{"id":237771,"date":"2025-07-03T01:03:24","date_gmt":"2025-07-03T01:03:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/237771\/"},"modified":"2025-07-03T01:03:24","modified_gmt":"2025-07-03T01:03:24","slug":"drei-gaenge-mit-vea-kaiser-der-neuanfang-der-schriftstellerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/237771\/","title":{"rendered":"Drei G\u00e4nge mit Vea Kaiser: Der Neuanfang der Schriftstellerin"},"content":{"rendered":"<p>Nicht sehr verklausuliert kommen darin diverse deutsche Gro\u00dfschriftsteller, Filmemacher und Journalisten vor, die sich allesamt vielleicht ein bisschen zu gut kennen. Es ist eine gro\u00dfartige Satire auf die deutsche Kulturschickeria. Aber nein, Kaiser ging es gar nicht um diesen Gag: Das Lokal geh\u00f6rt der Familie ihres Mannes. Ihr Schwiegervater hat es 1985 gegr\u00fcndet, heute betreibt es ihr Schwager, und nach wie vor ist es ein schn\u00f6rkelloser Italiener mitten in der Innenstadt, der den Touristen zwar auch Pizza verkaufen muss, seine St\u00e4rken aber definitiv bei Pasta und Fischgerichten hat. Wir essen deswegen zun\u00e4chst ein Thunfisch-Carpaccio, dann eine kleine Portion Vongole, beides ausgezeichnet, und dann noch ein St\u00fcck Branzino mit Gem\u00fcse. Kaiser bestellt noch ein Glas Prosecco zur Feier des Tages, denn in der Fr\u00fch hat sie die letzte \u00dcberarbeitung ihres Romans an den Verlag geschickt.<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte so etwas wie die vergangenen drei Jahre nie wieder erleben\u201c, sagt sie und meint damit den Prozess des Romanschreibens. Um das kurz zu kl\u00e4ren: Kaiser hat vor einiger Zeit geheiratet, sie hat einen Sohn bekommen und dann noch einen, sie ist aus der Wiener Innenstadt an den Stadtrand gezogen und hat sich seit Buch drei \u201eweiterentwickelt\u201c: \u201eIch bin eine bessere Schriftstellerin geworden\u201c, sagt sie. Die Kinder haben sie dem\u00fctiger werden lassen, \u201eweil du merkst, dass einfach nichts planbar ist. Du kannst dir noch so viel vornehmen, wenn ein Kind krank wird, dann holst du es vom Kindergarten und fertig.\u201c Und definitiv sei sie \u201eeffizienter\u201c geworden: \u201eIch war auf der Schreibschule in Hildesheim sicher nicht die talentierteste in meinem Jahrgang, aber ich war die strukturierteste \u2013 und das macht sich jetzt bezahlt.\u201c Trotzdem kann sie heute nur vormittags schreiben oder eben in der Nacht, wenn die Kinder schlafen. Dass das nicht immer einfach ist, kann man sich vorstellen. Und dass die Heldin ihres neuen Romans eine berufst\u00e4tige Mutter ist, ist wohl nur konsequent.<\/p>\n<p>Vea Kaiser ist eine gute Erz\u00e4hlerin, das war sie schon immer, und daran haben auch ihre Kinder nichts ge\u00e4ndert. Nach wie vor hat sie diesen ironischen Grundton in ihrer Stimme, dieses sp\u00f6ttische Lachen, bei dem du nie wei\u00dft, was als N\u00e4chstes kommt: ein Verweis auf die griechische Mythologie oder doch eine Indiskretion samt einem derben Witz. Was sich ge\u00e4ndert hat, sind die Themen: Hier im Rossini gossipen wir nicht mehr \u00fcber das Trinkverhalten von Chefredakteuren nach Feierabend, sondern Kaiser redet \u00fcber Kinderg\u00e4rten, Kindergeburtstage, Familienurlaube in Kinderhotels und warum sie es ihren Kindern erlaubt, beim Essen fernzusehen. Sie ist dabei witzig, schlagfertig und erz\u00e4hlt ihre Geschichten auf Pointe, und je l\u00e4nger wir sitzen, desto \u00fcberzeugter bin ich, dass sie an und mit mir f\u00fcr einen Auftritt bei \u201eWillkommen \u00d6sterreich\u201c \u00fcbt.<\/p>\n<p>Sechs Jahre ohne Roman sind eine lange Zeit, vor allem wenn man so wie Kaiser erst 34 Jahre alt ist. Vor allem, weil sich der Literaturbetrieb in dieser Zeit ja auch ein bisschen ge\u00e4ndert hat. Die Aufmerksamkeitsspanne der Leser ist noch geringer geworden, und das wirkt sich eben auch auf die Texte aus, sagt Kaiser: Lange innere Monologe gehen nicht mehr, genauso wenig wie ewig lange philosophische Abhandlungen (\u201eDie werden in jeder H\u00f6rbuchversion sowieso rausgek\u00fcrzt.\u201c) Genauso wenig kann man seitenweise Orte beschreiben, um eine Stimmung zu erzeugen oder einen Spannungsbogen aufbauen, der erst nach Dutzenden Seiten verst\u00e4ndlich wird: \u201eDie Leute schauen alle paar Minuten aufs Handy und sind abgelenkt, du musst also schneller zum Punkt kommen.\u201c Ihr neuer Roman habe deswegen zu Beginn 70 kurze Kapitel gehabt, um die Leser:innen nicht zu \u00fcberfordern. Das hat sie dann zwar so genervt, dass sie es aufgegeben hat, aber die Kapitel sind trotzdem sehr viel k\u00fcrzer als fr\u00fcher. Und apropos Handy: Leser googeln heute jedes Faktum, das in einem Buch steht, sagt Kaiser. F\u00fcr ihr neues Buch hat sie deswegen eine Fakten-Checkerin engagiert, die gerade alles, was \u00fcberpr\u00fcfbar ist, \u00fcberpr\u00fcft und nachrecherchiert, bis hin zur Frage, was ein Glas Champagner am Opernball 1992 gekostet hat.<\/p>\n<p>Fast zwei Stunden sitzen wir mittlerweile im Rossini, Vea Kaiser hat sich warm geredet. Wir trinken noch einen Espresso, dann schaut sie auf die Uhr und muss sehr schnell los.<\/p>\n<p>Der Kindergarten schlie\u00dft in K\u00fcrze.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nicht sehr verklausuliert kommen darin diverse deutsche Gro\u00dfschriftsteller, Filmemacher und Journalisten vor, die sich allesamt vielleicht ein bisschen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":237772,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-237771","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114786612504954575","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/237771","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=237771"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/237771\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/237772"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=237771"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=237771"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=237771"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}