{"id":232451,"date":"2025-07-01T00:31:18","date_gmt":"2025-07-01T00:31:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/232451\/"},"modified":"2025-07-01T00:31:18","modified_gmt":"2025-07-01T00:31:18","slug":"buch-ueber-resistance-kaempfer-eine-epoche-in-der-mut-und-niedertracht-beieinander-lagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/232451\/","title":{"rendered":"Buch \u00fcber R\u00e9sistance-K\u00e4mpfer: Eine Epoche, in der Mut und Niedertracht beieinander lagen"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Es ist ein unscheinbares Ereignis, das andere vielleicht nebenbei registriert und sofort wieder vergessen h\u00e4tten, den Autor Herv\u00e9 Le Tellier aber aufmerken und in eine Geschichte eintauchen l\u00e4sst, deren Spuren nach \u00fcber achtzig Jahren verwischt sind. Le Tellier, dessen letzter Roman \u201eDie Anomalie\u201c in 44 Sprachen \u00fcbersetzt wurde, begibt sich in seinem neuen Buch \u201eDer Name an der Wand\u201c auf eine Reise in die Region Auvergne-Rh\u00f4ne-Alpes, wo er ein Landhaus sucht und auch findet, in dem er sich niederlassen will.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Auf dem Rohputz ist ein Name geritzt und seine verwitterten Gro\u00dfbuchstaben verraten, dass er da schon lange steht: ANDr\u00c9 CHAIX. Nur wenige Meter vom Haus entfernt steht ein Denkmal: Es tr\u00e4gt die Inschrift: \u201eGefallen f\u00fcr Frankreich. Zum Gedenken an die S\u00f6hne von Montjoux.\u201c Darunter findet sich ebenfalls der Name \u201eAndr\u00e9 Chaix\u201c, ein Mann des Maquis war er also, der franz\u00f6sischen und belgischen Partisanen, die sich im Zweiten Weltkrieg in W\u00e4ldern und Bergen versteckten. Zwanzig Jahre wurde er alt. Das ist alles, was Le Tellier zun\u00e4chst von dem Unbekannten wei\u00df, ein Name auf einem Stein.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Le Tellier ist seit 1992 Mitglied der Autorengruppe <a href=\"https:\/\/taz.de\/Reflektionen-ueber-Sprache\/!332201\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Oulipo<\/a>, einer Art Werkstatt f\u00fcr potenzielle Literatur, der unter anderem Georges Perec und Italo Calvino angeh\u00f6rten. Der in die Wand geritzte Name geht Le Tellier nicht aus dem Kopf. Er f\u00e4ngt an, seine Motive zu reflektieren, bis es ihm schlie\u00dflich zur \u201eNotwendigkeit\u201c wird, \u00fcber Andr\u00e9 Chaix zu sprechen, gerade weil dieser junge Mann f\u00fcr einen Historiker eher uninteressant ist, denn in den Archiven wird man nichts finden. Die Hinweise auf seine Person sind sp\u00e4rlich, ein Name, ein Geburts- und ein Todesdatum und die Tatsache, dass er Soldat der Forces fran\u00e7aises de l\u2019int\u00e9rieur gewesen war. Gerade das aber, was einen Historiker abschrecken w\u00fcrde, fasziniert Le Tellier.<\/p>\n<p>      Ein Flugblatt, ein paar Fotos und eine Zigarettenspitze<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Der Autor f\u00e4ngt mit dem Tod von Andr\u00e9 Chaix an, nicht mit dessen Geburt, er umkreist die Todesumst\u00e4nde, das kurze Gefecht mit den Nazis, ein Hinterhalt, in dessen Verlauf Andr\u00e9 Chaix und andere Maquisards erschossen werden. Von den Organisatoren einer Ausstellung \u00fcber den Widerstand in der Dr\u00f4me erh\u00e4lt Le Tellier eine kleine, postkartengro\u00dfe Pappschachtel. Das ist alles, was von Andr\u00e9 Chaix geblieben ist, aber diese pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nde erm\u00f6glichen einen neuen Blick auf ihn. Le Tellier f\u00fchlt sich wie ein \u201eGrabsch\u00e4nder\u201c, als er die Schachtel \u00f6ffnet. Sie enth\u00e4lt unter anderem einen Personalausweis, eine Arbeitsbescheinigung, einen Zeitungsausriss von der Trauerzeremonie 1949, zwei Briefe an seine Eltern, ein Flugblatt, ein paar Kontaktabz\u00fcge von Fotos und eine Zigarettenspitze.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">Le Tellier breitet seinen Fund vor uns aus, skrupul\u00f6s, zur\u00fcckhaltend, fast schon and\u00e4chtig. Er wei\u00df jetzt, wie Andr\u00e9 aussieht, der, an einen Baum gelehnt, \u201eSelbstgewissheit\u201c ausstrahlt, mit einem offenen Blick, einer athletischen Figur und einem Schauspielergesicht, das den Autor an Jean Gabin oder Burt Lancester erinnert. Le Tellier tastet sich weiter vor, er begibt sich auf den Weg zur Werkstatt, in der Andr\u00e9 gearbeitet hat, er besucht das Gotteshaus, die B\u00e4ckerei, an denen Andr\u00e9 t\u00e4glich vorbeigegangen sein muss, und er versteht es in verzaubernder Weise, das unbeschwerte Leben eines jungen Mannes entstehen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\">Langsam steigt Le Tellier von Konkreten zum Allgemeinen empor, vom kleinen Detail zum gro\u00dfen Ganzen, ohne, wie es dem induktiven Denken anhaftet, eine Regel daraus abzuleiten. Er \u00fcberlegt etwa, wie sich Andr\u00e9 in dem Gewirr des Widerstands zurechtgefunden hat, denn diesen beschreibt Le Tellier als \u201eSternennebel\u201c, der nur langsam zu seinem Zentrum findet, zum gemeinsamen Nenner, gegen den \u201eBoche\u201c, den deutschen Besatzer, zu k\u00e4mpfen. Was aber hei\u00dft es, dass zur Hinterlassenschaft Andr\u00e9s ein Flugblatt des Comit\u00e9 national des \u00e9crivains geh\u00f6rt, dem auch Paul \u00c9luard und Jean-Paul Sartre angeh\u00f6rten?<\/p>\n<p>      Die Tonspur ihrer Existenz<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">Die Deutschen hatten Paris besetzt, und Le Tellier versucht die Atmosph\u00e4re zu beschreiben, als Andr\u00e9 vielleicht noch gar nicht daran dachte, sich dem Widerstand anzuschlie\u00dfen. Der Autor stellt sich vor, wie Andr\u00e9 und Simone, die Frau, die er liebt und die er heiraten will, lachen, singen, tanzen und ins Kino gehen. Er hat nachgeforscht, \u201ewas die Tonspur ihrer Existenz gewesen sein k\u00f6nnte\u201c, was sie im Kino angesehen, im Radio und auf dem Grammofon angeh\u00f6rt haben k\u00f6nnten. Vielleicht \u00c9dith Piaf und \u201eLa Tour Eiffel est toujours l\u00e0\u201c, das sie im Moulin Rouge gesungen hat? Damals kam f\u00fcr die Deutschen eine Schlie\u00dfung der Restaurants, Theater, Music Halls und Bordelle nicht in Frage, weil Paris ein \u201eOrt der Entspannung\u201c bleiben sollte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"10\">Viele Schauspieler und Regisseure sind in Paris geblieben. Sie haben Teil am goldenen Zeitalter des franz\u00f6sischen Films, weil die konkurrierenden amerikanischen Produktionen von den Leinw\u00e4nden verschwinden, auch wenn f\u00fcr Juden in diesem Gewerbe gilt, was Billy \u00adWilder einmal auf die Frage, ob er Optimist oder Pessimist sei, geantwortet hat: \u201ePessimist. Die Pessimisten sind in Hollywood, die Optimisten sind in Auschwitz gelandet.\u201c Le Tellier schweift ab ins Allgemeine, ins gro\u00dfe Ganze, er reflektiert, wie die Bereitschaft der Deutschen, Hitler zu folgen, zustande kommen konnte, und wie die Bereitschaft der Franzosen, mit den Deutschen zu kollaborieren, obwohl niemand dazu gezwungen wurde, in den KZs Dienst zu tun oder Juden aufzusp\u00fcren, um sie der deutschen Vernichtungsmaschinerie zu \u00fcbergeben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Er geht auf <a href=\"https:\/\/taz.de\/Die-Alternativen-der-Taeter\/!1179384\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Christopher Browning<\/a>s Buch \u201eGanz normale M\u00e4nner\u201c ein und auf dessen Befund, dass Gruppenzwang und Unterwerfung unter die Autorit\u00e4t \u201egewissenlose M\u00f6rder am Flie\u00dfband produzieren\u201c, und dass diese Unterwerfung auch die \u201eSchleusen der Barbarei\u201c f\u00fcr Polen, Litauer, Ukrainer und andere ge\u00f6ffnet habe.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Dabei hat sich Le Tellier nur scheinbar von Andr\u00e9 entfernt, denn Andr\u00e9 war offenkundig unempfindlich f\u00fcr all den Hass, den diese Leute ges\u00e4t haben. Er verweigerte ganz selbstverst\u00e4ndlich, wie Hannah Arendt einmal geschrieben hat, seine Beteiligung an dem Morden, \u201eweil er nicht willens war, mit einem M\u00f6rder zusammenzuleben \u2013 mit sich selbst\u201c. Le Tellier hat Andr\u00e9 ein kleines, filigranes Denkmal errichtet, er hat f\u00fcr ihn eine Epoche erkundet, \u201ein der Gro\u00dfherzigkeit und Mut mit Egoismus und Niedertracht eng beieinanderlagen wie nur selten\u201c. Es ist ihm ein hinrei\u00dfendes Buch gelungen, in dem man sich lange verlieren m\u00f6chte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist ein unscheinbares Ereignis, das andere vielleicht nebenbei registriert und sofort wieder vergessen h\u00e4tten, den Autor Herv\u00e9&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":232452,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-232451","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114775162012571536","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/232451","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=232451"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/232451\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/232452"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=232451"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=232451"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=232451"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}