{"id":250397,"date":"2025-07-07T22:16:25","date_gmt":"2025-07-07T22:16:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/250397\/"},"modified":"2025-07-07T22:16:25","modified_gmt":"2025-07-07T22:16:25","slug":"berliner-ausstellung-zeigt-bronzen-von-san-casciano","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/250397\/","title":{"rendered":"Berliner Ausstellung zeigt Bronzen von San Casciano"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Kranke hei\u00dft Lucius Marcius Grabillo. Er hat \u00fcberlange d\u00fcnne Finger, asymme\u00adtrische Schultern, einen zu engen Brustkorb und ein verkr\u00fcppeltes linkes Bein, und sein ganzer K\u00f6rper ist schief. L. M. Grabillos irdisches Dasein muss kurz gewesen sein, doch sein kranker K\u00f6rper lebt weiter in Form einer Bronzestatue, auf deren rechtem Bein sein Name graviert ist \u2013 am Anfang einer Inschrift, die verk\u00fcndet, dass der Stifter der hei\u00dfen Quelle weitere sechs Statuen und ebenso viele Bronzebeine weihte und darbrachte. Die zweimal sechs Bronzen sind im Abgrund der Geschichte verschwunden, aber die eine, einzigartige blieb er\u00adhalten, in der Tiefe eines Brunnenbeckens, das den Ort, an dem es liegt, vor drei Jahren weltber\u00fchmt gemacht hat.<\/p>\n<p>Die Toskana ist reich an hei\u00dfen Quellen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Sommer 2021 begannen am Fu\u00df ei\u00adnes H\u00fcgels nahe der toskanischen Kleinstadt San Casciano Ausgrabungen in ei\u00adnem versch\u00fctteten Becken, das zu einem kurz zuvor freigelegten antiken Quellheiligtum geh\u00f6rte. Der bergige S\u00fcdteil der Provinz Siena ist reich an hei\u00dfen Quellen, und bei San Casciano sprudeln sie besonders \u00fcppig. Am Bagno Grande, wo 25 Liter schwefelhaltiges Wasser pro Sekunde aus der Erde flie\u00dfen, hatten die Medici im sechzehnten Jahrhundert eine Thermenanlage mit S\u00e4ulengang errichtet, in deren Becken die Einheimischen noch heute baden. Auf dem Grabungsgel\u00e4nde neben den Becken fanden die Arch\u00e4ologen Tausende M\u00fcnzen sowie Weihgeschenke aus der r\u00f6mischen Kaiserzeit bis zum sp\u00e4ten vierten Jahrhundert nach Christus, darunter die Bronzefigur eines Knaben mit Ball und Medaillon \u2013 eine bedeutende, aber noch nicht sensationelle Entdeckung.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Der Kranke als Kunstwerk: Bronzestatue des Lucius Marcius Grabillo, 1. Jahrhundert nach Christus\" height=\"3000\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/der-kranke-als-kunstwerk.jpg\" width=\"1610\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Der Kranke als Kunstwerk: Bronzestatue des Lucius Marcius Grabillo, 1. Jahrhundert nach ChristusF. Marsili<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Dann aber legten sie unter den Fragmenten von S\u00e4ulen und Statuen, mit de\u00adnen das Heiligtum im fr\u00fchen f\u00fcnften Jahrhundert verschlossen worden war, eine weitere, mit Ziegeln und Dachpfannen bedeckte Fundschicht frei. Ein bronzenes Blitzb\u00fcndel und eine steinzeitliche Pfeilspitze zwischen den Ziegeln deuteten auf das Ritual des fulgur conditum, des \u201ebegrabenen Blit\u00adzes\u201c, mit dem die St\u00e4tte nach einem Blitzschlag um 40 nach Christus feierlich versiegelt worden war. Als die Ziegelschicht abger\u00e4umt wurde, kam ein Schatz zutage, wie ihn die klassische Ar\u00adch\u00e4ologie bislang an keinem vergleich\u00adbaren Ort geborgen hat: Gro\u00df- und Kleinbronzen aus den letzten drei vorchrist\u00adlichen Jahrhunderten, perfekt konserviert im Schlamm der hei\u00dfen Quelle, darunter die Statue des kranken etruskischen Aristokraten L.\u2009M. Grabillo aus Chiusi.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Ausstellung auf der Berliner Mu\u00adse\u00adums\u00adinsel, in der die Funde zum ersten Mal au\u00dferhalb Italiens zu sehen sind, beginnt passenderweise mit einer Einf\u00fchrung in die Welt der Etrusker. Die Kultur der aus Kleinasien eingewanderten Rasenna, wie sie selbst sich nannten, ist f\u00fcr die Arch\u00e4ologen trotz reicher materieller \u00dcberlieferung bis heute eine Black Box, weil sie die zugeh\u00f6rige Sprache nur in Bruchst\u00fccken verstehen. Deshalb bleibt die Etruskologie auf r\u00f6mische Quellen angewiesen, was etwa beim Verst\u00e4ndnis der etruskischen Religion, zu deren G\u00f6tterhimmel nicht weniger als f\u00fcnfzig Hauptg\u00f6tter geh\u00f6ren, einige Probleme aufwirft.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Klar ist immerhin, dass die Blitzdeutung ne\u00adben der Eingeweideschau eine Spezialit\u00e4t der Etrusker war, weshalb die Versiegelung des Beckens im ersten Jahrhundert auch nicht baulicher Schadensbegrenzung, sondern allein der Ab\u00adwehr g\u00f6ttlichen Zorns gedient haben kann. Klar ist auch, dass das Gebiet von San Casciano zum Einflussbereich von Chiusi geh\u00f6rte, eines der zw\u00f6lf Stadtstaaten, deren loser Bund den Kern der etruskischen Macht in Mittelitalien bildete.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"R\u00f6merkopf: M\u00e4nnerbildnis des Publius L. Domitius, Ende 1. Jahrhundert v. Chr.\" height=\"2081\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/roemerkopf-maennerbildnis-des.jpg\" width=\"2528\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>R\u00f6merkopf: M\u00e4nnerbildnis des Publius L. Domitius, Ende 1. Jahrhundert v. Chr.SMB, Antikensammlung\/Franziska Vu<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Aus Chiusi stammen dementsprechend die meisten namentlich bekannten Stifter des Quellheiligtums, von Ancari, der Frau des Amthe, die f\u00fcr ihren Sohn die erw\u00e4hnte Knabenbronze gie\u00dfen lie\u00df, bis zu Arnth Fastntru, Sohn des Pesna, der ebenfalls ei\u00adne Kinderstatue \u00fcbergab, deren bronzener Ball sich noch immer in der schm\u00e4chtigen Hand drehen l\u00e4sst. Andere Spender stammen aus dem ebenso bedeutenden Pe\u00adrugia, dessen Verbindungswege zur K\u00fcste durch San Casciano liefen. Dass das Heiligtum bei seiner Errichtung im dritten vorchristlichen Jahrhundert unter griechischem Kultureinfluss stand, bezeugen eine Statuette des Gottes Apoll, etruskisch Ap\u00adlu, als Bogensch\u00fctze, dessen Pfeile Krankheit und Tod bringen, und die Votivstatue einer Priesterin im wallenden Chitonkleid, dessen Faltenwurf sich erkennbar an hellenistischen Vorbildern orientiert.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die politische Kultur der Region aber war r\u00f6misch. Denn anders als die weiter s\u00fcdlich gelegenen Etruskerst\u00e4dte suchte Chiusi sp\u00e4testens seit den Kriegen gegen Karthago nicht mehr die Konfrontation mit Rom, sondern seinen Schutz. Im Bundesgenossenkrieg, als halb Italien gegen die R\u00f6mer k\u00e4mpfte, blieben die Clusiner an ihrer Seite und bekamen daf\u00fcr im Jahr 89 vor Christus das r\u00f6mische B\u00fcrgerrecht. Wie weit die Romanisierung damals schon fortgeschritten war, zeigt die Bronzefigur eines Mannes mit Toga, die direkt neben dem bogenschie\u00dfenden Apoll zum Vorschein kam. Sein senatorisches Schuhwerk und seine Rednerpose erinnern nicht zuf\u00e4llig an den \u201eArringatore\u201c aus Perugia, der einige Jahre zuvor entstand und heute im Arch\u00e4ologischen Nationalmuseum Florenz gezeigt wird. Aber w\u00e4hrend die Inschrift auf der \u00e4lteren Statue noch aus etruskischen Buchstaben besteht, sind es auf der j\u00fcngeren bereits lateinische.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Die Quelle der Sch\u00e4tze: Ausgrabungsst\u00e4tte in San Casciano dei Bagni\" height=\"2249\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/die-quelle-der-schaetze.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Die Quelle der Sch\u00e4tze: Ausgrabungsst\u00e4tte in San Casciano dei BagniLudovico Salerno<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Das Wunder der Funde von San Casciano ist ein zweifaches. Einerseits haben der schweflige Schlamm und die rituelle Versiegelung hier Kunstwerke gerettet, die anderswo l\u00e4ngst zu Kesseln und Kanonen\u00adkugeln eingeschmolzen worden w\u00e4ren. An\u00addererseits stellt das Funddepot selbst be\u00adreits eine Ausnahme dar. Die Herrin der Quelle, die auf kaiserzeitlichen Alt\u00e4ren als Fortuna Primigenia oder gar als Isis angesprochen wird, muss eine anspruchsvolle G\u00f6ttin gewesen sein. W\u00e4hrend in antiken Tempeln sonst fast nur Terrakotten und Holzobjekte geweiht wurden, war in San Casciano offenbar die Bronze der materielle Ma\u00dfstab f\u00fcr Freigiebigkeit, um den kein betuchter Stifter herumkam.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Es spricht f\u00fcr die Qualit\u00e4t der Berliner Antikensammlung, dass es den Staatlichen Museen gelungen ist, um die f\u00fcnfzehn gro\u00dfen und mehr als hundert kleineren Leihgaben aus San Casciano einen Kranz erg\u00e4nzender Objekte zu legen: etruskische Kopfvotive, griechische Terrakotten, eine Fortuna aus Smyrna, ein kleiner Apoll, ein Spiegel aus Chiusi. Aber in der James-Simon-Galerie geh\u00f6rt die Show den Sch\u00e4tzen des Quellheiligtums, den Armen, F\u00fc\u00dfen und inneren Organen, die f\u00fcr durch\u00adlittene Krankheiten stehen, dem halben Torso, der wohl von einer L\u00e4hmung erz\u00e4hlt, den Gesichtern und K\u00f6rpern helfender G\u00f6tter und leidender Menschen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Dabei darf man nicht vergessen, dass die zahlungskr\u00e4ftigen Stifter eine ver\u00adschwin\u00adden\u00adde Minderheit unter den Pilgern waren. Zwischen den Bronzen fanden die Ausgr\u00e4ber unz\u00e4hlige Pinienzapfen und -kerne, geschnitzte Holzst\u00fccke, K\u00e4mme und Obst. Es waren die Opfergaben des Volkes, dem M\u00e4nner wie Lucius Marcius Grabillo vorstanden. Auch er war krank. Aber er war wenigstens reich.<\/p>\n<p>Die Bronzen von San Casciano dei Bagni. Eine Sensation aus dem Schlamm. James-Simon-Galerie, bis 12. Oktober, Katalog 24 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Kranke hei\u00dft Lucius Marcius Grabillo. 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