{"id":252372,"date":"2025-07-08T16:15:19","date_gmt":"2025-07-08T16:15:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/252372\/"},"modified":"2025-07-08T16:15:19","modified_gmt":"2025-07-08T16:15:19","slug":"krieg-und-politik-im-21-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/252372\/","title":{"rendered":"Krieg und Politik im 21. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Man f\u00fchrt Krieg, und man nennt ihn wieder so. <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/wladimir-putin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wladimir Putin<\/a> brauchte noch etwas mehr als zwei Jahre, bis er seinen Angriff auf die <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/ukraine\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ukraine<\/a> nicht mehr als \u201emilit\u00e4rische Spezialoperation\u201c bem\u00e4ntelte, sondern <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/politik\/ausland\/kreml-militaerische-spezialoperation-wegen-westen-jetzt-krieg_aid-109372923\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">klipp und klar Krieg nannte<\/a>. Israels Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanjahu dagegen bezeichnete Ende Juni die Attacken auf den <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/iran\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Iran<\/a> schon nach deren Abschluss, nach zw\u00f6lf Tagen, als Krieg.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der Krieg, der klassische Krieg zwischen zwei souver\u00e4nen Staaten, ist zur\u00fcck. Zur\u00fcck in der Geschichte des Nahostkonflikts; der bisher letzte war der Jom-Kippur-Krieg 1973. Und zur\u00fcck in der europ\u00e4ischen Geschichte: So etwas wie Russlands Angriff auf die Ukraine hatte <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/europa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Europa<\/a> seit 1939 nicht gesehen.<\/p>\n<p>Krieg nennen, was Krieg ist      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Das hat etwas mit dem politischen Bewusstsein gemacht. Im Herbst 2023 bemerkte Verteidigungsminister Boris Pistorius, <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/politik\/deutschland\/boris-pistorius-wir-muessen-kriegstuechtig-werden_aid-100497073\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201ewir\u201c m\u00fcssten \u201ekriegst\u00fcchtig\u201c werden<\/a>. Die Kritik war heftig, aber unvorstellbar ist heute ein Geeiere wie das von Pistorius\u2018 Amtsvorg\u00e4nger Franz Josef Jung, der 2009 von \u201eKampfsituationen\u201c in Afghanistan sprach \u2013 bis irgendwann auch der Bundesregierung klar wurde, dass man Krieg nennen musste, was Krieg war.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Es ist also wieder Krieg. Wie ganz fr\u00fcher in Europa, bevor das Atompatt zwischen den Superm\u00e4chten dem Kontinent ein halbes Jahrhundert kalten Frieden brachte und die EU einen Krieg ihrer Mitglieder untereinander vermutlich unm\u00f6glich machte. Was Europa erlebte, war Jugoslawien, eine Serie von Sezessions- und B\u00fcrgerkriegen, waren Kriege an der \u00e4u\u00dfersten Peripherie, n\u00e4mlich im Kaukasus, von denen man lieber nicht so genau wissen wollte, und war 2014 die russische Aggression gegen die Ukraine mittels \u201egr\u00fcner M\u00e4nnchen\u201c und scheinselbstst\u00e4ndiger \u201eVolksrepubliken\u201c. Auch davor verschloss man im Westen lange fest die Augen. Umso gr\u00f6\u00dfer war der Zeitenwende-Schock vor drei Jahren.<\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der Krieg aber, so h\u00f6llisch er auch ist und so entsetzlich man ihn auch findet, l\u00e4sst sich nicht wegdefinieren. Seine \u00c4chtung, Einhegung und Aufarbeitung sind weit vorangekommen mit v\u00f6lkerrechtlichen Abkommen und internationalen Gerichtsh\u00f6fen. Trotzdem verschwindet der Krieg nicht. Kein Wunder, schrieb 1993 der britische Milit\u00e4rhistoriker John Keegan, denn der Krieg reiche \u201ein die geheimsten Tiefen des menschlichen Herzens\u201c. Mit anderen Worten: Krieg ist, wenn schon nicht eine anthropologische, so doch eine soziologische Konstante.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Etwas weniger poetisch fasste es schon zuvor Sebastian Haffner in den \u201eAnmerkungen zu Hitler\u201c: Es sei ein Fehler gewesen, in den N\u00fcrnberger Prozessen auch \u00fcber die Herbeif\u00fchrung des Zweiten Weltkriegs (und nicht nur \u00fcber die Taten in diesem Krieg) zu verhandeln: \u201eDas Unangenehme, aber Unvermeidliche zum Verbrechen zu erkl\u00e4ren, hilft nicht weiter. Ebensogut wie den Krieg k\u00f6nnte man den Stuhlgang zum Verbrechen erkl\u00e4ren.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Das ist nat\u00fcrlich polemisch, weil verharmlosend (\u201eunangenehm\u201c), und logisch nicht haltbar, denn anders als Stuhlgang ist Krieg keine medizinische Notwendigkeit. Dennoch trifft Haffner einen Punkt: Mit Pazifismus allein ist es nicht getan, denn die Putins dieser Welt scheren sich nicht um Pazifismus. Vorbei sind zum Gl\u00fcck zumindest in Westeuropa die Zeiten, in denen Kindern und Jugendlichen das Wort des r\u00f6mischen Dichters Horaz eingetrichtert wurde, es sei s\u00fc\u00df und ehrenvoll, f\u00fcrs Vaterland zu sterben.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Zugleich aber beh\u00e4lt, wenn man ihm keinen falschen Jubel unterlegt und ihn auf die moderne Politik zurechtstutzt, der 400 Jahre \u00e4ltere Satz des Griechen Heraklit seine Berechtigung, wonach der Krieg der Vater aller Dinge ist. Der Historiker Dieter Langewiesche hat den Krieg als \u201egewaltsamen Lehrer\u201c bezeichnet und seine Effekte auf vier Kurzformeln gebracht: \u201eOhne Krieg kein Fortschritt, ohne Krieg keine erfolgreiche Revolution, ohne Krieg kein Nationalstaat, ohne Krieg keine Dekolonisation.\u201c Daraus \u201eohne Krieg keine freiheitliche Demokratie\u201c zu machen, w\u00e4re kaum \u00fcbertrieben. Die Gr\u00fcndung der trotz Zeitenwende vom Pazifismus durchdrungenen Bundesrepublik ist durch einen Krieg erst m\u00f6glich geworden.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Umso dringlicher stellt sich die Frage, ob und wie Krieg zu kontrollieren ist. Gerade die deutsche Geschichte ist voll bitterer Konflikte ebendarum. W\u00e4hrend sich der Erste Weltkrieg vier Jahre lang als ein Akt taktisch-strategischer Selbstherrlichkeit erwies, mit immer neuen sinnlosen Massenangriffen und grauenvollen Verlusten, zeigte der Zweite Weltkrieg, wohin es f\u00fchrt, wenn sich das Milit\u00e4r zum willf\u00e4hrigen Instrument von Massenm\u00f6rdern machen l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der \u00dcberfall des diktatorisch regierten Russland auf die Demokratie Ukraine und der Angriff der Demokratie <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/israel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Israel<\/a> auf den diktatorisch regierten Iran dienen erkl\u00e4rterma\u00dfen politischen Zwecken \u2013 einem Herrschaftswechsel in Kiew hier, mindestens einer Zerst\u00f6rung des Atomprogramms dort. Beide Male soll milit\u00e4rische Gewalt nur das Mittel sein. Zugleich aber d\u00fcrfte sie im iranischen Fall auch Zweck gewesen sein: Der israelische Angriff stellte die USA vor halbvollendete Tatsachen und erzwang praktisch das Eingreifen Washingtons mit bunkerbrechenden Bomben, die Israel nicht besitzt.<\/p>\n<p>Clausewitz und die Logik des Krieges      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die Theoriearbeit f\u00fcr Probleme dieses Typs ist vor 200 Jahren in Preu\u00dfen geleistet worden, durch Generalmajor Carl von Clausewitz in seinem Werk \u201eVom Kriege\u201c. Von ihm stammt der ber\u00fchmte Satz, Krieg sei \u201enicht blo\u00df ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchf\u00fchren desselben mit anderen Mitteln\u201c. Wer die R\u00fcckkopplungen zwischen israelischer Innenpolitik und milit\u00e4rischen Entscheidungen in Zeiten von Gaza- und Iran-Krieg betrachtet, wei\u00df, was Clausewitz meinte: Die Logik des Krieges ist politisch. Er f\u00fcgte freilich hinzu, die Politik d\u00fcrfe kein \u201edespotischer Gesetzgeber\u201c werden: Sie m\u00fcsse \u201esich der Natur des Mittels f\u00fcgen\u201c, zugleich aber \u201efortw\u00e4hrenden Einfluss\u201c auf den Krieg aus\u00fcben, \u201esoweit es die Natur der in ihm explodierenden Kr\u00e4fte zul\u00e4sst\u201c.<\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der letzte Halbsatz \u00f6ffnet den Blick in den Abgrund, auf den Hass der Volkskriege des ideologischen Zeitalters und das Inferno eines Atomkriegs. Nicht ohne Grund hat Donald Trump klargemacht, dass die USA es <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/politik\/ausland\/nahostkonflikt\/nahost-doch-waffenruhe-statt-eskalation_aid-129844537\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bei Schl\u00e4gen gegen die iranischen Atomanlagen belassen<\/a> wollen. Und nicht ohne Grund scheut auch Wladimir Putin die Totalisierung des Krieges \u2013 in Moskau, berichten Korrespondenten, sei vom Sterben an der Front dieser Tage nicht viel zu sehen. Und Putin selbst lie\u00df 2024 mitteilen, das Kampfgeschehen in der Ukraine solle doch bitte nicht immer gleich in Verbindung mit einem Atomwaffeneinsatz gebracht werden. Aus Trump wie Putin spricht Clausewitz, spricht der Primat der Politik bei v\u00f6llig unterschiedlichen Voraussetzungen und Zielen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Krieg um seiner selbst willen, wie das NS-Regime ihn anzettelte, ist hoffentlich ausgestorben. Ob die Clausewitzsche Pr\u00e4misse der politischen Lenkung des Krieges allerdings der Wirklichkeit standh\u00e4lt, ist noch lange nicht erwiesen. Technisch bietet das 21. Jahrhundert m\u00f6glicherweise so gute Chancen wie nie, Krieg in Grenzen zu halten. Was sich in den geheimen Tiefen des Herzens verbirgt, l\u00e4sst sich nicht vorhersagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Man f\u00fchrt Krieg, und man nennt ihn wieder so. 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