{"id":243782,"date":"2025-07-05T07:57:29","date_gmt":"2025-07-05T07:57:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/243782\/"},"modified":"2025-07-05T07:57:29","modified_gmt":"2025-07-05T07:57:29","slug":"raubkunsteklat-um-taenzerinnen-brunnen-im-berliner-kolbe-museum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/243782\/","title":{"rendered":"Raubkunsteklat um T\u00e4nzerinnen-Brunnen im Berliner Kolbe Museum"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Das kleine Georg Kolbe Museum im Westen Berlins ist beim Publikum sehr beliebt. In dem bauhausgepr\u00e4gten Geb\u00e4ude werden immer wieder gut gemachte Kunstausstellungen gezeigt. Auch der idyllische Garten samt Caf\u00e9 lockt vor allem im Sommer viele Besucher an. Doch momentan herrscht Aufregung um die In\u00adsti\u00adtu\u00adtion. Anlass ist ein Brunnen von Georg Kolbe, einem der erfolgreichsten Bildhauer der Weimarer Republik. Die 1922 entstandene Kalksteinskulptur, die sich im Garten des Museums befindet, besteht aus drei sitzenden m\u00e4nnlichen Figuren.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Auf ihren Schultern tragen sie eine monumentale, stilisierte Bl\u00fcte, aus der Wasserfont\u00e4nen nach oben steigen und auf der eine T\u00e4nzerin aus Bronze steht. Die weibliche Aktfigur ist in der expressiven Bewegung eines f\u00fcr die damalige Zeit typischen Ausdruckstanzes dargestellt. Eingefasst ist die Figurengruppe von einem runden, steinernen Wasserbecken. Der Wert des gesamten Objekts, das wohl als eines der bedeutendsten Werke des K\u00fcnstlers angesehen werden kann, wurde k\u00fcrzlich von einem ehemaligen Mitarbeiter des Auktionshauses Sotheby\u2019s auf circa 1,4 Millionen Euro gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Auftraggeber des Brunnens war Heinrich Stahl, der ein Wasserspiel f\u00fcr den Garten seiner prachtvollen Villa in Berlin haben wollte. Stahl war einer der kunstbegeisterten Direktoren der Victoria Versicherung. Von 1933 an war er au\u00dferdem Vorsitzender der J\u00fcdischen Gemeinde zu Berlin und einer der obersten Repr\u00e4sentanten der \u201eReichsvertretung der Deutschen Juden\u201c. Aufgrund der antisemitischen Diskriminierung, Bedrohung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten lie\u00df das Ehepaar Heinrich und Jenny Stahl 1937 Teile ihrer Kunstsammlung in Berlin versteigern.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Als sie Anfang 1940 Deutschland verlassen wollten, zahlten sie die vom Staat geforderte Reichsfluchtsteuer. Im Januar 1941 mussten sie auch noch ihre Villa samt Kolbe-Brunnen verkaufen, da Juden zu dieser Zeit Grundeigentum und der Besitz wertvoller Kunstwerke nicht mehr erlaubt waren. Die Geheime Staatspolizei verhinderte dennoch die Emigration, nur dem Sohn Bruno gelang die Flucht.<\/p>\n<p>Wie in einer Agentengeschichte verschleiert<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Der K\u00e4ufer der Villa war Theodor Dimanow, der als bulgarischer Konsul in Berlin lebte. Er erwarb die Immobilie und den Brunnen weit unter Wert, wobei das Geld auf ein Sperrkonto eingezahlt wurde. Im Mai 1942 verf\u00fcgte die Geheime Staatspolizei die Einziehung des gesamten Verm\u00f6gens des Ehepaars Stahl inklusive des Bankguthabens zugunsten des Deutschen Reiches. In einem Brief schrieb Heinrich Stahl im Juni 1942: \u201eWir haben alle Gelder dem Reich \u00fcbereignen m\u00fcssen &amp; gehen als Bettler in die ungewisse Zukunft.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Doch eine Zukunft sollte Heinrich Stahl nicht mehr haben: Wenige Tage sp\u00e4ter wurden er und seine Frau in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er ein knappes halbes Jahr sp\u00e4ter aufgrund der Haftbedingungen starb. Seine Frau Jenny \u00fcberlebte den Holocaust und wanderte 1950 zu ihrem Sohn in die USA aus. Da sich die Stahls nicht freiwillig von ihrem Besitz getrennt hatten und ihnen das Geld vom Verkauf des Brunnens nicht zur freien Verf\u00fcgung stand, beweist dies, dass es sich dabei um NS-Raubgut handelt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Nach dem Krieg kam es zwischen der Familie und Konsul Dimanow in einem Wiedergutmachungsverfahren zu einem mehrj\u00e4hrigen Streit und letztendlich zu einem gerichtlichen Vergleich: Im Mai 1953 erhielten die Stahls die kl\u00e4gliche Summe von 2000 US-Dollar, damals 8400 Deutsche Mark, und verzichteten auf eine Restitution der Villa und des Grundst\u00fccks. Dieser Vergleich bezog sich allerdings nicht auf den Brunnen, denn Dimanow hatte durch seinen Bevollm\u00e4chtigten mehrfach schriftlich erkl\u00e4ren lassen, dass das Objekt von russischen Truppen abtransportiert worden sei.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Somit h\u00e4tte das Werk nicht restituiert werden k\u00f6nnen, und eine Entsch\u00e4digung h\u00e4tte nicht in Dimanows Verantwortung gelegen. Doch seine Behauptung, der Brunnen sei verloren gegangen, war eine L\u00fcge, denn er selbst hatte 1945 bei seiner Auswanderung nach Madrid die Bronzefigur als wichtigstes Element des Brunnens mitgenommen. Das bedeutet, dass der Vergleich mit einer T\u00e4uschung und somit unter falschen Voraussetzungen abgeschlossen wurde und eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr das Objekt nie stattgefunden hat.<\/p>\n<p>Kein Verweis auf Status als Raubkunst<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">1978 verkauften Dimanows Erben die T\u00e4nzerin an die Georg-Kolbe-Stiftung, den privaten Tr\u00e4gerverein des Georg Kolbe Museums. Im selben Jahr tauchte auf einem Grundst\u00fcck in Berlin-Zehlendorf der steinerne untere Teil des Brunnens auf, der Berlin nie verlassen hatte, sodass auch dieser von der Stiftung \u00fcbernommen werden konnte. Im Sommer 2024 begann das Museum, die Geschichte zu recherchieren, und entdeckte im Landesarchiv Berlin Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Kathleen Reinhardt, die Direktorin des Museums, nahm letztes Jahr auf eigene Initiative Kontakt mit den Nachfahren von Heinrich und Jenny Stahl auf und richtete im April 2025 im Museum einen Dokumentationsraum zur Provenienz des Brunnens ein. Dar\u00fcber hinaus hat sie gerade ein Buch \u00fcber das Objekt ver\u00f6ffentlicht. Auch will Reinhardt f\u00fcr das Ehepaar Stahl eine Gedenkplakette am Brunnen anbringen und beim Deutschen Zen\u00adtrum Kulturgutverluste einen Antrag auf F\u00f6rdermittel f\u00fcr eine weitergehende Erforschung stellen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"In den Katalogbeitr\u00e4gen wird nur kritisiert, dass am Sockel des Wasserspiels Afrikaner zu sehen sind, nicht aber sein Status als Raubkunst: Kolbes T\u00e4nzerinnen-Brunnen jm Garten des Museums in der Sensburger Allee, Berlin-Westend\" height=\"2002\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/in-den-katalogbeitraegen-wird.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>In den Katalogbeitr\u00e4gen wird nur kritisiert, dass am Sockel des Wasserspiels Afrikaner zu sehen sind, nicht aber sein Status als Raubkunst: Kolbes T\u00e4nzerinnen-Brunnen jm Garten des Museums in der Sensburger Allee, Berlin-WestendPicture Alliance<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Das klingt zwar alles sehr gut, und doch wird die Museumsdirektorin ihrem eigenen Anspruch, eine faire und gerechte L\u00f6sung zu erm\u00f6glichen, nicht gerecht. \u00c4u\u00dferst befremdlich ist, dass weder auf ihrem Entwurf f\u00fcr die Plakette noch in dem musealen Dokumentationsraum die Begriffe \u201eNS-Raubkunst\u201c oder \u201eNS-verfolgungsbedingter Verm\u00f6gensentzug\u201c vorkommen. Besonders auff\u00e4llig ist, dass ebenso in den elf Texten des Buches nicht ein einziges Mal das Kind beim Namen genannt wird. Kathleen Reinhardt meidet den Terminus der Raubkunst wie der Teufel das Weihwasser. Auf die Frage dieser Zeitung, warum das so ist, gab es auf wortreiche Weise keine plausible Antwort.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Stattdessen wird in der Publikation massiv kritisiert, dass es sich bei den steinernen Tr\u00e4gerfiguren um Afrikaner handelt, was dem Bildhauer Georg Kolbe als Rassismus und Kolonialismus ausgelegt wird. Das eigentliche Skandalon, dass der Brunnen NS-Raubkunst ist, erscheint da nur noch als zu vernachl\u00e4ssigende Nebensache. In dem E-Mail-Verkehr mit den Erben, welcher der F.A.Z. vorliegt, erw\u00e4hnt Reinhardt noch nicht einmal die M\u00f6glichkeit, dass es sich bei dem Objekt um Raubgut handelt. Dadurch wird dessen Geschichte verharmlost und das j\u00fcdische Leid von Heinrich und Jenny Stahl relativiert.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Dar\u00fcber hinaus ist kritisch anzumerken, dass die von Reinhardt geplante weitergehende Erforschung der Herkunft des Brunnens zwar f\u00fcr die Nachkriegszeit, aber nicht f\u00fcr die Zeit des Nationalsozialismus sinnvoll ist. Die aufgewendeten Steuergelder w\u00e4ren zum Fenster hinausgeworfen, denn die historischen Unterlagen im Landesarchiv Berlin und im Brandenburgischen Landeshauptarchiv sind bereits mehrfach ausgewertet worden und in ihrer Aussage- und Beweiskraft eindeutig. Somit kommt Reinhardts Museumspolitik letztendlich einer Verschleppung des Falls gleich, zumal eine L\u00f6sung f\u00fcr die Familie verz\u00f6gert wird.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Da Reinhardt f\u00fcr ihr Haus in den letzten vier Jahren vom Senat des Landes Berlin \u00fcber 3,1 Millionen Euro als finanzielle F\u00f6rderung erhalten hat, d\u00fcrfen der Senat und vor allem die \u00d6ffentlichkeit von ihr erwarten, den internationalen Anspr\u00fcchen und der historischen Verantwortung im Umgang mit NS-Raubkunst gerecht zu werden. Morgen nun findet im Georg Kolbe Museum eine Veranstaltung zur Geschichte des Brunnens statt. Ob Reinhardt bei dieser Gelegenheit, wenn schon nicht im Katalog, zumindest m\u00fcndlich klare Worte zu dem umstrittenen Werk finden wird, bleibt abzuwarten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das kleine Georg Kolbe Museum im Westen Berlins ist beim Publikum sehr beliebt. 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