{"id":227617,"date":"2025-06-29T03:38:11","date_gmt":"2025-06-29T03:38:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/227617\/"},"modified":"2025-06-29T03:38:11","modified_gmt":"2025-06-29T03:38:11","slug":"martin-walsers-lob-der-lesestadt-leipzig-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/227617\/","title":{"rendered":"Martin Walsers Lob der Lesestadt Leipzig \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr den 2023 verstorbenen Schriftsteller Martin Walser war Leipzig die Stadt der St\u00e4dte, die Lesestadt Nummer eins. Und er wusste, wovon er schrieb, als er 2009 seine Notizen zu Leipzig ins Tagebuch schrieb. Wie kaum ein anderer Schriftsteller war er mit seinen B\u00fcchern auf Achse, in manchen Jahren viel l\u00e4nger auf Lesereisen, als er daheim war. Und nach Leipzig kam er schon 1981 zur Lesung. Neugierig auf die Stadt, ihr Publikum und nat\u00fcrlich auch auf die Atmosph\u00e4re. Denn in Leipzig entstand auch Literatur, die Walser faszinierte.<\/p>\n<p>Das betraf 1981 insbesondere <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gert_Neumann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Gerd Neumann<\/a> und sein Buch \u201eElf Uhr\u201c, f\u00fcr dessen Erscheinen in der DDR sich Walser einsetze. Es sollte nicht sein. Gerade bei mutiger und widerborstiger Literatur stellten sich die Funktion\u00e4re quer. Sodass einige der besten Romane aus der DDR nicht in der DDR erschienen, sondern im Westen.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0c029203e9ff4368a24f6d359bad3811.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/06\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/06\/1\"\/><\/p>\n<p>Aber Walser war eh nicht der Mann, der sich von solchen Sensibilit\u00e4ten irritieren lie\u00df. Dazu war er viel zu sehr Schriftsteller. Er sp\u00fcrte sein Publikum, merkte, wenn es hellwach wurde und wie es sensibel sogar auf Stellen reagierte, die f\u00fcr den Autor gar nicht so sensationell klangen.<\/p>\n<p>Und er f\u00fcrchtete sich vor den Parteifunktion\u00e4ren nicht, auch wenn sie sehr w\u00e4hlerisch waren, welches seiner B\u00fccher in der DDR erscheinen durfte. 1981 war Walsers Roman \u201eIm Schwanenhaus\u201c bei Aufbau in Vorbereitung, der viel lieber \u201eSeelenarbeit\u201c ver\u00f6ffentlicht h\u00e4tte. Aber darin gab es leider so eine Stelle \u2026<\/p>\n<p>Am Ende sind die Funktion\u00e4re eben auch an ihrer Nickligkeit und Piefigkeit gescheitert, an einem Berg von Themen, die sie in den ver\u00f6ffentlichten B\u00fcchern nicht benannt sehen wollten. Logisch, dass dann auch das Publikum in Walsers erster Leipziger Lesung richtig gespannt war und mitging, als der streitbare Autor zu lesen begann. 2009 schreibt er dann nieder: \u201eLeipzig aber war schon in der DDR-Zeit auf der Landkarte, auf der ich St\u00e4dte nach den Saalerlebnissen eintrage, die ich in ihnen habe, zur Lese-Stadt Nummer 1 geworden.\u201c<\/p>\n<p>Der Vorleser und sein Publikum<\/p>\n<p>Das muss auch ein Autor einmal anmerken, weil es f\u00fcr sein Leben und Leiden so wichtig ist. Es gibt St\u00e4dte, da hat das Publikum ganz feine Ohren und geht mit allen Fasern mit. Und anderswo passiert gar nichts, sitzen die Zuh\u00f6rer steif da und der Vorlesende wei\u00df \u00fcberhaupt nicht, ob seine Worte im Publikum \u00fcberhaupt etwas ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Das kann einen fertigmachen. Da geht es Schriftstellern wie Schauspielern. Das geht an die Substanz. Und wenn es bei jedem neuen Besuch genauso ist, dann hat selbst ein ge\u00fcbter Vorleser wie Walser, der extra im Stehen vorlas, um genug Bewegungsfreiheit f\u00fcr seine Arme zu haben, keine Lust mehr, hinzufahren.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich versuchte Walser f\u00fcr sich zu analysieren, warum er das Leipziger Publikum \u2013 auch bei seinen vielen sp\u00e4teren Leipzig-Besuchen \u2013 als so besonders empfand. \u201eLeipzig wurde mit M\u00fcnchen und Bonn zu einer Stadt, in der die Zuh\u00f6rer feiner, schneller, genauer und stimmungsreicher reagieren als etwa in Ulm, Duisburg und Aachen.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht lag es ja an der alten Tradition der Buchstadt. Vielleicht lag es auch an der Buchmesse, die eben auch ein Publikum anzog, das sich sehr f\u00fcr die Feinheiten in den Texten der ber\u00fchmten Autoren interessierte und interessiert. Aber Walser geht noch weiter: \u201eIn Leipzig entdecken die Zuh\u00f6rer S\u00e4tze, die man selber noch gar nicht als besondere S\u00e4tze entdeckt hat.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht ist es dieses Sensorium f\u00fcr die feinen T\u00f6ne. Vielleicht ist es aber auch eine fehlende Steifheit. Wo andernorts die Leute sitzen, als d\u00fcrfe man in einer Lesung nicht mit der Wimper zucken, lassen sie sich in Leipzig von einem guten Vorleser einfangen und mitrei\u00dfen. Und zeigen das dann auch. Sehr zur Freude des Vorlesers, der merkt, dass sein Geschriebenes tats\u00e4chlich die Leute erreicht. Nirgendwo kann man das besser merken als in Lesungen.<\/p>\n<p>Auch der Osten ist Deutschland<\/p>\n<p>Und Walser war auch immer ein Mann, der auf Resonanz aus war. Die Zeit, als er sich erstmals im Osten tummelte, war auch die Zeit, als er im Westen eine neue, lebendige Debatte \u00fcber ein gutes Nationalgef\u00fchl anzusto\u00dfen versuchte. Worauf J\u00f6rg Magenau, der auch die gro\u00dfe Walser-Biografie geschrieben hat, im Nachwort sehr ausf\u00fchrlich eingeht.<\/p>\n<p>Ein Nachwort, das viel umfangreicher ist als Walsers Tagebucheintr\u00e4ge. Das aber gerade deshalb dem Leser hilft, die Tagebuchnotizen einzuordnen. Denn die sind auch im Zusammenhang zu sehen mit Walsers Verst\u00e4ndnis von Deutschland.<\/p>\n<p>Denn anders als viele seiner Landsleute, f\u00fcr die die DDR einfach nur Ausland war und nicht wirklich interessierte, empfand er den Osten immer als Teil Deutschlands, eine kulturelle Landschaft, die zur selben Landschaft geh\u00f6rte wie die Bundesrepublik. Etwas, was viele Westdeutsche bis heute nicht hinbekommen zu denken.<\/p>\n<p>Auch deshalb ist Walser noch immer aktuell. Einer, der Wiedervereinigung noch dachte, als sich die meisten Politiker in Bonn davon l\u00e4ngst verabschiedet hatten. Auch deshalb wuchs er etlichen Lesern im Osten ans Herz. Weil es so selbstverst\u00e4ndlich ist. Und so uneingel\u00f6st. Und Walser hatte auch ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die wichtigen Autoren im Osten, die eine Literatur schrieben, die bleiben w\u00fcrde. Neben Gerd Neumann nennt Magenau auch Wulf Kirsten und Wolfgang Hilbig.<\/p>\n<p>Und gleich 1989 machte sich Walser an seinen eigenen gesamtdeutschen Roman \u201eDie Verteidigung der Kindheit\u201c, f\u00fcr die er im Herbst 1989 extra nach Dresden fuhr, um die Stadt kennenzulernen. Womit er mitten hineingeriet in den Dresdner Teil der Friedlichen Revolution.<\/p>\n<p>Das Verlangen nach Sch\u00f6nheit<\/p>\n<p>Auch das rechnete ihm das Publikum hoch an: Dass er es nicht \u2013 wie andere \u2013 bei verbalen \u00c4u\u00dferungen belie\u00df, sondern sich wirklich f\u00fcr den Osten interessierte. Womit etwas deutlich wird, was auch manche Autoren nicht verinnerlicht haben: dass Literatur aus Resonanzen besteht, aus einem erlebbaren Zwiegespr\u00e4ch von Autor und Leser. Beide reagieren aufeinander. Wo das nicht passiert, passiert auch keine Literatur.<\/p>\n<p>Und noch etwas findet Magenau \u2013 bei Walser und bei Neumann: das Verlangen nach Sch\u00f6nheit. Denn das ist eine der st\u00e4rksten Motivationen f\u00fcr Literatur, \u201edie Dinge sch\u00f6ner machen, als sie sind\u201c, sie leuchten lassen, ihnen Farben geben, sodass sie die Leserinnen und Leser in den Bann schlagen und Aufmerksamkeit erwecken. Eine Kunst, die die wirklich begabten Autoren beherrschen. Auch deshalb f\u00fchlte sich Walser einigen Autoren im Osten immer sehr nah. Weil sie es genauso sahen. Und die Notwendigkeit, die Dinge sch\u00f6ner zu machen, gab es in der altbackenen Bundesrepublik genauso wie in der ru\u00dfigen DDR.<\/p>\n<p>Aber Walser wusste eben auch, dass nicht nur das Schreiben und Lesen riskant war (im Osten sowieso), sondern auch das Vorlesen. \u201eDas Vorlesen darf immer riskant sein\u201c, schrieb er in sein Tagebuch. \u201eF\u00fcr beide. F\u00fcr den, der liest, und f\u00fcr die, die zuh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Der vorn am Pult steht und liest, sp\u00fcrt, ob die Spannung sich aufbaut und das Risiko sich gelohnt hat. Und irgendwann ist dann klar, dass er lieber jede Lesung in Leipzig zusagt, wo er immer auf eine hochgradig sensibles Publikum trifft, als zum Beispiel in eine dieser stockn\u00fcchternen St\u00e4dte zu fahren, wo beim Vorlesen nichts passiert. Und das Vorlesen selbst zur Qual wird. Denn wie in einem guten Gespr\u00e4ch wartet auch der Vorleser auf jedes kleine Zeichen, dass er geh\u00f6rt wird. Und nicht einsam und allein da oben steht und sich vergebens m\u00fcht.<\/p>\n<p><strong>Martin Walser <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783861426677@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eDie Stadt der St\u00e4dte\u201c<\/a><\/strong> Edition Isele, Eggingen 2025, 16,80 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"F\u00fcr den 2023 verstorbenen Schriftsteller Martin Walser war Leipzig die Stadt der St\u00e4dte, die Lesestadt Nummer eins. 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