{"id":230216,"date":"2025-06-30T04:03:12","date_gmt":"2025-06-30T04:03:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/230216\/"},"modified":"2025-06-30T04:03:12","modified_gmt":"2025-06-30T04:03:12","slug":"der-ganz-und-gar-nicht-arme-katalog-zur-31-leipziger-jahresausstellung-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/230216\/","title":{"rendered":"Der ganz und gar nicht arme Katalog zur 31. Leipziger Jahresausstellung \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>\u00c4u\u00dferlich macht der Katalog zur 31. Leipziger Jahresausstellung, die am 27. Juni er\u00f6ffnet wurde, nicht viel her. Auf der Vorderseite zeigt er das Motto der diesj\u00e4hrigen Ausstellung \u201eTON\u201c, auf der R\u00fcckseite dessen Umkehrung: \u201eNOT\u201c. Denn wie kaum eine Jahresausstellung vorher war die diesj\u00e4hrige von den Malaisen in der \u00f6ffentliche F\u00f6rderung betroffen. Sowohl Freistaat als auch Stadt sahen sich nicht in der Lage, die diesj\u00e4hrige Ausstellung zu f\u00f6rdern. Da war also echter Rat in der Not gefragt. Und es fanden sich Helfer in der Not, die die Ausrichtung der Ausstellung mit ihren Spenden dann trotzdem noch erm\u00f6glichten.<\/p>\n<p>Es ist nicht irgendeine Ausstellung. Das wei\u00df jeder, der die vorhergehenden 30 Ausstellungen besucht hat. Es ist im Grunde die j\u00e4hrliche Leistungsschau der Leipziger K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler \u2013 und all jener, die sich auch von au\u00dferhalb um eine Teilnahme an der Ausstellung bewerben. Vom Namen her kn\u00fcpfte die Ausstellung ab 1992 an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leipziger_Jahresausstellung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ihre ber\u00fchmte Vorg\u00e4ngerin in den Jahren 1910\u20131927<\/a> an, die sich als eine Ausstellung der Moderne im deutschen Kunstraum etabliert hatte.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/c0ec1e0fb1a040a7902776223e8d98aa.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/06\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/06\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Und die <a href=\"https:\/\/www.leipziger-jahresausstellung.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">31. Jahresausstellung<\/a> der Gegenwart zeigt dementsprechend auch die Vielfalt dessen, was heute an Kunst geschaffen wird. Und Vielfalt trifft es wirklich.<\/p>\n<p>Wer<a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/kultur\/ausstellungen\/2025\/06\/feierliche-eroffnung-am-27-juni-ton-31-leipziger-jahresausstellung-627623\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> die Ausstellung in der Werkschauhalle in der Spinnerei<\/a> besucht, sieht es mit eigenen Augen, auf wie vielf\u00e4ltige Weise K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler die Gegenwart ins Bild setzen, ins Foto, die Installation oder in die Skulptur. Die Moderne ist ja l\u00e4ngst zur Postmoderne und zur Post-Postmoderne geworden. Hei\u00dft: Die Vielfalt der Stile hat l\u00e4ngst jeden Rahmen gesprengt. K\u00fcnstler\/-innen lassen sich nicht mehr in Schulen und Stilrichtungen pressen.<\/p>\n<p>Und sie m\u00fcssen sich auch nicht mehr gegen einen konservativen Kunstgeschmack durchsetzen, der noch bis in die 1920er Jahre die Sicht des kaufkr\u00e4ftigen B\u00fcrgertums (auch in Leipzig) auf die Kunst pr\u00e4gte. Damals spielte auch der Begriff Sezession noch eine ganz zentrale Rolle. Man setzte sich ab vom Altbackenen und \u00dcberlebten. Kunst war auch Protest und Rebellion.<\/p>\n<p>Wie f\u00e4ngt man die Blicke ein?<\/p>\n<p>Was nat\u00fcrlich schwierig ist in einer Zeit, in der nicht mehr reiche Kaufleute mit einem konservativen Kunstgeschmack bestimmen, was verk\u00e4uflich ist und was nicht, sondern ein Kunstmarkt, auf dem es auch darum geht, aufzufallen, ins Auge zu fallen, die potenziellen K\u00e4ufer zu frappieren.<\/p>\n<p>Und das passiert l\u00e4ngst auf vielf\u00e4ltigste Weise. Das komplette Repertoire der modernen Stilrichtungen steht zur Verf\u00fcgung. Und die Ausstellenden in der LJA 2025 nutzen es, wo sie nur k\u00f6nnen. Zur Freude der Ausstellungsbesucher, die beim Rundgang selbst erleben, wie sich das anf\u00fchlt, wenn man beim Ablaufen der Bilder und Objekte immer wieder seine Herangehensweise, seine Interpretation und oft auch den Blickwinkel \u00e4ndern muss. Kunst als Herausforderung. Und als Spiel.<\/p>\n<p>Denn die ausgew\u00e4hlten Arbeiten zeigen nat\u00fcrlich auch, wie anspruchsvolle k\u00fcnstlerische Arbeiten ihre Betrachter dazu bringen, auf die Wirklichkeit mit anderen Augen zu schauen. Vielleicht gar ihre Sch\u00f6nheit, ihr Geheimnis, ihre Hintergr\u00fcndigkeit wieder zu sehen. Ausstellungen wie die LJA schulen diese Freude am Schauen.<\/p>\n<p>Und der Katalog, der die Arbeiten der beteiligten K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler enth\u00e4lt, tut das genauso. Auch hier kann man Entdeckungen machewn, wird manchen bekannten K\u00fcnstler wiederfinden, der sich die Teilnahme an der LJA einfach nicht nehmen l\u00e4sst \u2013 so wie Rof M\u00fcnzner oder Hans-Hendrik Grimmling, der einst zu den enfants terribles der Leipziger Kunst geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Die Lust am Bl\u00e4ttern<\/p>\n<p>Aber man wird auch den eindrucksvollen Arbeiten der J\u00fcngeren begegnen, die zeigen, wie man sich mit Fantasie und Kreativit\u00e4t die Welt aneignen kann. Seien es die leuchtende Aquatinta-Arbeiten von Ute Hellriegel oder die bestechenden Foto-Arbeiten von Jan Stradtmann, um einfach mal von hinten in den Katalog hineinzubl\u00e4ttern. Und das Bl\u00e4ttern ist eine Lust, egal, wo man anf\u00e4ngt, sich in die Bilder zu vertiefen.<\/p>\n<p>Einige der beitragenden K\u00fcnstler\/-innen haben auch kurze Texte beigesteuert, die die Leser\/-innen in das Besondere ihres Kunstschaffens einf\u00fchren. Texte, die \u2013 wie etwa bei Nelly Schm\u00fccking \u2013 auch davon erz\u00e4hlen, dass Kunst durchaus die brennenden Themen unserer Gegenwart aufgreift, in ihrem Fall das bedrohliche Artensterben, das \u2013 so sieht sie es \u2013 durch unseren anthropozentrischen Blick auf die Welt bedingt ist. So sehen wir Leid und Not der Tiere nicht.<\/p>\n<p>Christian Schmidt erkl\u00e4rt, wie man Skulpturen nach Noten baut \u2013 immerhin stabile Skulpturen aus Stahl. Und Dirk Richter erz\u00e4hlt, wie er seine Holzskulpturen direkt aus dem Stamm der B\u00e4ume schneidet \u2013 Eichenst\u00e4mme in diesem Fall, die sich unter seiner S\u00e4ge in filigrane Gebilde verwandeln.<\/p>\n<p>Bei jedem Bl\u00e4ttern entdeckt man etwas Neues, im Grunde eine v\u00f6llig andere Welt des Sehens \u2013 ob in den \u201eErinnerungsikonen\u201c Metulczkis oder den \u201eSternen von Amazon\u201c, mit denen Rebecca Korb die ganze bunte Widerspr\u00fcchlichkeit eines Logistikriesen zum namengebenden \u00d6kosystem des Amazonas sichtbar macht. Und damit die Widerspr\u00fcche in unserem eigenen Kopf, wenn wir uns vom einen die ganze bunte (und \u00fcberfl\u00fcssige) Warenwelt frei Haus liefern lassen, w\u00e4hrend der Amazonas und seine Urw\u00e4lder gleichzeitig zerst\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Und so wird der Katalog auch dann noch von all den Themen erz\u00e4hlen, die die ausstellenden K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler zu bew\u00e4ltigen versuchen, wenn die 31. Jahresausstellung schon wieder vorbei ist. Aber man kann den Katalog auch danach noch bestellen. Nur eins sollte man nicht tun: Ihn sich vom Online-Giganten liefern lassen. Das w\u00e4re ziemlich schizophren.<\/p>\n<p><strong>Leipziger Jahresausstellung e.V. (HRSG.) \u201eTON. 31. Leipziger Jahresausstellung\u201c<\/strong>, Passage-Verlag, Leipzig 2025.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00c4u\u00dferlich macht der Katalog zur 31. Leipziger Jahresausstellung, die am 27. Juni er\u00f6ffnet wurde, nicht viel her. 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