{"id":236863,"date":"2025-07-02T16:55:09","date_gmt":"2025-07-02T16:55:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/236863\/"},"modified":"2025-07-02T16:55:09","modified_gmt":"2025-07-02T16:55:09","slug":"berlin-glitzer-und-grauen-eine-modeschau-zu-ddr-zwangsadoptionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/236863\/","title":{"rendered":"Berlin | Glitzer und Grauen: Eine Modeschau zu DDR-Zwangsadoptionen"},"content":{"rendered":"<p>Berlin (dpa) &#8211; Ein gesundes Baby wird von staatlichen Stellen f\u00fcr tot erkl\u00e4rt und zur Adoption vermittelt &#8211; und die leiblichen Eltern bleiben verwaist zur\u00fcck mit dem Trauma dieser L\u00fcge. Zwangsadoptionen in der DDR. Ausgerechnet dieses Thema hat sich der Berliner Modemacher Kilian Kerner f\u00fcr die neue Kollektion ausgesucht, die er bei der Berlin Fashion Week pr\u00e4sentierte.<\/p>\n<p>Es war keine gew\u00f6hnliche Modeschau. \u00dcber die graue Lauffl\u00e4che in der Uber-Arena ragte ein rundes Gebilde, das wie ein Wachturm aussah. \u00abAchtung, Sie verlassen jetzt Westberlin\u00bb, stand da anfangs auf gro\u00dfen Monitoren. Bei der eigentlichen Pr\u00e4sentation zeigte Kerner breitschultrige Schnitte im 80er-Jahre-Look, auch Glitzer und Blumenprunk.\u00a0<\/p>\n<p>Dabei war aber auch ein m\u00e4nnliches Model in einem groben grauen Anzug mit Babypuppe im Arm. Zum Ende hin marschierten die Models in Kapuzenpullis mit der Aufschrift \u00abWo sind unsere Kinder?\u00bb und handgeschriebenen Demoplakaten auf. \u00abWo bist du?\u00bb, fragte eines. \u00abAufarbeitung jetzt!\u00bb, forderte ein anderes.<\/p>\n<p>\u00abWarum macht er das?\u00bb<\/p>\n<p>Kerner wei\u00df, dass das alles Fragen aufwirft. \u00abMode hat mit Zwangsadoption oder angeblichem S\u00e4uglingstod erst mal gar nichts zu tun, nat\u00fcrlich\u00bb, sagt der 46-J\u00e4hrige der Deutschen Presse-Agentur. \u00abUnd ich kann auch verstehen, dass die Leute fragen: Warum macht er das?\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Das Thema hat ihn pers\u00f6nlich gepackt, seit er vor acht Jahren eine Dokumentation \u00fcber angebliche S\u00e4uglingstode und Adoptionen in der DDR sah. \u00abIch war schockiert und tief ber\u00fchrt, dass es so was gibt\u00bb, sagt Kerner.\u00a0<\/p>\n<p>Tausende ungekl\u00e4rte F\u00e4lle<\/p>\n<p>Jahrelang informierte er sich weiter, nahm Kontakt zum Verein \u00abGestohlene Kinder der DDR\u00bb auf. Nach seinen Informationen begann die Geschichte der \u00abgestohlenen Kinder\u00bb in den sp\u00e4ten 1950er Jahren. Vermutet w\u00fcrden insgesamt 15.000 F\u00e4lle vermeintlicher S\u00e4uglingstode\u00a0und\u00a0etwa 10.000 Zwangsadoptionen. Aufgekl\u00e4rt seien bisher nur f\u00fcnf F\u00e4lle angeblich gestorbener Babys. Bei Zwangsadoptionen seien es etwa\u00a020 bis 40 F\u00e4lle.<\/p>\n<p>Der Bundestag hatte die Regierung schon 2019 aufgefordert, sich um Aufkl\u00e4rung des Unrechts zu k\u00fcmmern. Daraufhin wurde eine \u00abZentrale Auskunfts- und Vermittlungsstelle des Bundes\u00bb eingerichtet. Das Bundesinnenministerium startete 2021 eine Studie, um Informationen zusammenzutragen. Ergebnisse sollen Anfang 2026 vorliegen.\u00a0<\/p>\n<p>Offiziell ist die Rede von \u00abpolitisch motivierter Kindeswegnahme\u00bb, oft im Zusammenhang mit \u00abasozialem Verhalten\u00bb, politischer Haft oder Ausreisebegehren der Eltern. Die Kinder kamen oft in staats- und parteitreue Haushalte, um im Sinne des Sozialismus erzogen zu werden.\u00a0<\/p>\n<p>Denim als Symbol der 80er<\/p>\n<p>Wie also setzt man so ein Thema in Mode um? \u00abDie Hochphase der Zwangsadoption und des angeblichen S\u00e4uglingstodes war in den 80er Jahren\u00bb, erz\u00e4hlt Kerner. \u00abDeshalb war f\u00fcr mich schnell klar, dass es eine 80er-Jahre-Kollektion wird.\u00bb 80er in der DDR, das war Denim als Symbol des Westens und der USA, aber in einem ganz bestimmten Grauton, wie Kerner sagt.<\/p>\n<p>\u00abIch habe viel \u00fcber die Mode in der DDR recherchiert. Und zuerst dachte ich: Wie machst du das, weil ich ja schon glamour\u00f6se Sachen mache und die DDR so gar nicht glamour\u00f6s schien. Aber das war ein Trugschluss. Die hatten echt glamour\u00f6se Klamotten, eine Menge Glitzer. Ich war total fasziniert.\u00bb<\/p>\n<p>Punkte, die unangenehm sind<\/p>\n<p>Seine Show soll Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. \u00abEs soll keine Beklemmung erzeugt werden\u00bb, sagt Kerner. \u00abAber ich glaube, wenn man sich darauf einl\u00e4sst, passiert das einfach. Wir versuchen, das realistisch darzustellen. Es gibt Punkte, die nicht angenehm sind.\u00bb In der Uber-Arena spendete das Publikum lange Applaus.<\/p>\n<p>Dass dies alles nur PR sei, l\u00e4sst sich Kerner nicht vorwerfen. \u00abEs geht hier nicht darum, Mode zu promoten. Ich mache dieses Thema aus tiefstem Herzen.\u00bb Klar wolle er, dass seine Mode gesehen werde. Aber er habe diesmal andere Ziele: \u00abDass eine DNA-Bank eingerichtet wird, dass es den Eltern, die Zweifel haben, erlaubt wird, in die Adoptionsakten oder in ihre Akten zu gucken. Das d\u00fcrfen ja nur die Kinder. Und dass sich Zeitzeugen melden.\u00bb Um finanzielle Gutmachung oder Bestrafung gehe es nicht. Wenn alles l\u00e4uft, wie Kerner es sich vorstellt, sind in einem Jahr zumindest zehn weitere F\u00e4lle aufgekl\u00e4rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin (dpa) &#8211; Ein gesundes Baby wird von staatlichen Stellen f\u00fcr tot erkl\u00e4rt und zur Adoption vermittelt &#8211;&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":236864,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,30,2549,3800,350,1940,1938],"class_list":{"0":"post-236863","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-deutschland","13":"tag-germany","14":"tag-leute","15":"tag-messen","16":"tag-mode","17":"tag-nachrichten-aus-berlin","18":"tag-news-aus-berlin"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114784693448518423","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/236863","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=236863"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/236863\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/236864"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=236863"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=236863"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=236863"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}