{"id":253607,"date":"2025-07-09T03:25:11","date_gmt":"2025-07-09T03:25:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/253607\/"},"modified":"2025-07-09T03:25:11","modified_gmt":"2025-07-09T03:25:11","slug":"mahmoud-dabdoubs-fotos-aus-den-1980ern-neu-aufgemischt-und-aufgelegt-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/253607\/","title":{"rendered":"Mahmoud Dabdoubs Fotos aus den 1980ern neu aufgemischt und aufgelegt \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Buch ist etwas Besonderes. Denn es hatte einen Vorl\u00e4ufer, der schon 2003 erschien und etwas bewirkte, was zumindest bei den seri\u00f6sen Forschern zur DDR-Geschichte seitdem Aufmerksamkeit gefunden hat. Denn man kann die DDR nicht immer nur \u00fcber ihren Machtapparat erz\u00e4hlen. Wer den Alltag der Menschen ausblendet, sieht die Wirklichkeit, in der die meisten Bewohner des Landes lebten, einfach nicht. Doch dieser Band ist keine simple Neuauflage. Mahmoud Dabdoub hat einfach seine riesige Fotosammlung neu durchforstet.<\/p>\n<p>Als der junge Pal\u00e4stinenser Anfang der 1980er Jahre nach Leipzig kam, war noch nicht absehbar, dass er in Leipzig heimisch werden w\u00fcrde. Mit der Kamera erkundete er die Stadt, in der er studierte und die ihm in vielem fremd war und trotzdem vertraut. Doch er fotografierte nicht die Pr\u00e4sentationsbauten und Sehensw\u00fcrdigkeiten, nicht die Auftritte der M\u00e4chtigen und all die schematischen Inszenierungen des real existierenden Sozialismus. Er machte es im Grunde genauso wie in seiner Heimat: Ihn interessierten die Menschen und die Art, wie sie ihren Alltag bew\u00e4ltigten.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/8fd809142d234355a758620f2b38933f.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/07\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/07\/1\"\/><\/p>\n<p>Und er kam fr\u00fch genug, um noch auf Menschen zu treffen, die keine Scheu vor der Kamera hatten. Die sich dessen, was sie taten, auch nicht sch\u00e4mten. Arbeit war nichts Anr\u00fcchiges. Auch schwere k\u00f6rperliche Arbeit nicht. Anders als heute, wo die Bildhaftigkeit der Welt so langsam verloren geht, weil falsche Inszenierungen um sich greifen \u2013 gleichzeitig mit der Angst, das Bild k\u00f6nnte missbraucht werden. Eine Angst, die es so im Leipzig zwischen 1982 uns 1987 nicht gab, als Mahmoud Dabdoub \u00fcber 1.500 Filme verknipste, um sich so das Land und die Stadt anzueignen, die ihn aufgenommen hatten.<\/p>\n<p>Die Welt hinter den Kulissen<\/p>\n<p>Entstanden ist ein Bild der Zeit, so wie man es tats\u00e4chlich empfand und erlebte. Das stellt auch Thomas Brussig in seinem einf\u00fchlsamen Vorwort fest. Normalerweise findet man dieses Gef\u00fchl nur bei den Gro\u00dfen und Ber\u00fchmten der DDR-Dokumentarfotografie. Doch auch bei ihnen ging es ja bekanntlich um das Festhalten einer Welt, die es in den offizi\u00f6sen Darstellungen der DDR-Medien nicht gab und nicht geben sollte.<\/p>\n<p>Der real existierede Sozialismus war eine inszenierte Show mit vorgegebenen Parolen, Kulissen und Phrasen. W\u00e4hrend \u201edahinter\u201c ein ganz normaler Alltag ablief, den viele Menschen \u2013 wie Brussig feststellt \u2013 einfach als langweilig und ereignislos empfanden. Ohne zu ahnen, dass auch in dieser Ereignislosigkeit ein Frieden lag, den es k\u00fcnftig so nicht mehr geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Menschen vergessen so leicht. Bewahren falsche Erinnerungen, haben \u201eErinnerungen\u201c im Kopf, die durch mediale Dauerschleifen gepr\u00e4gt sind. Und so wurden die Fotos aus Dabdoubs Archiv nicht nur f\u00fcr Brussig zu einer \u00dcberraschung und Wiederentdeckung, sondern auch f\u00fcr viele Historikerinnen und Historiker. \u201e\u201aAlltag in der DDR\u2018 traf bei seinem Erscheinen 2003 auch deshalb ins Schwarze, weil die offizi\u00f6se DDR-Aufarbeitung in den zehn Jahren zuvor mit dem Begriffsbesteck und den Ans\u00e4tzen der NS-Aufarbeitung hantierte und der Erkenntnisgewinn bescheiden blieb\u201c, schreibt Brussig.<\/p>\n<p>Bescheiden geblieben ist, muss man hinzuf\u00fcgen. Denn eine Menge weitreichenstarker Kommentatoren im Land h\u00e4lt bis heute an diesen Interpretationsmustern \u00fcber den Osten fest. Blind f\u00fcr das lebendige Menschsein, dem die Ostdeutschen auch 1989 Ausdruck gaben. Sie wollten mit ihrem ganzen Leben und all ihren Erfahrungen Teil eines ganzen Deutschland sein, respektiert und wahrgenommen. Dumm nur, dass das einen Gro\u00dfteil westdeutscher Medien bis heute nie wirklich interessiert hat.<\/p>\n<p>Das Leben mit der Kamera entdecken<\/p>\n<p>Die Bilder, die Mahmoud Dabdoub zwischen 1982 und 1987 aufgenommen hat, k\u00f6nnten helfen, diese Vorurteile aufzubrechen. Auch nach weiteren 22 Jahren, mit einem stillen \u201eVielleicht\u201c, auch wenn Dabdoubs Fotoband von 2003 l\u00e4ngst zum Klassiker geworden ist. Er erlebte drei Auflagen und ist l\u00e4ngst vergriffen.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Band mit dem gleichen Titel hat Dabdoub wieder sein riesiges Archiv durchforstet und eine neue Auswahl erstellt. Er h\u00e4tte auch einen v\u00f6llig neuen Fotoband zusammenstellen k\u00f6nnen, so viel Material hat er damals gesammelt, indem er einfach mit seiner Kamera loszog und das Leben im Osten \u2013 vorrangig in Leipzig und Berlin \u2013 in den Sucher nahm.<\/p>\n<p>Man kommt an diesen Bildern nicht vorbei, stellt Brussig fest. Eben weil man immer wieder Szenen begegnet, die einem zutiefst vertraut sind, wenn man damals wie Dabdoub durch die Stra\u00dfen lief. Oder Kinder beim Spielen auf Hinterh\u00f6fen sah, auf denen die blechernen M\u00fclltonnen standen, die Wartenden auf dem Hauptbahnhof, die Szenen in den Tatra-Stra\u00dfenbahnen. Ganz gew\u00f6hnlicher Alltag, sagt einem die Erinnerung. L\u00e4ngst vergangen und dennoch pr\u00e4sent. Die Schneeber\u00e4umer in der Grimmaischen Stra\u00dfe mit ihren pferdegezogenen Wagen. Man stutzt \u00fcber die Pferde. Und inzwischen stutzt man auch \u00fcber den Schnee.<\/p>\n<p>Und wer nur das heutige, durchsanierte Leipzig kennt, bekommt eine G\u00e4nsehaut beim Anblick der Tr\u00fcmmerlandschaften im Leipziger Osten, in denen die Menschen wie selbstverst\u00e4ndlich unterwegs sind, als w\u00e4re eine derart heruntergewirtschaftete Stadt ganz normal.<\/p>\n<p>Mit stilvoll gekleideten \u00e4lteren Damen vor zusammengest\u00fcrzten H\u00e4usern, s\u00e4ckeschleppenden M\u00e4nnern und immer wieder Menschen mit Handwagen, sodass Dabdoub die Handwagenserie durchnummerieren muss, sonst glaubt man nicht, wie normal das war, dass die Leipziger ihr Gep\u00e4ck derart auf klappernden Wagen durch die Stadt zogen.<\/p>\n<p>Die Abenteuer des Alltags<\/p>\n<p>Es ist eine Welt, in der alles provisorisch zu sein scheint. Was es ja auch war. Oft funktionierte der Alltag nur noch, weil sich die Menschen Hilfsmittel zusammenbastelten, um ihn zu bew\u00e4ltigen, flickten, reparierten, am Laufen hielten, solange das Material irgendwie hielt. Auch das geh\u00f6rte zur DDR: ihr sichtbar gewordener Verschlei\u00df, der 1990 auf einmal in einer riesigen Sperrm\u00fcllaktion endete. Was eben noch teuer und unersetzlich schien, landete nun in riesigen Bergen am Stra\u00dfenrand. Auch das hat Mahmoud Dabdoub fotografiert.<\/p>\n<p>Nur eins hat er vermieden: Die Leipziger Montagsdemonstrationen zu fotografieren. Aus Angst. Eine Angst, die er mit vielen DDR-B\u00fcrgern teilte. Auch wenn die Staatsmacht und ihre Inszenierungen in seinen Bildern praktisch nur am Rande auftauchen. Warum auch? Sie war nicht das Leben. Bestenfalls seine Begrenzung, die Mauer drumherum.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das ganz normale Dasein seinen Lauf nahm \u2013 mit langen Warteschlangen am Gem\u00fcsestand, m\u00fcden Eltern auf der Bank, die sich mit dem endlich schlafenden Baby eine Pause g\u00f6nnen, Neugierigen vorm Zeitungsaushang des \u201eTageblatts\u201c, Blumenverk\u00e4ufern, Mensa-Mitarbeiterinnen und immer wieder spielenden Kindern, f\u00fcr die die Stra\u00dfe zum Abenteuerspielplatz wurde.<\/p>\n<p>Denn es kommt nicht auf bunte Farben an, ob eine Welt voller Abenteuer ist. F\u00fcr Kinder schon einmal gar nicht, die in Dabdoubs Fotos immer wieder im Mittelpunkt stehen, in gewisser Weise freier als Kinder heute, weil ihnen die Sta\u00dfen und Pl\u00e4tze geh\u00f6rten und zum Spielplatz wurden. Und auch die Jugendlichen, die sich in der Moritzbastei oder in der Stra\u00dfenbahn k\u00fcssten, hielt Dabdoub im Bild fest. Wo sieht man das heute noch?<\/p>\n<p>Es ist, als w\u00e4re eine stille L\u00e4ssigkeit verloren gegangen, ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, dass man auch vor den Augen der Welt menschliche Regungen zeigen durfte. Und dass das nicht peinlich und auch nicht verboten ist.<\/p>\n<p>Wahrgenommen werden<\/p>\n<p>Die Blicke ins Objektiv des Fotografen sind eher nachdenklich, forschend, oft einfach stolz. Man sch\u00e4mt sich des Wahrgenommenwerdens nicht. Im Gegenteil. Was bei Mahmoud Dabdoub sowieso ganz normal war. Denn mit seiner freundlichen Aufgeschlossenheit f\u00fcr die Menschen, denen er begegnete, \u00f6ffnete er auch den Raum f\u00fcr das Gesehen- und Wahrgenommenwerden. Als h\u00e4tten die Fotografierten noch eine Erdverhaftung, die wir gar nicht mehr kennen. Die Arbeit konnte m\u00fchsam und dreckig sein, die Arbeitsmittel konnten klapprig und primitiv sein \u2013 aber das war eben so. Man lebte sein Leben und machte das Beste draus.<\/p>\n<p>Und man hatte Zeit. Denn die kleinen, tragbaren Zeit- und Aufmerksamkeitsfresser waren noch nicht erfunden. Das ergab ganz andere R\u00e4ume f\u00fcr die Kontaktaufnahme, in der ein freundlicher Mann mit Kamera einfach um einen Moment des Stillhaltens bitten konnte. Ihn interessierten alle diese Menschen und das, was sie taten.<\/p>\n<p>So wurde er heimisch und kann uns heute eine DDR zeigen, wie sie abseits der Propagandabilder tats\u00e4chlich war. Erstaunlich vielgestaltig. Und manchmal \u00fcberraschend, wenn etwa eine Schafherde durch die Hildebrandstra\u00dfe in Connewitz trottet oder ganze Reihen mit Kinderwagen vor dem Konsument stehen. Oder V\u00e4ter mit ihren Kinderwagen beim Warten ins Gespr\u00e4ch zu kommen scheinen.<\/p>\n<p>Bilder wie von der Zeit weggewischt. Und dennoch vertraut. Und Brussig wundert sich zu recht, dass Dabdoubs Bilder so lange brauchten, bis sie \u00fcberhaupt wahrgenommen wurden. Vielleicht auch, weil sie eben bis 2003 auch eine andere Geschichte zu erz\u00e4hlen schienen als heute. Weil auch die Bewohner dieses renovierten Ostens gemerkt haben, dass ihr Leben \u201edavor\u201c ganz und gar nicht vergessenswert ist.<\/p>\n<p>Sondern erstaunlich und besonders. Des Fotografiertwerdens wert. Und so ist es ein Gl\u00fccksfall, dass einer wie Mahmoud Dabdoub damals immer mit Kamera unterwegs war. Als h\u00e4tte er geahnt, wie wichtig es einmal sein w\u00fcrde, dass man sich genau an diese Welt erinnert. Und sie nicht einfach im Vergessen entsorgt.<\/p>\n<p><strong>Mahmoud Dabdoub <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783954151523@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eAlltag in der DDR\u201c<\/a><\/strong> Passage-Verlag, Leipzig 2024, 24,50 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dieses Buch ist etwas Besonderes. 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