{"id":253501,"date":"2025-07-09T02:24:43","date_gmt":"2025-07-09T02:24:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/253501\/"},"modified":"2025-07-09T02:24:43","modified_gmt":"2025-07-09T02:24:43","slug":"andy-warhols-blick-auf-leonardos-verkuendigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/253501\/","title":{"rendered":"Andy Warhols Blick auf Leonardos \u201eVerk\u00fcndigung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Antonio Natali war an diesem Tag einfach zu Hause geblieben. Aus Protest. Der Direktor der Florentiner Uffizien wollte damit erreichen, dass auch eines der Kronjuwelen des ihm anvertrauten Museums sein Heim nicht verl\u00e4sst. Leonardo da Vincis \u201eVerk\u00fcndigung\u201c wurde an diesem 12. M\u00e4rz 2007 trotzdem nach Japan geflogen. Dort war sie im Rahmen der \u201ePrimavera Italiana\u201c drei Monate im Nationalmuseum von Tokyo ausgestellt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/leonardo-da-vinci-verkuendigung-c-wikicommons-CC-BY-SA-4-0.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-948414\"\/>Die Verk\u00fcndigung Mariae, L\u2019Annunciazione von Leonardo da Vinci. Foto: Wikicommons <a style=\"background-color: rgb(255, 255, 255); display: inline !important;\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">CC BY-SA 4.0<\/a><\/p>\n<p>\u201eDas ist, als w\u00fcrde man die Mona Lisa ausschicken, um f\u00fcr franz\u00f6sischen K\u00e4se zu werben\u201c, schimpfte Senator Paolo Amato, der sich am Eingang zum Museum mit einer Handvoll Mitstreitern angekettet hatte. \u201eDie Verk\u00fcndigung muss in den Uffizien bleiben!\u201c forderten die einen, \u201eRutelli, lass Florenz in Ruhe!\u201c stand auf den Transparenten der anderen. Francesco Rutelli war Kulturminister und stellvertretender Ministerpr\u00e4sident im Kabinett Romano Prodis. 2019, zum 500. Todestag Leonardos, war die Verk\u00fcndigung nicht auf der Party im Louvre, und zwar aus demselben Grund, aus dem die Mona Lisa zur Hauptattraktion der Veranstaltung wurde. Beide Gem\u00e4lde d\u00fcrfen ihr Museum nicht mehr verlassen.<\/p>\n<p><strong>Das Schweigen der Diva<\/strong><\/p>\n<p>1911 stahl der Anstreicher Vincenzo Peruggia die Mona Lisa in der Absicht, sie an die Uffizien zu verkaufen. In den zwei Jahren ihrer Abwesenheit war die Leerstelle mit mehr oder weniger prominenten Platzhaltern besetzt, durch ihr Verschwinden wurde die Mona Lisa jedoch erst so richtig bekannt. Das gilt unter ver\u00e4nderten Vorzeichen bis zum heutigen Tag. Die Diva ist f\u00fcr niemanden mehr zu sprechen!<\/p>\n<p>Obwohl kaum jemand sie wirklich zu sehen bekommt, ist die Mona Lisa die unbestritten ber\u00fchmteste Dame der Welt. 1956 wurde sie mit S\u00e4ure begossen und mit Steinen beworfen. Diese \u201ekindlichen Aggressionen\u201c versuchte Salvador Dal\u00ed unter Berufung auf Sigmund Freuds \u201eOffenbarung von Leonardos Libido und unterbewussten erotischen Fantasien \u00fcber seine eigene Mutter\u201c mit einer fiktiven Filmsequenz a la Michelangelo Antonioni zu deuten:<\/p>\n<p>\u201eEin einfacher, naiver Sohn, unbewusst in seine Mutter verliebt, verw\u00fcstet vom \u00d6dipuskomplex, besucht ein Museum, f\u00fcr ihn gleichbedeutend mit einem Laufhaus: Akte, schamlose Statuen, Rubens. Inmitten all dieser fleischlichen und libidin\u00f6sen Freiz\u00fcgigkeit ist er verbl\u00fcfft, das Portr\u00e4t seiner eigenen Mutter zu entdecken. Seine eigene Mutter, hier! Und schlimmer noch, seine Mutter l\u00e4chelt ihn zweideutig an. Angriff ist seine einzig m\u00f6gliche Reaktion auf dieses L\u00e4cheln \u2013 oder er kann das Gem\u00e4lde stehlen, um es fromm vor dem Skandal und der Schande der Entlarvung in einem \u00f6ffentlichen Haus zu verbergen.\u201c<\/p>\n<p>Dal\u00eds Beitrag \u201eWhy they attack the Mona Lisa\u201c erschien in der Zeitschrift ArtNews im M\u00e4rz 1963, unmittelbar nachdem Leonardos Gem\u00e4lde zum ersten und letzten Mal in den USA gezeigt worden war: im Januar in der National Gallery in Washington und wenige Wochen darauf im Metroplitan Museum of Art in New York. Etwa eine Million Besucher sahen sie dort, und wenn man davon ausgeht, dass auch nur jeder dritte eine gedruckte Brosch\u00fcre in die H\u00e4nde bekam, dann wurde das Bild allein f\u00fcr diesen Zweck auch ein paar hunderttausendmal abgedruckt.<\/p>\n<p>Eine dieser Reproduktionen w\u00e4hlte Andy Warhol als Vorlage f\u00fcr einen Siebdruck, der das Bildnis in f\u00fcnf Reihen zu jeweils sechs Einzelbildern anordnet. Und wenn ein zeitgen\u00f6ssischer Bericht die damalige Situation im Museum \u00e4hnlich beschreibt, wie man sie heute vom Louvre her kennt, so ist ihr Titel \u201e30 sind besser als eine\u201c ein mehr als treffender Kommentar: Schlie\u00dflich war die Mona Lisa nach ihrer Wiederauffindung 1913, sp\u00e4testens aber seit sie 1956 hinter einer Panzerglasscheibe verschwand, nicht einmal mehr in der Lage, das simple Versprechen \u201eEine ist besser als keine\u201c einzul\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Die zwei Seiten einer Ikone<\/strong><\/p>\n<p>Worauf aber gr\u00fcndet das Geheimnis der Mona Lisa, das nicht nur die Attent\u00e4ter von damals, sondern auch den Betrachter ihrer unz\u00e4hlbaren Reproduktionen bis heute verwirrt? Schon 1919 hat der Dadaist Marcel Duchamp mit einer doppelsinnigen Parodie auf die Zweideutigkeit hingewiesen, indem er eines dieser Abbilder mit einem Schnurrbart verzierte und mit der Buchstabenfolge L.H.O.O.Q. unterschrieb, deren franz\u00f6sische Aussprache \u201eElle a chaud au cul\u201c auf Deutsch \u201eSie hat einen hei\u00dfen Hintern\u201c bedeutet.<\/p>\n<p>Die zwei Seiten der Mona Lisa sind jedoch weniger von vorn und von hinten zu analysieren, als vielmehr von links und von rechts. Deckt man abwechselnd die eine und dann die andere Gesichtsh\u00e4lfte zu, wird man bemerken, dass sie zum L\u00e4cheln nur ihren linken Mundwinkel hochzieht, und man wird einer heiteren und einer ernsten Miene begegnen. Der Wasserspiegel im Hintergrund scheint sich in der linken Bildh\u00e4lfte so drastisch zu senken, dass der anscheinend logische Bruch durch die Halbfigur zwar verdeckt und gerechtfertigt ist, durch diese aber auch erst seine dynamische Wirkung entfaltet.<\/p>\n<p>Um sch\u00f6ne und gleichzeitig richtige Bilder zu generieren hatte die italienische Renaissance unterschiedliche Strategien entwickelt, unter denen die Dreieckskomposition der Mona Lisa vielleicht die gel\u00e4ufigste ist. Eine Erz\u00e4hlung im Breitformat musste man anders aufbauen: auf einem meist in der Bildmitte gelegenen Ausgangspunkt, an dem Bewegung und Gegenbewegung ineinandergreifen und sich gegenseitig vermitteln. In Leonardos Verk\u00fcndigung ist dies der Fluchtpunkt, der Ort, an dem sich die in die Tiefe des Raumes f\u00fchrenden Parallelen begegnen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/leonardo-da-vinci-verkuendigung-konstruktion-fluchtpunkt-c-zeichnung-ingruber-foto-wikicommons.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-948416\"\/>In Leonardos Verk\u00fcndigung ist der Fluchtpunkt jener Ort, an dem sich die in die Tiefe des Raumes f\u00fchrenden Parallelen begegnen. Skizze: Rudolf Ingruber, Foto: Wikicommons<\/p>\n<p>Dass es durch die exakte zentralperspektivische Konstruktion in vielen anderen Bildabschnitten zu Ungereimtheiten kommt, war vielleicht mit ein Grund, weshalb man das Gem\u00e4lde bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts Domenico Ghirlandaio zuschrieb. Mit der Autorschaft Leonardos jedoch werden Fehler und Schw\u00e4chen zur Richtschnur, an der man die Zeitgenossen, die Vorl\u00e4ufer und Nachfolger misst.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/details-of-renaissance-paintings-leonardo-da-vinci-the-annunciation-c-andy-warhol-by-alamy-stockfoto.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-948411\"\/>Andy Warhol, \u201eDetails of Renaissance Paintings\u201c, Leonardo da Vinci, The Annunciation. Foto: Alamy Stockfoto<\/p>\n<p>1984 nahm sich Andy Warhol des Problems an. Seine im Siebdruckverfahren produzierte Serie \u201eDetails of Renaissance Paintings\u201c r\u00fcckt unter anderen Ausschnitten aus mehr oder weniger ikonischen Bildern des 15. Jahrhunderts auch Leonardos Verk\u00fcndigung in den Fokus. Das Genie der Popkultur hat das alles entscheidende Detail dieses Gem\u00e4ldes gnadenlos unter der Lupe seziert und damit erst den modernen Blick auf das Gem\u00e4lde gesch\u00e4rft: Der Gru\u00df des Engels und der dem\u00fctige Verweis Marias auf die biblische Prophezeiung der Jungfrauengeburt gen\u00fcgen als K\u00fcrzel f\u00fcr die Dramatik, die dieser kaum beachtete Bildteil entfaltet.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/leonardo-verkuendigung-warhol-detail-c-wikicommons.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-948417\"\/><\/p>\n<p>Leonardo da Vinci ist l\u00e4ngst selbst zur Pop-Ikone geworden. Andy Warhols Auseinandersetzung mit dem Ph\u00e4nomen ist in der Ausstellung \u201eBlicke nach Innen. Nic\u00e4a\u201c im Museum Schloss hautnah zu erleben. Neben seiner Interpretation der \u201eVerk\u00fcndigung\u201c wird auch ein mit schwarzem Pinsel l\u00e4ssig umrissener Ausschnitt aus dem \u201eLetzten Abendmahl\u201c gezeigt. Es ist aussichtslos, Leonardo in die Renaissance zur\u00fcckversetzen zu wollen, doch kann es dort durchaus gelingen, ihn f\u00fcr ein paar privilegierte Momente von der Ausbeutung durch die Kulturindustrie freizuspielen. Andy Warhol \u00fcbrigens auch!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/ausstellung-schloss-bruck-blicke-nach-innen-juni-2025-c-wolfgang-c-retter.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-948418\"\/>Andy Warhols Auseinandersetzung mit Leonardo kann man in der Ausstellung \u201eBlicke nach Innen. Nic\u00e4a\u201c im Museum Schloss Bruck bis zum 19. Oktober 2025 hautnah erleben. Foto: Wolfgang C. Retter<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Antonio Natali war an diesem Tag einfach zu Hause geblieben. Aus Protest. 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