{"id":238344,"date":"2025-07-03T06:13:16","date_gmt":"2025-07-03T06:13:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/238344\/"},"modified":"2025-07-03T06:13:16","modified_gmt":"2025-07-03T06:13:16","slug":"vom-schutzraum-zum-wahrzeichen-hamburg-und-seine-bunker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/238344\/","title":{"rendered":"Vom Schutzraum zum Wahrzeichen: Hamburg und seine Bunker"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Mehr als 1000 Bunker wurden in Hamburg gebaut, viele sind heute stillgelegt, vergessen \u2013 oder haben ein zweites Leben begonnen: als Konzertsaal, Hotel oder Energiekraftwerk. Was verbirgt sich in den Tiefen unter unseren F\u00fc\u00dfen \u2013 und auf den D\u00e4chern, auf denen heute Blumen wachsen, wo einst Bomben drohten? Ein Blick in die verborgensten Orte der Stadt.<\/strong><\/p>\n<p>Man nimmt ihn kaum wahr, den Eingang zum Tiefbunker Steintorwall direkt neben dem Hauptbahnhof. Die G\u00e4ste eines D\u00f6nerladens m\u00fcssen mit ihren St\u00fchlen zur Seite r\u00fccken, dann erst kann Michael Richter eine Bodenplatte hydraulisch ausfahren. 35 Stufen f\u00fchren hinab in die Tiefe.<\/p>\n<p>In keiner deutschen Stadt wurden so viele Bunker errichtet wie in Hamburg<\/p>\n<p>\u201eMit Flipflops und High Heels kommt man nicht runter, die Stufen sind k\u00fcrzer und entsprechen nicht der deutschen Norm\u201c, sagt Sonja Richter, seine Frau. Man nimmt besser eine Jacke mit, denn im\u00a0Bunker herrschen konstant etwa zw\u00f6lf Grad. Zu zweit f\u00fchren die Richters Gruppen durch das unterirdische Labyrinth, einer vorn, einer hinten.<\/p>\n<p>In keiner anderen deutschen Stadt wurden im Zweiten Weltkrieg so viele\u00a0Bunker errichtet wie in\u00a0Hamburg. Mehr als 1000 sind dokumentiert. Knapp die H\u00e4lfte waren kleinere sogenannte R\u00f6hrenbunker. Viele\u00a0Bunker\u00a0wurden nach dem Krieg umgenutzt. Bands fanden einen Probenraum, ein Rundbunker an der Rothenbaumchaussee dient heute als Cocktailbar.\u00a0<\/p>\n<p> Der Rundbunker an der Rothenbaumchaussee ist heute eine Cocktailbar. picture alliance\/dpa\/dpa-tmn | Wolfgang Stelljes<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/534058817-scaled.jpg\" alt=\"Der Rundbunker an der Rothenbaumchaussee ist heute eine Cocktailbar.\" class=\"\" data-recalc-dims=\"1\"\/>Der Rundbunker an der Rothenbaumchaussee ist heute eine Cocktailbar.<\/p>\n<p>Der Tiefbunker Steintorwall, durch den die Richters f\u00fchren, wurde im Zweiten Weltkrieg von Zwangsarbeitern gebaut. \u201eDie durften aber nicht rein, wenn die Sirenen gingen\u201c, sagt Michael. Nach dem Krieg diente der Schutzbau als Restaurant und Hotel. Ab Oktober 1964 wurde die Anlage umger\u00fcstet zu einem ABC-Bunker, der Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Waffen bieten sollte.<\/p>\n<p><strong>Das k\u00f6nnte Sie auch interessieren:<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.mopo.de\/hamburg\/35-millionen-euro-fuer-ein-penthouse-die-luxusbude-auf-dem-eimsbuettel-bunker\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">3,5 Millionen Euro f\u00fcr ein Penthouse: Die Luxusbude auf dem Eimsb\u00fcttel-Bunker<\/a><\/p>\n<p>\u201eAlles, was Sie hier sehen, ist Kalter Krieg.\u201c Das beginnt bei der \u201eDosieranlage\u201c am Eingang. Unter einer Platte im Boden befindet sich ein Z\u00e4hlwerk, das jeden registriert h\u00e4tte, der in den Bunker\u00a0will. Die Anlage besteht aus zwei H\u00e4lften, in jede durften 1351 Menschen. W\u00e4re diese Zahl erreicht worden, h\u00e4tte sich die Anlage automatisch geschlossen. \u201eEgal, ob Kind oder Partner noch drau\u00dfen sind\u201c, sagt Michael Richter.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Raum mit lauter Sitzen, immer f\u00fcnf oder sechs in einer Reihe. \u201e16 Stunden sitzen, acht Stunden liegen\u201c, so war es im Ernstfall laut dem Guide gedacht. F\u00fcr jede Reihe lag eine Kernseife bereit, au\u00dferdem Teller, Becher und L\u00f6ffel f\u00fcr jeden. \u201eAber kein Messer, keine Gabel, nichts, womit man sich oder andere verletzen k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p>Und wer h\u00e4tte dann wo geschlafen in den Etagenbetten, Modell \u201eDornr\u00f6schen\u201c? \u201eDas ist ein Thema, mit dem man sich nicht allzu lange besch\u00e4ftigen darf, denn das wirft Fragen auf.\u201c Vieles h\u00e4tte sich finden m\u00fcssen, so Richter. Sp\u00e4testens nach 14 Tagen h\u00e4tte der\u00a0Bunkerwart einen Schutzanzug angezogen und w\u00e4re herausgegangen. \u201eDer hatte UKW-Empfang und konnte h\u00f6ren, was drau\u00dfen los ist.\u201c<\/p>\n<p>Hamm: Hier kann man einen R\u00f6hrenbunker ansehen<\/p>\n<p>Einen der R\u00f6hrenbunker\u00a0kann man sich in\u00a0Hamm ansehen, versteckt in einem Garten hinter einer Kirche. Der Stadtteil \u00f6stlich der Innenstadt wurde bei alliierten Luftangriffen im Juli 1943 (\u201eOperation Gomorrha\u201c) zu 96 Prozent zerst\u00f6rt. \u201eEs stand fast nichts mehr\u201c, erz\u00e4hlt Historikerin Stephanie Kanne, die das Stadtteilarchiv leitet.<\/p>\n<p>Bei einer\u00a0Bunkerf\u00fchrung beantwortet sie Fragen nach Schlafplatz (\u201eim Sitzen auf der Holzbank\u201c), dem Essen (\u201edas, was jeder mitgebracht hatte\u201c) oder dem Klo (\u201eam Ende jeder R\u00f6hre\u201c). Die vier R\u00f6hren der unterirdischen Anlage boten jeweils 50 Menschen Schutz vor Splittern und Tr\u00fcmmerteilen, aber nicht vor einem direkten Bombentreffer. Was die Menschen hier bei dem Feuersturm 1943 empfunden haben? \u201eDaf\u00fcr fehlt uns die Vorstellungskraft\u201c, sagt Kanne.<\/p>\n<p>Flakbunker von St. Pauli wurde umgebaut zu neuem Wahrzeichen<\/p>\n<p>Das <a href=\"https:\/\/www.mopo.de\/hamburg\/bunker-dachgarten-endlich-fertig-in-wenigen-tagen-duerfen-alle-rauf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bekannteste Beispiel f\u00fcr eine Umnutzung ist sicher der Flakbunker auf St. Pauli<\/a>. Er geh\u00f6rt zu den gr\u00f6\u00dften, die jemals gebaut wurden, und bot im Krieg Schutz f\u00fcr 18.000 Menschen \u2013 offiziell. Beim Bombeninferno im Juli 1943 waren es deutlich mehr, erz\u00e4hlt Stadtf\u00fchrer Tomas Kaiser. Nach dem Krieg verzichteten die Briten auf eine Sprengung, zu massiv war der Betonklotz.<\/p>\n<p>Ab 1990 wandelte er sich zu einem Medienzentrum. Das \u201eUebel &amp; Gef\u00e4hrlich\u201c, ein weit \u00fcber die Stadtgrenzen hinaus bekannter Musikclub, fand hier ebenso eine Heimat wie der \u201eresonanzraum\u201c, der europaweit erste Club f\u00fcr klassische Musik.<\/p>\n<p> Der ehemalige Flakbunker auf St. Pauli wurde umgebaut und oben begr\u00fcnt. dpa<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/474416296-scaled.jpg\" alt=\"Bunker\" class=\"\" data-recalc-dims=\"1\"\/>Der ehemalige Flakbunker auf St. Pauli wurde umgebaut und oben begr\u00fcnt.<\/p>\n<p>Von 2019 bis 2024 wurde der\u00a0Bunker aufgestockt. F\u00fcnf weitere Stockwerke kamen hinzu. Sie bieten unter anderem Platz f\u00fcr eine Veranstaltungshalle und f\u00fcr das Hotel \u201eReverb by Hard Rock\u201c mitsamt Restaurant, Caf\u00e9, Bar und Shop.<\/p>\n<p>Der\u00a0Bunker ist nun unten grau und oben gr\u00fcn: Auf den f\u00fcnf neuen Stockwerken wurden Tausende von Stauden, B\u00fcschen und B\u00e4umen angepflanzt. \u201eDas Ding ist nur entstanden, weil wir einen Garten haben wollten\u201c, sagt Miriam Wiese vom Verein Hilldegarden. Wiese lebt im benachbarten Karoviertel und f\u00fchrt Gruppen auf den\u00a0Bunker, der zu einem neuen Wahrzeichen\u00a0Hamburgs geworden ist.<\/p>\n<p>Der \u201eEnergiebunker\u201c in Wilhelmsburg<\/p>\n<p>Neben dem Flakbunker auf St. Pauli gibt es noch einen zweiten dieser Art in\u00a0Hamburg. <a href=\"https:\/\/www.mopo.de\/hamburg\/projekt-schwieriger-als-gedacht-klimafreundlich-heizen-mit-wasser-aus-der-tiefe\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Er steht in Wilhelmsburg auf der anderen Seite der Elbe<\/a>. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung wurde die Kriegsruine ab 2010 zu einem sogenannten Energiebunker umgebaut.<\/p>\n<p> Beliefert bei Bedarf alle angeschlossenen Haushalte in Wilhelmsburg mit W\u00e4rme: der Energiebunker Wilhelmsburg. Patrick Sun<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/SUN_4871-scaled.jpg\" alt=\"Energiebunker Wilhelmsburg\" class=\"\" data-recalc-dims=\"1\"\/>Beliefert bei Bedarf alle angeschlossenen Haushalte in Wilhelmsburg mit W\u00e4rme: der Energiebunker Wilhelmsburg.<\/p>\n<p>Bei einer F\u00fchrung lernt man unter anderem das Herzst\u00fcck der Anlage kennen, einen 20 Meter hohen W\u00e4rmespeicher mitten im\u00a0Bunker, der zwei Millionen Liter Wasser fasst und bei Bedarf alle angeschlossenen Haushalte in Wilhelmsburg mit W\u00e4rme beliefert.<\/p>\n<p>Ein Besuch des \u201eCaf\u00e9 vju\u201c in einem der vier Flakt\u00fcrme ist auch ohne F\u00fchrung m\u00f6glich. Der Fernblick von der Au\u00dfenterrasse in 30 Metern H\u00f6he auf die Silhouette der Hansestadt steht dem Panoramablick vom\u00a0Bunker\u00a0auf St. Pauli in nichts nach.<\/p>\n<p>Bunkerbesuche: Eine F\u00fchrung durch den \u201eTiefbunker Steintorwall\u201c ist online buchbar bei dem Verein \u201e<a href=\"http:\/\/www.hamburgerunterwelten.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hamburger Unterwelten<\/a>\u201c. Den R\u00f6hrenbunker in\u00a0Hamm kann man im Rahmen von Gruppenf\u00fchrungen <a href=\"http:\/\/www.hh-hamm.de\/home\/bunkermuseum\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nach Vereinbarung<\/a> besuchen. Mehr \u00fcber die Geschichte des\u00a0Bunkers auf St. Pauli erf\u00e4hrt man bei F\u00fchrungen des <a href=\"http:\/\/www.hilldegarden.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vereins Hilldegarden<\/a>. F\u00fchrungen durch den \u201eEnergiebunker\u201c in Wilhelmsburg bieten die\u00a0Hamburger Energiewerke samstags und sonntags an. Das \u201eCaf\u00e9 vju\u201c hat ebenfalls nur am Wochenende ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" class=\"vg_wort_pixel\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/vgzm.1021513-mopo-1575762.gif\" alt=\"\" style=\"width: 1px; height: 1px; position: absolute; pointer-events: none;\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mehr als 1000 Bunker wurden in Hamburg gebaut, viele sind heute stillgelegt, vergessen \u2013 oder haben ein zweites&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":238345,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1826],"tags":[29,30,692],"class_list":{"0":"post-238344","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-hamburg","8":"tag-deutschland","9":"tag-germany","10":"tag-hamburg"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114787831387648815","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/238344","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=238344"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/238344\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/238345"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=238344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=238344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=238344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}