{"id":254648,"date":"2025-07-09T12:50:13","date_gmt":"2025-07-09T12:50:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/254648\/"},"modified":"2025-07-09T12:50:13","modified_gmt":"2025-07-09T12:50:13","slug":"der-gedenkstein-in-der-parthenstrasse-und-eine-deportationsgeschichte-der-leipziger-juden-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/254648\/","title":{"rendered":"Der Gedenkstein in der Parthenstra\u00dfe und eine Deportationsgeschichte der Leipziger Juden \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Der Leipziger Stadtverwaltung liegt eine Petition vor, die einen \u201eErhalt und Gestaltung des Kanals an der Pfaffendorfer Stra\u00dfe als Holocaust-Gedenkst\u00e4tte\u201c einfordert. Begr\u00fcndet wird das Ansinnen mit historischen Geschehnissen der nationalsozialistischen Judenverfolgung: \u201eIm Kanal der Parthe an der Pfaffendorfer Br\u00fccke wurden am 9. November 1938 und in den Tagen danach (Novemberpogrome) hunderte j\u00fcdische B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger Leipzigs vor ihrer Deportation zusammengetrieben.\u201c<\/p>\n<p>In der historischen Begr\u00fcndung <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/politik\/leipzig\/2025\/06\/der-stadtrat-tagte-erinnerungsort-deportation-leipziger-juden-628283\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der Petition<\/a> ist eine Bezugnahme auf zwei Publikationen erkennbar. 1993, im Buch \u201eJ\u00fcdische Spuren in Leipzig\u201c, schreibt Bernd-Lutz Lange von der \u00f6ffentlichen Dem\u00fctigung j\u00fcdischer B\u00fcrger im Parthekanal und ihrer anschlie\u00dfenden Verschleppung in Konzentrationslager. 1998 erschien der Band \u201eLeipziger Denkmale\u201c.<\/p>\n<p>Hier wurde eine Konkretisierung eingef\u00fcgt: \u201eDie Nazis trieben einige hundert j\u00fcdische B\u00fcrger am Partheufer an der Br\u00fccke vor dem Zoo zusammen und stelltesie den Leipzigern \u201azur Schau\u2018 . Am Abend trieb man sie zum Hauptbahnhof, pferchte sie in Viehwagen und verschleppte sie in das KZ Buchenwald.\u201c<\/p>\n<p>Eine andere Sicht auf das Ereignis gibt die 2013 ver\u00f6ffentlichte Dokumentation \u201eOrte, die man kennen sollte. Spuren der nationalsozialistischen Vergangenheit in Leipzig\u201c wieder: \u201eEine unmittelbar darauffolgende Deportation, wie sie die Inschrift [auf dem Gedenkstein] anzeigt, ist in diesem Zusammenhang nicht belegt.\u201c<\/p>\n<p>Wie der Gedenkstein an der Parthe entstand<\/p>\n<p>Im Vorfeld des 50. Jahrestags des Novemberpogroms von 1938 wurde in Leipzig die lokale Forschung zur Verfolgung der Juden neu ausgerichtet. Dabei zeichneten sich erste Hinweise ab, dass im Bereich Parthenstra\u00dfe\/Uferstra\u00dfe zwischen Pfaffendorfer Stra\u00dfe und Nordstra\u00dfe J\u00fcdinnen und Juden in die gemauerte Uferbegrenzung der kanalisierten Parthe getrieben und misshandelt wurden.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wurde diese Gewaltaktion mit der sogenannten Polenaktion am 28. Oktober 1938 in einen Zusammenhang gestellt. An diesem Tag wurden in Leipzig etwa 1.600 J\u00fcdinnen und Juden polnischer Staatsangeh\u00f6rigkeit aus ihren Wohnungen geholt, zum Hauptbahnhof gebracht und mit Z\u00fcgen der Deutschen Reichsbahn an die deutsch-polnische Grenze verschleppt und in polnisches Grenzgebiet getrieben.<\/p>\n<p>Mit dieser neuen Kenntnis ergriffen Anfang 1987 evangelische Kirchgemeinden Leipzigs zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum die Initiative, um einen Gedenkstein in der Parthenstra\u00dfe zu errichten. Noch in der Planungszeit wurde aus Erz\u00e4hlungen von Zeitzeugen deutlich, dass die Gewaltaktion nicht am 28. Oktober, sondern am 10. November 1938 geschehen und Teil der Ausschreitungen des Novemberpogroms an diesem Tag in Leipzig war.<\/p>\n<p>In die Erz\u00e4hlung \u00fcber den zuk\u00fcnftigen Gedenkort floss mit ein, dass die im Kanalbett zusammengetriebenen Menschen zum Hauptbahnhof gebracht und in Konzentrationslager deportiert worden seien.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/parhe2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-628992 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/parhe2.jpg\" alt=\"Gedenkstein am Partheufer. Foto: Ralf Julke\" width=\"2250\" height=\"1500\"  \/><\/a>Der Gedenkstein am Partheufer. Foto: Ralf Julke<\/p>\n<p>Am 16. November 1988 wurde der aus schwarzem Granit gefertigte Gedenkstein, finanziert vom \u00d6kumenischen Arbeitskreis der Stadt Leipzig, nahe der Parthebr\u00fccke in der Pfaffendorfer Stra\u00dfe eingeweiht. Auf der linken Steinseite informiert eine Inschrift:<\/p>\n<p>\u201eHier in diesem Graben \/ wurden im Jahre 1938 \/ j\u00fcdische B\u00fcrger \/ vor ihrer Deportation \/ zusammengetrieben.\u201c<\/p>\n<p>Vom Parthe-Schauplatz wurden keine Juden in Konzentrationslager verschleppt<\/p>\n<p>Der Novemberpogrom begann in Leipzig am 10. November 1938 gegen 3 Uhr mit Brandstiftungen im Konfektionshaus Bamberger &amp; Hertz in der Grimmaischen Stra\u00dfe\/Ecke Goethestra\u00dfe und in der Gemeindesynagoge in der Gottschedstra\u00dfe. Angetrieben vom Hass gegen Juden und den Befehlen der Vorgesetzten agierten die T\u00e4ter. Es handelte sich um Mitglieder der NSDAP, der SA und des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps, die zum Teil in st\u00e4dtischen Eigenbetrieben besch\u00e4ftigt waren.<\/p>\n<p>Auch das Geschehen an der Parthe wurde von diesen T\u00e4tergruppen bestimmt. Die Pogromt\u00e4ter drangen in der Nordvorstadt, im Bereich L\u00f6hrstra\u00dfe (damals Walter-Bl\u00fcmel-Stra\u00dfe), Nord-, Humboldt-, Keil-, Ufer- und Pfaffendorfer Stra\u00dfe in die Wohnungen j\u00fcdischer Mieter ein, bedrohten die Personen und demolierten Gegenst\u00e4nde. Frauen, M\u00e4nner und Kinder wurden aus den Wohnungen in die Stra\u00dfen gedr\u00e4ngt und in Gruppen zur Parthe eskortiert und hinab in den Uferbereich gesto\u00dfen. Dieses Vorgehen dehnte sich auf die Westvorstadt im Bereich Ranst\u00e4dter Steinweg und Naund\u00f6rfchen aus.<\/p>\n<p>Ein Protest des polnischen Generalkonsuls Feliks Chiczewski \u00e4nderte die Situation an der Parthenstra\u00dfe. Mitarbeiter des Polnischen Generalkonsulats begaben sich zum Ereignisort und forderten die anwesenden Polizisten auf, daf\u00fcr zur sorgen, dass die Schikanen gegen J\u00fcdinnen und Juden polnischer Staatsangeh\u00f6rigkeit aufh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich konnten diese Juden in den Vormittagsstunden in ihre Wohnungen zur\u00fcckkehren und schlie\u00dflich endete die Gewaltaktion. Alle Juden konnten den Ort verlassen, niemand wurde unmittelbar inhaftiert.<\/p>\n<p>Als der Pogrom in Leipzig begann, waren Polizei und Gestapo noch nicht beteiligt. Das direkte Eingreifen erfolgte mit einer Verhaftungsaktion, die gegen 7 Uhr am 10. November 1938 einsetzte, und die bis zum 16. November 1938 andauerte. Etwa 550 Juden deutscher Staatsangeh\u00f6rigkeit wurden verhaftet, im Polizeipr\u00e4sidium registriert und anschlie\u00dfend in den Untersuchungsgef\u00e4ngnissen I und II sowie im st\u00e4dtischen Obdachlosenhaus inhaftiert.<\/p>\n<p>Am 11. und 12. November 1938 wurden etwa 250 der inhaftierten Juden in vom Hauptbahnhof abfahrenden Z\u00fcgen in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert. Am 14. November 1938 folgte noch ein Transport in das Konzentrationslager Sachsenhausen.<\/p>\n<p>Ein Ort f\u00fcr eine lokale Holocaust-Gedenkst\u00e4tte<\/p>\n<p>Die Petition belebt die erkaltete Debatte zur Schaffung einer Holocaust-Gedenkst\u00e4tte in Leipzig, an einem authentischen Ort, wieder. Allerdings wird mit historischen Voraussetzungen argumentiert, die zum einen nicht aufgetreten sind, und die zum anderen in einem anderen historischen Kontext stehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die j\u00fcdische Verfolgungsgeschichte in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus wird der Novemberpogrom von 1938 als Anfang vom Ende j\u00fcdischen Lebens und Vorzeichen des Holocaust geschichtlich eingeordnet. 1941 erkl\u00e4rten die Nationalsozialisten ein Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts, die Ermordung der Juden in Europa, zu einem Hauptziel ihres Handelns. Im Herbst 1941 begannen die Vernichtungsdeportationen.<\/p>\n<p>Im Januar 1942 organisierte die Gestapo in Leipzig die erste Deportation der Juden aus der Stadt. Am 19. Januar 1942 wurden 559 J\u00fcdinnen und Juden in der 32. Volksschule in der Yorkstra\u00dfe 2\/4 (heute Erich-Weinert-Stra\u00dfe) einquartiert und zwei Tage sp\u00e4ter zum westlichen G\u00fcterbahnhof des Hauptbahnhofs gebracht und nach Riga deportiert. Von diesem G\u00fcterbahnhof fuhren 1942 noch zwei Deportationsz\u00fcge ab.<\/p>\n<p>Weitere bekannte Abfahrtsorte waren der G\u00fcter- und Rangierbahnhof Engelsdorf und der \u00f6stliche G\u00fcterbahnhof, der sogenannte Dresdner Verladebahnhof, am Hauptbahnhof. Bei kleineren Transporten oder sogenannten Einzeltransporten fuhren die Z\u00fcge mit Gefangenenwagen auch von den Gleisen des Hauptbahnhofs ab.<\/p>\n<p>Beim Luftangriff am 4. Dezember 1943 wurde die 32. Volksschule zerst\u00f6rt. Danach \u00fcbernahm die St\u00e4dtische Arbeitsanstalt in der Riebeckstra\u00dfe 63 mit einem dort eingerichteten Polizei-Ersatzgef\u00e4ngnis bei Deportationen die Funktion einer Sammelstelle. Beim letzten Transport am 14. Februar 1945 wurden die Menschen f\u00fcr einen Tag und eine Nacht in der 27. Volksschule in der Zillerstra\u00dfe 9 einquartiert.<\/p>\n<p>Anregungen zur Schaffung einer Holocaust-Gedenkst\u00e4tte sollten diese historisch gesicherten Bezugspunkte ber\u00fccksichtigen. Der Gedenkort an der Parthenstra\u00dfe geh\u00f6rte nicht zu den Schaupl\u00e4tzen der Deportationen.<br \/>Aber das authentische Gel\u00e4nde in der Riebeckstra\u00dfe 63 mit Geb\u00e4uden der ehemaligen St\u00e4dtischen Arbeitsanstalt kommt als ein solcher Erinnerungsort in hohem Ma\u00dfe in Betracht. Mit einem komplexen Ansatz kann an die Zeit des Nationalsozialismus, die Deportationsgeschichte der Juden und vergleichend an die NS-Verbrechen erinnert werden.<\/p>\n<p>Auch die Gestaltung eines lebendigen Erinnerungsortes in der Riebeckstra\u00dfe 63 hat begonnen. Ein gleichnamiger Initiativkreis setzt sich f\u00fcr die Einrichtung eines Gedenk-, Lern- und Begegnungsortes ein.<\/p>\n<p><strong>Autor<\/strong>: Steffen Held (geb. 1964) ist Historiker und hat unter anderem an zahlreichen Projekten zur j\u00fcdischen Geschichte Leipzigs mitgewirkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Leipziger Stadtverwaltung liegt eine Petition vor, die einen \u201eErhalt und Gestaltung des Kanals an der Pfaffendorfer Stra\u00dfe&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":254649,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,2416,30,26445,71,72830,3503,859,11028],"class_list":{"0":"post-254648","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-gedenkstaette","11":"tag-germany","12":"tag-juedische-geschichte","13":"tag-leipzig","14":"tag-parthe","15":"tag-petition","16":"tag-sachsen","17":"tag-stadtgeschichte"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114823366265557401","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/254648","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=254648"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/254648\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/254649"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=254648"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=254648"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=254648"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}