{"id":254896,"date":"2025-07-09T15:04:10","date_gmt":"2025-07-09T15:04:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/254896\/"},"modified":"2025-07-09T15:04:10","modified_gmt":"2025-07-09T15:04:10","slug":"die-menschen-verstehen-nicht-was-es-bedeutet-von-russland-besetzt-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/254896\/","title":{"rendered":"\u201eDie Menschen verstehen nicht, was es bedeutet, von Russland besetzt zu sein\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 articleParagraph paragraph_dropcap__P25Rr\">Unmittelbar nach dem russischen Gro\u00dfangriff stellte die Ukraine einen Antrag auf Mitgliedschaft in der EU. \u00dcblicherweise folgt darauf ein z\u00e4her, langwieriger Prozess, doch bereits im Dezember 2023 einigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU, Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine aufzunehmen. Der Weg Kiews in die Strukturen der EU ist jedoch trotz der rekordverd\u00e4chtig schnellen Verhandlungen ein beschwerlicher. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 articleParagraph\">So gibt es viele Baustellen bei der Reform des Justizwesens, der Begrenzung des Einflusses von Oligarchen oder der Bek\u00e4mpfung der Geldw\u00e4sche. Welche H\u00fcrden weiterhin vor der Ukraine liegen, dar\u00fcber sprach das \u201eLuxemburger Wort\u201c mit drei ukrainischen Rechtsexpertinnen. Tetyana Komarova, Olesia Tragniuk und Oksana Senatorova von der Universit\u00e4t Charkiw waren Referentinnen bei einer Konferenz \u00fcber die Zukunft der Ukraine, zu der die Universit\u00e4t Luxemburg eingeladen hatte. <\/p>\n<p class=\"interview_interviewElement__apzjb interview_interviewQuestion__PkTTY\"><strong>Sie lehren an der Universit\u00e4t Charkiw, die sich nur knapp 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt befindet. Wie funktioniert eigentlich akademischer Alltag unter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen in der Ukraine?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Tetyana Komarova: Ich kann mich gut an die ersten Tage der gro\u00dfangelegten russischen Invasion erinnern. Damals verbrachten wir viel Zeit in Schutzr\u00e4umen. Was uns geholfen hat, war die Arbeit. Eine Freundin befand sich im Examen, ich musste Antr\u00e4ge stellen. Nach nur einem Monat wurden die Vorlesungen und Seminare wieder aufgenommen, in der Regel via Zoom. Nur 15 Prozent der Studenten sind in Charkiw, der Rest \u00fcber die ganze Ukraine und auch Europa verteilt.<\/p>\n<p>Auf Einladung des Luxemburger Juraprofessors Stefan Braum nahmen die ukrainischen Wissenschaftlerinnen Tetyana Komarova (rechts), Olesia Tragniuk (links) und Oksana Senatorova an einer Konferenz \u00fcber die Zukunft der Ukraine in Luxemburg teil.\u00a0Foto: Michael Merten<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wort.lu\/international\/wie-es-familien-in-irpin-und-butscha-wirklich-geht\/9042071.html\" class=\"RelatedTeaser_related-teaser__hHh4Y RelatedTeaser_related-teaser--image__WF45l read-more_withImage__1YJa_\" data-article-id=\"9042071\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>Lesen Sie auch:Wie es Familien in Irpin und Butscha wirklich geht<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p class=\"interview_interviewElement__apzjb interview_interviewQuestion__PkTTY\"><strong>Bereits Tage nach der Invasion, am 28. Februar 2022, bewarb sich die Ukraine offiziell als EU-Mitglied. Welche Schwierigkeiten gibt es auf diesem Weg hin zur EU?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Tetyana Komarova: Die EU-Kommission hat uns w\u00e4hrend dieses Prozesses sehr konkrete Richtlinien, Fragen und Aufgaben gegeben, auf die wir Antworten vorbereiten m\u00fcssen. Wir machen das in einer sehr kurzen Zeitspanne, und das ist das Schwierigste, weil wir viele unerwartete Umst\u00e4nde haben. Wenn es etwa um die Reform des Justizwesens geht, muss man bedenken, dass viele Gerichtsgeb\u00e4ude zerst\u00f6rt sind, dass Richter vertrieben wurden, aber wir m\u00fcssen nachweisen, dass die Justiz effektiv arbeitet. Unsere Beamten sollen ihre Aufgaben erledigen, aber w\u00e4hrend des Arbeitstages kann es mehrere Stunden lang Alarme oder Angriffe geben. Die gesetzten Fristen bewegen sich aber \u00fcberhaupt nicht. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wort.lu\/meinung\/gastbeitraege\/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-das-leben-geht-weiter\/2565304.html\" class=\"RelatedTeaser_related-teaser__hHh4Y RelatedTeaser_related-teaser--image__WF45l read-more_withImage__1YJa_\" data-article-id=\"2565304\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>Lesen Sie auch:Stell dir vor es ist Krieg und das Leben geht weiter<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Olesia Tragniuk: Man muss verstehen, dass die Ukraine schon vor der Verleihung des Kandidatenstatus eine Menge getan hatte, weil es bereits 2017 das Assoziierungsabkommen mit der EU gab. Es war eine der Anforderungen dieses Abkommens, unsere Gesetzgebung in \u00dcbereinstimmung mit der EU-Gesetzgebung zu bringen. Die Arbeit wurde also schon vorher gemacht, aber die gro\u00df angelegte Invasion beschleunigt diesen Prozess. F\u00fcr die EU ist es sehr kompliziert, einem Staat, der sich im Krieg befindet, den Status eines Kandidaten zu gew\u00e4hren. Aber ich denke, dass dies der nat\u00fcrliche Weg der Ukraine ist.<\/p>\n<p class=\"interview_interviewElement__apzjb interview_interviewQuestion__PkTTY\"><strong>Die Ukraine muss viele Reformen durchf\u00fchren. Gibt es denn Bereiche, wo sich bei den Beitrittsverhandlungen zeigt, dass die Ukraine der EU \u00fcberlegen ist?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Olesia Tragniuk: Da ist zum Beispiel der Bereich der \u00f6ffentlichen Rekrutierung. Das ist bei uns sehr offen und effektiv, die Gesetzgebung ist viel weiter als in den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern und wir haben ein sehr sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr, dass etwas gut funktioniert und sich die EU-Vertreter das anschauen. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Tetyana Komarova: Die Balkanstaaten sind nicht sehr gl\u00fccklich dar\u00fcber, dass die Ukraine als Kandidat an Bord ist, weil sie sagen: Ihr solltet euch hinten anstellen, ihr seid die letzten, die sich beworben haben. Aber die Statistiken zeigen, dass wir erfolgreicher sind als sie. <\/p>\n<p class=\"interview_interviewElement__apzjb interview_interviewQuestion__PkTTY\"><strong>Aber wenn man sich zum Beispiel das mazedonische Beispiel anschaut: Sie haben eine Menge getan. Sie haben sogar den Namen in Nordmazedonien ge\u00e4ndert. Doch dann wurde der Beitritt gebremst, es gab eine Menge Frustration, die Regierung ist zusammengebrochen. Ist das nicht auch ein Risiko f\u00fcr die Ukraine?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Tetyana Komarova: Nat\u00fcrlich ist es ein Risiko, weil die Beitrittsverhandlungen kein juristischer Prozess sind. Es ist ein politischer Prozess. Und wir m\u00fcssen auf alle Hindernisse vorbereitet sein, ja. Aber wie auch immer, das Hauptziel ist vielleicht nicht einmal die Mitgliedschaft, das Hauptziel ist der Prozess, demokratischer zu werden, der Kampf gegen die Korruption. Wir machen Fortschritte in diesem Prozess. F\u00fcr uns ist jede Beziehung zur Europ\u00e4ischen Union ein Ausdruck unserer Entwicklung.<\/p>\n<p>Zur Person<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 articleParagraph\">Tetyana Komarova ist Professorin an der Nationalen Juristischen Universit\u00e4t Jaroslaw Mudryi in Charkiw und leitet die dortige Abteilung f\u00fcr das Recht der Europ\u00e4ischen Union. Olesia Tragniuk ist au\u00dferordentliche Professorin am Charkiwer Lehrstuhl f\u00fcr das Recht der Europ\u00e4ischen Union, Oksana Senatorova au\u00dferordentliche Professorin am dortigen Lehrstuhl f\u00fcr Internationales Recht.<\/p>\n<p class=\"interview_interviewElement__apzjb interview_interviewQuestion__PkTTY\"><strong>Welchen Herausforderungen ist Ihre Gesellschaft durch die Kriegssituation ausgesetzt?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Tetyana Komarova: Wir haben \u00fcberhaupt keine M\u00f6glichkeit, unsere Zukunft zu planen. Ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, ob ich morgen in der Lage sein werde, meine Aufgaben zu erf\u00fcllen. Ich versuche zu \u00fcberleben, denn jeden Tag, wenn ich in Kiew oder Charkiw bin, werden mehrere Menschen durch Raketen get\u00f6tet. Wir versuchen also zu planen, aber wir m\u00fcssen flexibel sein. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Oksana Senatorova: Man darf nicht vergessen, der bewaffnete Konflikt startete schon im Februar 2014, als sogenannte gr\u00fcne M\u00e4nnchen auf der Krim einmarschiert sind. Die zweite Phase war die Besetzung des Donbass und der Region Lugansk. Und die dritte Phase ist eigentlich die Invasion im gro\u00dfen Stil seit 2022. Seitdem ist die Zahl der Kriegsverbrechen betr\u00e4chtlich gestiegen, wir finden auch Beispiele f\u00fcr Verbrechen gegen die Menschlichkeit.<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Olesia Tragniuk: Ein weiteres, sehr kompliziertes Problem, mit dem die Gesellschaft jetzt konfrontiert ist, ist, dass viele Leute, die sich der Zukunft nicht bewusst sind, wollen, dass die Regierung den Krieg auf irgendeine Weise beendet. <\/p>\n<p class=\"interview_interviewElement__apzjb interview_interviewQuestion__PkTTY\"><strong>Man spricht von einem eingefrorenen Konflikt&#8230;<\/strong><\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Olesia Tragniuk: Ja, ein eingefrorener Konflikt. Viele Menschen sind m\u00fcde durch diesen Krieg, denn es ist nicht nur die Bedrohung unseres Lebens. Es sind auch die wirtschaftlichen Probleme. Wir haben die Arbeit verloren. Wir haben die H\u00e4user verloren. Wir haben eine Menge verloren. Und deshalb beschweren sich viele Menschen, warum die Regierung nichts tut, um das zu verhindern. Aber wir sind jetzt unter keinen Umst\u00e4nden in einer g\u00fcnstigen Situation, weil die Russen jetzt einen Vorteil an der Front haben. Jeden Tag verlieren wir f\u00fcnf bis zehn Kilometer des ukrainischen Territoriums. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Oksana Senatorova: Ich erinnere mich an ein Gespr\u00e4ch mit einem italienischen Professor, der mich 2022 fragte: Spielt es eine Rolle, wer das Territorium kontrolliert? Ich w\u00fcrde aufgeben. Die Menschen in Europa verstehen m\u00f6glicherweise nicht, was es bedeutet, von der Russischen F\u00f6deration besetzt zu sein. Wir alle drei sind tats\u00e4chlich am Beginn der Invasion aus Charkiw geflohen. Nicht, weil wir Angst vor Beschuss oder Bombardierung hatten; unter diesen Umst\u00e4nden leben wir auch jetzt in der Ukraine. Aber wir hatten Angst davor, in besetzten Gebieten zu leben, weil wir bereits gesehen hatten, was russische Truppen w\u00e4hrend des ersten und zweiten Tschetschenienkrieges getan haben. Butscha, Borodyanka, Mariupol sind Beispiele.<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__l8IyX Paragraph_default-lg-default__ml_77 interview_interviewElement__apzjb\">Oksana Senatorova: Meine Mutter lebt immer noch in Mariupol unter Besatzung. Ich m\u00f6chte nicht, dass die Ukraine aufh\u00f6rt, f\u00fcr die Befreiung dieser Gebiete zu k\u00e4mpfen. Denn die Menschen dort m\u00fcssen k\u00e4mpfen. Was meinen Sie, wer den ukrainischen Streitkr\u00e4ften hilft, Milit\u00e4rbasen auf der Krim oder diese Br\u00fccke anzugreifen? Die Ukrainer, die dort geblieben sind! Und das ist der Grund, warum wir weiter k\u00e4mpfen: Weil wir die Ukrainer frei machen wollen, weil die Freiheit das Wertvollste f\u00fcr die Ukrainer ist. Es geht darum, die Menschen so leben zu lassen, wie sie es wollen. Wir sind stark. Wir werden das \u00fcberwinden. Ich glaube daran. Ich glaube an das ukrainische Volk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Unmittelbar nach dem russischen Gro\u00dfangriff stellte die Ukraine einen Antrag auf Mitgliedschaft in der EU. \u00dcblicherweise folgt darauf&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":254897,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,13,14,15,4043,4044,850,307,12],"class_list":{"0":"post-254896","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-russia","14":"tag-russian-federation","15":"tag-russische-foederation","16":"tag-russland","17":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114823893368373410","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/254896","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=254896"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/254896\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/254897"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=254896"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=254896"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=254896"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}