{"id":231327,"date":"2025-06-30T14:19:13","date_gmt":"2025-06-30T14:19:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/231327\/"},"modified":"2025-06-30T14:19:13","modified_gmt":"2025-06-30T14:19:13","slug":"falsch-gepokert-putin-hat-seine-wette-gegen-den-westen-verloren-aussen-und-sicherheitspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/231327\/","title":{"rendered":"Falsch gepokert: Putin hat seine Wette gegen den Westen verloren \u2013 Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Als Wladimir Putin 2022 in die Ukraine einmarschierte, platzierte er eine Wette gegen den Westen. Der Westen \u2014 im Sinne von Europa plus die USA \u2014 werde nicht den Mumm haben, f\u00fcr die Ukraine einzustehen, so seine Annahme. Der Westen sei weder geeint noch effektiv. Es gab eine lange Liste an Niederlagen, sei es in Afghanistan, im Irak, in Libyen oder in Syrien. Der russische Sieg in der Ukraine werde beweisen, dass das goldene Zeitalter des Westens vorbei sei. Damit h\u00e4tte Moskau nun die M\u00f6glichkeit, sich mit China und anderen aufstrebenden Nationen zu verb\u00fcnden und seine Rolle in der neuen Weltpolitik zu sichern.<\/p>\n<p>Der Krieg zieht sich allerdings bis heute hin. Der Kreml verfolgt gegen\u00fcber dem Westen eine zweigleisige Strategie: Im eigenen Land wird letzterer zum Feindbild stilisiert und die russische Bev\u00f6lkerung aufgerufen, sich in einem Kampf der Zivilisationen hinter Putin zu einen. Nach Au\u00dfen versucht Russland derweil, den Westen zu spalten, indem Zweifler und Andersdenkende aus der breiteren proukrainischen Koalition herausgel\u00f6st werden sollen. Nach diesem Plan h\u00e4tte die Wahl von Donald Trump im November ein Wendepunkt sein m\u00fcssen. Putins Hoffnung dabei: Nun werde der Westen sich selbst zerfleischen \u2013 und die Ukraine Russland \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Doch diese Hoffnungen haben sich als illusorisch erwiesen. Nach anf\u00e4nglichem Wohlwollen ist US-Pr\u00e4sident Trump gegen\u00fcber seinem russischen Amtskollegen deutlich abgek\u00fchlt. K\u00fcrzlich bezeichnete Trump Putin gar als <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/05\/25\/us\/politics\/trump-putin-ukraine-attacks.html\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201everr\u00fcckt\u201c<\/a>. Der US-Pr\u00e4sident mag zwar weiterhin seinen erkl\u00e4rten Wunsch nach \u201eDeals\u201c mit Putin verfolgen, wird dabei aber weder die Ukraine noch den Westen opfern. Die harten Fakten machen dies unm\u00f6glich: Russlands brutaler Krieg hat im Westen f\u00fcr Entsetzen gesorgt, ihn zu einer gemeinsamen Eind\u00e4mmungspolitik aufger\u00fcttelt und Europa endg\u00fcltig gegen Russland aufgebracht. Diese Entwicklungen sind keineswegs trivial oder vor\u00fcbergehend, sondern werden Russlands Aussichten auf Sicherheit und Wohlstand f\u00fcr Jahrzehnte einschr\u00e4nken.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Russland hat den Westen immer gebraucht und von den Kontakten zu ihm profitiert.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Russland hat den Westen immer gebraucht und von den Kontakten zu ihm profitiert. Wegen eines unn\u00f6tigen Krieges hat Putin diese Verbindung nun endg\u00fcltig gekappt und verloren. Dabei war Russland sp\u00e4testens seit dem 17. Jahrhundert ein fester Bestandteil der europ\u00e4ischen Politik. Im 18. Jahrhundert wurde Russland zu einem europ\u00e4ischen Imperium. Zusammen mit Preu\u00dfen und dem Habsburgerreich teilte man Polen unter sich auf. Russische Soldaten standen 1814 vor Paris. Im 19. Jahrhundert war Russland absolut entscheidend f\u00fcr Krieg und Frieden in Europa. Die Romanow-Dynastie hatte enge Verwandte in den meisten europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten; gleichzeitig l\u00f6ste die \u00dcbernahme der europ\u00e4ischen Kultur eine k\u00fcnstlerische Renaissance in Russland aus. Handel und Technologie aus Europa steigerten den Reichtum und die Macht Russlands.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu war das 20. Jahrhundert von langen Phasen der Isolation gepr\u00e4gt. Doch auch die aus Krieg und Revolution hervorgegangene Sowjetunion h\u00f6rte nie auf, eine europ\u00e4ische Macht zu sein. Man verehrte den europ\u00e4ischen Denker Karl Marx und sowjetisches Ziel war es stets, Europa umzugestalten, mit allen bekannten Folgen f\u00fcr unz\u00e4hlige Europ\u00e4er nach 1945. Nach dem Zweiten Weltkrieg beherrschte Moskau die H\u00e4lfte Europas, w\u00e4hrend die andere H\u00e4lfte sich mit der \u201esowjetischen Bedrohung\u201c auseinandersetzen musste. Als 1989 die Sowjetunion zu zerfallen begann, trafen Reformbewegungen in Moskau auf revolution\u00e4re Bewegungen in Ost- und Mitteleuropa. Michail Gorbatschow sprach von einem zuk\u00fcnftigen \u201egemeinsamen europ\u00e4ischen Haus\u201c von Lissabon bis Wladiwostok.<\/p>\n<p>Die sp\u00e4teren Beziehungen Putins zum Westen waren hingegen weniger herzlich. Besessen von den vermeintlichen Fehlern der 1990er Jahre, versuchte er, die NATO-Erweiterung kategorisch zu blockieren, anstatt \u00fcber vern\u00fcnftige Forderungen bez\u00fcglich St\u00fctzpunkten, Truppen- und Raketenstationierung zu verhandeln. Da es ihm nicht gelang, eine funktionierende Beziehung zur NATO aufzubauen, wuchsen Putins \u00c4ngste vor einer [echten] Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine. Das f\u00fchrte 2014 dazu, dass Russland die Krim annektierte und in Teile der Ostukraine einmarschierte. Acht Jahre sp\u00e4ter eskalierte sein Wille zur Macht \u00fcber die Ukraine zu einem schrecklichen Krieg. Dies markierte den einschneidensten Bruch mit dem Westen in der modernen Geschichte Russlands.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re aber falsch zu behaupten, Putin habe die Beziehungen Russlands zum Westen zerst\u00f6ren wollen. Vielmehr wollte er sie zu seinen Gunsten neu ausrichten und durch die Schw\u00e4chung des Westens wieder eine Rolle in den weiteren europ\u00e4ischen Angelegenheiten spielen. W\u00e4re Russland 2022 ein schneller Sieg gelungen, h\u00e4tte Putin wom\u00f6glich auch bekommen, was er wollte: Russland h\u00e4tte seinen Platz in Osteuropa beanspruchen k\u00f6nnen. Ein gedem\u00fctigter Westen h\u00e4tte sich vielleicht der russischen Macht beugen und das NATO-B\u00fcndnis verkleinern m\u00fcssen. In Panik geratene Nachbarl\u00e4nder Russlands h\u00e4tten sich vielleicht aus der NATO oder der Europ\u00e4ischen Union gel\u00f6st, um sich Moskau anzubiedern. Die transatlantischen Beziehungen, das Fundament des Westens, h\u00e4tten br\u00f6ckeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Russlands einziger Weg zu einer zuk\u00fcnftigen Partnerschaft mit Europa besteht darin, den Krieg zu den Bedingungen der Ukraine zu beenden.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Bekanntlich ist es nicht dazu gekommen. Stattdessen hat Putin etwas viel Schlimmeres f\u00fcr sein Land erreicht, als einen aussichtslosen Krieg anzufangen: Er hat Europa dazu gebracht, sich als milit\u00e4risches Gegengewicht zu Russland zu organisieren. Deutschland will nun massiv aufr\u00fcsten; neue Formen der milit\u00e4rischen Beratung und Zusammenarbeit werden in ganz Europa er\u00f6rtert; Finnland und Schweden sind der NATO beigetreten; der Brexit wurde durch ein bedeutendes Sicherheitsabkommen zwischen dem Vereinigten K\u00f6nigreich und der EU in den Hintergrund gedr\u00e4ngt. Inzwischen werden gewaltige Ressourcen mobilisiert, um Russland aus Europa fernzuhalten. Russlands einziger Weg zu einer zuk\u00fcnftigen Partnerschaft mit Europa besteht darin, den Krieg zu den Bedingungen der Ukraine zu beenden. Das wird Putin nicht tun.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus hat Putin es geschafft, einen ausgesprochen russlandfreundlichen US-Pr\u00e4sidenten zu verprellen. Trump hat es nicht <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/06\/16\/world\/canada\/trump-g7-russia-ukraine.html\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noreferrer noopener\">vermocht<\/a>, Russland wieder in die G7 aufzunehmen (aus der es 2014 ausgeschlossen worden war) oder in die \u00fcblichen Verfahren der europ\u00e4ischen Diplomatie einzubinden. Als Trump zum zweiten Mal ins Amt kam, schien er nicht zu verstehen, was Putin mit dem Krieg in der Ukraine aufgegeben hatte: Russland kann in der Ukraine oder in Europa nicht mehr mit \u00dcberzeugungskraft punkten und hat gleichzeitig nicht ann\u00e4hernd genug Macht, um die Ukraine zu erobern, ganz zu schweigen vom Rest Europas. Putin hat sich somit selbst aus Europa ausgeschlossen. Trump kann Russland nicht aus seiner Isolation retten, selbst wenn er es wollte.<\/p>\n<p>Auf dem NATO-Gipfel d\u00fcrfte es heftige Diskussionen dar\u00fcber gegeben haben, was das B\u00fcndnis seit Beginn des Krieges in der Ukraine alles nicht geschafft hat: Die ukrainische Bev\u00f6lkerung leidet immer noch; Russland erobert nach wie vor Gebiete; China, Iran und Nordkorea unterst\u00fctzen weiterhin die russischen Kriegsbem\u00fchungen; die russische Wirtschaft d\u00fcmpelt vor sich hin, ist aber nicht zum Erliegen gekommen; und in Russland gibt es keine sichtbare Antikriegsbewegung.<\/p>\n<p>Aber: Russland wurde in der Ukraine auch effektiv gestoppt; und Europa \u2013 ebenso wie die USA \u2013 kann ohne Russland leben. Der Westen kann es sich leisten, Russland zu verlieren, so sch\u00f6n es auch w\u00e4re, ein friedliches Russland an seiner Seite zu haben. Im Gegensatz dazu ist es f\u00fcr Russland ein schwerer R\u00fcckschlag, den Westen zu verlieren. Die Beziehungen wieder zu kitten k\u00f6nnte Generationen dauern. Das war Putins Entscheidung. F\u00fcr Russland ist es eine Trag\u00f6die.<\/p>\n<p>Dieser Artikel erschien zuerst in\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/06\/24\/opinion\/putin-trump-nato-russia.html\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noreferrer noopener\">The New York Times<\/a>.<\/p>\n<p>Aus dem Englischen von Tim Steins<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als Wladimir Putin 2022 in die Ukraine einmarschierte, platzierte er eine Wette gegen den Westen. 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