{"id":252606,"date":"2025-07-08T18:22:10","date_gmt":"2025-07-08T18:22:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/252606\/"},"modified":"2025-07-08T18:22:10","modified_gmt":"2025-07-08T18:22:10","slug":"der-mit-den-langen-haaren-tageszeitung-junge-welt-09-07-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/252606\/","title":{"rendered":"Der mit den langen Haaren, Tageszeitung junge Welt, 09.07.2025"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img210761\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/210761.jpg\" class=\"img-fluid\" alt=\"imago823861253.jpg\"\/><\/p>\n<p>Gut im Kirschkernweitspucken: Peter Wawerzinek<\/p>\n<p>\u00bbEs verschie\u00dft keiner mit Absicht einen Elfmeter\u00ab, hat er noch Jahrzehnte nach dem gr\u00f6\u00dften Patzer seiner Karriere versichert, der Bomber der Nation Ost, unser \u00bbStrich\u00ab, der Achim. Genauso wenig, wie man absichtlich einen Elfer vergeigt, stellt sich ein Kind, das seinen neuen Eltern gefallen will, vors\u00e4tzlich bl\u00f6d an. Eigentlich.<\/p>\n<p>\u00bbSchach, sagt die Adoptionsmutter, sei das Spiel der K\u00f6nige und Damen, Springer und Turmherren. Sie ist von der Idee angetan, dass der Stiefvater mich zu einem Schachgro\u00dfmeister forme.\u00ab<\/p>\n<p>Ins Heim will der Ich-Erz\u00e4hler in Peter Wawerzineks neuem Roman \u00bbStreich, der Achim\u00ab auf keinen Fall zur\u00fcck. Heimkind zu sein, so hat es der Autor einmal beschrieben, war, als w\u00fcrde man beim Fu\u00dfball auf der Bank sitzen. Wer Mannschaftssport kennt, erinnert sich vermutlich des Grolls, wenn dann ein anderer eingewechselt wurde. Und auch Wawerzinek fragte sich als Heimkind oft genug: Warum nehmen sie den mit und nicht mich?<\/p>\n<p>Bei dem Lehrerehepaar, dessen Namen er bis heute tr\u00e4gt (noch zumindest) klappte es dann endlich. Nur will der Stiefvater beim Schachunterricht Fortschritte sehen. \u00bbIch stelle mich zu dumm an.\u00ab (Absichtlich?) Alles Flehen der Adoptionsmutter, ihr Mann m\u00f6ge es weiterhin versuchen, hilft nichts. \u2013 \u00bbIch bin das Schachspielen los.\u00ab<\/p>\n<p>Wawerzinek ist nicht der erste, der einen Roman \u00fcber seine Kindheit und Jugend schreibt und versichert, damals keinen Ehrgeiz gehabt zu haben. Meistens wollen die jungen Helden dann irgendwann aber doch den M\u00e4dchen imponieren und entdecken etwas Passendes. Bei Bukowski war es Baseball.<\/p>\n<p>Auch Wawerzinek fand schlie\u00dflich die eine Sache, die er besonders gut konnte, wo er Ausdauer entwickelte und es zur Perfektion brachte: \u00bbIch bin gut im Kirschkernweitspucken.\u00ab (Kein Wort \u00fcber die Treffsicherheit.)<\/p>\n<p>Was sich als viel wichtiger f\u00fcr seine Entwicklung erweisen sollte, war etwas anderes: \u00bbIch kann Topflappen aus der Pfanne heraus sehr hoch schleudern und mit ihr wieder auffangen. Diese Kunst hat mich die Gro\u00dfmutter der neuen Familie in der K\u00fcche gelehrt.\u00ab<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seine Adoptionseltern nur die \u00bbErsatzeltern\u00ab bleiben, hat die Gro\u00dfmutter einen Namen: Maria Stanke. \u00bbSie redet so herrlich gegen den Sport, ist dabei witzig und bringt mich damit zum Lachen.\u00ab<\/p>\n<p>In einem Punkt jedoch gleicht sie ihrem Schwiegersohn: Die Besch\u00e4ftigung mit dem Kind muss etwas bringen, dessen Entwicklung vorantreiben: \u00bbSie zwingt mich, kreativ zu sein.\u00ab<\/p>\n<p>Mit ihr wird Fu\u00dfball zur Nebensache, selbst wenn man ihn schaut. \u00bbDas Wort Balljunge l\u00e4sst sie an das passende Ballm\u00e4dchen f\u00fcr ihn denken.\u00ab (Wichtiger als der Ball sind Verballhornungen.)<\/p>\n<p>Nach der linguistischen Erw\u00e4rmung, den Wortspielen, sind wir bereit f\u00fcr das gro\u00dfe Match. Der zweite Held betritt den Rasen: Jost. So hei\u00dft Wawerzineks neuer Schulfreund. So nennt er ihn zumindest. Und nur so kann er ihn nennen, weil Jost der gr\u00f6\u00dfte Fan JOachim STreichs auf der ganzen Welt ist.<\/p>\n<p>Das titelgebende Idol der beiden spielte zu der Zeit noch f\u00fcr Hansa Rostock, war nur wenige Jahre \u00e4lter als sie und der erste an der ostdeutschen Ostseek\u00fcste mit langen Haaren. Das konnte er sich als Torgarant erlauben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter einmal haben ihn beide Nationaltrainer, unter denen er zu seinen \u00fcber 100 L\u00e4nderspielen aufgelaufen war, also Georg Buschner und Bernd Stange, unabh\u00e4ngig voneinander (Buschner sogar noch im DDR-Fernsehen) als \u00bbLeck-mich-am-Arsch-Typ\u00ab bezeichnet, weil Streich immer das getan hat, was er f\u00fcr richtig hielt. Dass er dabei selten falschlag, verdankte er seinem ausgepr\u00e4gten Gesp\u00fcr f\u00fcr alles Kommende, auf dem Platz und im Leben.<\/p>\n<p>Wawerzinek huldigt in dem Abschnitt seines Buches, den er \u00bbZweite Halbzeit\u00ab nennt, der au\u00dfergew\u00f6hnlichen F\u00e4higkeit Streichs, zuk\u00fcnftiges Geschehen zu erahnen. Wobei es sich \u00fcbrigens bei der \u00bbZweiten Halbzeit\u00ab eher um den von Amateurkickern gerne als \u00bbdritte Halbzeit\u00ab bezeichneten Spielabschnitt handelt, also ums Saufen.<\/p>\n<p>Hier sind Jost und Wawerzinek am Ball geblieben. Zudem hat Jost im Alter das G\u00e4rtnern f\u00fcr sich entdeckt. Er verbringt den gesamten Sommer auf seiner Scholle. Au\u00dfer Hopfen baut er so ziemlich alles an.<\/p>\n<p>Wenn Wawerzinek ihn besucht, trinken sie Whisky. Als Grundlage gibt es eine dunkellila Tomate. Die wirkt noch nach, als unser Peter wieder in seiner Berliner Fu\u00dfballkneipe sitzt und Treffer im Fernsehen bejubelt, die erst Minuten sp\u00e4ter fallen sollen. Die wundersamen Kr\u00e4fte des Gem\u00fcses steigern sich noch im Laufe des Abends. Wawerzinek vermag schlie\u00dflich, ganze Spielergebnisse vorauszusagen. Von den Tomaten erz\u00e4hlt er seinen staunenden Freunden nichts. Er hat lieber ein Buch dar\u00fcber geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gut im Kirschkernweitspucken: Peter Wawerzinek \u00bbEs verschie\u00dft keiner mit Absicht einen Elfmeter\u00ab, hat er noch Jahrzehnte nach dem&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":252607,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-252606","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114819009651079934","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/252606","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=252606"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/252606\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/252607"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=252606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=252606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=252606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}