{"id":237030,"date":"2025-07-02T18:22:14","date_gmt":"2025-07-02T18:22:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/237030\/"},"modified":"2025-07-02T18:22:14","modified_gmt":"2025-07-02T18:22:14","slug":"judith-schalanskys-erste-frankfurter-poetikvorlesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/237030\/","title":{"rendered":"Judith Schalanskys erste Frankfurter Poetikvorlesung"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Marmor \u2013 der Stoff, aus dem Pal\u00e4ste gemacht sind, Kirchen und Moscheen. Michelangelos Statuen und die Tr\u00e4ume von Ovids sagenhaftem Pygmalion, der sich in seine von ihm geschaffene Statue verliebt. Ein wahrlich metaphorischer Stoff und der erste von dreien, denen die Schriftstellerin Judith Schalansky ihre Frankfurter Poetikvorlesung mit dem Titel \u201eMarmor, Quecksilber, Nebel \u2013 Woraus die Welt gemacht ist\u201c widmet.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Dabei mag Schalansky Marmor nicht einmal: dieses \u201eaalglatte Material mit der abgeschmackten Aura von Prunk und Parven\u00fcs\u201c. Doch es ereilt sie wie ein Blitz, wie \u201eVerliebtheiten\u201c. Im Urlaub, an Bord einer F\u00e4hre \u2013 wie k\u00f6nnte es bei Schalansky anders sein \u2013 auf der Reise von der Insel Thasos zum griechischen Festland. \u201eSeine Erscheinungen\u201c, wie Schalansky sagt, \u201ekann man sich nicht aussuchen \u2013 j\u00e4h, unversehens, hinterr\u00fccks und beladen mit Bedeutung stehen sie vor einem und versperren einem den Weg.\u201c Wie versteinert stehe man da und halte den Atem an, \u201ehellwach, and\u00e4chtig und emp\u00f6rt\u201c.<\/p>\n<p>Lie\u00dfe sich so die ganze Weltgeschichte erz\u00e4hlen?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Lie\u00dfe sich an ihm, anhand eines einzigen Materials, nicht die gesamte Weltgeschichte erz\u00e4hlen, fragt sich Schalansky mit Blick auf den gewaltigen Quader, der \u2013 mit fast 27.000 Kilogramm so schwer wie mehrere Elefanten oder \u201eein halber Pottwal\u201c\u2013 auf der Ladefl\u00e4che eines Lkw seine Reise in die Welt antritt, eine Reise ohne Wiederkehr.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Und so beginnt sie am Dienstagabend zu erz\u00e4hlen, vom Raubbau und dem Ausverkauf der Natur, \u00fcber die antiken Marmorplastiken und Ovids Pygmalion, dem \u201eIncel avant la lettre\u201c, dem Pelicot-Prozess und der Unterwerfung der Frau, bis zu Christa Winsloe, der \u201eBildhauerin der Tiere\u201c, und dem Begehren der eigenen B\u00fccher \u2013 Poetikvorlesungen sind ein \u201eH\u00f6llengenre\u201c, so hat es Judith Schalansky schon vor einigen Tagen formuliert, wahrlich \u201eein Trip ins Eingemachte\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Die Marmorsteinbr\u00fcche im italienischen Carrara.\" height=\"2272\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/die-marmorsteinbrueche-im.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Die Marmorsteinbr\u00fcche im italienischen Carrara.Bertram Kober<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Schalansky, die in ihrem vielfach ausgezeichneten Werken, darunter \u201eDer Hals der Giraffe\u201c, \u201eDer Atlas der abgelegenen Inseln\u201c und das \u201eVerzeichnis einiger Verluste\u201c, dem Verh\u00e4ltnis von Mensch und Natur, Wissenschaft und Poetik nachsp\u00fcrt, reiht sich mit ihren Vorlesungen ein in einen Reigen von Autoren, die, angef\u00fchrt von Ingeborg Bachmann, seit 65 Jahren \u2013 wenn auch mit kurzen Unterbrechungen \u2013 im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen \u00fcber Literatur und ihre Bedingungen nachdenken, zuletzt Judith Hermann, Clemens Setz und Aris Fioretos.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Was unterscheidet die schwei\u00dftreibende Arbeit des Bildhauers von der der Schriftstellerin, fragt Schalansky. Wie die Bildhauerei kenne auch die Literatur nur zwei Herstellungsverfahren: eines, bei dem, wie bei der Arbeit mit Lehm oder Ton, hinzugef\u00fcgt und angeh\u00e4uft, und eines, bei dem m\u00fchsam und gegen Widerstand an einem Block herumgemei\u00dfelt werde, \u201ebis kaum etwas \u00fcbrig bleibt\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Judith Schalanskys Arbeitsst\u00e4tte: Ein Blick in die Leselandschaft der Staatsbibliothek.\" height=\"1966\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/judith-schalanskys.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Judith Schalanskys Arbeitsst\u00e4tte: Ein Blick in die Leselandschaft der Staatsbibliothek.Picture Alliance<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Doch anders als der Marmor m\u00fcsse ein k\u00fcnstlerischer Text erst hervorgebracht werden; es gilt einen Corpus zu schaffen, bevor man auf ihn einh\u00e4mmern kann. Doch wie kommt man an einen Block? Schalansky birgt ihren Marmor wie immer aus dem Material, das sie aus \u201eden Untiefen der Bibliotheksmagazine\u201c zutage f\u00f6rdert. F\u00fcr die Autorin ist das Forschen und Sammeln Ausgangspunkt ihrer Arbeit und zugleich anthropologische Konstante: \u201eMan findet irgendetwas und schleppt es in seinen Bau.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Eine Werbebrosch\u00fcre des Deutschen Marmorverbandes aus dem Jahre 1954 etwa oder die Gedanken des italienischen Schriftstellers Italo Calvino: \u201eMeine T\u00e4tigkeit hat vorwiegend darin bestanden, Gewicht wegzunehmen\u201c, zitiert Schalansky aus der Poetikvorlesung, die Calvino 1985 in Harvard halten sollte, wozu es aber nie kam, da ihn kurz vor seiner Abreise der Schlag traf. \u201eMich beschleicht der Verdacht, dass die meine vorrangig darin besteht, Gewicht aufzut\u00fcrmen und die Schwere der Sedimente auf den Stoff einwirken zu lassen\u201c, sagt Schalansky.<\/p>\n<p>Die Bibliothek wird f\u00fcr sie zum Sinnbild<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Sie beschreibt ihre Arbeit als einen Prozess der fortw\u00e4hrenden Verdichtung, \u201ein dem alles Erkl\u00e4ren und Erz\u00e4hlen immer mehr amalgamiert\u201c, sodass es g\u00e4nzlich ineinander aufgeht. \u201eEine Kreislaufwirtschaft, in der Sekund\u00e4rliteratur wieder in Prim\u00e4rliteratur verwandelt wird.\u201c Dass die Kapazit\u00e4ten des Magazins der Berliner Staatsbibliothek zwar gigantisch, doch in Zeiten digitaler, allumfassender Archive auch endlich sind, hat auf die Autorin, wie sie sagt, eine beruhigende Wirkung. Die geschichtstr\u00e4chtige Bibliothek, erbaut in den Jahren von 1967 bis 1978 auf einer Brache zwischen dem Landwehrkanal und dem s\u00fcdlichen Tiergarten, wird f\u00fcr Schalansky zum Sinnbild ihres Arbeitsprozesses.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Kein Bau bilde das unergr\u00fcndliche, komplexe Eigenleben des Schreibens so treffend ab wie der Entwurf Hans Scharouns. Un\u00fcbersehbar sind f\u00fcr sie die maritimen Reminiszenzen: Decks, Relinge, Bullaugen, ein Leuchtturm \u2013 durch die Augen von Schalansky wird die Bibliothek zum Schiff auf den unendlichen M\u00f6glichkeiten des Schreibens: \u201eEs gibt Flauten, es gibt Brisen und sonst nichts als die hohe See.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Marmor \u2013 der Stoff, aus dem Pal\u00e4ste gemacht sind, Kirchen und Moscheen. 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