{"id":240797,"date":"2025-07-04T04:30:10","date_gmt":"2025-07-04T04:30:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/240797\/"},"modified":"2025-07-04T04:30:10","modified_gmt":"2025-07-04T04:30:10","slug":"was-artikel-6-und-co2-zertifikate-fuer-die-neuen-eu-klimaziele-bedeuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/240797\/","title":{"rendered":"Was Artikel 6 und CO2-Zertifikate f\u00fcr die neuen EU-Klimaziele bedeuten"},"content":{"rendered":"<p>04.07.2025 \u2013 Das neue Zwischenziel der Europ\u00e4ischen Union zur Erreichung ihrer Klimaziele hatte sich abgezeichnet und schlug diese Woche dennoch hohe Wellen. Nach einer angestrebten Emissionsminderung bis 2030 um 55 Prozent gegen\u00fcber 1990 und dem Ziel von Netto-Null-Emissionen 2050, k\u00fcndigte der EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra am Mittwoch ein neues Zwischenziel f\u00fcr 2040 an. Bis dahin soll der Aussto\u00df klimasch\u00e4dlicher Gase um 90 Prozent sinken. Nun m\u00fcssen die Mitgliedsstaaten im Rat und die Abgeordneten des Europ\u00e4ischen Parlaments \u00fcber den Vorschlag beraten.<\/p>\n<p>Dass die angestrebte 90 Prozent Minderung erst einmal ein hehres Ziel ist, dar\u00fcber sind sich Politiker:innen verschiedener Parteien, sowie Expert:innen einig. Die Details jedoch sorgen f\u00fcr Diskussionen. Erstmals schl\u00e4gt die Kommission vor, dass die Mitgliedsstaaten zur Erreichung ihrer Emissionsreduktionen auch CO2-Zertifikate in Nicht-EU-L\u00e4ndern kaufen k\u00f6nnen. Es ist ein System internationaler Klimazertifikate, dass auf der <a href=\"https:\/\/www.energiezukunft.eu\/politik\/wie-gut-sind-die-regeln-fuer-den-internationalen-emissionshandel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">26. Weltklimakonferenz in Glasgow<\/a> verabschiedet und <a href=\"https:\/\/www.energiezukunft.eu\/politik\/cop29\/viel-gerede-fuer-einen-minimalkompromiss\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Details auf der letzten COP29<\/a> festgezurrt wurden, w\u00e4hrend die Urspr\u00fcnge noch viel fr\u00fcher liegen.<\/p>\n<p>Fehlerhafter Rahmen im Kyoto-Protokoll<\/p>\n<p>Doch der Reihe nach: Bereits im 1998 geschlossenen Kyoto-Protokoll wurden mehrere marktbasierte Mechanismen eingef\u00fchrt, in denen L\u00e4nder au\u00dferhalb ihrer Staatsgrenzen mit Emissionen handeln konnten. So konnten Staaten unter einem bestimmten Emissionslimit \u00fcbersch\u00fcssige sogenannte Assigned Amount Units (AAUs) an andere Staaten verkaufen. Staaten mit \u00dcberschreitungen konnten so zus\u00e4tzliche AAUs erwerben, um ihre Verpflichtungen zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Beim Clean Development Mechanism (CDM), konnten Industriel\u00e4nder durch die Finanzierung von Emissionsminderungsprojekten in Entwicklungsl\u00e4ndern sogenannte Certified Emission Reductions (CERs) erhalten, die sie auf ihre eigene Minderung anrechnen konnten. Zudem gab es Joint Implementations (JI) mit direkten Kooperationen zwischen Industriel\u00e4ndern und Projekten zur CO2-Reduktion.<\/p>\n<p>Angesichts der laufenden Debatte um die Hinzunahme von CO2-Zertifkaten in die EU-Klimaziele kritisierte der Gr\u00fcnen EU-Abgeordnete Michael Bloss bei einem Pressegespr\u00e4ch diese Woche den Emissionshandel mit Zertifikaten im Rahmen des Kyoto-Protokolls: \u201eSie haben nicht dazu gef\u00fchrt, dass CO2 eingespart wird. Sie sorgten teilweise sogar daf\u00fcr, dass noch mehr CO2 ausgesto\u00dfen wurde. Sie haben damals den <a href=\"https:\/\/www.energiezukunft.eu\/politik\/europaeischer-emissionshandel-wird-verschaerft\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">europ\u00e4ischen Emissionshandel<\/a>, f\u00fcr Jahre lang lahmgelegt. Er hatte keine Lenkungswirkung und diesen Fehler d\u00fcrfen wir nicht noch mal begehen.\u201c<\/p>\n<p>Insbesondere die ehemaligen Ostblockstaaten erhielten durch den Zusammenbruch ihrer Wirtschaft gro\u00dfe Mengen \u00fcbersch\u00fcssiger AAUs, die am Markt gehandelt wurden, ohne dass es konkrete Emissionsreduktionen in den L\u00e4ndern gab. Insgesamt gab es deutlich zu viel Zertifikate auf dem Markt, die den Bedarf \u00fcberstiegen und so der Preis teilweise unter 1 Euro pro Tonne CO2 fiel. Zudem standen CDM-Projekte in der Kritik. Ohnehin bestehende W\u00e4lder als nat\u00fcrliche Senken etwa, wurden in den internationalen Emissionshandel integriert und teilweise gab es negative soziale und \u00f6kologische Auswirkungen vor Ort. Auch hatten L\u00e4nder wie die USA das Kyoto-Protokoll nie ratifiziert.<\/p>\n<p>Alles besser mit Artikel 6?<\/p>\n<p>Nachdem der Marktmechanismus im Kyoto-Protokoll als gescheitert galt, machte man sich im Rahmen des Pariser Klimaabkommens daran, einen neuen Marktmechanismus unter dem sogenannten Artikel 6 auf den Weg zu bringen. Es ist das System internationaler Klimazertifikate, dass auch die EU-Kommission als Teil der L\u00f6sung f\u00fcr die Erreichung der Klimaziele erachtet.<\/p>\n<p>In den Verhandlungen der COP26 bis zur COP29 einigte sich die Staatengemeinschaft wieder auf drei Elemente. So sollen erstens Staaten direkt miteinander bilaterale CO2-Gutschriften aushandeln k\u00f6nnen, zweitens ein globaler Marktmechanismus als Nachfolger des CDM fortbestehen, sowie drittens nicht marktbasierte Ans\u00e4tze entstehen, bei denen es nicht um CO2-Zertifkate gehen soll, sondern allgemeiner gefasst um Kooperationen auf politischer, wissenschaftlicher und technologischer Ebene, die am Ende ebenso dem Klimaschutz zugutekommen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Element drei von vorneherein schwer messbar ist, sollen die anderen beiden Elemente \u2013 mit Lehren aus dem Kyoto-Protokoll \u2013 deutlich robuster werden. So soll es striktere Regeln geben, die etwa Doppelz\u00e4hlungen vermeiden. Dies passiert durch sogenannte \u201eCorresponding adjustments\u201c. Das Land, das Emissionsgutschriften verkauft, f\u00fcgt die \u00fcbertragenen Emissionsgutschriften zu seinem Emissionsniveau hinzu. Das Land, das solche Einheiten erwirbt, zieht diese von seinem Emissionsniveau ab. Beide L\u00e4nder vergleichen die angepassten Emissionsniveaus mit ihrem Klimaziel. Dieser Ansatz soll sicherstellen, dass nur das K\u00e4uferland \u00fcbertragene Emissionsreduktionen nutzen kann.<\/p>\n<p>Zudem soll es sch\u00e4rfere Pr\u00fcfverfahren geben, die fehlende Reduktionsma\u00dfnahmen verhindern sowie eine transparente Buchf\u00fchrung und unabh\u00e4ngige \u00dcberpr\u00fcfungen. Doch w\u00e4hrend der internationale Zertifikate-Handel schon l\u00e4uft, stehen Mechanismen zur regelbasierten Umsetzung noch am Anfang.<\/p>\n<p>Die Autor:innen einer Metastudie aus dem vergangenen Jahr, die 65 weitere Studien zu dem Thema analysierten, kamen zu dem Ergebnis, dass Klimaschutzprojekte, mit denen Emissionsgutschriften produzierten werden, h\u00e4ufig deutlich weniger Emissionen ausgleichen als angegeben. Durchschnittlich erreichten die Projekte nur 16 Prozent der angestrebten Emissionsreduktion.<\/p>\n<p>An der Studie mitgewirkt hat unter anderem Lambert Schneider vom \u00d6koinstitut, der auch entscheidend an den Verhandlungen zu Artikel 6 auf den COPs beteiligt war. Schneider sagte am Mittwoch in einer Pressekonferenz des Science Media Centers zur Debatte \u00fcber CO2-Zertifikate im EU-Klimaziel f\u00fcr 2040, es sei ein Risiko, dass gerade die Verk\u00e4uferl\u00e4nder ihre Ziele nicht erreichen, wo Europa die Zertifikate kauft. \u201eEin ganz wichtiges Prinzip, um das zu verhindern ist, dass die EU strategische Partnerschaften mit L\u00e4ndern aufbaut und mit diesen L\u00e4ndern zusammen Strategien erarbeitet, dass diese Kooperation sowohl den L\u00e4ndern hilft als auch der EU.\u201c Und der Vorschlag der EU sei darauf angelegt, dass die Minderungen aufgeteilt werden zwischen Verk\u00e4uferland und EU. So es auch in Artikel 6 angelegt.<\/p>\n<p>Schneider verwies zudem darauf, dass neben der von der EU-Kommission vorgeschlagenen M\u00f6glichkeit von drei Prozent an Emissionsminderungen durch CO2-Zertifikate, in dem 90 Prozent-Ziel auch nat\u00fcrliche Kohlenstoffsenken wie W\u00e4lder und Moore, sowie technische CO2-Abscheidungsverfahren wie CCS einberechnet seien. Daraus ergebe sich grob \u00fcberschlagen, eine reine Emissionsminderungsquote von 76 Prozent.<\/p>\n<p>Laut Michael Bloss w\u00fcrden die 3 Prozent, die in Nicht-EU-L\u00e4ndern kompensiert werden k\u00f6nnten, 145 Millionen Tonnen CO2-\u00c4quivalenten entsprechen. \u201eDas ist eine riesige Menge und entspricht den Emissionen von Schweden, Finnland und D\u00e4nemark zusammen. F\u00fcr Investitionen in Europa kann das zur echten Gefahr werden. Ohne klaren Standards riskiert die EU-Kommission erneut einen R\u00fcckschritt wie im vergangenen Jahrzehnt, als internationale Gutschriften den CO\u2082-Preis abst\u00fcrzen lie\u00dfen.\u201d<\/p>\n<p>Intensive Verhandlungen stehen an<\/p>\n<p>Anders sieht das der CDU-Abgeordnete im Europarlament Peter Liese, Sprecher der konservativen EVP f\u00fcr Klimafragen: \u201eIch erkenne die Herausforderungen, die internationale Credits mit sich bringen, und nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Betrug muss vermieden werden, und es ist nur eine teilweise und zeitlich begrenzte L\u00f6sung, denn eines Tages m\u00fcssen schlie\u00dflich alle Staaten der Welt klimaneutral sein. Andererseits k\u00f6nnen hochwertige Emissionsgutschriften aus Drittl\u00e4ndern die Kosten senken, und Artikel 6 des Pariser Abkommens hat seinen Sinn: Der Mechanismus kann zus\u00e4tzliche Mittel f\u00fcr Drittl\u00e4nder mobilisieren.\u201c<\/p>\n<p>Es reiche nicht, wenn Deutschland oder Europa dekarbonisieren, man m\u00fcsse das Thema global anpacken. Mit starren Zielen ohne eine Flexibilisierung, drohe in Europa eine Deindustrialisierung, Arbeitspl\u00e4tze und auch Emissionen w\u00fcrden sich ins au\u00dfereurop\u00e4ische Ausland verlagern. Die Kommission habe insbesondere mit der Hereinnahme von Zertifikaten nach Artikel 6 wichtige Schritte getan, um Flexibilisierung und Machbarkeit st\u00e4rker in den Vordergrund zu r\u00fccken, so Liese weiter. Der nahm zudem positiv in den Blick, dass mit dem 2040er Ziel auch technische CO2-Abscheidungsprozesse st\u00e4rker ins Blickfeld geraten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Deutlichere Kritik schlug der SPD-Abgeordnete Tiemo W\u00f6lken an, umweltpolitischer Sprecher der sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament. Es stehe die Bef\u00fcrchtung dubioser Bilanztricks im Raum, so W\u00f6lken. \u201eUmso wichtiger ist es, dass die Credits klar umgrenzt sind, starke Auflagen bekommen und Betrug von Anfang an einen Riegel vorgeschoben wird. Da ist der Vorschlag im Moment noch deutlich zu vage und aus dieser Sicht nicht ausreichend.\u201c Die 90 Prozent Reduktion liege ohnehin nur am unteren Ende dessen, was die Klimawissenschaft als n\u00f6tig erachtet. Daher sollten die Credits eigentlich nur als Ultima Ratio erachtet werden.<\/p>\n<p>W\u00f6lken und die anderen Abgeordneten kritisierten zudem die sp\u00e4te Einreichung des Kommissionsvorschlags. Denn sp\u00e4testens bis zur 30. Klimakonferenz im brasilianischen Bel\u00e9m \u00a0im November, muss die Europ\u00e4ische Union neue NDCs, gemeinsame neue Klimaziele der Mitgliedsstaaten, eingereicht haben. Da drin sollte der Vorschlag f\u00fcr das 2040 Ziel der EU-Kommission Ber\u00fccksichtigung gefunden haben. F\u00fcr die EU-Parlamentarier:innen sowie Vertreter:innen der Mitgliedsstaaten stehen intensive Verhandlungen an. mg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"04.07.2025 \u2013 Das neue Zwischenziel der Europ\u00e4ischen Union zur Erreichung ihrer Klimaziele hatte sich abgezeichnet und schlug diese&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":240798,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,548,942,941,663,158,3934,3935,13,3960,14,15,12],"class_list":{"0":"post-240797","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-eu","11":"tag-eu-kommission","12":"tag-eu-parlament","13":"tag-europa","14":"tag-europaeische-union","15":"tag-europe","16":"tag-european-union","17":"tag-headlines","18":"tag-klimaziele","19":"tag-nachrichten","20":"tag-news","21":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114793088596990102","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/240797","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=240797"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/240797\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/240798"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=240797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=240797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=240797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}