{"id":244237,"date":"2025-07-05T12:06:13","date_gmt":"2025-07-05T12:06:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/244237\/"},"modified":"2025-07-05T12:06:13","modified_gmt":"2025-07-05T12:06:13","slug":"etgar-keret-ohne-gott-ist-es-doch-lustig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/244237\/","title":{"rendered":"Etgar Keret: Ohne Gott ist es doch lustig"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph\">Die Kunst will zu viel zu gut machen, sagte Etgar Keret einmal. Wir sa\u00dfen im sch\u00f6nen Schloss Elmau, und es war zwar schon schlimm, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2025\/26\/israelischer-schriftsteller-lebenswerk-acum-nahostkrieg-etgar-keret\" class=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aber noch nicht 7.-Oktober-schlimm<\/a>, und Etgar Keret erz\u00e4hlte von W\u00f6rtern, die er nicht schreiben konnte, und Netflix-Serien, in denen alles brav divers besetzt war. Das Problem sei, sagte der m\u00fcde Keret l\u00e4chelnd, dass das aber nicht die Realit\u00e4t sei. Und war es als Schriftsteller nicht seine Aufgabe, die Realit\u00e4t zu portr\u00e4tieren?\n<\/p>\n<p class=\"paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-magazin\/2022\/43\/etgar-keret-israel-schoah-mutter\" class=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Es ist genau jene gnadenlose Illusionslosigkeit, die Etgar Kerets B\u00fccher so wundervoll macht.<\/a>\u00a0In seiner Sprache flie\u00dfen die Widerspr\u00fcche der Menschen zusammen, das Gro\u00dfe und Hohe, das Poetische, das Schmutzige und Grausame. Es war angesichts der Weltlage zu erwarten, dass Kerets neuer Band Starke Meinung zu brennenden Themen nicht zuversichtlicher der Realit\u00e4t gegen\u00fcber ausfallen w\u00fcrde. In den Kurzgeschichten ist etwa eine Frau w\u00fctend auf eine Selbstm\u00f6rderin, weil die ihr mit diesem tragischen Abgang die teure, lebensl\u00e4nglich abzuzahlende Wohnung versaut hat, und will sich aus Rache am liebsten gleich selbst vom Balkon auf ein gl\u00fcckliches Liebespaar unten im Garten st\u00fcrzen. Ein Mann wird f\u00fcr starke Meinungen zu brennenden Themen gecastet und br\u00fcllt in Talkshows, was auch immer ihm in den Sinn kommt. Ein orthodoxer Jude will die in Gaza gefangenen Geiseln so verzweifelt herbeibeten, dass er stirbt. Eine Frau reist als Teilnehmerin einer Reality-Show aus einem Paralleluniversum nach New York, wo sie, um in ihr Universum zur\u00fcckzukehren, herausfinden muss, was in dieser Welt fehlt (zum Beispiel Ahornsirup). Als sie eigentlich schon gar nicht mehr gehen will, stellt sie in der Trinity Church erschrocken fest, dass in diesem Universum offenbar Gott fehlt. Stimmt, das alles klingt schwarz, hoffnungslos und depressiv \u2013 nur warum macht bei Etgar Keret selbst eine Welt ohne Gott Spa\u00df? Zun\u00e4chst, weil Kerets S\u00e4tze Hemingway-genau, die Dialoge schnell und pointiert sind. Aber der Grund, warum sich diese Geschichten nicht wie eine einzige Abrechnung mit der Menschheit anf\u00fchlen, liegt tiefer: Keret schreibt mit Empathie, der zauberhaftesten Waffe der Literatur. Als w\u00fcrde er mit jeder Geschichte wirklich versuchen, die Figur zu verstehen, er verurteilt sie nicht. Und so folgt man ihren verwerflichen L\u00fcsten und W\u00fcnschen, sp\u00fcrt die traurige Ruhe, mit der jemand Oliven auf dem Balkon isst, kurz bevor die Welt untergeht. Man springt zwischen der Gedankenwelt tief religi\u00f6ser und tief bekiffter Menschen. Ein Buch, dass das Durcheinander dieser Gegenwart charmant zusammenh\u00e4lt. Und trotz tausend guter Gr\u00fcnde \u2013 Keret will sie nicht aufgeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Kunst will zu viel zu gut machen, sagte Etgar Keret einmal. 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