{"id":250109,"date":"2025-07-07T19:35:16","date_gmt":"2025-07-07T19:35:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/250109\/"},"modified":"2025-07-07T19:35:16","modified_gmt":"2025-07-07T19:35:16","slug":"museum-in-porquerolles-diese-insel-macht-schwindelig-mit-ihrer-abstrakten-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/250109\/","title":{"rendered":"Museum in Porquerolles: Diese Insel macht schwindelig mit ihrer abstrakten Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Zur Fondation Carmignac kommt man nur per Boot. Auf der franz\u00f6sischen \u00cele de Porquerolles an der C\u00f4te d\u2019Azur hat ein Privatsammler sein Museum gebaut. Jetzt sind dort abstrakte Werke zu sehen \u2013 mit dem Vertigo-Effekt.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es hei\u00dft, der britische Maler William Turner habe sich an den Mast eines Segelboots seilen lassen, um von Wind und Wasser ausgepeitscht die Elemente zu sp\u00fcren. Die sinnlichen Extremerfahrungen, die er in seine Gem\u00e4lde \u00fcbersetzte, machten ihn zum Vorl\u00e4ufer der abstrakten Malerei. Bei Mistral, wenn der kalte Wind aus dem Norden \u00fcber die C\u00f4te d\u2019Azur und das Mittelmeer jagt, darf man sich beim \u00dcbersetzen auf die Insel Porquerolles durchaus ein bisschen wie Turner f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Porquerolles, zw\u00f6lf Quadratkilometer gro\u00df, ist eine der drei Inseln, die vor der s\u00fcdfranz\u00f6sischen Stadt Hy\u00e8res liegen. H\u00e4tte am Vortag nicht ein Unwetter an der K\u00fcste gew\u00fctet, k\u00f6nnte man denken, Charles Carmignac pers\u00f6nlich habe die bis zu 90 Kilometer starken B\u00f6en bei Boreas, dem Gott des Nordwindes bestellt, um die Besucher auf die Kunstausstellung \u201eVertigo\u201c einzustellen.<\/p>\n<p>Der Direktor der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article232443907\/Fondation-Carmignac-Auch-das-Paradies-ist-nur-ein-Oekosystem.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article232443907\/Fondation-Carmignac-Auch-das-Paradies-ist-nur-ein-Oekosystem.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fondation Carmignac<\/a> ist Sohn des Kunstsammlers, Finanzinvestors und Milliard\u00e4rs \u00c9douard Carmignac, er empf\u00e4ngt bereits am Festland am Hafen. Auch unbekannte Besucher begr\u00fc\u00dft der 47-J\u00e4hrige mit bise, mit dem gehauchten franz\u00f6sischen Wangenkuss, weil hier alles etwas anders ist als in der grauen Normalit\u00e4t und selbst anders als im internationalen Kunstzirkus.<\/p>\n<p>Bei \u201eVertigo\u201c bitte nicht an Hitchcock denken<\/p>\n<p>G\u00e4ste der Stiftung werden mit einem Gebr\u00e4u aus Lavendel, Melisse und Katzenminze empfangen, welches das parasympathische Nervensystem anregen und f\u00fcr Entspannung sorgen soll. Unter einer Allee von erhabenen Schirmpinien geht es zur Villa Carmignac \u2013 urspr\u00fcnglich hatte ein franz\u00f6sischer Industrieller das alte Bauernhaus in den 1980er-Jahren ausbauen lassen. Dank ihrer blau lasierten Dachziegel verschmilzt es mit der Landschaft.<\/p>\n<p>\u00c9douard Carmignac kaufte die Villa 2013 und hat sie in jahrelangen Bauarbeiten in ein teilweise unterirdisches Museum verwandelt, das trotzdem hell ist und Einblicke in die \u00fcberbordende Natur gew\u00e4hrt. Die Stiftung feiert in diesem Jahr ihr 25-j\u00e4hriges Bestehen. Die Villa selbst wurde 2018 er\u00f6ffnet und \u00fcberl\u00e4sst jedes Jahr einem \u201eKommissar\u201c die Konzeption einer thematischen Ausstellung. \u201eVertigo\u201c, die achte seit der Er\u00f6ffnung, ist der Abstraktion gewidmet und bietet eine pointierte Auswahl von ihren Anf\u00e4ngen bis heute.<\/p>\n<p>Zum Besuch der Villa muss man die Schuhe ausziehen, seit je her. Das verschafft Bodenhaftung, ver\u00e4ndert die Wahrnehmung. Keine Abs\u00e4tze klacken laut auf dem Steinboden. Und wer sich den Spa\u00df macht, die Ausstellungsbesucher zu beobachten, der wird bei vielen sp\u00fcren, wie Menschen ohne Schuhwerk etwas sehr Intimes preisgeben.<\/p>\n<p>Wer bei \u201eVertigo\u201c aber an Hitchcock denkt, ist auf der falschen F\u00e4hrte. Es geht nicht um H\u00f6henangst, sondern um den Abschied von der Repr\u00e4sentation, die St\u00f6rung von Sehgewohnheiten. \u201eGemeint ist der Verlust der Orientierung, das Schwanken und Wanken\u201c, erkl\u00e4rt Ausstellungskommissar Matthieu Poirier. Er hat etwa 50 Werke zusammengetragen, eine Handvoll aus der hauseigenen Sammlung.<\/p>\n<p>\u201eVertigo\u201c beginnt mit einer Auftragsarbeit von Flora Moscovici, zu der man eine Treppe hinuntersteigt. Die Franz\u00f6sin verwandelt gern R\u00e4ume, die sie als zweite Haut bezeichnet, vom Fu\u00dfboden bis zur Decke in begehbare Bilder. Auch dieses Mal hat sie in situ gearbeitet und sich von der Landschaft und den Farben der Mittelmeerinsel mit starken Blau-, Gr\u00fcn- und Lilat\u00f6nen inspirieren lassen.<\/p>\n<p>Moscovici hat ihre Pigmente kaum verd\u00fcnnt und wie ein impressionistisches Gem\u00e4lde \u00fcber einen rechten Winkel aufgetragen. Der Titel ihrer Wandmalerei \u2013 \u201eA la poursuite du rayon vert\u201c (Auf der Suche nach dem gr\u00fcnen Strahl) \u2013 ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Roman von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article213081696\/Actionszenen-der-Weltliteratur-Urlaub-mit-Jules-Verne.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article213081696\/Actionszenen-der-Weltliteratur-Urlaub-mit-Jules-Verne.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jules Verne<\/a>, in dem eine junge Schottin vor einer Zwangsheirat flieht und auf der Suche nach dem Naturph\u00e4nomen in einer Grotte das absolute Gl\u00fcck findet.<\/p>\n<p>Anspielend auf Goethes Konzept des Tr\u00fcben hat Kurator Poirier noch andere Farbvirtuosen versammelt, die dem Blick jeglichen Anhaltspunkt verweigern: Ein Bild der amerikanischen Malerin Helen Frankenthaler, \u201ePetroglyphs\u201c, neben einem Gerhard Richter von 2009, gespiegelt von Frank Bowlings \u201eHello Rosa New York\u201c, einem sieben Meter breiten und drei Meter hohen Gem\u00e4lde, das Betrachter einl\u00e4dt, sich in dem von zwei Fl\u00e4chen begrenzten Mittelfeld changierender Rosat\u00f6ne zu verlieren.<\/p>\n<p>\u201eEs sind schwindelerregende Effekte, fast hypnotisch, psychedelisch, ganz ohne Drogen\u201c, so Poirier, der offensichtlich schon mit den Titeln der Abschnitte das menschliche Gehirn ins Trudeln bringen will. \u201eAtmosph\u00e4rische Turbulenzen\u201c, \u201eSchwelle, Mirage, Abgrund\u201c, \u201eMalstrom\u201c sollen als Sehanleitungen gelten. Der Ausstellungsmacher ist zudem ein Bewunderer von Heinz Mack und schlie\u00dft seine Schau mit einer passenden, ganz fr\u00fchen Bleistiftzeichnung des mittlerweile 94 Jahre alten deutschen K\u00fcnstlers. Das Blatt aus dem Jahr 1950 ist, wenn man so will, gegen den Uhrzeigersinn angelegt, beginnt in der Gegenwart, endet bei den Anf\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Auch Otto Pienes \u201eLichtballett mit M\u00f6nchengladbachwand\u201c ist in Carmignac aufgebaut, ein immersives Erlebnis, bei dem unterschiedliche Lichtquellen und kinetische Installationen die W\u00e4nde zum Tanzen bringen. Mit <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255201782\/Guenther-Uecker-Mit-der-Sprache-der-Naegel-hat-er-einen-Geheimcode-erschaffen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255201782\/Guenther-Uecker-Mit-der-Sprache-der-Naegel-hat-er-einen-Geheimcode-erschaffen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">G\u00fcnther Ueckers <\/a>\u201eSpirale\u201c aus dem Jahr 2002 ist das Trio der D\u00fcsseldorfer K\u00fcnstlerbewegung Zero komplett. Diese hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Fahnen geschrieben, die Kunst von ihrem \u201e\u00dcberma\u00df an Ballast\u201c zu befreien. Die Stunde Null der Wahrnehmung hatte geschlagen.<\/p>\n<p>\u201eSubtraktion statt Addition\u201c<\/p>\n<p>Poirier hat noch andere Deutsche versammelt. Der Fotograf Thomas Ruff lie\u00df sich von Aldous Huxleys Meskalin-Trips und seinem Buch \u201eDie Pforten der Wahrnehmung\u201c inspirieren und bedruckte einen Kunstfaserteppich mit einem Muster, das bei jeder M\u00f6belmesse als Erbrochenes durchgehen w\u00fcrde. Kommissar Poirier kl\u00e4rt auf, dass Ruffs \u201ed.o.pe.05\u201c eine \u201evisuelle \u00dcbersetzung des Prinzips der Fraktale ist, bei dem jede Einheit die Form des Ganzen hat, vergleichbar mit einer Schneeflocke oder einem Romanesco-Kohl\u201c.<\/p>\n<p>Die alten Meister der Abstraktion stehen im Dialog mit zeitgen\u00f6ssischen Arbeiten von Pier Stockholm, Fabienne Verdier, Caroline Corbasson, Philippe Decrauzat und Superstar <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/olafur-eliasson\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/olafur-eliasson\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00d3lafur El\u00edasson<\/a>. Beim Blick durch dessen Instrument aus buntem Glas, Spiegeln und Stahl verwandeln sich Garten und Meer in Gem\u00e4lde von Klee, Klimt oder Kandinsky. \u201eYour Vanishing\u201c ist der Titel des Werks von 2011.<\/p>\n<p>Das 15 Hektar gro\u00dfe Grundst\u00fcck der Stiftung hat Frankreichs renommiertester Landschaftsarchitekt Louis Benech in einen zauberhaften \u201eNicht-Garten\u201c verwandelt, wie er es formuliert. Zwischen Lavendel, Ginster, seltenen Orchideen, eleganten Zypressen, Schirmpinien und Olivenb\u00e4umen st\u00f6\u00dft man auf zeitgen\u00f6ssische Kunstwerke. \u201eSubtraktion statt Addition\u201c ist das Grundprinzip von Benech, dessen Paradieslandschaft Teil des Naturparks der Nachbarinsel Port-Cros ist. Das ist auch der Grund, warum Porquerolles vom Betonwahn verschont geblieben ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr Touristen gibt es nur rund 500 \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten auf der Insel, die Zahl der Tagesg\u00e4ste in der Hochsaison wurde nach den Masseninvasionen der Post-Pandemiezeit auf 6000 begrenzt. Wer sich einbildet, im August mit dem Auto auf der Halbinsel Giens bis zum Hafen zu gelangen und dann mit der F\u00e4hre \u00fcbersetzen zu k\u00f6nnen, wird im Dauerstau eines Besseren belehrt. Der Besuch von Porquerolles will in der Hochsaison gut geplant sein. Aber wer es schafft, den wird der Schwindel der Sch\u00f6nheit den Kopf verdrehen.<\/p>\n<p>\u201eVertigo\u201c, bis zum 2. November 2025, Villa Carmignac, \u00cele de Porquerolles, Frankreich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zur Fondation Carmignac kommt man nur per Boot. 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