebserkrankung, indem er seine ganze Kraft in seinen Garten steckt.Das G\u00e4rtnern ist es, das ihn verkraften l\u00e4sst, wie die Umbr\u00fcche nach dem Ende des Kalten Krieges, das Ende des Sozialismus in Bulgarien, einen erheblichen Bruch auch in seiner Biographie bedeuten, der danach beruflich nie wieder richtig auf die F\u00fc\u00dfe kommt, nicht einmal durchs G\u00e4rtnern. Der Versuch, mit Zwiebelanbau Geld zu verdienen, endet in einem riesigen Fiasko schimmelnder Zwiebeln, die niemand haben m\u00f6chte. \u201eMein Vater war jener Atlas, der auf seinen Schultern Tonnen von Vergangenheit trug. Und jetzt, wo er gestorben ist, sp\u00fcre ich, wie diese Vergangenheit Risse bekommt, leise \u00fcber mir einst\u00fcrzt und mich unter all ihren Nachmittagen begr\u00e4bt. Diese leise einst\u00fcrzenden Nachmittage der Kindheit. Und ich kann niemanden zu Hilfe rufen.\u201cMit Gedanken in S\u00e4tzen wie diesen ist Der G\u00e4rtner und der Tod zudem eine Meditation \u00fcber die Beziehung eines Sohnes zu einem Vater, der den Sohn, das Leben, seine Kinder, den Garten geliebt hat. Georgi Gospodinov, geboren 1968 in Sofia beweist nach dem Nat\u00fcrlichen Roman und Physik der Schwermut einmal mehr, welch gro\u00dfartiger Schriftsteller er ist, dessen Genauigkeit, Lakonie und selbstbewusste Zur\u00fcckhaltung eine immense Spannung erzeugen. Besonders sch\u00f6n ist in diesem Roman auch, dass ihm wenige, zarte Illustrationen von Lyuba Haleva beigegeben sind. Sie zeigen Insekten, Pflanzenteile, darunter Staubgef\u00e4\u00dfe, \u00fcbersetzen die Ann\u00e4herung an Tod und Leben in genaue Bilder.Bestimmte, sehr wenige Lekt\u00fcren zeitigen einen besonderen Effekt: Hat man den Ton und die Stimme ihres Erz\u00e4hlers aufgenommen, meint man, in den Lesepausen, noch eine ganze Weile nach der Lekt\u00fcre weiterhin alles durch diese Stimme und ihren Rhythmus aufzunehmen. \u201eDie Welt bekommt seinen Ton\u201c, schrieb Andreas Maier einmal \u00fcber den Effekt der Lekt\u00fcre von Peter Kurzeck. Nicht vielen Erz\u00e4hlstimmen gelingt das, die von Georgi Gospodinov geh\u00f6rt dazu.Der G\u00e4rtner und der Tod ist eines der B\u00fccher, das man ohne Weiteres auf die legend\u00e4re Einsame-Insel-Leseliste nehmen k\u00f6nnte, auf der bekanntlich nicht viele Titel Platz haben. Es ist ein Geschenk: \u201eJede Geschichte, die einmal durch die Sprache gegangen ist, sich in Worte gekleidet hat, geh\u00f6rt uns nicht mehr, selbst wenn wir sie pers\u00f6nlich erlebt haben. Sie ist bereits genauso Teil der Wirklichkeit wie der Fiktion\u201c. Indem Georgi Gospodinov diese Geschichte vom Tod und den Lebensspuren seines Vaters erz\u00e4hlt, gewinnt er etwas, indem er es teilt, ganz wie sein G\u00e4rtner-Vater einst die Ertr\u00e4ge seines Gartens verschenkt hat.Der G\u00e4rtner und der Tod Georgi Gospodinov Alexander Sitzmann (\u00dcbers.), Aufbau 2025, 240 S., 24 \u20acLeseprobe\n  <\/p>\n<p>          Alles lesen, was die Welt ver\u00e4ndert.<\/p>\n<ul>\n<li>Gute Argumente \u2013 1 Monat lang kostenlos<\/li>\n<li>Danach f\u00fcr \u20ac 16 im Monat weiterlesen<\/li>\n<li>kein Risiko \u2013 monatlich k\u00fcndbar<\/li>\n<\/ul>\n<p>        <a href=\"https:\/\/abo.freitag.de\/plenigo\/checkout?offerId=O_LGGGQTER1YJO4VYDCA&amp;returnUrl=https%3A%2F%2Fwww.freitag.de%2Flogin%2F9ade224ecbdd4933bb60018d1cefdd5d&amp;sourceid=https%3A%2F%2Fwww.freitag.de%2Fautoren%2Fbeate-troeger%2Froman-von-georgi-gospodinov-die-sehnsucht-nach-dem-leben-das-fortgeht&amp;utm_content=DF22047&amp;utm_term=Paywall&amp;utm_campaign=Paywall&amp;utm_medium=Paywall&amp;utm_source=Website+freitag.de&amp;produkte=F%2B+Paywall+%2F+1+Monat+AZ%2CUpgrade+digital+zu+print+%2F+1+Monat+AZ%2CU30+F%2B+Paywall+%2F+1+Monat+AZ\" class=\"bo-btn buttons-eigenwerbung\" data-button-type=\"Paywall\" data-upscore-conversion=\"1\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jetzt kostenlos testen<\/a><\/p>\n<p>      Sie sind bereits Digital-Abonnent:in?<br \/>\n      <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/@@login\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hier anmelden<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Bulgare Georgi Gospodinov z\u00e4hlt zu den gro\u00dfen europ\u00e4ischen Schriftstellern. 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