{"id":250314,"date":"2025-07-07T21:29:11","date_gmt":"2025-07-07T21:29:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/250314\/"},"modified":"2025-07-07T21:29:11","modified_gmt":"2025-07-07T21:29:11","slug":"reisners-blick-auf-den-ukraine-krieg-die-russische-front-kommt-wie-eine-tsunamiwelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/250314\/","title":{"rendered":"Reisners Blick auf den Ukraine-Krieg: &#8222;Die russische Front kommt wie eine Tsunamiwelle&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Mit t\u00f6dlichem Reizgas zwingen die Russen die Ukrainer aus ihren Stellungen. Oberst Reisner erkl\u00e4rt ntv.de, warum die Lage bei Pokrowsk immer bedrohlicher wird. <\/p>\n<p><b>ntv.de: Herr Reisner, wir melden heute, die Ukrainer h\u00e4tten im Dorf Dachne ihre Flagge gehisst, nachdem die russischen Truppen sie vor wenigen Tagen f\u00fcr erobert erkl\u00e4rt hatten. L\u00e4sst sich feststellen, wer recht hat?<\/b><\/p>\n<p>Markus Reisner: Das ukrainische Video mit der Flagge kenne ich auch. Es ist inzwischen georeferenziert, das hat also tats\u00e4chlich dort in Dachne stattgefunden. Beide Seiten versuchen hier, den Ort f\u00fcr sich zu reklamieren. Auch neue Videos zeigen, wie in der Ortschaft und westlich davon entlang des Flusses Wowtscha in Richtung Jalta heftige K\u00e4mpfe toben.<\/p>\n<p><b>Dachne liegt in Dnipropetrowsk &#8211; das ist die n\u00e4chste Oblast n\u00f6rdlich von Saporischschja. Also eine Region, die schon au\u00dferhalb der vier Oblaste liegt, in denen die russische Vollinvasion 2022 begonnen hat. Unterstreicht Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin damit sein Ansinnen, die ganze Ukraine zu besetzen?<\/b><\/p>\n<p>Erst k\u00fcrzlich sagte Putin vor der Presse, dass er das russische und das ukrainische Volk tats\u00e4chlich als ein Volk betrachte: &#8222;In diesem Sinne geh\u00f6rt die gesamte Ukraine zu uns.&#8220; Die Eroberung einer Ortschaft in der n\u00e4chsten Oblast w\u00fcrde dazu passen, zumal der Kreml au\u00dferdem mitteilte, es sei erstmals gelungen, eine der vier seit Beginn des gro\u00dfen Krieges umk\u00e4mpften Oblasten g\u00e4nzlich in Besitz zu nehmen. <\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Osterreichischen-.jpeg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im \u00d6sterreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes f\u00fcr Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Milit\u00e4rakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsf\u00fchrung. Jeden Montag bewertet er f\u00fcr ntv.de die Lage an der Ukraine-Front.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Osterreichischen-.jpeg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im \u00d6sterreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes f\u00fcr Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Milit\u00e4rakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsf\u00fchrung. Jeden Montag bewertet er f\u00fcr ntv.de die Lage an der Ukraine-Front.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: privat)<\/p>\n<p><b>Luhansk?<\/b><\/p>\n<p>Genau. Der Oblast Luhansk wurde letzte Woche von den Russen als zur G\u00e4nze erobert gemeldet. Das war bereits seit Monaten absehbar und ist auf strategischer Ebene ein Erfolg f\u00fcr die Russen. Die Einnahme von Dachne in der f\u00fcnften Oblast hat hingegen auf den Kriegsverlauf keinen Einfluss, dazu ist der Ort zu unbedeutend. Der Kreml versucht aber, damit den Informationsraum zu dominieren. An der Grenze von Saporischschja zur Oblast Dnipropetrowsk entlang verl\u00e4uft der bereits erw\u00e4hnte Fluss Wowtscha, und an zwei Stellen ist den Russen offenbar gelungen, ihn zu \u00fcberqueren. Einmal bei Dachne und acht Kilometer westlich davon bei der Ortschaft Jalta.<\/p>\n<p><b>Beide Orte sind aber noch umk\u00e4mpft?<\/b><\/p>\n<p>Die Bilder im Netz zeigen, dass die Russen Jalta ziemlich sicher erobert haben. Im Fall von Dachne werden erst die kommenden Tage zeigen, wer die Oberhand hat. Es geht vor allem um einen \u00f6ffentlichkeitswirksam verwertbaren Erfolg im Informationskrieg. Schon im Vorfeld des 9. Mai, als Russland den Sieg \u00fcber Nazi-Deutschland 1945 feierte, haben die Russen ganz massiv in Richtung der f\u00fcnften Oblast gedr\u00e4ngt. Da sind Russen mit einem Pickup mitten in ein Stacheldrahthindernis gefahren, nur um die Flagge hissen zu k\u00f6nnen und zu zeigen: Auch hier haben wir jetzt einen Fu\u00df hineingesetzt. Operativ bedeutsam ist das nicht. Da bereitet mir der Raum weiter nordostw\u00e4rts von Dachne wesentlich mehr Sorgen.<\/p>\n<p><b>Was passiert dort?<\/b><\/p>\n<p>Auch dort versuchen die russischen Truppen, in einer Art Zangenbewegung gro\u00dfr\u00e4umig Gebiete in Besitz zu nehmen. Geht man noch weiter Richtung Nordosten, dann sehen wir bei Pokrowsk und bei Konstantinowka eine \u00e4hnliche Entwicklung. Beide St\u00e4dte sind wichtige Logistik-Knotenpunkte, mehrere Stra\u00dfen und Eisenbahnlinien laufen dort hindurch. Vor einigen Wochen stand Pokrowsk schon sehr im Fokus durch die russischen Vorst\u00f6\u00dfe, doch jetzt ist die Bedrohung fast noch gr\u00f6\u00dfer. Man sieht richtig, wie die russische Front quasi wie eine sich aufbauende Tsunamiwelle auf die beiden St\u00e4dte zukommt. Man versucht, die ukrainischen Versorgungslinien hinter den St\u00e4dten abzuschneiden. Beide Kessel, Pokrowsk und Konstantinowka ver\u00e4ndern sich von Tag zu Tag zu Ungunsten der Ukraine. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>W\u00fcrde es Sinn f\u00fcr die Ukrainer ergeben, dort noch einmal mit weiteren Truppen die Verteidigung zu verst\u00e4rken? Solange man \u00fcberhaupt noch durchkommt?<\/b><\/p>\n<p>Diese Debatte sehen wir in den ukrainischen sozialen Netzwerken. Einige Kommandeure, auch solche der oberen F\u00fchrungsebene, \u00e4u\u00dfern sich mittlerweile sehr kritisch zur Maxime, diese ukrainischen St\u00e4dte bis zum letzten Soldaten zu halten. Ist das sinnvoll? Oder w\u00e4re es nicht besser, sich in die Tiefe zur\u00fcckzuziehen, bis zu einer g\u00fcnstigeren Verteidigungslinie &#8211; zum Beispiel entlang eines Flusses &#8211; und die Russen dort abzufangen?<\/p>\n<p><b>Sehen Sie dort einen Wandel in der Strategie?<\/b><\/p>\n<p>Der ukrainische Generalstabschef Syrskyi reagierte auf den Druck und sagte, in Zukunft versuche die Ukraine eine bewegliche Verteidigung durchzuf\u00fchren. Das hei\u00dft: Dort, wo es notwendig ist, nachzugeben, um dann gezielt durch Gegenangriffe vorsto\u00dfende russische Truppen zu vernichten.<\/p>\n<p><b>Allerdings steht man dann nat\u00fcrlich vor dem Problem, dass es f\u00fcr einen erfolgreichen Vorsto\u00df notwendig ist, dem Gegen\u00fcber \u00fcberlegen zu sein.<\/b><\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte auch schon g\u00fcnstiger sein, sich in eine g\u00fcnstigere Verteidigungslinie zur\u00fcckzuziehen, um die Russen dort abzufangen und abzun\u00fctzen. Denn die Lage der Ukrainer ist weiterhin sehr angespannt, die Gefechtsstreifen sind v\u00f6llig \u00fcberdehnt. Das stellen Kommandeure \u00f6ffentlich dar, das berichtete mir auch vor zwei Wochen ein ukrainischer Kamerad. Sie haben eine Brigade, um einen Gefechtsstreifen von 25 bis 30 Kilometern zu verteidigen. Das ist viel zu viel. Vor allem, da ja die Brigade nicht die eigentlich erforderlichen 5000 Mann hat, sondern nur 2500. Das funktioniert \u00fcberhaupt nur durch Drohnen\u00fcberwachung, mit der man die L\u00fccken aufkl\u00e4ren und bei Bedarf mit Angriffsdrohnen schlie\u00dfen kann. Das funktioniert nicht mehr, wenn die Russen massiv angreifen &#8211; mit Bomben, Artillerie, chemischen Kampfstoffen. Dann wird es sehr schwierig, den Abschnitt zu halten. Und darum nehmen die Russen jeden Tag im Schnitt 15 bis 20 Quadratkilometer in Besitz. Im Mai und Juni \u00fcber 1.000 km\u00b2. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>Stichwort chemische Kampfstoffe &#8211; die werden derzeit verst\u00e4rkt eingesetzt, hei\u00dft es?<\/b><\/p>\n<p>Die russische Armee nutzt zunehmend Reizstoffe, die sie mit Drohnen in den Stellungen abwirft. Ein Gemisch aus Gasen, darunter vor allem Chloracetophenon, das sich dann verteilt. Da die Ukrainer kaum Schutzmasken haben, zwingt das austretende Reizgas sie, ihren Bunker oder ihre Stellung zu verlassen. So exponieren sie sich und werden in der Regel Opfer von angreifenden First-Person-View-Drohnen, Scharfsch\u00fctzen oder Maschinengewehrfeuer. So versucht man, die Pattsituation des Stellungskrieges aufzubrechen &#8211; \u00e4hnlich, wie das im Ersten Weltkrieg gemacht wurde, ebenfalls unter Einsatz verschiedener chemischer Kampfstoffe wie etwa Chlorgas, Phosgen oder Senfgas. Der Einsatz chemischer Kampfstoffe ist ein klarer Versto\u00df gegen das V\u00f6lkerrecht, das solche Kampfstoffe verbannt hat.<\/p>\n<p><b>Setzen diese Reizgase die Soldaten &#8222;nur&#8220; au\u00dfer Gefecht, oder sind sie lebensbedrohlich?<\/b><\/p>\n<p>Wenn sie sich der unmittelbaren Einwirkung dieser Reizstoffe nicht entziehen k\u00f6nnen, also zum Beispiel in einem Bunker, dann kann das schwerwiegende gesundheitliche Folgen bis zum Tod haben. Stellen Sie sich vor, Sie w\u00fcrden sich in einem engen Raum mit einer gez\u00fcndeten Tr\u00e4nengas- oder Reizstoffgranate einsperren oder einer Rauch- oder Nebelgranate. Das hat f\u00fcr die Lunge, aber auch f\u00fcr den ganzen K\u00f6rper schwerwiegende Folgen.<\/p>\n<p>Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit t\u00f6dlichem Reizgas zwingen die Russen die Ukrainer aus ihren Stellungen. 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