{"id":252459,"date":"2025-07-08T17:02:13","date_gmt":"2025-07-08T17:02:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/252459\/"},"modified":"2025-07-08T17:02:13","modified_gmt":"2025-07-08T17:02:13","slug":"die-reparatur-der-lebenden-buchkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/252459\/","title":{"rendered":"\u201eDie Reparatur der Lebenden\u201c \u2013 Buchkritik"},"content":{"rendered":"<p>Gleich zu Beginn fragt sich die Autorin:<\/p>\n<p>\u201eWie soll man gleichzeitig um seine Gro\u00dfeltern, seinen Vater und seinen jugendlichen Bruder trauern, wenn doch jeder einzelne Tod an sich schon schrecklich ist?\u201c<\/p>\n<p>Die Angeh\u00f6rigen von Mirsad wurden 1992 im Bosnien-Krieg ermordet. Doch bestatten kann er sie erst 22 Jahre sp\u00e4ter. <\/p>\n<p>Es ist eine der Geschichten in dem beeindruckenden und lesenswerten Buch \u201eDie Reparatur der Lebenden\u201c. Im Bosnien-Krieg, der von 1992 bis 1995 anhielt, starben 110.000 Menschen, \u00fcberwiegend Zivilisten, mehrheitlich muslimische Bosniaken. 30.000 der Ermordeten wurden damals zun\u00e4chst vermisst; 8.000 von ihnen bis heute. Ihre Leichen fehlen und den Angeh\u00f6rigen die Gr\u00e4ber, um zu trauern.<\/p>\n<p>Von der Suche nach diesen Vermissten erz\u00e4hlt Taina Tervonen. Sie arbeitet in Paris als Dokumentarfilmerin und Journalistin f\u00fcr franz\u00f6sische und finnische Medien. Zwischen 2010 und 2020 reiste sie immer wieder nach Bosnien-Herzegowina und begleitete die Anthropologin Senem sowie die Ermittlerin Darija.<\/p>\n<p>\u201eMit jedem geborgenen Knochen, jedem gesammelten Blutstropfen stellen Senem und Darija in geduldiger Kleinarbeit das Band wieder her, das immer dann rei\u00dft, wenn die Toten ihrer W\u00fcrde beraubt werden und den Lebenden der Abschied verwehrt bleibt, ohne den sie kaum weitermachen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Senem arbeitete damals f\u00fcr die Internationale Kommission f\u00fcr Vermisste Personen, kurz ICMP, in Bosnien. 2013 gruben sie und ihr Team fast 400 Leichen aus einem Massengrab bei Toma\u0161ica aus, im Nordosten von Bosnien-Herzegowina. Die Toten waren tief in der Erde verborgen, um Kriegsverbrechen zu kaschieren. Pr\u00e4zise und n\u00fcchtern beschreibt Tervonen die Arbeiten. In der Leichenhalle wurden sp\u00e4ter die menschlichen \u00dcberreste gereinigt, sortiert; alles wurde dokumentiert.<\/p>\n<p>              Viele<strong> Tatorte: Nicht nur Srebrenica wird beleuchtet <\/strong><\/p>\n<p>Mit den Geschichten der Angeh\u00f6rigen im Buch verdichten sich die Gr\u00e4ueltaten des Bosnien-Krieges. Im Juli 1995 ermordeten bosnisch-serbische Soldaten in Srebrenica mehr als 8.000 muslimische Jungen und M\u00e4nner.<strong>\u00a0<\/strong>Der<strong>\u00a0<\/strong>Genozid steht f\u00fcr den Bosnien-Krieg, aber eben nicht allein. Tervonen erz\u00e4hlt von kleinen, unbekannten D\u00f6rfern, deren muslimische Bev\u00f6lkerung ermordet oder vertrieben wurde. Es ist ein gro\u00dfes Verdienst des Buches, auch diese Tatorte zu beleuchten.<\/p>\n<p>Es erschien 2021 auf Franz\u00f6sisch und wurde mittlerweile in verschiedene Sprachen \u00fcbersetzt, auch ins Bosnische. 2020 ver\u00f6ffentlichte Tervonen vorab einen Dokumentarfilm dazu. <\/p>\n<p>Als Buchautorin ist sie eine gro\u00dfartige Erz\u00e4hlerin; auch die \u00dcbersetzung aus dem Franz\u00f6sischen ist ausgezeichnet. All das Wissen, um die komplizierte Identifizierung der Toten zu verstehen; die verschiedenen Orte und historischen R\u00fcckblicke verwebt die Autorin gekonnt mit den Geschichten der Angeh\u00f6rigen sowie von Senem und der Ermittlerin Darija.<\/p>\n<p>\u201eDarija entwirrt keine Knochen, sie sondiert Familiengeschichten und die Erinnerungen der Lebenden.\u201c<\/p>\n<p>Auch Darija arbeitet f\u00fcr die ICMP, Abteilung Blutproben. Sie f\u00e4hrt quer durchs Land und besucht die Hinterbliebenen; sie nimmt Blutproben und sammelt Informationen zu den Vermissten: Gewicht, Haarfarbe, Datum des Verschwindens. Nur so lassen sich die Toten identifizieren, die Senem ausgr\u00e4bt.<\/p>\n<p>So nah die Autorin den Protagonisten kommt, verf\u00e4llt sie nie in Schwarz-Wei\u00df-Antworten, um den Krieg zu erkl\u00e4ren. Zugleich beschreibt sie die anhaltenden Ressentiments und das Leugnen. Das Massengrab von Toma\u0161ica wurde in der Republik Srpska gefunden, einer Teilregion von Bosnien-Herzegowina.<\/p>\n<p>\u201eIn dieser Gegend, in der eine Mehrheit von Serben lebt, schweigen alle. Niemand erw\u00e4hnt, was vorgefallen ist, weder die T\u00e4ter noch die Opfer. Offenbar ist Schweigen der Preis, der gezahlt werden muss, damit alle wieder nebeneinander existieren k\u00f6nnen. F\u00fcr die \u00dcberlebendenverb\u00e4nde ist es sehr schwer, sich zu konstituieren und \u00fcberhaupt Geh\u00f6r zu verschaffen\u201c, so die Autorin. <\/p>\n<p>              <strong>Massive sexualisierte Gewalt wird nur angedeutet <\/strong><\/p>\n<p>Was dem Buch fehlt, ist ein Info-Text, der den Bosnien-Krieg und die Folgen skizziert. Das Abkommen von Dayton beendete 1995 den Bosnien-Krieg \u2013 und gab Bosnien-Herzegowina seine komplizierte f\u00f6derale Ordnung. Auch deutet Tervonen nur einmal im Buch die massive sexualisierte Gewalt an, die den Krieg kennzeichnete, ohne die Verbrechen explizit zu nennen.<\/p>\n<p>                30 Jahre nach Kriegsende sind die nationalistischen T\u00f6ne zur\u00fcck und werden immer lauter: F\u00fchrende bosnisch-serbische und serbische Politiker leugnen den Genozid von Srebrenica.<\/p>\n<p>Umso wichtiger ist das Buch \u201eReparatur der Lebenden\u201c, das \u00fcberzeugend die Arbeit von Senem und Darija einf\u00e4ngt: Wie sie improvisieren, weil mal wieder Gelder fehlen; wie belastend ihre Arbeit ist \u2013 und sie genau wissen, warum sie ihre Arbeit tun. Die so wichtig ist, findet Tervonen.<\/p>\n<p>\u201eSolange sich Leute finden, die diese Arbeit auf sich nehmen, die das reparieren, was vernichtet und mit F\u00fc\u00dfen getreten wurde, bleibt etwas von unserer Menschlichkeit erhalten, unser aller Menschlichkeit.\u201c<\/p>\n<p>                Die Kriege auf dem Balkan in den 1990er-Jahren waren eine Zeitenwende \u2013 noch vor dem Ukraine-Krieg. Der Bosnien-Krieg war der schlimmste Krieg in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg \u2013 bis zum russischen \u00dcberfall auf die Ukraine 2022.<\/p>\n<p>Das Buch erinnert an diesen Krieg und die anhaltende Aufarbeitung. Dazu geh\u00f6ren auch die Suche nach den Ermordeten, die Geschichten der Angeh\u00f6rigen und die Arbeit von Senem und Darija.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gleich zu Beginn fragt sich die Autorin: \u201eWie soll man gleichzeitig um seine Gro\u00dfeltern, seinen Vater und seinen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":252460,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1630,77376,1785,29,214,30,77375,77377,215],"class_list":{"0":"post-252459","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-bosnien","10":"tag-bosnien-krieg","11":"tag-buecher","12":"tag-deutschland","13":"tag-entertainment","14":"tag-germany","15":"tag-srebenica","16":"tag-taina-tervonen","17":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114818694971762794","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/252459","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=252459"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/252459\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/252460"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=252459"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=252459"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=252459"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}