{"id":245735,"date":"2025-07-06T02:07:09","date_gmt":"2025-07-06T02:07:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/245735\/"},"modified":"2025-07-06T02:07:09","modified_gmt":"2025-07-06T02:07:09","slug":"roman-ueber-ukraine-krieg-was-nuetzt-deine-intelligenz-an-der-front","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/245735\/","title":{"rendered":"Roman \u00fcber Ukraine-Krieg: Was n\u00fctzt deine Intelligenz an der Front?"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Es ist eine h\u00e4ssliche Welt nahe der Nulllinie. Die Nulllinie, das ist die hypothetische Grenzziehung zwischen den russischen und den ukrainischen Truppen, und der Soldat mit dem Pseudonym Ko\u0144, der auf der Seite Letzterer k\u00e4mpft, befindet sich mittendrin in der archaischen Sph\u00e4re an der Front.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Die Verletzten und Toten werden hier zu Zahlen \u2013 \u201eTrjochsoty, also Dreihunderter, bedeutet verwundet, Dwuchsoty, Zweihunderter \u2013 tot\u201c \u2013, die Soldaten hei\u00dfen Ratte, Schakal oder Leopard, die Sprache ist dreckig, die Feinde hei\u00dfen \u201eRussacken\u201c, \u201eP\u00e4dorussen\u201c oder \u201egefickte Moskowiter\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Szczepan Twardochs Roman \u201eDie Nulllinie\u201c spielt in der kriegerischen Gegenwart in der Region Cherson, \u201eRoman aus dem Krieg\u201c lautet der Untertitel des Buchs. Sein Protagonist Ko\u0144 (Ukrainisch \u041a\u0456\u043d\u044c = Pferd) ist ein Akademiker, er stammt aus einer polnisch-ukrainischen Familie und hat in Warschau gelebt, ehe er zun\u00e4chst als Freiwilliger in den Krieg zieht.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Die Du-Form zieht sich durch den Roman, der Protagonist ist im st\u00e4ndigen inneren Zwiegespr\u00e4ch<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"4\">An der Front trifft er Menschen, auf die er anfangs herabschaut: Ratte, der keine Ausbildung hat, Leopard, ein Alkoholiker aus der N\u00e4he von Charkiw. Doch Ko\u0144 lernt schnell, dass im Krieg all das, was vorher war, nicht mehr gilt, dass jeder gleich wenig z\u00e4hlt im Angesicht des Artilleriefeuers und der Bombeneinschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>      Krieg ist ein h\u00e4ufiges Motiv bei Szczepan Twardoch<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch hat sich in seinen Romanen bereits ausf\u00fchrlich mit den Kriegen und den polnischen Traumata des 20. Jahrhunderts befasst, er hat \u00fcber den \u00dcberfall Hitler-Deutschlands auf Polen (\u201eMorphin\u201c, 2014), die Zeit in Warschau unmittelbar zuvor <a href=\"https:\/\/taz.de\/Thriller-ueber-Juden-in-Warschau\/!5482639\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">(\u201eDer Boxer\u201c, 2018)<\/a> und \u00fcber den Umbruch nach Ende des Ersten Weltkriegs (\u201eDemut\u201c, 2020) geschrieben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Auf dem deutschen Markt ist der 45-J\u00e4hrige sehr erfolgreich, er wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt im April mit dem Usedomer Literaturpreis 2025. F\u00fcr seinen neuen Roman ist er mehrfach an die Front gereist und hat dort recherchiert, viel Zeit in Sch\u00fctzengr\u00e4ben verbracht, wie er sagt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"8\">Einerseits bildet \u201eDie Nulllinie\u201c ab, wie das Dasein \u2013 von Leben mag man kaum sprechen \u2013 im Krieg ist. Der Autor l\u00e4sst den gebildeten Ko\u0144 auf Menschen aus der sogenannten Unterschicht treffen; hier an der Front kehrt sich das Verh\u00e4ltnis um, hier sind sie die Klugen, die ihm das System Krieg erkl\u00e4ren. Es ist eine regressive M\u00e4nnerwelt, die Twardoch abbildet, an einer Stelle hei\u00dft es \u00fcber die Soldaten: \u201e[\u2026] am Ende suchten sie dort [im Krieg] wohl auch nach ihrer M\u00e4nnlichkeit, die im beschaulichen Leben ihrer Heimatl\u00e4nder nicht hatte gedeihen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Das Buch<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">Szczepan Twardoch: \u201eDie Nulllinie\u201c. Aus dem Polnischen von Olaf K\u00fchl. Rowohlt Berlin, Berlin 2025, 256 Seiten, 24 Euro<\/p>\n<p>      Mit machistischer Sprache<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Der Roman ist recht voll von Ausdr\u00fccken wie \u201eFotze\u201c und \u201eficken\u201c, die Sprache ist machistisch. Eine gewisse Faszination f\u00fcr das Derbe scheint auch beim Autor mitzuschwingen, reproduziert er den Soldatenslang, Vulgarismen und Rassismen doch mehr als dies n\u00f6tig w\u00e4re. Es irritiert auch, dass Frauen im Krieg hier kaum vorkommen, wo man wei\u00df, wie viele Soldatinnen es auf ukrainischer Seite gibt (auch an der Front) und welche wichtige Rolle sie f\u00fcr die Infrastruktur spielen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Andererseits kann Twardoch nat\u00fcrlich auch nur literarisch verarbeiten, was er erlebt hat. Sein Protagonist Ko\u0144 muss sich in dieser Welt zurechtfinden, die sein Wertesystem umkehrt, ob er will oder nicht: \u201eDu trugst deinen Rationalismus vor dir her wie Schild und Schwert, das Banner deiner scharfsinnigen Intelligenz, aber was taugte das noch im Krieg, einen Schei\u00dfdreck, wenn weder Vernunft noch Intelligenz noch Mut noch Rechtschaffenheit noch Gemeinheit dich vor dem t\u00f6dlichen Hagel der Kassettenbomben sch\u00fctzen k\u00f6nnen, nur Gl\u00fcck allein, nichts sonst\u201c, denkt er.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">Die Du-Form zieht sich durch den Roman, der Protagonist ist im st\u00e4ndigen inneren Zwiegespr\u00e4ch. Wie viele Themen Twardoch fast schon beil\u00e4ufig mitverhandelt, ist bemerkenswert. Er erz\u00e4hlt von den oftmals komplizierten famili\u00e4r-ethnischen Hintergr\u00fcnden vieler Ost\u00adeu\u00adro\u00adp\u00e4e\u00adr:in\u00adnen anhand der Familie von Ko\u0144.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Er beschreibt, wie ukrainische Soldaten (hier wirklich meist m\u00e4nnlich) mit rechtsextremer Symbolik operieren, nur um den Feind zu \u201eprovozieren\u201c \u2013 und sich so selbst schaden. Er findet treffende Worte \u00fcber die v\u00f6llig gegens\u00e4tzliche Entwicklung der russischen und ukrainischen Gesellschaft nach 1991 (\u201eOhne die unrussischste Eigenschaft der Freiwilligen vom Maidan, n\u00e4mlich ihre anarchische Freiheitsliebe, g\u00e4be es heute keine Ukraine\u201c).<\/p>\n<p>      Der Krieg als Fundraiser<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"15\">Er nennt den Krieg einen \u201eFundraising-Krieg\u201c, spielt zum Beispiel auf die vielen Drohnen an, die spendenfinanziert sind. Er referiert auf einen \u201eUr-Kriegstext\u201c, Homers \u201eIlias\u201c. Und landet schlie\u00dflich mitten im Jetzt, wo \u00fcber Gebietsabtritte verhandelt wird.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"16\">In Teilen scheint der Ton etwas zu effekthascherisch, die Verh\u00e4rtung an der Front wird durch die verrohte Sprache verst\u00e4rkt, da h\u00e4tte es vielleicht literarische Mittel gegeben, Kontraste zu setzen; eine andere Stimme, einen anderen Ton. \u00dcber das Fortexistieren im Krieg erz\u00e4hlt \u201eDie Nulllinie\u201c zweifelsohne sehr viel.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"17\">Twardoch bringt einem das Auseinanderstreben zweier unvereinbarer Welten nahe, der zivilen und der milit\u00e4rischen, indem er schildert, wie ein gebildeter Stadtmensch in den Krieg zieht und zu Ko\u0144, dem K\u00e4mpfer wird. Und wie furchtbar dort, nahe der Nulllinie, alles ist. Furchtbar banal und furchtbar brutal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist eine h\u00e4ssliche Welt nahe der Nulllinie. 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