{"id":249069,"date":"2025-07-07T10:01:11","date_gmt":"2025-07-07T10:01:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/249069\/"},"modified":"2025-07-07T10:01:11","modified_gmt":"2025-07-07T10:01:11","slug":"digital-streetwork-wie-online-sozialarbeit-einsame-jugendliche-erreicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/249069\/","title":{"rendered":"Digital Streetwork: Wie Online-Sozialarbeit einsame Jugendliche erreicht"},"content":{"rendered":"<p>Jonas Lutz hat gerade den Online-Messengerdienst Discord betreten und bleibt an einem Post h\u00e4ngen: &#8222;Mir geht es total schlecht. Ich f\u00fchle mich einsam und habe niemanden, dem ich mich anvertrauen kann&#8220;, steht da. Der Digital Streetworker antwortet dem Absender des Postings:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Hey, habe gelesen, dass dich das Thema Einsamkeit belastet und dass es dir nicht gutgeht. Wenn du m\u00f6chtest, kannst du mir eine Nachricht schreiben und wir k\u00f6nnen dar\u00fcber sprechen.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Mit solchen oder \u00e4hnlichen Gespr\u00e4chsangeboten wenden sich die Sozialarbeiter des Digital Streetwork online an junge Menschen auf den Social-Media-Plattformen oder den Gruppenforen der Online-Community. Sie lesen und chatten mit und reagieren, wenn jemand einen Hilferuf absetzt oder Unterst\u00fctzung nachfragt.<\/p>\n<p>Digitale Streetworker: Lotsen durch die Online-Krisen junger Menschen<\/p>\n<p>Beim klassischen Streetwork w\u00fcrden sie junge Menschen auf der Stra\u00dfe ansprechen. &#8222;Diesen aufsuchenden Ansatz von mobiler Jugendarbeit \u00fcbertragen wir auf die Online-Lebenswelten junger Menschen&#8220;, erl\u00e4utert Lutz, Leiter von Digital Streetwork Bayern. Das Modellprojekt hat im Herbst 2021 seine Arbeit im Auftrag des bayerischen Sozialministeriums aufgenommen.<\/p>\n<p>Insgesamt 14 Streetworker geh\u00f6ren zu seinem Team. In den vergangenen Monaten haben sie mehr als 5.600 Kontakte mit jungen Menschen gehabt &#8211; und damit schon mehr als im gesamten Jahr 2024. Rund 1.700 Kontakte h\u00e4tten dabei in Beratungsgespr\u00e4che gem\u00fcndet, sagt der Projektleiter.<\/p>\n<p>Vertrauen braucht Zeit: Wie aus Chatkontakten echte Schritte werden<\/p>\n<p>So wie bei &#8222;Momo&#8220;, das ist ein Nickname, damit der Jugendliche anonym bleibt. Der Streetworker und er haben inzwischen auf einen gesch\u00fctzten Kommunikationskanal gewechselt. Lutz erf\u00e4hrt, dass der junge Mann sehr viel Zeit online verbringt und auch in der Gaming-Community aktiv ist. Er nutzt offensichtlich die Online-R\u00e4ume, um sich immer weiter zur\u00fcckzuziehen. Damit verbunden sind soziale \u00c4ngste, die Schwierigkeit, Kontakte zu fassen und Leute kennenzulernen, sagt Lutz. Doch der Wunsch, in der Offline-Welt wieder Freundschaften oder eine Beziehung zu finden, sei geblieben.<\/p>\n<p>Lutz, studierter Sozialp\u00e4dagoge und ausgebildeter Medienmanager, versucht, die Ressourcen des jungen Mannes zu aktivieren und ihm Mut zu machen, damit er sich in kleinen Schritten seinem Ziel ann\u00e4hern kann. Kein leichter Prozess. In diesem Fall kommt Lutz zu Hilfe, dass der junge Mann zwar gro\u00dfe Ber\u00fchrungs\u00e4ngste hat, aber in einen neuen Sozialraum wechselt, weil er zum Studium in eine andere Stadt zieht.<\/p>\n<p>Dem Digital Streetworker gelingt es, eine fr\u00fchere Sportbegeisterung des jungen Mannes wieder zu wecken, so dass er bei einem Fu\u00dfballverein anruft und ein Probetraining vereinbart. &#8222;Es ist ein riesiger Fortschritt, wenn man jemanden von gro\u00dfen Sozial\u00e4ngsten bis zur Kontaktaufnahme mit einem Verein bringt.&#8220; Nicht alle seine \u00c4ngste h\u00e4tten sich dadurch aufgel\u00f6st, aber er sei nun &#8222;in einem Kontext, der ihm gutt\u00e4te und der ihm Spa\u00df macht&#8220;, sagt Lutz.<\/p>\n<p>Manchmal dauert es Wochen und Monate, eine Vertrauensbeziehung zu einem Klienten aufzubauen, sodass dieser die Hilfe zur Selbsthilfe annimmt. Die Streetworker verstehen sich dabei als &#8222;T\u00fcr\u00f6ffner mit Lotsenfunktion&#8220;, sagt Lutz. Das Ziel der Beratung soll dabei von den Jugendlichen selbst kommen. &#8222;Wir erarbeiten gemeinsam einen Plan und eine Perspektive.&#8220; Wissenschaftlich begleitet wird das Digital-Streetwork-Projekt vom JFF-Institut f\u00fcr Medienp\u00e4dagogik, das die Arbeitsans\u00e4tze der professionellen Berater auch wissenschaftlich evaluiert.<\/p>\n<p>Psychische Belastung, Einsamkeit, fehlende Therapiepl\u00e4tze \u2013 die gro\u00dfe L\u00fccke im Hilfesystem<\/p>\n<p>Vor allem Themen wie psychische Gesundheit, depressive Verstimmungen, Probleme bei der Alltagsbew\u00e4ltigung, Herausforderungen in Schule, Ausbildung und Studium belasten die Jugendlichen. Momentan befinden sich junge Menschen in einer &#8222;Dauerkrisensituation&#8220;, in der vor allen Dingen die Zukunft sehr ungewiss sei, sagt Lutz. &#8222;Das f\u00fchrt zu gro\u00dfem Stress.&#8220;<\/p>\n<p>Das stellt auch Josef Stautner von der Telefonseelsorge fest, der seit zehn Jahren im Amt ist.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Einsamkeit ist das gro\u00dfe Problem bei jungen Leuten: Inmitten von Kontakten haben sie das Gef\u00fchl innerlich abgeschnitten zu sein&#8220;, sagt der Leiter der Telefonseelsorge Ostbayern.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das andere gro\u00dfe Problem seien Selbstwertzweifel und \u00c4ngste. Ihre Kommunikationskan\u00e4le mit der Telefonseelsorge suchten sich die Jugendlichen selbst aus. &#8222;Sie mailen oder chatten lieber. Viele Themen, die nicht mehr den Weg \u00fcber die Lippen finden, weil sie so schambesetzt sind, finden ihren Weg \u00fcber die Tastatur&#8220;, sagt der Theologe.<\/p>\n<p>Die Aufgabe der Mitarbeitenden in der Mail- und Chatseelsorge sei es dann, die Jugendlichen &#8211; so gut es eben geht &#8211; zu unterst\u00fctzen, so dass sie sich mit ihren schwierigen Themen an Eltern, Lehrkr\u00e4fte, Beratungslehrer oder die Jugendhilfesysteme wenden. &#8222;Wir k\u00f6nnen nur ein erster Anlaufpunkt sein, um Leute zu stabilisieren, zu ermutigen oder um die Zeit bis zur n\u00e4chsten Therapiestunde zu \u00fcberbr\u00fccken.&#8220;<\/p>\n<p>Doch die Wenigsten bekommen \u00fcberhaupt einen Therapieplatz. Die Nachfrage \u00fcbersteige die Kapazit\u00e4ten bei weitem. Auch in den Kinder- und Jugendpsychiatrien sehe es nicht besser aus, &#8222;die sind absolut am Limit&#8220;, wei\u00df Stautner. Und so bleiben die Chat- und Mail-Seelsorge oder der bayerische Krisendienst, der auch rund um die Uhr im Einsatz ist, so etwas wie ein &#8222;Notanker, ohne den alles noch viel schlimmer w\u00e4re&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Jonas Lutz hat gerade den Online-Messengerdienst Discord betreten und bleibt an einem Post h\u00e4ngen: &#8222;Mir geht es total&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":249070,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1827],"tags":[3274,772,29,9485,30,5508,1268,14,15,575,9486],"class_list":{"0":"post-249069","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenchen","8":"tag-kirche","9":"tag-bayern","10":"tag-deutschland","11":"tag-evangelisch","12":"tag-germany","13":"tag-journalismus","14":"tag-muenchen","15":"tag-nachrichten","16":"tag-news","17":"tag-religion","18":"tag-sonntagsblatt"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114811377174691793","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/249069","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=249069"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/249069\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/249070"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=249069"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=249069"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=249069"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}