{"id":240933,"date":"2025-07-04T05:45:16","date_gmt":"2025-07-04T05:45:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/240933\/"},"modified":"2025-07-04T05:45:16","modified_gmt":"2025-07-04T05:45:16","slug":"juedisches-leben-in-den-usa-mein-erschuettertes-amerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/240933\/","title":{"rendered":"J\u00fcdisches Leben in den USA: Mein ersch\u00fcttertes Amerika"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">D er Fourth of July, der 4. Juli, war f\u00fcr mich immer ein wichtiger Tag, etwas Besonderes, ein Feiertag. Erstmals bin ich 1954 mit diesem Datum in meinem Geburtsort Timi\u0219oara in Rum\u00e4nien in Ber\u00fchrung gekommen. Ich war f\u00fcnf Jahre alt und sa\u00df gemeinsam mit meinem Vater vor unserem Blaupunkt-Radio. Wir h\u00f6rten das Endspiel der Fu\u00dfballweltmeisterschaft zwischen Ungarn und Westdeutschland aus dem Wankdorfstadion zu Bern.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Wir kannten alle Namen der Spieler der \u201eGoldenen Elf\u201c Ungarns. Die Mannschaft war uns vertraut, und dennoch war mir klar, dass mein Vater nicht den Ungarn die Daumen dr\u00fcckte. Auch nicht den Deutschen, nat\u00fcrlich nicht. Die repr\u00e4sentierten ein Gemeinwesen, das in unserer damaligen j\u00fcdischen Welt tiefe Feindseligkeit hervorrief.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Am Ende dieses Spiels am 4. Juli sagte mein Vater etwas, das mich bis zum heutigen Tag begleitet: \u201eDies war ein Spiel zwischen zwei gonosz\u201c \u2013 er benutzte das ungarische Wort f\u00fcr b\u00f6se \u2013, \u201ezwischen zwei b\u00f6sen Nationen, die unserer Familie und den Juden schreckliches Leid angetan haben. Du aber solltest dich nur an ein wichtiges Ereignis dieses Tages erinnern: an sein Datum, den 4. Juli. Das ist der Geburtstag der Vereinigten Staaten von Amerika, in die du \u2013 so Gott will \u2013 eines Tages reisen und wo du Erfolg und Gl\u00fcck finden wirst.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Seit diesem Tag nehme ich die Vereinigten Staaten von Amerika als Verb\u00fcndeten und Freund der Juden wahr, als Bollwerk gegen den Antisemitismus, als unseren Befreier vom Holocaust. Das ist mein Gef\u00fchl gegen\u00fcber Amerika, auch wenn dies zumindest in unserem Fall falsch ist, denn unsere Befreier waren die Soldaten der Roten Armee der Sowjetunion.<\/p>\n<p>\nAndrei S. Markovits\n<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">geboren 1948 als Sohn von Schoah-\u00dcberlebenden, arbeitete unter anderem in Harvard, Santa Cruz und an der University of Michigan.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">Aber der bildungsb\u00fcrgerliche Hintergrund meiner Eltern sorgte daf\u00fcr, dass sie nicht nur alles Sozialistische verabscheuten, sondern dass sie \u00fcberhaupt alles ablehnten, was aus dem Osten Europas kam. Das galt auch f\u00fcr Ostjuden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Zwar gab es auch noch Gro\u00dfbritannien. Aber irgendwie blieb die Aura, die das Vereinigte K\u00f6nigreich umgab, f\u00fcr uns immer unnahbar. Das mag irritieren, denn es war die britische Armee, die meine Tante aus <a href=\"https:\/\/taz.de\/Streit-um-KZ-Gedenkveranstaltung\/!6006801\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bergen-Belsen<\/a> befreite. Sie war \u00fcbrigens einer der wenigen Menschen aus der Familie Markovits, die aus den Vernichtungslagern lebend zur\u00fcckkehren konnten.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            In Europa war ich nur ein geduldeter Jude. Die Kraft Amerikas hingegen diente immer als meine Besch\u00fctzerin<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"7\">So blieb ganz allein Amerika, das in meiner kleinen Welt als der eigentliche Gegner und Bezwinger der Nazis erschien. Es hatte etwas: eine soft power, die von der englischen Sprache ausgeht und die sich besonders in der Popul\u00e4rkultur ausdr\u00fcckt, in Filmen und Musik. Diese Liebesbeziehung zwischen mir und der amerikanischen Kultur h\u00e4lt nun schon seit 70 Jahren an, ungebrochen. In Europa war ich stets nur ein geduldeter Jude, aber nie einer, der je wirklich akzeptiert war. Die Macht und Kraft Amerikas hingegen diente immer als meine Besch\u00fctzerin, ganz egal, wie weit entfernt die USA waren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"8\">Das gilt trotz der schrecklichen Fehlentwicklungen der amerikanischen Geschichte \u2013 mit der Sklaverei und der Unterwerfung und Vernichtung der Native Americans nenne ich nur zwei der besonders ungeheuerlichen. Trotz dessen waren die Vereinigten Staaten die \u00e4lteste und die am l\u00e4ngsten existierende liberale Demokratie der Welt. Hier waren wir, mein Vater und ich, ohne jede Einschr\u00e4nkung wirklich akzeptiert \u2013 als souver\u00e4ne und wertgesch\u00e4tzte menschliche Wesen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"9\">Ich werde nie vergessen, wie ich am 4. Juli 1976 mit meinem Vater auf einer Wiese in Cambridge, Massachusetts, inmitten von einer Million Menschen sa\u00df. Wir alle feierten 200 Jahre amerikanische Republik. Mein Vater sagte mit Tr\u00e4nen in den Augen zu mir: \u201eDas ist gut, das ist gut!\u201c Das galt nicht nur dem Umstand, dass ich gerade meinen Doktortitel erlangt hatte und meine erste Stelle an der Harvard University antrat. Noch mehr dr\u00fcckte es die tr\u00f6stliche Erkenntnis aus, dass wir als Juden in Sicherheit und in W\u00fcrde leben konnten. So etwas hatte mein Vater in Rum\u00e4nien und \u00d6sterreich nie gesagt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"10\">Als ich 1967 an der Columbia University ankam, war dies eine der lehrreichsten Erfahrungen meines Lebens. Die Columbia hat mich zu dem gemacht, was ich f\u00fcr den Rest meines Lebens geworden bin: ein Wissenschaftler, der gelernt hat, seinen Beruf in all seinen Facetten zu lieben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"11\">Ich lernte in Columbia den Wert des Widerspruchs zu sch\u00e4tzen und dass man Macht in Frage stellen muss. Mit anderen Worten: Die Liberalit\u00e4t der Menschen der 68er-Jahre hat in mir eine dauerhafte Liebe f\u00fcr das Wesen der Demokratie geschaffen \u2013 mit Opposition und Widerspruch.<\/p>\n<p>      \u201eMein Amerika\u201c gibt es nicht mehr<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"13\">Die Ereignisse des vergangenen Jahres jedoch haben diese fr\u00f6hliche Gem\u00fctslage zutiefst ersch\u00fcttert. Kurz gesagt, ich sehe, wie die letzten verbleibenden Jahre meines Lebens von der Skylla des Trumpismus zerst\u00f6rt werden. Trump ist im Begriff, so ziemlich alles zu zerst\u00f6ren, was ich an Amerika zu lieben gelernt habe. Und ich sehe <a href=\"https:\/\/taz.de\/Radikalisierung-durch-Gaza\/!6089972\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">die Charybdis des Antisemitismus<\/a>, die an den heiligsten Orten meines Lebens am st\u00e4rksten ist, n\u00e4mlich in der Welt von Elite\u00aduniversit\u00e4ten wie Columbia, Harvard und der University of Michigan.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"14\">Trumpismus. Wo soll ich da anfangen? Es ist eine Bewegung, die <a href=\"https:\/\/taz.de\/Trumps-Steuerpaket-knapp-verabschiedet\/!6097694\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">stolz auf ihre Arroganz und Ignoranz ist<\/a>. Sie kennt nur die nackte Machtaus\u00fcbung \u2013 im Inland und international. Es ist eine Bewegung, die die Schwachen verachtet, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Trump-will-in-Florida-ein-Abschiebegefaengnis-umgeben-von-Alligatoren-bauen\/!6094691\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">die rohe Gewalt preist<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"15\">Das Amerika, das f\u00fcr mich einen Zufluchtsort darstellte, das mir Sicherheit und Beistand bot und mir die Chance zum Erfolg gab, gibt es nicht mehr. Das ist \u00e4u\u00dferst be\u00e4ngstigend und deprimierend!<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"16\">Was machte mein Amerika aus? Es waren nicht die Naturwunder der Rocky Mountains, nicht die Weite seiner St\u00e4dte, auch nicht die Vielfalt seines gesellschaftlichen Lebens. In erster Linie war es die Welt der Elite\u00aduniversit\u00e4ten. Sie wurden zu meinem Arbeitsplatz, zu meinem Zuhause und auch zu einem Ort der Geborgenheit! Doch die Universit\u00e4ten sind seit dem 7. Oktober 2023 nicht mehr dieselben. Ich glaube sogar, dass es im heutigen Amerika nur wenige Institutionen gibt, in denen sich ein Mensch, der offen als Jude lebt, unbehaglicher f\u00fchlt als in der Welt der Eliteuniversit\u00e4ten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"17\">Ich m\u00f6chte Ihnen zwei Vignetten aus der University of Michigan erz\u00e4hlen, die ich im M\u00e4rz 2024, dem letzten Semester meiner Lehrt\u00e4tigkeit, dort erlebt habe.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"18\">Erstens fiel mir auf, dass einige Studenten am Ende meiner Vorlesungen ihre Davidstern-Halsketten unter ihren Pullovern versteckten, bevor sie hinausgingen. Sie taten dies ganz selbstverst\u00e4ndlich, als wenn sie mit einem Schal ihren Hals sch\u00fctzen. Zweitens: Als ich einmal \u00fcber den Campus ging, wurde ich Zeuge, wie eine junge Frau eine andere junge Frau hasserf\u00fcllt anbr\u00fcllte: \u201eGeh zur\u00fcck nach Polen!\u201c Eine J\u00fcdin aus Amerika solle \u201eraus aus Pal\u00e4stina\u201c, sie solle \u201ezur\u00fcck nach Polen\u201c, von wo \u2013 wie ich vermute \u2013 ihre Familie einst vor Pogromen, vor dem Holocaust fliehen musste!<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"19\">Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich diese beiden Ereignisse an einer amerikanischen Universit\u00e4t erleben w\u00fcrde. Sie waren der Ort meiner Sicherheit, meines Erfolgs, meines Gl\u00fccks! Das ist leider dahin.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"20\">Meine Trauer, meine Entt\u00e4uschung, sie sitzen sehr tief! Ich f\u00fcrchte, dass sie in den verbleibenden Jahren meines Lebens nicht verschwinden werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"D er Fourth of July, der 4. 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