{"id":251036,"date":"2025-07-08T04:12:11","date_gmt":"2025-07-08T04:12:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/251036\/"},"modified":"2025-07-08T04:12:11","modified_gmt":"2025-07-08T04:12:11","slug":"kirkenes-im-kampf-gegen-russlands-hybriden-krieg-gegen-den-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/251036\/","title":{"rendered":"Kirkenes im Kampf gegen Russlands hybriden Krieg gegen den Westen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-object-position=\"50% 50%\" alt=\"In Kirkenes testet Kremlherrscher Putin seinen Krieg gegen den Westen. M\u00e4nner wie Johan Roaldsnes sollen die Russen aufhalten\" size=\"fullscreen\" data-object-fit=\"cover\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/9194f8a0-34d3-47d3-a5f3-67b2fe43e8ae.jpeg\" width=\"2752\" height=\"4892\"\/>     <\/p>\n<p class=\"headline__lead\">Das norwegische Dorf wurde einst von den Sowjets befreit und pflegte lange eine freundschaftliche Beziehung zum Kreml. Heute ist Kirkenes Schauplatz eines neuen kalten Krieges.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gti0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text\">In Kirkenes galten schon immer andere Regeln. An diesem Ort ganz im Norden Norwegens liegt einer der letzten europ\u00e4ischen H\u00e4fen, wo russische Schiffe noch anlegen d\u00fcrfen \u2013 ein Relikt der jahrelangen Zusammenarbeit in der Fischerei. Und hier, weniger als zehn Kilometer von der russischen Grenze entfernt, k\u00f6nnte jeder ein Spion sein. Auch das russische Fischerboot, das an diesem Dezembertag im Hafen liegt.<\/p>\n<p> Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen <\/p>\n<p>\n        NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.\n      <\/p>\n<p>Bitte passen Sie die Einstellungen an.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gti1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Ein Mann reisst die T\u00fcre der Kommandobr\u00fccke auf, tritt an die Reling der \u00abKorund\u00bb und blickt sich um. In der Hand h\u00e4lt er eine Kamera. Wenige Minuten sp\u00e4ter verschwindet er wieder im Innern des Schiffs. Was er genau fotografiert hat, l\u00e4sst sich vom Quai aus nicht erkennen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Das russische Fischerboot \u00abKorund\u00bb ankert im Hafen von Kirkenes. Es ist einer der wenigen H\u00e4fen, wo die Schiffe aus dem Osten noch anlegen d\u00fcrfen.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"8190\" height=\"5460\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    <\/p>\n<p>Das russische Fischerboot \u00abKorund\u00bb ankert im Hafen von Kirkenes. Es ist einer der wenigen H\u00e4fen, wo die Schiffe aus dem Osten noch anlegen d\u00fcrfen. <\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gti3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Klar ist: Die Boote aus dem Osten fischen in der Barentssee nicht nur nach Schellfisch und Kabeljau. Der Kreml setzt sie auch f\u00fcr Spionage ein, im Kriegsfall dienen sie der russischen Marine.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gti4\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Ein fr\u00fcherer B\u00fcrgermeister nannte Kirkenes einst die \u00abrussische Stadt in Norwegen\u00bb. Im Zweiten Weltkrieg hatte die Rote Armee die Nazis aus der Finnmark gejagt und Kirkenes befreit. Die Russen wurden als Helden gefeiert, und als die Sowjetunion w\u00e4hrend des Kalten Krieges von der westlichen Welt abgeschottet war, bauten die Norweger auf der russischen Seite des Grenzflusses das Wasserkraftwerk Boris Gleb. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging die Grenze wieder auf und aus Norwegern und Russen wurden Nachbarn und Arbeitskollegen, manche verliebten sich.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gti5\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Dann griffen Putins Truppen im Februar 2022 die Ukraine an. Seither ist die Stromleitung zwischen <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nrk.no\/tromsogfinnmark\/stanser-kraft-mellom-norge-og-russland-1.15875478\" rel=\"nofollow noopener\">Boris Gleb und Kirkenes<\/a> tot. Neben der Kirche, die Kirkenes seinen Namen verliehen hat, parkiert ein gelb-schwarzer Transporter mit der Aufschrift \u00abStop War, Stop Putin\u00bb, gegen\u00fcber dem russischen Generalkonsulat haben Anwohner ein Denkmal f\u00fcr Nawalny errichtet. Die Grenze ist zwar noch offen, norwegische Beh\u00f6rden raten aber dringend von Reisen nach Russland ab.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gti6\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Nur ein paar Strassenschilder in kyrillischer Schrift erinnern daran, was einst war und vielleicht nie mehr sein wird. Kirkenes, das abgelegene Fischerdorf am \u00e4ussersten Zipfel Europas, ist ins Zentrum eines neuen kalten Krieges ger\u00fcckt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Die russischen Strassenschilder wurden nach Russlands Angriff auf die Ukraine zum Politikum.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"8256\" height=\"5504\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    <\/p>\n<p>Die russischen Strassenschilder wurden nach Russlands Angriff auf die Ukraine zum Politikum. <\/p>\n<blockquote data-team-quote=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtj1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"quote\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent quote nzzinteraction\"><p>Der Geheimdienstchef<\/p><\/blockquote>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtj2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Am fr\u00fchen Morgen leuchtet der Horizont \u00fcber Kirkenes blassrosa. Johan Roaldsnes f\u00e4hrt seinen SUV mit abgedunkelten Scheiben \u00fcber eine schneebedeckte Strasse Richtung Russland. Als der Wagen vor einem Maschendrahtzaun zum Halten kommt, zeigt die Temperaturanzeige \u201333 Grad. Die Absperrung sieht so behelfsm\u00e4ssig aus, dass sie nicht einmal ein paar Rentieren standhalten w\u00fcrde. Es ist die Grenze zwischen Norwegen und Russland.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtj3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Links erstreckt sich der gefrorene Pasvik-Fluss, rechts ein bewaldeter Felshang. In weiter Ferne erkennt man die Lichter des Wasserkraftwerks von Boris Gleb. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Roaldsnes steht vor dem Grenzzaun und l\u00e4chelt schelmisch. \u00abEin paar Minuten\u00bb, sagt er, \u00abso lange dauert es, bis der norwegische Geheimdienst hier ist, wenn jemand die Grenze \u00fcberqueren sollte.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Roaldsnes \u2013 40 Jahre alt, gross, in Anzugschuhen\u2013 leitet die lokale Abteilung der norwegischen Sicherheitspolizei, PST. Er ist der Mann f\u00fcr seltsame Zwischenf\u00e4lle, die im Norden Norwegens st\u00e4ndig passieren: Kommunikationskabel brechen ab, Hunderte Migranten tauchen wie aus dem Nichts an der Grenze auf, GPS-Signale werden gest\u00f6rt. F\u00fcr Russland ist Kirkenes ein Labor f\u00fcr seinen Krieg gegen den Westen. M\u00e4nner wie Roaldsnes sollen ihn aufhalten. Sein letzter Einsatz ist erst einen Tag her. Dar\u00fcber sprechen darf er nicht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Johan Roaldsnes war am Tag vor dem Treffen bei einem geheimen Einsatz. Im Norden Norwegens geschieht st\u00e4ndig Seltsames.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"8256\" height=\"5504\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    <\/p>\n<p>Johan Roaldsnes war am Tag vor dem Treffen bei einem geheimen Einsatz. Im Norden Norwegens geschieht st\u00e4ndig Seltsames. <\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" alt=\"Wo der autorit\u00e4re Staat auf die vertrauensbasierte Gesellschaft trifft: Auf russischer Seite der Grenze erstreckt sich eine Sperrzone 18 Kilometer ins Landesinnere. Auf der norwegischen Seite steht ein verrosteter Zaun.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"8111\" height=\"5407\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    <\/p>\n<p>Wo der autorit\u00e4re Staat auf die vertrauensbasierte Gesellschaft trifft: Auf russischer Seite der Grenze erstreckt sich eine Sperrzone 18 Kilometer ins Landesinnere. Auf der norwegischen Seite steht ein verrosteter Zaun. <\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Klar ist: Roaldsnes und der PST werden nur bei schweren Gefahrenlagen beigezogen. Roaldsnes kann sich noch gut an einen seiner ersten Eins\u00e4tze erinnern.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Er erz\u00e4hlt, wie im Herbst 2015 pl\u00f6tzlich \u00fcber 5000 Migranten vor der norwegischen Grenzstation Storskog standen. Eigentlich ist das unm\u00f6glich, denn auf russischer Seite der Grenze liegt eine Sperrzone, die 14 bis 18 Kilometer ins Landesinnere reicht. Ohne Bewilligung kommt dort niemand rein.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Roaldsnes war damals gerade erst zum PST gestossen und arbeitete in der Abteilung f\u00fcr Terrorbek\u00e4mpfung. \u00abWir diskutierten, ob es sein k\u00f6nne, dass Russland dahintersteckt \u2013 dass der Kreml diese Menschen mit Absicht an die Grenze schickt. Aber das schien selbst uns zu b\u00f6sartig.\u00bb Roaldsnes und seine Kollegen irrten.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm4\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der Kreml wollte herausfinden, wie die Beh\u00f6rden auf den Druck an der Grenze reagieren w\u00fcrden. War es m\u00f6glich, so Chaos zu stiften?<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm5\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Norwegen wurde von der Zahl der Ankommenden \u00fcberrascht. Statt die Grenze zu schliessen, nahmen die Beh\u00f6rden Asylgesuche entgegen. Viele der Reisenden tauchten danach unter oder zogen weiter in andere europ\u00e4ische L\u00e4nder. Der Kreml verbuchte die Operation als Erfolg. Im Winter 2023 setzte er Migranten wieder als Druckmittel ein \u2013 diesmal an der finnischen Ostgrenze.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm6\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Roaldsnes wechselte 2016 von der Terrorismusbek\u00e4mpfung zur Spionageabwehr. In Kirkenes schlug ihm Misstrauen entgegen. Die Beziehung zwischen Norwegen und Russland war damals eine andere als heute. Nicht Russland wurde in Kirkenes als Feind wahrgenommen, sondern die norwegische Polizei. Das Misstrauen hatte historische Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm7\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Im Zweiten Weltkrieg wurde die Finnmark von den Nazis besetzt. Hilfe kam aus dem Osten. Die Sowjetunion bildete Norwegerinnen und Norweger zu Widerstandsk\u00e4mpfern aus. Gemeinsam mit der Roten Armee besiegten sie die Nazis. Nach dem Krieg gerieten die Partisanen in den Fokus des norwegischen Geheimdienstes. Die Vorg\u00e4ngerorganisation des heutigen PST liess ihre eigenen B\u00fcrger jahrzehntelang \u00fcberwachen \u2013 vielfach zu Unrecht, wie sich sp\u00e4ter herausstellen sollte.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm8\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Um das Vertrauen der lokalen Bev\u00f6lkerung zu gewinnen, trat Roaldsnes vor die Medien. \u00abIch musste der Beh\u00f6rde ein Gesicht geben, sie menschlich machen und erkl\u00e4ren, was wir machen\u00bb, sagt er. Die Haltung der meisten im Dorf habe sich inzwischen ge\u00e4ndert. Das hat nicht nur mit der weltpolitischen Lage zu tun. Roaldsnes ist kein fremder Agent mehr, sondern ein Vater, der seine Kinder jeden Morgen in den Kindergarten f\u00e4hrt und dem man im Dorfladen begegnet.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm9\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Sein B\u00fcro befindet sich auf dem Polizeiposten von Kirkenes. An einer Wand im Gang h\u00e4ngen das norwegische und das finnische Wappen. Den Spuren nach war daneben bis vor kurzem noch ein drittes Emblem angebracht. Jetzt erinnern an Russland nur noch die Aktenberge, die Roaldsnes t\u00e4glich zu w\u00e4lzen hat. Was treibt ihn an? \u00abDer Job ist unterhaltsam f\u00fcr meinen Geist\u00bb, sagt er. Es gehe darum, sich nicht zu verlieren in der Informationsf\u00fclle, sich nicht ablenken zu lassen von allzu Offensichtlichem.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm10\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Roaldsnes sagt: \u00abWenn unsere Aufmerksamkeit auf etwas gelenkt wird, geschieht unbemerkt oft etwas ganz anders. Das Problem ist bloss, dass du nie weisst, wovon du ablenkt wirst.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtm11\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Wie im Januar 2023. Da \u00fcberquert ein Mann namens Andrei Medwedew, ein Mitglied der russischen S\u00f6ldnerarmee Wagner, die Grenze \u00fcber den gefrorenen Pasvik-Fluss. Den norwegischen Beh\u00f6rden erz\u00e4hlt Medwedew, er sei ein \u00dcberl\u00e4ufer und ersuche um Asyl. Doch etwas l\u00e4sst Roaldsnes misstrauisch werden: Wie war der Mann durch die streng bewachte, militarisierte Kola-Halbinsel gekommen? Roaldsnes wittert eine Falle.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ivi7hj8g1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Sicherheit dar\u00fcber gibt es bis heute nicht. Obwohl Medwedews Asylgesuch im Februar 2024 abgelehnt wurde, h\u00e4lt er sich immer noch in Norwegen auf und besch\u00e4ftigt die Beh\u00f6rden weiter.<\/p>\n<blockquote data-team-quote=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtp1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"quote\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent quote nzzinteraction\"><p>Der B\u00fcrgermeister<\/p><\/blockquote>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtp2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die Grenze trennt die Welt in Ost und West, in Gut und B\u00f6se. Doch je n\u00e4her man ihr kommt, desto schwammiger wird sie.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtp3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der B\u00fcrgermeister Magnus Maeland musste auf die harte Tour lernen, was es bedeutet, das norwegische Grenzland zu regieren. Wie Roaldsnes ist auch Maeland ein Zugezogener. Er kam 2015 als Lehrer nach Kirkenes, \u00abauf der Suche nach besseren M\u00f6glichkeiten\u00bb, wie er selbst sagt. Sp\u00e4ter wurde er Chefbeamter der Kommune, dann Leiter der \u00f6rtlichen Handelskammer.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtp4\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Am liebsten w\u00fcrde Maeland bloss \u00fcber etwas reden: die grossartige Zukunft von Kirkenes. Er sagt: \u00abWir haben hier alles: Rohstoffe, erneuerbare Energien, Tourismus, Jobs.\u00bb Doch der Krieg in der Ukraine und die Russen lassen ihm keine Ruhe. F\u00fcr ausl\u00e4ndische Journalisten ist Kirkenes das Ende der westlichen Welt, ein geopolitischer Brennpunkt und ein m\u00f6gliches n\u00e4chstes Ziel des Kremls. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine kommen sie aus aller Welt hierher, um Maeland zu interviewen. Sie wollen wissen, wie es sich neben Russlands Atomwaffen lebt.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtp5\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">In den letzten Monaten zeigte sich Maeland gerne als Mann der klaren Worte. Am ukrainischen Unabh\u00e4ngigkeitstag im August f\u00fchrte er eine Protestaktion vor dem russischen Generalkonsulat durch, er pl\u00e4diert f\u00fcr Nato-\u00dcbungen in der Finnmark und sagt: \u00abAutorit\u00e4re und totalit\u00e4re Regime verstehen nur eine deutliche Sprache. Du musst bestimmt sein. Es gibt nur Ja oder Nein \u2013 nichts dazwischen.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ivi85ua41\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Ganz so klar ist im Grenzland vieles dann aber doch nicht \u2013 das zeigt exemplarisch die Geschichte mit der Holzstatue.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtp6\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Sie steht am Eingang des Stadthauses, mannshoch, un\u00fcbersehbar. Die russische Partnergemeinde Murmansk hatte Kirkenes den \u00abFreundschaftstanz\u00bb 1998 geschenkt. Die Skulptur zeigt einen L\u00f6wen und einen B\u00e4ren, die sich l\u00e4chelnd an den Pfoten halten. Von der einstigen Freundschaft ist nichts mehr \u00fcbrig. Trotzdem sagt Maeland: \u00abIch sehe keinen Grund, die Statue zu entfernen. Man kann die Geschichte nicht einfach ausl\u00f6schen.\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Magnus Maeland sieht in Kirkenes vor allem Chancen.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"5504\" height=\"3669\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    <\/p>\n<p>Magnus Maeland sieht in Kirkenes vor allem Chancen. <\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" alt=\"Die Holzstatue \u00abDer Freundschaftstanz\u00bb war ein Geschenk der russischen Gemeinde Murmansk. Maeland sieht keinen Grund, sie zu entfernen.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"8023\" height=\"5349\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    <\/p>\n<p>Die Holzstatue \u00abDer Freundschaftstanz\u00bb war ein Geschenk der russischen Gemeinde Murmansk. Maeland sieht keinen Grund, sie zu entfernen. <\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtp9\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Maeland spricht aus eigener Erfahrung. Denn er hat es bereits probiert \u2013 und ist gescheitert. Im September 2024 k\u00fcndigte er in einem Interview an, die russischsprachigen Strassenschilder in Kirkenes abmontieren zu lassen. Doch mit etwas hatte Maeland nicht gerechnet: dem Widerstand in der Gemeinde. Eine Gewerkschaft verglich Maelands Methoden mit jenen von Donald Trump und warf ihm vor, Zwietracht zu s\u00e4hen. Am Ende sah sich der B\u00fcrgermeister gezwungen, zur\u00fcckzukrebsen.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtp10\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Jetzt sitzt Maeland in seinem B\u00fcro auf dem Sofa und schiebt Snus-Tabak unter seine Oberlippe. Das Interview sei ein Fehler gewesen, er habe Fieber gehabt. Vielleicht brauche die Bev\u00f6lkerung mehr Zeit, und dann seien da ja noch die Fl\u00fcchtlinge aus der Ukraine, die die kyrillische Schrift besser lesen k\u00f6nnten als die norwegische. Und \u00fcberhaupt: \u00abMich interessieren diese Schilder nicht, ich bin fertig damit.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtp11\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die N\u00e4he zu Russland ist in Kirkenes allgegenw\u00e4rtig. Nur einen Steinwurf von Maelands B\u00fcro entfernt befindet sich das russische Generalkonsulat. Davor weht die russische Flagge, an der Fassade sind \u00dcberwachungskameras angebracht. Am Laternenpfahl vor dem Haus h\u00e4ngt nur ein einziges Strassenschild mit dem kyrillischen Wort f\u00fcr \u00abKirchgasse\u00bb. Die norwegische Bezeichnung fehlt. Das Konsulat hat seine Dienste zwar vor Monaten eingestellt. Doch der Generalkonsul ist immer noch da. Und er macht Maeland das Leben schwer.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtp12\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger von Kirkenes hatten sich im Oktober 2023 vor einem Denkmal versammelt, um der Befreiung in Zweiten Weltkrieg zu gedenken. Maeland hielt eine Rede, in der er auch den ukrainischen Soldaten, die damals in der Roten Armee gek\u00e4mpft hatten, dankte. Dann legte er einen Blumenkranz nieder und ging. Wenig sp\u00e4ter tauchte eine Gruppe von ortsans\u00e4ssigen Russinnen und Russen vor dem Monument auf, unter ihnen der Generalkonsul. Er trug das Georgsband, das Symbol des russischen Grossmacht-Patriotismus und ein riesiges Blumengesteck aus Plastik mit einer russischen Flagge. Dieses legte er \u00fcber den Kranz der Gemeinde, so dass es ihn \u00fcberdeckte.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Als Maeland von der Aktion erfuhr, eilte er zur\u00fcck zum Denkmal und legte den russischen Kranz neben den norwegischen. Noch w\u00e4hrend er vor Ort mit Journalisten sprach, nahm eine Russin das Gesteck und legte es erneut auf Maelands Kranz. In der Nacht verschwanden die Plastikblumen der Russen. Sie tauchten erst im n\u00e4chsten Fr\u00fchling wieder auf, als der Fluss auftaute.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Wenn man Maeland fragt, ob die Gemeinde wegen Russlands Angriffskrieg gespalten sei, sagt er: \u00abNorwegen unterst\u00fctzt die Ukraine. Ende der Diskussion.\u00bb Die Episode mit den Blumenkr\u00e4nzen sei eine absurde Erfahrung gewesen. \u00abRussland versucht Spannungen zu erzeugen, aber wir lassen uns nicht zum Narren halten.\u00bb<\/p>\n<blockquote data-team-quote=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"quote\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent quote nzzinteraction\"><p>Der Journalist<\/p><\/blockquote>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq4\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Georgi Tschentemirow sass mit seiner Frau beim Abendessen, als ihn der Kreml zum ausl\u00e4ndischen Agenten erkl\u00e4rte. Das war im M\u00e4rz 2023 \u2013 und Tschentemirow war nicht \u00fcberrascht.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq5\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Er hatte die Seiten gewechselt \u2013 im Wissen, was kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq6\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">In seinem fr\u00fcheren Leben war er das, wogegen er heute ank\u00e4mpft: Pr\u00e4sident des karelischen Journalistenverbands und Chefredaktor von \u00abRepublik\u00bb, der staatlichen Informationsagentur Kareliens. Tschentemirow arbeitete f\u00fcr einen Propagandakanal des Kremls.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq7\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Jetzt sitzt er 900 Kilometer von seiner alten Heimat Petrosawodsk entfernt in der Redaktion des \u00abBarents Observer\u00bb. Russland hat die norwegische Online-Zeitung inzwischen zu einer unerw\u00fcnschten ausl\u00e4ndischen Organisation erkl\u00e4rt. Auf seinem Pullover prangt das Antlitz Putins hinter Gittern, darunter der Text: \u00abWillkommen am Internationalen Gerichtshof von Den Haag.\u00bb An der Wand in der Redaktion steht mit leuchtenden kyrillischen Buchstaben das Wort \u00abFreiheit\u00bb geschrieben.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Georgi Tschentemirow m\u00f6chte Putin am liebsten hinter Gittern sehen. W\u00fcrde er in seine Heimat zur\u00fcckkehren, w\u00fcrde ihm dieses Schicksal drohen.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"5379\" height=\"3586\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    <\/p>\n<p>Georgi Tschentemirow m\u00f6chte Putin am liebsten hinter Gittern sehen. W\u00fcrde er in seine Heimat zur\u00fcckkehren, w\u00fcrde ihm dieses Schicksal drohen. <\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq10\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Georgi Tschentemirow ist nicht frei.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq11\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">In Russland w\u00fcrde Tschentemirow im Gef\u00e4ngnis landen. Daf\u00fcr, dass er den Krieg gegen die Ukraine als Krieg bezeichnet hat und die Annexion der Krim als Annexion. Er sagt: \u00abWenn Menschen falsche oder unzureichende Informationen haben, hat das h\u00e4ssliche Folgen \u2013 das sehen wir gerade in Russland.\u00bb Er weiss aus erster Hand, wovon er spricht.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq12\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Auch Tschentemirow ist ein Produkt dieser autorit\u00e4ren Gesellschaft, die auf L\u00fcgen und Einsch\u00fcchterung basiert. Er wurde 1985 in Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans, geboren. Den Eltern fehlte das Geld f\u00fcr eine Wohnung, manchmal auch f\u00fcr Essen. Mit seiner Mutter lebte er die ersten Jahre in einer Kommunalka, einer Gemeinschaftswohnung. Als er vier war, zog die Familie nach Petrosawodsk.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq13\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Tschentemirow war ein fauler Sch\u00fcler, wie er selbst sagt, aber er konnte gut schreiben. \u00abIch wurde Journalist, ohne zu verstehen, was Journalismus ist\u00bb, sagt er heute. Die perfekte Voraussetzung f\u00fcr den Posten als Chefredaktor eines russischen Staatsmediums.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq14\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Als die Krim 2014 von Russland annektiert wurde, sah Tschentemirow den \u00dcberfall nicht als Besetzung. Er sagt: \u00abIch dachte damals: Die Krim h\u00e4tte nie zur Ukraine geh\u00f6ren sollen \u2013 was ist also das Problem?\u00bb In der Familie sorgte das f\u00fcr Streit. Sein Vater, ein in Kiew geborener Jude, schimpfte \u00fcber die \u00abverdammte Okkupation\u00bb und seinen Sohn, der es nicht sehen wollte.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq15\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die Erkenntnis kam schleichend. In Putins Russland erreichte der Informationskrieg auch die Lokalredaktionen. Tschentemirow beobachtete den Wandel aus erster Reihe. \u00abEs gab schon immer Themen, \u00fcber die wir nicht berichten konnten, aber es wurde schlimmer und schlimmer und schlimmer. Irgendwann machten wir fast nur noch Propaganda.\u00bb Tschentemirow zog die Konsequenzen. 2017 wechselte er zu einem privaten Medienhaus \u2013 \u00abum endlich als Journalist zu arbeiten\u00bb, wie er selbst sagt.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq16\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Als Putins Truppen im Februar 2022 in der Ukraine einmarschierten, schrieb er vom Krieg und von get\u00f6teten Soldaten. Der karelische Journalistenverband reichte unter seiner Leitung eine Erkl\u00e4rung gegen die Zensur ein. \u00abNat\u00fcrlich wussten wir, dass sich nichts \u00e4ndern w\u00fcrde, aber wir wollten ein Zeichen setzen.\u00bb Sp\u00e4testens da muss Tschentemirow ins Visier des russischen Geheimdienstes FSB geraten sein.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq17\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Im Herbst 2022 wurde es zu gef\u00e4hrlich. Tschentemirow verliess Russland mit seiner Frau und den zwei Kindern. In Kirkenes landete er, weil der \u00abBarents Observer\u00bb zur selben Zeit eine Stelle f\u00fcr russische Exil-Journalisten ausgeschrieben hatte. Ein Zur\u00fcck gibt es f\u00fcr ihn nicht, nicht solange Putin an der Macht ist. Seine Eltern sind geblieben.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq18\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Auch wenn er viel aufgeben musste, sieht er sich als Profiteur des Krieges. Weil er in Europa ein neues, freieres Leben beginnen konnte. Weil er beim \u00abBarents Observer\u00bb endlich ohne Zensur schreiben kann. Und weil seine Kinder in einer freien Gesellschaft aufwachsen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq19\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Dazu geh\u00f6rt, dass nicht alle einer Meinung sind. Da ist der Bulgare im Boxklub, der f\u00fcr Putin ist. Und die russische Nachbarin, die zwar freundlich gr\u00fcsst, aber den Angriffskrieg bef\u00fcrwortet. \u00abNat\u00fcrlich macht mich das w\u00fctend\u00bb, sagt Tschentemirow. \u00abAber genau das ist doch die Meinungs\u00e4usserungsfreiheit: Sie k\u00f6nnen denken, was sie wollen, und sie k\u00f6nnen es erz\u00e4hlen, wem sie wollen. So funktioniert Demokratie.\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Die russische Stadt Murmansk ist Kirkenes geografisch n\u00e4her als Norwegens Hauptstadt Oslo. Doch der neue kalte Krieg hat die beiden Gemeinden einander entfremdet.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"8256\" height=\"5504\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    <\/p>\n<p>Die russische Stadt Murmansk ist Kirkenes geografisch n\u00e4her als Norwegens Hauptstadt Oslo. Doch der neue kalte Krieg hat die beiden Gemeinden einander entfremdet. <\/p>\n<blockquote data-team-quote=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtq22\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"quote\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent quote nzzinteraction\"><p>Epilog<\/p><\/blockquote>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtr0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Lange w\u00e4hnte sich Kirkenes als Sonderfall. Weder der Kalte Krieg noch die Annexion der Krim hatten das freundschaftliche Verh\u00e4ltnis zum Kreml ersch\u00fcttert. Die lokale Politik folgte ihren eigenen Regeln, im Grenzland bewegte man sich zwischen Ost und West \u2013 bis Kirkenes im Februar 2022 von der Realit\u00e4t eingeholt wurde.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtr1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der B\u00fcrgermeister Magnus Maeland sagt: \u00abWir haben auf ein anderes Russland gehofft, wir haben viel in die Beziehungen investiert. Aber die Zeit ist gekommen, um zu erkennen, dass die Kooperation vorbei ist.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtr2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der Journalist Georgi Tschentemirow sagt: \u00abDu kannst dieses System nicht brechen. Nicht allein. Deshalb bleibt nur eines: Du musst da raus.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtr3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der Geheimdienstchef Johan Roaldsnes sagt: \u00abDie Beziehung zu Russland hat sich f\u00fcr immer ver\u00e4ndert.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iv0m1gtr4\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Im Mai hat die EU ein neues Sanktionspaket verabschiedet, das dazu f\u00fchren k\u00f6nnte, dass bald auch die letzten russischen Trawler aus dem Hafen von Kirkenes verbannt werden. Arbeiter haben damit begonnen, einen neuen Zaun auf norwegischer Seite der Grenze zu errichten. Wenn der Krieg in der Ukraine eines Tages einfriert, wird sich Russland ein neues Ziel suchen \u2013 da sind sich westliche Geheimdienste sicher. W\u00e4hrend der Klimawandel das Meereis in der Arktis auftaut und neue Seewege freimacht, w\u00e4chst in der Bev\u00f6lkerung die Sorge, dass die Barentssee in den Fokus geraten k\u00f6nnte. Wom\u00f6glich auch Kirkenes.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Kirkenes liegt am \u00e4ussersten Zipfel Europas. Der Flughafen ist die Anbindung an die westliche Welt.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"7442\" height=\"4961\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    <\/p>\n<p>Kirkenes liegt am \u00e4ussersten Zipfel Europas. Der Flughafen ist die Anbindung an die westliche Welt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das norwegische Dorf wurde einst von den Sowjets befreit und pflegte lange eine freundschaftliche Beziehung zum Kreml. 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