{"id":228440,"date":"2025-06-29T11:21:10","date_gmt":"2025-06-29T11:21:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/228440\/"},"modified":"2025-06-29T11:21:10","modified_gmt":"2025-06-29T11:21:10","slug":"die-ressource-mensch-als-kriegstaktik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/228440\/","title":{"rendered":"Die Ressource Mensch als Kriegstaktik"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Russlands Krieg gegen die Ukraine ist in eine Phase eingetreten, die weniger von spektakul\u00e4ren Offensiven als von einem zerm\u00fcrbenden Dauerdruck entlang der gesamten Front gepr\u00e4gt ist. Der Kreml setzt dabei auf die Taktik des permanenten Druckes \u2013 milit\u00e4risch, diplomatisch und psychologisch.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Wladimir Putin aktuell gro\u00dfe Worte bem\u00fcht, so zuletzt mit dem plakativen Satz: \u201eWo der russische Soldat seinen Fu\u00df setzt, ist Russland\u201c, bleiben die tats\u00e4chlichen Gel\u00e4ndegewinne begrenzt, schwer erkauft und von operativer Fragilit\u00e4t. Moskau setzt dabei nicht auf operative Durchbr\u00fcche unter enormem Ressourcenaufwand, sondern agiert geschickt im Rahmen begrenzter personeller, ausr\u00fcstungstechnischer und politischer M\u00f6glichkeiten. Denn der entscheidende Part des machtpolitischen Kalk\u00fcls Russlands liegt jenseits des Milit\u00e4rischen begr\u00fcndet \u2013 in diplomatischen Man\u00f6vern, bewusst verz\u00f6gerten Verhandlungen, politischer Zerm\u00fcrbung der Opponenten und einem taktischen Spiel auf Zeit.<\/p>\n<p>Die Taktik des langen Atems umfasst nicht nur den fortlaufenden milit\u00e4rischen Druck, sondern auch den Versuch, die westliche Unterst\u00fctzung in einem langsamen, aber stetigen Prozess zu zerm\u00fcrben. Der Kreml hofft auf die mangelnde Belastbarkeit des Westens und erwartet, dass fortgesetzte Operationen und st\u00e4ndige Eskalationen den politischen Willen zur Unterst\u00fctzung der Ukraine schrittweise untergraben.<\/p>\n<p><strong>Die Logik des schrittweisen Vorr\u00fcckens<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Im Grenzgebiet zur ukrainischen Region Sumy, einem derzeit viel diskutierten Operationsfeld, zeigen sich die strukturellen Grenzen der russischen Vorst\u00f6\u00dfe exemplarisch. Russische Truppen konnten in den letzten Wochen einige Kilometer vordringen, kleinere Ortschaften besetzen und ihre operative Reichweite geringf\u00fcgig ausweiten. Doch selbst optimistische russische Sch\u00e4tzungen sehen kaum mehr als vier bis f\u00fcnf Kilometer weiteres Vordringen als realistisch an. Ein Vorsto\u00df in Richtung der Regionalhauptstadt Sumy bleibt milit\u00e4risch au\u00dfer Reichweite.<\/p>\n<p>Russische Drohnen mit Glasfaserkabeln und einer Reichweite von angeblich 50 Kilometern m\u00f6gen auf dem Papier eine Bedrohung f\u00fcr die ukrainischen Nachschublinien darstellen. In der Praxis jedoch scheitern diese Konzepte an den logistischen Gegebenheiten. Wie der Milit\u00e4ranalyst Ruslan Lewijew, Gr\u00fcnder des Conflict Intelligence Team \u2013 einer russischen Plattform f\u00fcr investigativen Journalismus mit Fokus auf die russischen Streitkr\u00e4fte \u2013, treffend feststellt, erfordert die effektive \u00dcberwachung und Kontrolle eines so gro\u00dfen Gebiets eine Drohnendichte, die sowohl operativ als auch personell weit \u00fcber die russischen Kapazit\u00e4ten hinausgeht. Obwohl die Drohnentechnologie Russlands aktuell in ihren M\u00f6glichkeiten begrenzt ist, k\u00f6nnte eine verst\u00e4rkte Entwicklung in diesem Bereich die Dynamik der Kriegsf\u00fchrung weiter ver\u00e4ndern. Die Herausforderung f\u00fcr die Ukraine besteht weniger in der Blockade ihrer Nachschublinien als in der kontinuierlichen Anpassung ihrer Verteidigungsstrategien an neue Technologien. Die Vorstellung, Russland k\u00f6nne durch einzelne technologische Fortschritte die ukrainische Logistik entscheidend blockieren, entpuppt sich bei genauerer Analyse als illusorisch, so Lewijew.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">In der Region Pokrowsk, einem der zentralen Kampfgebiete im Donbass, wird die russische Kriegsf\u00fchrung durch \u00e4hnliche operative Probleme gepr\u00e4gt. In diesem Bereich konzentriert sich Russland auf eine Mischung aus Artilleriefeuer, Luftangriffen und sporadischen Infanterievorst\u00f6\u00dfen. Die Region hat strategische Bedeutung, da sie eine wichtige Versorgungs- und Kommunikationsachse zwischen westlich und \u00f6stlich gelegenen ukrainischen Frontlinien darstellt. Russische Truppen versuchen, durch stetigen Druck auf die Verteidigungsstellungen in dieser Region, insbesondere auf die wichtigen St\u00e4dte wie Pokrowsk, die ukrainischen Linien zu zerschlagen und einen weiteren Vorsto\u00df in Richtung der Agglomeration von Slowjansk und Kramatorsk zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">\u00c4hnliche strukturelle Begrenzungen pr\u00e4gen auch die russischen Operationen an anderen Frontabschnitten. Im Raum Charkiw, bei Kupjansk oder Torezk, folgen die russischen Angriffe einem bekannten Muster: kleine Vorst\u00f6\u00dfe, h\u00e4ufig mit leichten Kr\u00e4ften, unterst\u00fctzt von vereinzelten Panzern oder improvisierten Kolonnen aus Zivilfahrzeugen. Der spektakul\u00e4r gescheiterte Angriff einer russischen Panzerkolonne auf Torezk illustriert die qualitativen Schw\u00e4chen der russischen Taktik und legt zugleich ihren Kern offen. G\u00e4nzlich unabh\u00e4ngig von operativen Erfolgen zielt die russische Armee auf kontinuierlichen Druckaufbau und kalkuliert hohe Verluste ein. Das zeigt sich auch in der zunehmenden Bereitschaft, statt auf gro\u00dfangelegte Panzeroperationen auf Infanterieangriffe mit geringer Panzerdeckung zu setzen. Diese Taktik ist allerdings keineswegs Ausdruck eines strategischen Umdenkens, sondern vielmehr das Resultat eines schlichten Mangels an gepanzerter Technik.<\/p>\n<p><strong>Russlands R\u00fcstungsindustrie zwischen Mythos und Realit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die russische Propaganda spricht von Produktionskapazit\u00e4ten, die angeblich bis zu 1500 neue Panzer pro Quartal erreichen. Eine unabh\u00e4ngige, monatelang erarbeitete Untersuchung von Conflict Intelligence Team kommt jedoch zu einem deutlich realistischeren Wert. Demnach kann Russland derzeit etwa 250 bis 300 neue Panzer pro Jahr produzieren.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Diese Zahl ist f\u00fcr die langfristige Kriegsf\u00fchrung von entscheidender Bedeutung, denn die sowjetischen Reserven sind weitgehend aufgebraucht oder irreparabel besch\u00e4digt. Doch Russlands Kriegsf\u00fchrung hat sich l\u00e4ngst an diese strukturelle Schw\u00e4che angepasst. Die Armee ersetzt verlorene Schlagkraft nicht mehr prim\u00e4r durch Technik, sondern durch Masse an Menschen.<\/p>\n<p><strong>Die Ressource Mensch als Kriegstaktik<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Russland rekrutiert nach wie vor monatlich zwischen 30.000 und 40.000 neue Soldaten. Ein repressives innenpolitisches Klima und finanzielle Anreize von bis zu zwei Millionen Rubel Pr\u00e4mie bei Vertragsabschluss sorgen daf\u00fcr, dass der Zustrom an Rekruten, vor allem aus wirtschaftlich depressiven Regionen, stabil bleibt. F\u00fcr viele junge M\u00e4nner aus strukturschwachen Gebieten ist der Milit\u00e4rdienst die einzige Chance auf sozialen Aufstieg oder Entschuldung. Die Hoffnung, durch einen kurzfristigen Kriegseinsatz schnelles Geld zu verdienen, h\u00e4lt den Personalfluss aufrecht. Auch wenn die Produktion neuer Panzer nicht ausreicht, um die Verluste auch nur ann\u00e4hernd auszugleichen, kann es sich der Kreml leisten, Soldaten zu verschlei\u00dfen. Das ist die eigentliche Tragik dieses Krieges: Der menschliche Faktor ist in der russischen Kriegsf\u00fchrung zunehmend zur statistischen Gr\u00f6\u00dfe degradiert worden.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Kombination aus technologischem Mangel und personellem \u00dcberfluss hat zu einer schleichenden Transformation der russischen Kriegsf\u00fchrung gef\u00fchrt. Das russische Kommando setzt nicht so sehr auf eine entscheidende Sommeroffensive, sondern vielmehr auf ein permanentes, zerm\u00fcrbendes Vorr\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>Die Schw\u00e4chen der ukrainischen Verteidigung<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">W\u00e4hrend Russland auf Masse setzt, zeigen sich auf ukrainischer Seite strukturelle Schw\u00e4chen, so insbesondere bei der Verteidigung von peripheren Frontabschnitten. Die Maxime, Verteidigung m\u00f6glichst lange aufrechtzuerhalten, f\u00fchrt immer wieder zu \u00fcberh\u00f6hten Verlusten und erschwert geordnete R\u00fcckz\u00fcge. Selbst ukrainische Frontberichte und Analysen kritisieren dieses Vorgehen des Kommandos. Ein taktischer R\u00fcckzug auf vorbereitete Verteidigungspositionen w\u00e4re in vielen F\u00e4llen milit\u00e4risch sinnvoller als symbolhaftes Durchhalten, die den ukrainischen Kr\u00e4ften die Abwehrma\u00dfnahmen erschwert. Hinzu kommt, dass an der n\u00f6rdlichen Grenze der Ukraine, insbesondere im Raum Sumy und Charkiw, Verteidigungsanlagen in den vergangenen Monaten nicht in ausreichendem Ma\u00dfe ausgebaut wurden \u2013 ein Vers\u00e4umnis, das Russland \u00fcberhaupt erst die schnellen Vorst\u00f6\u00dfe erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p><strong>Die Zeit ist auf Putins Seite<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Putins Strategie ist keine der schnellen Siege. Es ist eine Strategie des Aushungerns, des Zerm\u00fcrbens, des politischen und milit\u00e4rischen Dauerbeschusses. Putins Krieg hat solcherart keine zeitliche Begrenzung und soll bis zur Erm\u00fcdung des Westens und dem Zusammenbruch der ukrainischen Verteidigung unter der schieren Last der Dauerangriffe dauern.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Russlands Schw\u00e4che liegt dabei weniger in den R\u00fcstungszahlen als in der technologischen Stagnation und operativen Tr\u00e4gheit. Doch die westliche Hoffnung, der Kreml werde aus materieller Ersch\u00f6pfung heraus zum Einlenken gezwungen, k\u00f6nnte sich als tr\u00fcgerisch erweisen. Die russische Kriegsf\u00fchrung hat sich l\u00e4ngst auf diesen Zustand der mittleren Intensit\u00e4t eingestellt und sie kann ihn, so scheint es, noch lange aufrechterhalten. Ein Zustand der milit\u00e4rischen Pattsituation k\u00f6nnte nicht nur den Ukraine-Konflikt in die L\u00e4nge ziehen, sondern auch geopolitische und \u00f6konomische Belastungen f\u00fcr die westlichen Unterst\u00fctzer mit sich bringen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die zentrale strategische Frage bleibt: Wird es der Ukraine gelingen, sich gegen die russische Strategie des langen Atems nachhaltig zu behaupten oder wird die Kombination aus milit\u00e4rischem Dauerdruck, personeller Auszehrung und \u00f6konomischer Ersch\u00f6pfung das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis schleichend zu Moskaus Gunsten verschieben?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Solange die westliche Unterst\u00fctzung nicht substanziell ausgeweitet wird \u2013 insbesondere im Bereich Luftverteidigung, Munitionsversorgung und strategischer Resilienz \u2013 droht der Krieg in eine zerm\u00fcrbende Pattstellung zu gleiten, die langfristig Moskau in die Karten spielt. Die Zeit ist dank westlicher Passivit\u00e4t auf Putins Seite.<\/p>\n<p>Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Russlands Krieg gegen die Ukraine ist in eine Phase eingetreten, die weniger von spektakul\u00e4ren Offensiven als von einem&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":228441,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,13,14,15,4043,4044,850,307,12],"class_list":{"0":"post-228440","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-russia","14":"tag-russian-federation","15":"tag-russische-foederation","16":"tag-russland","17":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114766393118706795","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/228440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=228440"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/228440\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/228441"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=228440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=228440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=228440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}