{"id":247785,"date":"2025-07-06T21:34:24","date_gmt":"2025-07-06T21:34:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/247785\/"},"modified":"2025-07-06T21:34:24","modified_gmt":"2025-07-06T21:34:24","slug":"ein-wenig-exzellent-kreuzer-online-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/247785\/","title":{"rendered":"Ein wenig exzellent \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Holzvert\u00e4felungen, sehr hohe R\u00e4ume, Stuck, verzierte Treppengel\u00e4nder. Das Rektorat der Universit\u00e4t Leipzig atmet ehrw\u00fcrdige Exzellenz. Kurz bevor Eva In\u00e9s Obergfell uns begr\u00fc\u00dft, kracht die goldene Klinke an der T\u00fcr zum Vorzimmer des Vorzimmers ihres B\u00fcros auf den Parkettboden. Obergfell kann das weglachen an diesem Donnerstag Anfang Juni. Zwei Wochen zuvor hat sie erreicht, was sie bei ihrem Antritt als Rektorin 2022 als Ziel ausgegeben hatte: ein Exzellenzcluster. \u00bbDieses Etappenziel ist ein historischer Erfolg\u00ab, sagt Obergfell, als sie am Konferenztisch ihres B\u00fcros Platz nimmt. Erstmals war die Uni erfolgreich mit ihrer Bewerbung, nachdem sie 2018 noch scheiterte \u2013 wie schon mehrfach zuvor, als die F\u00f6rderung noch Exzellenzinitiative hie\u00df. Bis zu 42 Millionen Euro k\u00f6nnten jetzt \u00fcber die n\u00e4chsten sieben Jahre in das Forschungsprojekt \u00bbLeipzig Center of Metabolism\u00ab (Leicem) flie\u00dfen. Aber die Bedeutung der F\u00f6rderung ist gr\u00f6\u00dfer, sagt Obergfell, habe eine Strahlwirkung f\u00fcr die gesamte Universit\u00e4t. Und die ist auch notwendig. Denn die finanzielle Situation sei \u00bbdramatisch\u00ab, gibt die Rektorin zu. An den Fakult\u00e4ten sorgt das bereits f\u00fcr Unruhe, die Auswirkungen davon sp\u00fcren Lehrende und Studierende schon heute.<\/p>\n<p>Ende Mai knallen aber erst mal die Korken. Nachdem Leipzig zuletzt 2018 bei der Bewerbung um die F\u00f6rderung im Rahmen der Exzellenzstrategie scheiterte, erh\u00e4lt die Uni diesmal den Zuschlag. 70 Forschungsprojekte f\u00f6rdern Bund und L\u00e4nder mit j\u00e4hrlich 539 Millionen Euro, es ist die lukrativste Forschungsf\u00f6rderung, die Deutschland hat. Gef\u00f6rdert mit bis zu sechs Millionen Euro j\u00e4hrlich entsteht in Leipzig ab 2026 das klinische Forschungszentrum Leicem, an dem das Universit\u00e4tsklinikum, das Herzzentrum sowie f\u00fcnf Max-Planck-, Helmholtz- und Fraunhofer-Institute beteiligt sind. Erforscht werden sollen dort weitverbreitete Stoffwechselerkrankungen wie Adipositas, Diabetes mellitus und Fettleber. <\/p>\n<p>Exzellente Strahlkraft <\/p>\n<p>\u00bbEs ist nicht nur prestigetr\u00e4chtig, ein Cluster zu bekommen, sondern es wird Auswirkungen auf die gesamte Universit\u00e4t haben\u00ab, sagt Obergfell. Vor allem Studierende h\u00e4tten sie h\u00e4ufig gefragt, was sie von einem Exzellenzcluster h\u00e4tten, sagt Obergfell. Ihre Antwort: \u00bbAus einem Cluster erw\u00e4chst in aller Regel ein attraktiver Master-Studiengang, den es unter normalen Umst\u00e4nden nicht g\u00e4be.\u00ab Studierende k\u00f6nnten so teilhaben an Spitzenforschung, die am Puls der Zeit entstehe, in der Lehre, aber auch als studentische Hilfskr\u00e4fte. \u00bbDiejenigen, die hier in Clustern arbeiten, sind auch diejenigen, die Studierenden in der Lehre begegnen, also absolute Koryph\u00e4en.\u00ab Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrde die Universit\u00e4t nicht nur attraktiver f\u00fcr Studieninteressierte, sondern auch f\u00fcr Unternehmen, die sich in der Region Leipzig ansiedeln wollen. Und: \u00bbF\u00fcr alle weiteren Drittmittelantr\u00e4ge spielt es schon eine Rolle, ob wir eine Universit\u00e4t sind, die ausgezeichnet ist mit einem Cluster oder eben nicht\u00ab, sagt Obergfell.<\/p>\n<p>Exzellente Kritik<\/p>\n<p>Wer hat, dem wird gegeben. Dass F\u00f6rdermittel nach dem Matth\u00e4usprinzip flie\u00dfen, ist einer der Kritikpunkte, die es an der Exzellenzstrategie der DFG immer wieder gibt. Kleine F\u00e4cher h\u00e4tten nicht die Kapazit\u00e4ten, um im aufwendigen Bewerbungsverfahren zu bestehen. \u00bbEs gibt nat\u00fcrlich auch viele, die sich das \u2013 m\u00f6glicherweise zu Unrecht \u2013 nicht zutrauen oder sich abschrecken lassen, wenn eine Initiative mal keinen Erfolg hat\u00ab, erz\u00e4hlt Obergfell aus den Gespr\u00e4chen mit Forschenden an ihren Fakult\u00e4ten. Vor allem bei den Studieng\u00e4ngen der Daseinsvorsoge \u2013 in Lehramt, Jura oder Pharmazie \u2013 \u00bbh\u00f6re ich sehr h\u00e4ufig, dass neben der Lehre die Zeit f\u00fcr eine konzentrierte Spitzenforschung, die dann bis zu einem Cluster f\u00fchrt, fehlt\u00ab, sagt Obergfell, w\u00e4hrend hinter ihr eine Stra\u00dfenbahn die Goethestra\u00dfe entlangrumpelt. \u00bbUnsere Aufgabe ist es, zu ermutigen und die Rahmenbedingungen f\u00fcr exzellente Forschung zur Verf\u00fcgung zu stellen.\u00ab<\/p>\n<p>Weitermachen, immer weitermachen<\/p>\n<p>Die Erfahrung der Ablehnung machte die Uni auch in diesem Jahr. Das Forschungsprojekt \u00bbBreathing Nature\u00ab, mit dem die Wechselwirkungen von Klima- und die Biodiversit\u00e4tskrise erforscht werden sollen, scheiterte mit der Bewerbung. Die DFG habe den Wert dieser Forschung eben noch nicht erkannt, sagte der f\u00fcr die Exzellenzbewerbung verantwortliche Prorektor Jens-Karl Eilers nach der Verk\u00fcndung. F\u00fcr die Uni ist das schmerzlich: In eine Exzellenzbewerbung m\u00fcsse \u201ewahnsinnig viel investiert\u201c werden, von strategischen Berufungen bis hin zum Ausbau der Infrastruktur, sagt Obergfell. Zum anderen hat die Uni damit ein gro\u00dfes Ziel verfehlt: den Status als Exzellenzuniversit\u00e4t. Daf\u00fcr braucht es mindestens zwei Exzellenzcluster. Zus\u00e4tzlich 148 Millionen Euro erhalten die elf Exzellenzunis in Deutschland. Und so sucht das Rektorat in Leipzig bereits an den Fakult\u00e4ten nach Projekten, die bei der n\u00e4chsten Bewerbungsphase 2032 den Exzellenzzuschlag bekommen k\u00f6nnten. Bis dahin wolle man sich \u00bbso gut aufstellen, dass die Universit\u00e4t mindestens mit einem zweiten Clusterantrag als Exzellenzuniversit\u00e4t ins Rennen gehen kann. Das ist und bleibt das Ziel\u00ab, sagt Obergfell. \u00bbDiese Universit\u00e4t hat das Potenzial, exzellent zu sein und in vielen Bereich ist sie es bereits.\u00ab Das hat Obergfell bereits in ihrem ersten kreuzer-Interview attestiert (s. Ausgabe 12\/2022). Obergfell wirkt von dieser Zielsetzung getrieben. <\/p>\n<p>Akademisches Prekariat<\/p>\n<p>Denn wie die meisten Universit\u00e4ten in Deutschland geht es der Leipziger finanziell nicht gut. Wie wichtig aus Sicht des Rektorats die Exzellenzstrategie f\u00fcr die Zukunft der Uni zu sein scheint, geht aus einer E-Mail von Obergfell und Kanzler J\u00f6rg Wadzack an die Mitarbeitenden der Uni aus dem April hervor, die dem kreuzer vorliegt: \u00bbWir haben nach wie vor gute Gr\u00fcnde, zuversichtlich zu bleiben \u2013 nicht zuletzt im Hinblick auf die Entscheidungen im Exzellenz-Wettbewerb.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNach wie vor\u00ab \u2013 das klingt unheilvoll und bezieht sich auf die Rahmenbedingungen, in denen die Universit\u00e4t aktuell steuert. Denn w\u00e4hrend das Rektorat von Spitzenforschung tr\u00e4umt, sieht sich die Lehre in der Breite einer prek\u00e4ren finanziellen Situation ausgesetzt. Anlass des Schreibens aus dem Rektorat war ein Brief des s\u00e4chsischen Ministerpr\u00e4sidenten an die Mitarbeitenden der Uni. Darin stimmt Michael Kretschmer (CDU) auf die zu erwartenden K\u00fcrzungen im Doppelhaushalt des Freistaats ein, den die Minderheitskoalition von CDU und SPD noch im Juni (aber nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) verabschieden wollte. \u00bbSchmerzhafte Einschnitte in allen Bereichen sind angesichts des auszugleichenden Haushaltsdefizits unumg\u00e4nglich\u00ab, schreibt Kretschmer an die Mitarbeitenden der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Aufgabenzuwachs \u2026<\/p>\n<p>Zwar hat der Freistaat letztes Jahr mit seinen Hochschulen eine Zuschussvereinbarung bis 2032 beschlossen, die die Grundfinanzierung sichert. 760 Millionen Euro sollen bis 2032 an die 14 staatlichen Hochschulen flie\u00dfen \u2013 aber die Sonderzuweisungen fallen zuk\u00fcnftig wohl weg. \u00bbUnser strukturelles Defizit wird dadurch vertieft\u00ab, sagt Obergfell. \u00bbWir m\u00fcssen sparen. Und zwar massiv.\u00ab Das Haushaltsdefizit sei zum einen auf die Tarifsteigerungen der letzten Jahre zur\u00fcckzuf\u00fchren, weil diese nicht vollst\u00e4ndig vom Freistaat ausgeglichen worden seien. Zum anderen stelle das Land klare Erwartungen an die Uni, die in den Zielvereinbarungen letztes Jahr erneut festgeschrieben wurden. \u00bbBesonders im Bereich der Daseinsvorsorge mussten wir einen bedeutenden Aufgabenzuwachs verkraften\u00ab, sagt Obergfell. Das bedeutet, dass die Uni etwa im Lehramt, bei der juristischen Ausbildung oder im Bereich der Pharmazie eine bestimmte Anzahl von Absolventinnen und Absolventen vorweisen muss. Aufgaben, die in den letzten Jahren durch Sonderzuweisungen aufgefangen worden seien, die jetzt aber wegfallen. Die verbliebene Grundfinanzierung reiche nicht aus, \u00bbum alle Aufgaben uneingeschr\u00e4nkt in der bisherigen Form fortzuf\u00fchren\u00ab, schreiben Obergfell und Wadzack. <\/p>\n<p>\u2026 und Aufgabenkritik<\/p>\n<p>Aufgabenkritik ist das Zauberwort, dass auch Kretschmer umschreibt. Dass die Koalition bei den Personalkosten sparen wolle, \u00bbbedeutet im Einzelfall auch, dass die Nachbesetzung freiwerdender Stellen kein Automatismus mehr ist\u00ab. Was das f\u00fcr die Uni Leipzig bedeutet, schreiben Obergfell und Wadzack in ihrer E-Mail: \u00bbWer einen befristeten Arbeitsvertrag hat, wird nach Ablauf der Befristung seltener die Chance haben, an der Universit\u00e4t zu verbleiben.\u00ab <\/p>\n<p>An den Fakult\u00e4ten sorgt diese Aussicht f\u00fcr Frust. Schon heute sind in der Lehre nicht alle vorgesehenen Stellen besetzt. Schwarz auf wei\u00df liest sich das bei Obergfell und Wadzack so: \u00bbDie f\u00fcr 2025 erfolgte Deckelung des Personalbudgets auf 94 Prozent einer fiktiven 100 Prozent Stellenbesetzung \u00fcber den gesamten Hochschulbereich ist schmerzlich, aber unumg\u00e4nglich.\u00ab In der Praxis bedeute das, dass auslaufende Professuren f\u00fcr ein Semester unbesetzt blieben, bevor Nachfolgerinnen oder Nachfolger berufen w\u00fcrden, berichten Uni-Mitarbeitende dem kreuzer. Obergfell best\u00e4tigt, dass es aktuell dazu kommen k\u00f6nne. Die offenen Stellen m\u00fcssten vom bestehenden Personal aufgefangen werden oder durch Lehrauftr\u00e4ge aus dem Budget der Fakul\u00adt\u00e4ten besetzt werden, hei\u00dft es von dort. Sollten befristete Stellen nun vermehrt nicht neu besetzt werden, k\u00f6nnte der Druck auf die Lehrenden weiter wachsen. Denn befristete Stellen gibt es vor allem dort, nicht in der Verwaltung. \u00bbDie Br\u00fccke ist besetzt und im Maschinenraum ist keiner da, der die Kohlen reinschmei\u00dft\u00ab, beschreibt eine Lehrkraft ihren Eindruck gegen\u00fcber dem kreuzer.<\/p>\n<p>Wie genau Obergfell die Universit\u00e4t auf Kurs halten m\u00f6chte, k\u00f6nne sie zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht sagen, die \u00adPlanungen liefen. \u00bbAber es muss vermieden werden, dass sich das auf die Lehre auswirkt\u00ab, sagt die Rektorin. \u00bbF\u00fcr unser Studienangebot gilt: Wir m\u00fcssen stets eine zeitgem\u00e4\u00dfe und qualit\u00e4tsgesicherte Lehre zur Verf\u00fcgung zu stellen.\u00ab Auch kleine Studieng\u00e4nge mit wenigen Absolventinnen und Absolventen m\u00f6chte Obergfell nicht radikal streichen. Vielmehr m\u00fcssten zeitge\u00adm\u00e4\u00dfe L\u00f6sungen f\u00fcr diese Orchideenf\u00e4cher her. \u00bbDie Exzellenz in Einklang zu bringen mit der schwierigen Haushaltssituation, das ist meine Aufgabe.\u00ab Denn was bringt eine goldene T\u00fcrklinke, wenn kein Inbusschl\u00fcssel da ist, um sie festzuschrauben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Holzvert\u00e4felungen, sehr hohe R\u00e4ume, Stuck, verzierte Treppengel\u00e4nder. Das Rektorat der Universit\u00e4t Leipzig atmet ehrw\u00fcrdige Exzellenz. 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