{"id":2429,"date":"2025-04-02T13:32:12","date_gmt":"2025-04-02T13:32:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/2429\/"},"modified":"2025-04-02T13:32:12","modified_gmt":"2025-04-02T13:32:12","slug":"rueckkehr-ins-land-der-taeter-juedische-delegation-in-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/2429\/","title":{"rendered":"R\u00fcckkehr ins Land der T\u00e4ter: J\u00fcdische Delegation in M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p>Anna Maria Abernathy war vier Jahre alt, als sie mit ihren Eltern vor den Nazis fliehen musste. Mit 95 ist sie nun nach M\u00fcnchen zur\u00fcckgekehrt, auch um ihrer ermordeten Gro\u00dfmutter zu gedenken. Direkt gegen\u00fcber der Bayerischen Staatskanzlei, dort wo einst das Wohnhaus ihrer Gro\u00dfmutter Minna Hirschberg stand, hat Abernathy am Montag ein sogenanntes Erinnerungszeichen angebracht: Eine Metallstele mit Namen und Bild ihrer geliebten Oma. &#8222;Wir haben viel gemeinsam unternommen&#8220;, erz\u00e4hlt Anna Maria Abernathy. &#8222;Sie war so warmherzig und liebevoll \u2013 eine perfekte Gro\u00dfmutter.&#8220;<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend Abernathy und ihrer Familie die Flucht \u00fcber Italien in die USA gelang, blieb Minna Hirschberg in M\u00fcnchen zur\u00fcck und wurde von den Nazis schlie\u00dflich ins <a href=\"https:\/\/www.br.de\/radio\/bayern2\/sendungen\/radiowissen\/geschichte\/theresienstadt-system100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">KZ Theresienstadt<\/a> bei Prag deportiert und dort ermordet.<\/p>\n<p>Die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft zur\u00fcckgeholt<\/p>\n<p>Auch Jorge Feuchtwanger ist nach M\u00fcnchen gekommen, um seine Vorfahren zu ehren. Er ist mit <a href=\"https:\/\/www.br.de\/themen\/kultur\/inhalt\/literatur\/bayerische-schriftsteller-feuchtwanger100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lion Feuchtwanger verwandt, dem weltber\u00fchmten M\u00fcnchner Schriftsteller und Autor<\/a> von Bestsellern wie &#8222;Erfolg&#8220; oder &#8222;Die J\u00fcdin von Toledo&#8220;. Jorges Gro\u00dfvater Franz war hochrangiger Funktion\u00e4r der Kommunistischen Partei KPD und musste deshalb schon fr\u00fch vor den Nazis fliehen. Als er auch in der KPD in Ungnade fiel, rettete sich Franz Feuchtwanger nach Mexiko, wo er ein bedeutender Kunstsammler wurde. <\/p>\n<p>Sein Enkel Jorge ist in Mexiko City geboren, spricht aber hervorragend deutsch und hat vor einem Jahr die <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/deutschland-welt\/neues-staatsangehoerigkeitsrecht-schneller-zum-deutschen-pass,UGoR3dg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft <\/a>erhalten. &#8222;Ich habe sie mir wiedergeholt&#8220;, betont Jorge Feuchtwanger. &#8222;Das wollten uns die Nazis wegnehmen. Und wenn ich sie zur\u00fcckhabe, hei\u00dft das, dass sie nicht gewonnen haben.&#8220;<\/p>\n<p>Feuchtwanger, Hirschberg, Bernheimer \u2013 traditionsreiche M\u00fcnchner Familien<\/p>\n<p>J\u00fcdische Familien wie die Feuchtwangers, die Hirschbergs oder Bernheimers <a href=\"https:\/\/www.br.de\/themen\/religion\/juden-bayern-juedisches-leben100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">pr\u00e4gten einst M\u00fcnchen und Bayern<\/a>. Heute leben ihre Nachkommen in den USA, Argentinien, Australien oder Israel. Dass einige von ihnen 80 Jahre nach dem Ende des Naziterrors die Heimat ihrer Vorfahren besuchen, ist Matthias Weniger zu verdanken. Der Kunsthistoriker arbeitet im Bayerischen Nationalmuseum als Provenienzforscher, das hei\u00dft, er versucht herauszufinden, woher Kunstwerke urspr\u00fcnglich stammen.<\/p>\n<p>Dabei stie\u00df er in seinem Museum vor einigen Jahren auf mehr als 300 Silbergegenst\u00e4nde, die von den Nazis aus j\u00fcdischem Besitz geraubt wurden. 1939 zwangen die Nazis alle j\u00fcdischen Menschen in Deutschland, ihr Silber abzugeben: Besteck, Kerzenhalter, auch rituelle Gegenst\u00e4nde f\u00fcr j\u00fcdische Feiertage. Allein in M\u00fcnchen rafften die Nazis so rund sechs Tonnen Silber zusammen. Das meiste wurde eingeschmolzen, einige wertvolle Gegenst\u00e4nde wurden aber auch verkauft und landeten bei Privatleuten oder staatlichen Institutionen wie dem Nationalmuseum.<\/p>\n<p>Familien finden wieder zusammen<\/p>\n<p>Provenienzforscher Matthias Weniger machte in jahrelanger Detektivarbeit die Nachkommen der urspr\u00fcnglichen Eigent\u00fcmer ausfindig und konnte den Gro\u00dfteil der Gegenst\u00e4nde zur\u00fcckgeben. Und quasi nebenbei gelang ihm dabei die ein oder andere Familienzusammenf\u00fchrung. Erst durch Wenigers Recherchen erfuhren etwa die drei Cousinen Ellen Kandell, Rachel Schwartz und Naomi Karp, die aus der M\u00fcnchner Familie Bernheimer stammen und heute in den USA leben, dass sie Verwandte in Australien haben. Am vergangenen Sonntag haben sie ihre australischen Cousinen Lynette Sput und Julie Esakoff zum ersten Mal getroffen \u2013 in M\u00fcnchen, der Stadt, aus der ihre gemeinsamen Vorfahren vor mehr als 80 Jahren vertrieben wurden. <\/p>\n<p>Antisemitismus-Skandal im Nationalmuseum<\/p>\n<p>\u00dcbrigens mussten die meisten der 75 G\u00e4ste aus aller Welt ihre Reise selbst bezahlen, keine staatliche Institution war bereit, die Kosten zu \u00fcbernehmen. Immerhin wurden sie am Montag bei einer Gedenkveranstaltung im Nationalmuseum von Oberb\u00fcrgermeister Dieter Reiter und Staatsminister Christian Bernreiter in Empfang genommen. Auch Charlotte Knobloch von der Israelitischen Kultusgemeinde begr\u00fc\u00dfte die Delegation und \u00fcbte in ihrer Ansprache Kritik am Nationalmuseum, das erst vor wenigen Tagen im Zentrum eines Antisemitismus-Skandals stand.<\/p>\n<p>Auf das <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/bayerisches-nationalmuseum-broschuere-mit-antisemitischem-titel,UgG3xtR\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Titelblatt seines aktuellen Programmhefts <\/a>hatte das Museum einen Ausschnitt aus dem ehemaligen Hochaltar der Abteikirche in Tegernsee drucken lassen. Darauf zu sehen ist der Verrat des Judas Iskariat an Jesus Christus, ein uraltes antisemitisches Stereotyp und Beispiel f\u00fcr christlichen Judenhass. Besonders pikant: Judas h\u00e4lt in seinen H\u00e4nden den ber\u00fcchtigten Sack voller Silberlinge, den er f\u00fcr seinen Verrat von den R\u00f6mern erhalten hat. Dass das Programmheft mit diesem Motiv ausgerechnet zu einem Zeitpunkt erschienen ist, da eine Delegation von J\u00fcdinnen und Juden in M\u00fcnchen zu Gast ist, die geraubte Silbergegenst\u00e4nde zur\u00fcckerhalten haben, sorgte deutschlandweit f\u00fcr Aufsehen und Emp\u00f6rung. Auf Druck der Staatsregierung wurde das Programmheft inzwischen eingestampft. Charlotte Knobloch forderte in ihrer Ansprache weitere Konsequenzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Anna Maria Abernathy war vier Jahre alt, als sie mit ihren Eltern vor den Nazis fliehen musste. 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